|
|
| |
| |
Editorial
 02/2006
|
|
Mehr Pragmatismus
Manche entwicklungspolitischen Debatten sind wenig zielführend. Die Diskussion über Gentechnik in der Landwirtschaft gehört dazu. Aus Sicht ihrer Gegner darf es grüne Gentechnik nicht geben, weil sie armen Bauern in Entwicklungsländern nur Unheil bringt. Die Befürworter behaupten das Gegenteil, haben aber nicht viel mehr zu bieten als kühne Versprechungen und zweifelhafte Prognosen.
Viele Kritiker lehnen die Technik aus grundsätzlichen Erwägungen ab eine Haltung, für die es gute Gründe gibt. Zwar manipulieren Züchter schon seit langem durch herkömmliche Kreuzung das Erbgut von Pflanzen. Aber erst die moderne Biotechnologie erlaubt den Transfer von Genen über Artgrenzen hinweg ein Quantensprung, der möglicherweise Risiken birgt, von denen wir heute noch gar nichts wissen. Zudem ist die grüne Gentechnik ein weiterer Schritt in der Industrialisierung der Landwirtschaft, der die Machtposition großer Saatguthersteller stärkt.
Doch ihre Fundamentalopposition zwingt Umwelt- und Entwicklungsorganisationen dazu, auch jede praktische Anwendung der Technik zu verteufeln. Das wirkt häufig bemüht, manchmal ist es unseriös. In Südafrika soll teures Gen-Saatgut die Baumwollbauern aus KwaZulu-Natal in den Ruin getrieben haben. Dabei haben ihre Schulden ganz andere Ursachen. In Mexiko fürchten Gentechnik-Kritiker um die Vielfalt der wilden Maissorten. Dabei werden diese wahrscheinlich schon lange durch konventionelle Hybridsorten verunreinigt, ohne dass das bislang Aufsehen erregt hat. Und wenn alle anderen Argumente verbraucht sind, wird gentechnikfreundlichen Forschern und Autoren gerne mal unterstellt, sie seien irgendwie mit der Industrie verbandelt.
Aber auch die Gegenseite bewegt sich oft auf dünnem Eis. Wenn etwa die Lobbygruppe International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications den humanitären Beitrag der grünen Gentechnik zur Linderung von Armut und Hunger feiert, dann ist das blanker Unsinn. Zum einen gibt es kaum arme Länder, die die Technik nutzen. Brasilien und Argentinien allein vereinen fast 80 Prozent der gesamten Anbaufläche für Gen-Pflanzen in Entwicklungsländern. Und dort profitieren nicht die Kleinbauern, sondern Großagrarier mit Sojaplantagen.
Zum anderen hat die grüne Gentechnik bislang kaum Produkte hervorgebracht, die speziell auf die Bedürfnisse armer Kleinbauern zugeschnitten sind. Auf 60 Prozent der weltweiten Anbauflächen mit Gen-Pflanzen wuchsen im letzten Jahr herbizidtolerante Sojabohnen nicht gerade das beste Produkt, um den Hunger in Afrika und Asien zu bekämpfen. Die Bauern dort plagen Probleme, gegen die Biotechnologie nichts ausrichten kann: Kapitalmangel, Wassermangel, schlechte Infrastruktur und ein ungerechter Weltmarkt. Die Baumwollbauern in Westafrika brauchen kein Gen-Saatgut, sondern zunächst einmal faire Handelsbedingungen und Maßnahmen gegen die Korruption in ihren Ländern.
Für die Landwirtschaft der meisten Entwicklungsländer ist die Technik bislang schlicht irrelevant. Was aber, wenn sich die Bedingungen für die afrikanischen Baumwollbauern tatsächlich bessern sollten? Könnte ihnen die insektenresistente Baumwolle dann nicht doch nutzen? Für einen standfesten Gentechnik-Gegner ist das undenkbar. Ein pragmatischer Ansatz hingegen schließt diese Möglichkeit nicht aus und fragt, unter welchen Bedingungen grüne Gentechnik Bauern einen Vorteil bieten könnte. Ihr Beitrag im Kampf gegen Armut und Hunger wird auch in Zukunft viel kleiner sein, als die Industrie verspricht. Möglicherweise aber größer, als die Kritiker heute zugestehen wollen.
Tillmann Elliesen
Redakteur E+Z Entwicklung
und Zusammenarbeit /
D+C Development and Cooperation.
euz.editor@fsd.de
|
|
|