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Meinung
Kommentar: Demokratie braucht Meinungsfreiheit
Kommentar: Gewalt gegen Arme
 02/2005
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Kommentar
Gewalt gegen Arme
Es waren die Gebiete mit schlechter Infrastruktur, die von den Tsunamis am schlimmsten verwüstet wurden. Ein High-Tech-Warnsystem mag wünschenswert sein, es ist aber längst nicht ausgemacht, dass ein solches System den armen ländlichen Gemeinden geholfen hätte. Unser Autor aus Indien zieht Schlussfolgerungen für sein Land, doch die Lektionen gelten auch für andere Regierungen.
[ Von P. Sainath ]
Die Schuldzuweisungen, die schon in den ersten Stunden nach dem Unglück einsetzten, sind erstaunlich. Kaum jemand ist wohl in der Lage zu sagen, was er in den 90 Minuten vom Beben vor Sumatra bis zur Ankunft der Flutwellen getan hätte, wäre er rechtzeitig gewarnt worden. Warnmeldungen ohne eingeübte Notfall-Strategien hätten wenig bewirkt. Die Frage ist nicht, ob Indien zahlendes Mitglied eines Tsunami-Warnsystems hätte sein sollen. Bis zum 26. Dezember wären alle Experten der Ansicht gewesen, dass Indien sich die Kosten dafür getrost sparen könne. Die Frage ist vielmehr, ob Indiens Regierungen jemals bereit sein werden, die moderaten Beträge auszugeben, um in den Küstenregionen die Millionen armer Inder zu schützen, die auf das Meer angewiesen sind. Die Frage ist auch, ob wir eigentlich eine derartige Katastrophe brauchen, um über unsere Prioritäten nachzudenken.
Die Überraschung bei vielen aus Delhi Angereisten angesichts der schlechten medizinischen Einrichtungen in diesen Regionen ist fehl am Platz. Wir haben den größten Teil der vergangenen zwölf Jahre damit verbracht, das öffentliche Gesundheitssystem auszuplündern, Krankenhäuser zu privatisieren und in staatlichen Kliniken Gebühren von Menschen zu verlangen, die sie nicht bezahlen können. So zerschlägt man ein bereits unzureichendes System endgültig. Und jetzt, angesichts der Gefahr tödlicher Seuchen, haben wir wenig, um sie zu bekämpfen. Es ist merkwürdig, dass wir Regierungen solche Gewalt gegen Arme durchgehen lassen und ihnen gleichzeitig Mitschuld an einer nicht vorhersehbaren, beispiellosen Naturkatastophe geben.
Im Rahmen von Entwicklung indischer Art wurden hunderte Fischerdörfer in immer engere Siedlungen gepresst. Viele Fischer sind in unsichere Gebiete gezogen, vertrieben von neuen Ferienanlagen und Fernstraßen. Mangrovenwälder, die in Maßen immer auch als Bremse gegen Flutwellen gewirkt haben, verschwinden zusehends. Gleiches gilt für Sanddünen, eine weitere natürliche Barriere, geplündert von der Bauindustrie. Wir haben uns mächtig angestrengt, die Küsten unsicherer zu machen.
Und nicht nur die Küsten. Es scheint keinerlei Besorgnis darüber zu geben, dass die vielen kleinen Staudämme im Westen des Landes möglicherweise für das Phänomen der Reservoir-induzierten Seismizität sprich: für Erdbeben verantwortlich sind. Unsere Planer arbeiten stattdessen munter weiter daran, jeden Fluss in eine Seen-Kette zu verwandeln. Die steigende seismische Aktivität in Maharashtra hat nicht dazu geführt, über die immer höheren Wolkenkratzer nachzudenken, die dort vor allem in Mumbai geplant werden. Ebensowenig hat das Erdbeben in Gujarat auf Mumbais mächtige Baulobby gewirkt. Ja, wir hätten möglicherweise nur sehr wenig in jenen entscheidenden 90 Minuten vor den Tsunamis tun können. Aber es gibt viele Möglichkeiten, das Leben der Menschen schon vor der nächsten Katastrophe sicherer zu machen.
Für die gefeierten IT- und Software-Genies Indiens dürfte es keine große Herausforderung sein, das Leben traditioneller Fischer wesentlich zu verbessern. Ein einfacher Satellitenempfänger für den Gebrauch auf See könnte als Wetter-Melder und SOS-Vorrichtung eingesetzt werden. Er könnte als Navigationssystem dienen und sogar helfen, Fischschwärme aufzuspüren ein Vorteil, den große Trawler längst nutzen. Solche Vorrichtungen ließen sich für weniger als 2000 Rupien (circa 35 Euro) auf den Booten traditioneller Fischer installieren. Dass nichts Derartiges geschieht, zeigt, dass es keine Priorität hat. Wenn moderne Technik eingesetzt wird, dann für die Touristen und nicht für die Fischer. Diese aber haben jetzt nicht einmal mehr Boote, in die sich irgendwelche Sicherheitsvorrichtungen einbauen ließen.
Vielleicht werden wir Tsunamis und ihre Auswirkungen nie präzise vorhersagen können. Leicht vorherzusagen ist dagegen, dass unsere Prioritäten, unsere Art zu denken und zu leben, uns verwundbar machen für Katastrophen, die wir selbst verursachen.
P. Sainath
ist Journalist für Entwicklungsfragen und Autor des Buches Everybody loves a good drought. Der Beitrag erschien in einer längeren Fassung zuerst in der Zeitung The Hindu.
Psainath@vsnl.com
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