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Tribüne


Tadschikistan braucht einen Kurswechsel

Ungenutztes Potenzial

Neue Wege in Bolivien und Nicaragua


02/2005
 

[ Schlechte Amtsführung ]

Tadschikistan braucht einen Kurswechsel

[ Von Frank Bliss ]

Die zentralasiatischen Republiken Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan galten zu Sowjetzeiten als wirtschaftlich rückständig. Dennoch hatten sie dank staatlicher Förderung nach dem Zweiten Weltkrieg einen enormen wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung erlebt. Insbesondere im Vergleich mit Nachbarn wie Afghanistan, Pakistan oder der chinesischen Sinkiang-Provinz erschien die ärmste sowjetische Teilrepublik Tadschikistan mit Stromversorgung bis in das abgelegenste Dorf und weitgehender Vollbeschäftigung vor 1991 den Menschen wie ein Paradies.

Die Einschulungsquote erreichte Werte von über 99 Prozent, 50 Prozent aller Schüler waren Mädchen. In den achtziger Jahren besaß fast jeder dritte Haushalt ein eigenes Auto. Angesichts gesicherter Einkommen selbst im Rentenalter klagte kaum jemand über fehlende bürgerlichen Freiheiten oder das starre Wirtschaftssystem.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion traf 1991 die zentralasiatischen Länder als hochgradig subventionierte, fremdbestimmte Glieder einer zentral geplanten Ökonomie besonders hart. Wichtige Exportmärkte und die Rohstoffzufuhr brachen quasi von einem Tag auf den anderen weg. Tadschikistan hatte zuvor (je nach Quelle) zwischen 30 und 70 Prozent seines Bruttosozialproduktes aus Subventionen geschöpft. Nahezu die gesamte Wirtschaft kam zum Stillstand, Löhne und Gehälter wurden nicht mehr gezahlt, die Energieversorgung brach zusammen. Von 1992 bis 1997 forderte dann ein Bürgerkrieg mehr als 100 000 Menschenleben und setzte vielen Wirtschaftsbranchen ein Ende.

Überall in Zentralasien wurde die Zahlung von staatlichen Löhnen nahezu eingestellt und die Renten auf wenig mehr als symbolische Werte zusammengestrichen. Selbst Mitglieder der alten Bildungseliten und sogar Teile der vormaligen kommunistischen Nomenklatura standen nach 1991 quasi vor dem wirtschaftlichen Nichts.

Breite Schichten der tadschikischen Bevölkerung leben heute kaum besser als die Menschen in vielen subsaharischen Ländern Afrikas (Weltbank 2000, 2004, Bliss 2005). Das Bruttoinlandsprodukt Tadschikistans betrug pro Kopf 2003 nominell nur 185 Dollar. Das entspricht dem Niveau von Benin oder Rang 161 in der Weltgemeinschaft. Der Human Development Index des UNDP platzierte Tadschikistan dennoch im vergangenen Jahr auf Platz 116 von 177 erfassten Staaten. Dafür war die noch immer relativ gute Bildungssituation ausschlaggebend – mit 99,5 Prozent Alphabetisierung bei Erwachsenen und einem Bildungsindex, der mit 0,90 fast dem von Luxemburg (0,91) entsprach.

Zwar bewertet die Weltbank das BIP Tadschikistans nach der so genannten Kaufkraftparität (ppp) und kommt damit auf bis zu 980 Dollar pro Person und Jahr, jedoch ist dieser Wert aufgrund der hohen Importpreise (für Grundnahrungsmittel sowie Energie) maßlos übertrieben. Zudem erreicht die Mehrheit der Bevölkerung die nominellen Durchschnittswerte bei weitem nicht. Mindestens zwei Drittel der tadschikischen Haushalte müssen sich mit rund 20 US-Cent pro Person und Tag zufrieden geben. Bei dem ppp-Faktor fünf, den die Weltbank verwendet, entspräche das täglich einem Dollar. Die meisten Haushalte fallen also unter die Gruppe der absolut Armen.

Das ganze Ausmaß des Elends machen die Lohndaten deutlich. Der Staat zahlt Grundschullehrern umgerechnet rund acht und Oberschullehrern etwas mehr als zehn Dollar im Monat. Der offizielle Tarif wies 2004 für Ärzte Monatsgehälter von 2,85 Dollar und für Krankenschwestern von 2,30 Dollar aus. Noch schlechter geht es Hunderttausenden von Arbeitskräften der ehemaligen landwirtschaftlichen Sowjetbetriebe, die heute weiterhin größtenteils als Staatsfarmen geführt werden. Ganze Familien erhalten für ihre Arbeit nicht mehr als drei Dollar im Monat.

Ihr Überleben sichert die Subsistenzwirtschaft, die fast alle Haushalte im ländlichen Raum auf winzigen Flächen betreiben. Sie bauen Gemüse und Kartoffeln an, die ein paar Monate reichen. Zwar gäbe es genug Land, damit sich alle Familien selbst ernähren könnten, aber es wird größtenteils weiterhin durch den Staat und die Ex-Sowjetbetriebe (Sowchosen) kontrolliert, die sich gegen die von internationalen Gebern geforderte Privatisierung sträuben.

Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Situation emigrieren immer mehr junge Männer. Bis zu 800 000 Personen sollen sich zur Zeit im Ausland befinden, aber nur die Hälfte von ihnen dürfte Geld nach Hause überweisen. Zumeist können sie auch allenfalls wenige hundert Dollar pro Jahr an die Familien transferieren, viele Migranten leben – etwa in Russland – selbst in prekären, oft sogar illegalen Situationen.

Besonders schlimm sind die Lebensbedingungen im ländlichen Raum. Viele tadschikische Familien können im Winter nur in den allerkältesten Monaten heizen. Zahlreiche Kinder werden barfuß in die Schule geschickt – etwa ein Viertel der Heranwachsenden kann im Winter mangels warmer Kleidung das Haus gar nicht verlassen. Viele Familien verzichten mindestens auf eine Mahlzeit am Tag.

Dass es auch anders ginge, beweist das Nachbarland Kirgistan. Dort gelang eine Landreform, die bis zum Jahre 2000 zwei Drittel des früheren Staatsbodens an die Bevölkerung verteilte. Davon profitierten auch Lehrer oder Krankenhausangestellte. Zwar stellen 0,5 bis 1,5 Hektar Land je Haushalt zumeist keine Basis für eine nachhaltige Landwirtschaft dar, sie ermöglichen den Familien jedoch eine weitgehend hinreichende Selbstversorgung sowie geringe Überschüsse für Tausch oder Handel. Kirgistan weist zwar nur einen geringfügig besseren HDI aus (Rang 110), hat aber bei ebenso bescheidener Ausgangslage ein um 65 Prozent höheres – und weitaus gerechter verteiltes – BIP als Tadschikistan, wo die privaten Haushalte nur über Gärten mit 0,08 bis 0,15 Hektar verfügen.

Tadschikistan verfügt aber auch über Positivfaktoren:
– Die landwirtschaftlich nutzbare Fläche reicht bei entwicklungsorientierter Verwendung, um die Ernährung der gesamten Bevölkerung sicherzustellen.
– Dank Aluminiumproduktion und Baumwollexport werden Devisen erwirtschaftet und Steuern eingenommen.
– Der allgemeine Bildungsstand bleibt trotz Niveauverlusten recht hoch.

Leider wird keiner dieser Standortfaktoren systematisch genutzt. So profitieren Staatshaushalt und Bevölkerung kaum von den Erlösen der beiden Schlüsselbranchen. Im Gegenteil arbeitet das System so sehr im Sinne von „vested interests“, dass Baumwollbauern mehr in die Produktion hineinstecken, als sie verdienen. Dafür sorgen Auflagen der Bezirksverwaltungen, Aufkaufmonopole und das staatliche Landmanagement. Die extreme Armut vieler Familien ist das Ergebnis extrem schlechter Regierungsführung.

Auch außerhalb der Landwirtschaft tragen „vested interests” dazu bei, dass keine ökonomische Entwicklung in Gang kommt. Wer einen Betrieb gründet, wird sofort abgeschöpft. Viele Kleinunternehmer, die bereits kurzzeitig erfolgreich Arbeitsplätze geschaffen haben, müssen wieder aufgeben, weil unzählige unterbezahlte Beamte sie auspressen. Zahlreiche Polizeikontrollen behindern Transporte und haben nichts als Schmiergelder zum Ziel. Dass die Volkswirtschaft dennoch zuletzt Wachstumsraten von jährlich bis zu zehn Prozent verbuchte, lag allein an der besonders günstigen Preisentwicklung für Aluminium und Baumwolle. Ökonomisch relevant ist zudem der Drogenschmuggel von Afghanistan über Tadschikistan nach Russland und andere Länder.

Ein Blick auf die internationale Entwicklungshilfe für Tadschikistan macht deutlich, dass Geldmangel derzeit kein Problem darstellt. Die Weltbank, die Asiatische Entwicklungsbank, die Europäische Union, aber auch bilaterale Geber wie die USA und Japan (sowie in deutlich geringerem Umfang auch die Schweiz, Schweden oder Deutschland) stellen Mittel zur Verfügung. Es treten bereits Absorptionsprobleme auf, etwa weil Usbekistan grenzüberschreitende Stromvorhaben boykottiert. Trotz des erheblichen Finanzeinsatzes weisen sämtliche Armutsanalysen nach, dass große Teile der Bevölkerung ihre Lage als immer schlechter einschätzen und dass es ihnen auch objektiv nicht gut geht (Weltbank 2000, 2004).

Ein Kernproblem der tadschikischen Entwicklung ist die Verschleppung der den Gebern mehrfach versprochenen Landreform. Wirklich durchgeführt wurde sie bisher nur dort, wo – etwa in Bergzonen – lediglich winzige Flächen zur Verfügung stehen, für die die Machthaber sich nicht interessieren. In den Bewässerungszonen ist das gesamte Land de facto weiterhin in Staatshand.

Es gibt offenkundige Täuschungsversuche. So werden Grundstücke angeblich „privatisiert“ und die neuen Eigner auf 90 Prozent der Fläche zur unrentablen Baumwollproduktion verpflichtet. Viele dieser „Privatbauern“ geben ihre „Selbständigkeit“ schnell wieder auf. Auch werden einzelne Staatsfarmen in „kleinere Privatbetriebe“ aufgeteilt, wobei einige „Manager“ genannte Akteure jeweils mehrere hundert Hektar Land kontrollieren, das sie in kleineren Einheiten an Bauern weitergeben sollen. In der Praxis bekommen Letztere keine Titel und das Land wird unter der Hand im Sinne der „vested interests” verschoben.

Trotz der Profite, die die Baumwolle einer tadschikischen Minderheit beschert, befindet sich die ländliche Infrastruktur in einem kritischen, sich rapide verschlechternden Zustand. Große Flächen sind bereits versalzen. Es besteht ein enormer Investitionsbedarf, den nur die Entwicklungshilfe finanzieren kann. Wer jedoch die staatliche Landwirtschaft unterstützt, trägt indirekt zur Zementierung des Systems bei. Dieses entwicklungspolitische Dilemma wird bislang öffentlich nicht diskutiert.

Weil die Geber nur mangelhaft koordiniert sind, üben sie keinen Druck auf die Regierung Tadschikistans aus. Dies betrifft faktisch alle EZ-Bereiche. Teilweise ist die schwache Koordination auch das Resultat fehlenden Interesses, denn das Land scheint für einzelne Geber geographisch kaum relevant. Andere Staaten wie die USA verbinden mit Tadschikistan dagegen Interessen besonderer Art. Als islamisch geprägtes Nachbarland Afghanistans sehen sie Tadschikistan als Partner im „Kampf gegen den Terrorismus“. So fördert denn die EZ, was den Kontakt zur Regierung stärkt, und weniger das, was die Bevölkerung dringend benötigt und die Voraussetzung für eine sozial gerechte Entwicklung schafft.

Trotz oder gerade wegen seiner bisher relativ bescheidenen Rolle in der Region sollte das deutsche Entwicklungsministerium (BMZ) Tadschikistan und der Region mehr Aufmerksamkeit widmen. Es könnte innerhalb der Gebergemeinschaft die besondere Armutsproblematik Tadschikistans thematisieren und die Notwendigkeit eines politischen Dialogs mit der Regierung deutlich machen. Zudem würde sich stärkeres Engagement in entwicklungspolitischen Kernbereichen lohnen, die unmittelbar der Bevölkerung zugute kommen (wie etwa Förderung von Frauen oder Kleingewerbe). Das BMZ sollte z.B. im Bereich der Klein- und Mittelgewerbeförderung offensiv die „Lead donor“ Rolle anstreben und sich nicht scheuen, die hausgemachten Entwicklungshemmnisse Tadschikistans öffentlich anzusprechen.



Literatur:
Bliss, Frank (2005):
Social and Economic Change in the Pamirs. London, Routledge-Curzon (im Druck).
UNDP (2003):
Tapping the Potential. Improving Water Management in Tajikistan. National Human Development Report 2003. Dushanbe.
UNDP (2004):
Bericht über die menschliche Entwicklung 2004. Berlin.
World Bank (2000):
Republic of Tajikistan Poverty Assessment. Washington.
World Bank (2004):
Tajikistan Poverty Assessment Update. Main Report. Dushanbe.

Prof. Dr. Frank Bliss
lehrt Ethnologie (Entwicklungsethnologie) an der Universität Hamburg und ist Mitinhaber des entwicklungspolitischen Gutachterbüros Bliss & Gaesing. In Tadschikistan führte er zuletzt im September 2004 Untersuchungen durch.
bliss.gaesing@t-online.de