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Kommunale Betriebe: Wasserengpässe sinnvoll managen

Good Governance: Statistiken gegen die Armut


02/2006
 

[ Kommunale Betriebe ]

Wasserengpässe
sinnvoll managen


Ob ein Unternehmen privatwirtschaftlich oder unter staatlicher Hoheit geführt wird, sagt nichts über die Qualität seiner Dienstleistungen aus. Es kommt darauf an, die zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Ressourcen wirkungsvoll einzusetzen. InWEnt hilft Kommunen, die richtige Strategie zu entwickeln.


[ Von Michael Funcke-Bartz ]

Chimbote liegt an der nordperuanischen Küste. Die Stadt und ihre fast 400 000 Einwohner hängen von Fischfang und -verarbeitung in diversen Fischmehl- und Konservenfabriken ab. Die wirtschaftliche Situation ist seit Jahren schwierig. Anfang der 90er Jahre sorgte eine Choleraepidemie weltweit für Schlagzeilen. Trotzdem blieb die Trinkwasserversorgung unzureichend. Vor einigen Jahren protestierten deshalb mehrere tausend Familien einer Stadtrandsiedlung. Sie verlangten Anschluss an das Wassernetz des kommunalen Trinkwasserversorgers Seda Chimbote. Wie die meisten Wasserversorgungsunternehmen in Peru befindet es sich in öffentlicher Hand.

Öffentliche Versorgungsunternehmen arbeiteten ineffizient, heißt es oft. Nur private Betreiber seien in der Lage, den Service nachhaltig zu verbessern und das Kapital für notwendige Investitionen zu mobilisieren. Mit solchen Argumenten üben wirtschaftsliberale Politiker und Manager in vielen Ländern Druck auf Betriebe in kommunaler Hand aus. Dabei übersehen sie regelmäßig: Effizienz hängt nicht primär davon ab, ob ein Unternehmen in öffentlichem Besitz ist, die Privatwirtschaft daran Anteile hat oder es sich gänzlich in Privateigentum befindet. Entscheidend ist, dass die zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Ressourcen wirkungsvoll eingesetzt werden. Letztlich reduzieren sich viele Probleme auf die Frage der richtigen Strategie.

In Chimbote eskalierten die Proteste der Bevölkerung. Am Ende musste Staatspräsident Alejandro Toledo intervenieren, um die Wogen zu glätten. Auf die Frage Toledos, was die kommunalen Eigenbetriebe benötigten, um die Wasserversorgung sicherzustellen, verwies der damalige Geschäftsführer auf die Empfehlung einer ausländischen Beratungsfirma. „Um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden, benötigt das Unternehmen eine zusätzliche Wasseraufbereitungsanlage.“ Als der Staatspräsident zusagte, diese Anlage zu finanzieren, schien die Lösung gefunden.


Engpass

Doch die anschließende Planung machte schnell deutlich, dass das versprochene Geld nicht ausreichte, um neben der Wasseraufbereitungsanlage auch die notwendige Erweiterung des Leitungsnetzes zu finanzieren. Die Lösung des Problems fanden schließlich eigene Mitarbeiter. InWEnt hatte sie in der Anwendung des „Engpassmanagements“ trainiert.

Die Analyse der Engpässe in der Trinkwasserversorgung der Stadtviertel zeigte, dass sich die Kapazität der bestehenden Anlage mit einfachen Mitteln erhöhen ließ. Statt eine weitere Aufbereitungsanlage zu errichten, musste lediglich die vorhandene Infrastruktur intelligenter genutzt werden. In Verhandlungen mit der Regierung wurden daraufhin die zugesagten Mittel umgewidmet. Die alternative Planung verbesserte nicht nur die Wasserqualität und half mit, wichtige gewerbliche Kunden aus der Fischmehlindustrie zurückzugewinnen. Sie ermöglichte es auch, viele armen Familien an das Wassernetz anzuschließen und zugleich die Einkommen des städtischen Betriebes zu erhöhen.

Um die ärmeren Stadtteile auf konventionelle Weise ganztägig mit Wasser zu versorgen, hätten Stadt und Eigenbetrieb viel Geld investieren müssen. Doch sie verzichteten darauf, zusätzlich zu den zwölf bestehenden Wasserreservoirs weitere anzulegen. Stattdessen erhielten die Bewohner der Stadtrandgebiete Hauswassertanks aus Polyäthylen. Das geschah im Rahmen eines Public-Private-Partnership-Projektes (PPP) mit dem Unternehmen Dalka S.A.C. Die Tanks auf den Hausdächern werden nun vom Leitungsnetz versorgt – im Rotationsverfahren.

Diese kostengünstige Lösung entspricht den Prinzipien des Engpassmanagements. Die Mitte der 80er Jahre von dem israelischen Physiker Eliyahu Goldratt entwickelte Theorie der Engpässe (Theory of Constraints) dient dazu, komplexe Systeme zu managen. InWEnt setzt die Methode seit Jahren erfolgreich ein: zur Förderung der Managementkompetenz kommunaler Betriebe der Wasserversorgung im Andenraum oder, seit kurzem, zur Organisationsentwicklung der ecuadorianischen Staatsbank.

Wie in jedem komplexen System läuft auch bei den öffentlichen Unternehmen der Wasserbranche nicht alles rund. Viele kämpfen mit Engpässen. Diese Schwachpunkte gilt es zu lokalisieren, nach ihrer Priorität zu gewichten und dann schrittweise zu überwinden. Dabei ist die richtige Reihenfolge von zentraler Bedeutung: Wie bei einer Kette, die stets am schwächsten Glied reißt, lässt sich die Tragfähigkeit eines Systems so lange nicht erhöhen, bis die zentrale Schwachstelle repariert ist – unabhängig davon, wie sehr sich das Unternehmen um die Verbesserung der übrigen Teile bemüht.

Das hat weit reichende Konsequenzen für Investitionsentscheidungen. Die Wirkung der eingesetzten Mittel verpufft oder ist jedenfalls nicht optimal, wenn sie nicht an prioritären Stellen ansetzen und der Hauptengpass bestehen bleibt. Im Fall der Wasserversorgung von Chimbote liegen die Verluste im Leitungsnetz bei 50 Prozent. Es muss also doppelt soviel Wasser gefördert und behandelt werden wie beim Konsumenten ankommt.

Wegen der hohen Kosten und der geringen Finanzkraft des kommunalen Betriebes wurden Investitionen in die Verbesserung des maroden Netzes immer wieder verschoben. Ähnlich sieht es anderenorts in Peru aus. Kredite würden die zulässige Verschuldung des jeweiligen kommunalen Unternehmens schnell überschreiten. So bleibt Wasser fast überall in der peruanischen Küstenwüste ein knappes Gut – besonders in den Stadtrandsiedlungen, in denen die ärmsten Teile der Bevölkerung leben. Die Menschen bleiben so abhängig von Trinkwasser, das sie sporadisch über das Leitungsnetz oder über Tankwagen beziehen. Das Wasser speichern sie in offenen Fässern oder Eimern. Das ist nicht nur teuer, sondern birgt auch das ständige Risiko von Infektionen.

Das Beispiel Chimbote zeigt, dass sich mit geringen, aber gezielt investierten Mitteln erhebliche Qualitätssprünge erreichen lassen. In der Regel fehlt den peruanischen Kommunen das Geld, um alle Haushalte an das Netz anzuschließen. Doch selbst ein eigener Anschluss ist häufig keine Lösung: Die Haushalte in Chimbote bekamen im Durchschnitt fünfeinhalb Stunden Wasser pro Tag. Dabei schwankten die Werte zwischen zwei und vierzehn Stunden. Die mit Hilfe des Engpassmanagements gefundene Lösung bedient sich der Erkenntnis, strategische Puffer möglichst nahe am Übergabepunkt oder beim Verbraucher einzurichten. Statt für viel Geld teure Wasserreservoirs zu errichten, werden licht- und staubgeschützte Hauswassertanks aus Polyäthylen im Rotationsverfahren einmal am Tag über das Leitungsnetz gefüllt.

Das Verfahren bietet viele Vorteile: Dank niedriger Investitionskosten können binnen kürzester Zeit für einen Bruchteil des ursprünglichen Geldes weite Teile der Bevölkerung ganztägig mit Trinkwasser versorgt werden. Das Versorgungsunternehmen selbst bleibt liquide und kann andere dringende Investitionen vorziehen. Die Zufriedenheit der Kunden steigt und damit ihre Bereitschaft, für das Wasser zu zahlen. Die Säumigkeit liegt in Chimbote bei etwa sechs Prozent. Die Menschen müssen nachts nicht mehr extra aufstehen, um ihre Behälter zu füllen. Die erhöhte Zahlungsmoral verbessert die Liquidität des Unternehmens und erweitert seinen Spielraum für Investitionen.

Außerdem erübrigen sich Investitionen in die Installation von Wasseruhren mit all ihren Folgekosten. Der maximale tägliche Verbrauch wird durch die Speicherkapazität bestimmt. In dem von InWEnt gemeinsam mit Seda Chimbote und Dalka durchgeführten Projekt reichten 650-Liter-Tanks für einen normalen Haushalt aus.

Zur Kontrolle durchgeführte Verbrauchsmessungen zeigten, dass der Verbrauch pro Familie deutlich sinkt. Offenbar gehen die Stadtteilbewohner mit dem zur Verfügung stehenden Wasser sehr sparsam um. Sie wissen, dass sie nur eine begrenzte Menge pro Tag bekommen. Auf der anderen Seite verringern sich die Verluste im Wassernetz deutlich, wenn die Leitungen nur kurze Zeit Wasser führen. Das Argument, dass bei einer einmaligen Wasserzuteilung am Tag die Gefahr der Verschmutzung des Trinkwassers zunimmt, ist nicht stichhaltig – schließlich standen die Leitungen auch vorher nur einen Bruchteil des Tages unter Druck.

Die Ergebnisse des Pilotprojektes haben selbst anfängliche Skeptiker überzeugt. Repräsentanten des Wasserversorgungsunternehmens in Lima lobten kürzlich auf einer Veranstaltung der peruanischen Regulierungsbehörde für den Wassersektor (SUNASS) die Erfolge ihrer Kollegen in Chimbote. Die dort propagierten Hauswassertanks seien eine sinnvolle Strategie, um die Millenniumsziele im Bereich der Wasserversorgung zu erreichen.

Auch Dalka-Geschäftsführer Alfonzo Vásquez zeigte sich zufrieden: Er darf sich mittlerweile über einen Preis für unternehmerische Kreativität freuen, den die peruanische Universität für angewandte Wissenschaft zusammen mit anderen Partnern und der Tageszeitung El Comercio dem Unternehmen verliehen hat.



Michael Funcke-Bartz
ist Projektleiter in der Abteilung Nachhaltige Technologie,
Industrie- und Stadtentwicklung
michael.funcke-bartz@inwent.org