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„Die öffentliche Debatte ist unverzichtbar“

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Gen-Baumwolle: Kein Ausweg aus der Sackgasse

„Die Bauern haben die Wahl“

Vermarktung von Gen-Pflanzen kommt zu früh


02/2006
 

„Die öffentliche Debatte ist unverzichtbar“

Das Cartagena-Protokoll über biologische Sicherheit fordert von seinen Mitgliedstaaten Regelungen für genveränderte Organismen (siehe Seite 58). Das UN-Umweltprogramm (UNEP) unterstützt seit 2001 mit Geld der Globalen Umweltfazilität (GEF) Entwicklungsländer beim Ausarbeiten von Gesetzen zur Biosicherheit. Es sei nicht ihre Aufgabe, Ländern zu sagen, ob sie Gen-Pflanzen nutzen sollen oder nicht, erklären Fee Chon Low und Chris Briggs von der UNEP/GEF Biosafety Unit. Ziel ihres Projekts sei vielmehr, Ländern beim Aufbau von Kapazitäten zu helfen, die informierte Entscheidungen möglich machen.


[ Interview mit Fee Chon Low und Chris Briggs ]

Können genmanipulierte Pflanzen zum Kampf gegen Hunger und Armut beitragen?
Fee Chon Low: Ich denke, dass die Gentechnik das Potenzial hat, einiges zur Landwirtschaft beizutragen, insbesondere in Ländern, in denen Ernährungssicherheit ein Problem ist, weil die Böden schlecht sind oder das Klima Ertragssteigerungen verhindert. Wenn die landwirtschaftliche Produktivität steigt, kann das die Armut von Bauern und möglicherweise sogar in der gesamten Gesellschaft reduzieren. Gentechnik in der Landwirtschaft könnte also helfen, die Armut zu lindern.

Welche Bedingungen müssen dafür erfüllt sein?
Fee Chon Low: Zum einen muss die Regierung hinter der Technologie stehen und sie politisch fördern. Zum anderen muss die Gesellschaft der Technologie offen gegenüber sein: Bauern und andere Beteiligte müssen bereit sein, neue Gen-Pflanzen auszuprobieren, um von Eigenschaften zu profitieren, die herkömmliche Pflanzenzucht nicht bieten kann. Es muss jedoch auch gewährleistet sein, dass Bauern und landwirtschaftliche Berater in der Lage sind, die Technologie im Feld sicher anzuwenden. In einigen Ländern zirkulierte eine Menge Saatgut, das angeblich gentechnisch verändert, in Wahrheit aber durch andere Dingen verfälscht war. Die Bauern mussten feststellen, dass der Ernteertrag oder der Schutz gegen Krankheiten und Schädlinge nicht den Erwartungen entsprach. In Ländern, die Gentechnologie nutzen, müssen deshalb die erforderlichen Regulierungen strikt durchgesetzt werden.

Chris Briggs: Anders ausgedrückt, zuerst muss es ein robustes System für Biosicherheit geben, inklusive Regeln zur Genehmigung von Gen-Pflanzen. Hier kommen wir ins Spiel: Wir beraten Länder beim Aufbau von Verwaltungskapazitäten sowie bei der Formulierung von Regulierungen und zeigen mögliche Wege zur Beteiligung der Öffentlichkeit und zur Bewusstseinsbildung sowie zur Überwachung und Durchsetzung auf. Die Länder müssen ein ziemlich komplexes Paket an Maßnahmen erledigen. Für uns ist dabei entscheidend, durch umfassende Beratungen mit Interessenvertretern ein öffentliches Bewusstsein zu schaffen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Regierung am Ende eine gut begründete Entscheidung trifft.

In vielen armen Ländern sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt. Gentechnik-Kritiker werfen den Biotechnologiefirmen vor, sie handelten unverantwortlich, wenn sie in diesen Ländern Saatgut verkaufen, ohne auf mögliche schädliche Nebenwirkungen zu achten. Teilen Sie diese Kritik?
Chris Briggs: Ziel unserer Projekte ist es, den Ländern zu helfen, einen Überblick über das breite Spektrum an Meinungen und Möglichkeiten zum Thema Biotechnologie und Biosicherheit zu bekommen. Es geht uns weniger darum, einen bestimmten Standpunkt als richtig oder falsch zu bezeichnen. Wir sagen nicht, dass etwas gut oder schlecht ist. Wir sagen lediglich, generell sind Gen-Pflanzen potenziell nützlich, bergen aber auch Risiken. Das Land muss entscheiden, und zwar jeden Fall einzeln und im Rahmen eines strukturierten Verfahrens, das die Regierung in den Mittelpunkt stellt und dabei trotzdem offen ist für die öffentliche Meinung und andere Interessenvertreter. Die informierte Beteiligung der Menschen ist zentral, will man eine breite und langfristige Akzeptanz von Gen-Pflanzen erreichen.

Sollten die armen Länder bei der Regulierung dem liberalen Kurs der USA folgen oder, wie die europäischen Länder, eher strengere Regeln aufstellen?
Chris Briggs: Wir verstehen das Cartagena-Protokoll über Biosicherheit als gemeinsam von Entwicklungs- und Industrieländern entwickelte Grundlage für den Umgang mit Genmanipulationen. Auf dieser Basis arbeiten wir in über 140 Ländern. Wir werden finanziert, um ihnen zu helfen, das Protokoll zu erfüllen. Natürlich sind auch Länder dabei, die weder der UN-Biodiversitätskonvention noch dem Cartagena-Protokoll angehören und die frei entscheiden können, was sie tun. Wir können nicht sagen, dass ein Ansatz besser ist als der andere.

Was sind die größten Risiken der grünen Gentechnik – sozial, ökonomisch und ökologisch?
Fee Chon Low: Das hängt vom Umfeld ab, in dem genveränderte Pflanzen wachsen. Inmitten biologischer Vielfalt ist das Risiko größer als an einem Ort ohne wilde Verwandten in der Nähe. Ein weiteres ökologisches Risiko betrifft mögliche Auswirkungen auf Organismen, die nicht Ziel der genetischen Manipulation sind. Was passiert zum Beispiel, wenn insektizide Teile einer genveränderten Pflanze von Organismen gefressen werden, die man eigentlich gar nicht bekämpfen will? Das könnte das ökologische Gleichgewicht stören.

Eine schädliche soziale Folge der Gentechnik könnte sein, dass sie die Praxis in vielen armen Ländern gefährdet, Saatgut für die nächste Saison aufzuheben und auszutauschen. Gen-Saatgut ist dazu nicht gedacht, denn die Bauern müssen Lizenzgebühren dafür zahlen. Für Länder mit Potenzial für organischen beziehungsweise gentechnikfreien Anbau kommt ein spezielles ökonomisches Risiko hinzu: Wird in einem solchen Land mit Gen-Pflanzen nicht ordentlich umgegangen, könnte die Verunreinigung vermeintlich gentechnikfreier Produkte zum Verlust wichtiger Nischenmärkte führen.

Lassen sich die ökologischen Risiken von Gen-Pflanzen effektiv kontrollieren?
Fee Chon Low: Auch das hängt vom Umfeld ab. Wo kleine landwirtschaftliche Einheiten überwiegen, ist es schwierig. Bauern in armen Ländern können es sich oft nicht leisten, Ausweichzonen – so genannte „refuge areas“ – mit konventionellen Pflanzen einzurichten, um zu verhindern, dass Schädlinge resistent werden. Aus dem gleichen Grund ist es auch schwierig für sie, genug Platz zum Nachbarfeld zu lassen, um Gentransfer zu verhindern. Es kommt auch vor, dass Bauern gemeinsame Bewässerungskanäle nutzen, die das Gen-Saatgut aus dem Anbaugebiet heraustragen können. Theoretisch lassen sich die Risiken eindämmen. Aber in der Praxis kann es sehr schwierig sein, vor allem in armen ländlichen Gebieten.

Genügen die bestehenden internationalen Abkommen wie die Biodiversitätskonvention oder das Cartagena-Protokoll, um die Risiken zu kontrollieren? Oder gibt es Lücken?
Chris Briggs: Das Cartagena-Protokoll gibt es genau deshalb, weil Entwicklungs- und Industrieländer ein Forum wollten, wo über nötige Maßnahmen diskutiert und entschieden werden kann. Das Protokoll erlaubt es den Ländern, sich an neue Umstände anzupassen. Wenn es Lücken gibt, könnten sie zumindest theoretisch im Rahmen des Protokolls geschlossen werden, wenn die Mitglieder daran Interesse haben. Selbst die Länder, die nicht Mitglieder sind, spielen eine wichtige Rolle innerhalb dieses Forums. Natürlich deckt das Protokoll nicht alle Fragen ab. Aber kann man das überhaupt von einer einzigen bindenden Vereinbarung erwarten? Wir verstehen das Protokoll als ein lebendiges Dokument, das mit der Zeit immer besser wird.

Gleichzeitig versuchen wir, den Ländern zu verdeutlichen, welche Fragen nicht abgedeckt sind, etwa zum Umgang mit genmanipulierten Organismen in geschlossenen Laboren. Aber das sind Dinge, zu denen die Länder ohnehin Entscheidungen treffen müssen. Auch auf den Jahrestreffen der Mitglieder des Protokolls können Fragen neu geregelt werden. Diese Flexibilität erlaubt es den Ländern, zusammenzukommen, ein Problem zu diskutieren und entweder zu gemeinsamen Ergebnissen zu kommen oder jeweils individuelle Positionen zu finden.

Kritiker sagen, die UNEP/GEF-Projekte fördern in den armen Ländern eine einseitig bejahende, unkritische Sicht auf die grüne Gentechnik . . .
Chris Briggs: In den vergangenen vier Jahren sind wir aus jeder denkbaren Richtung angegriffen worden. Industrie und nichtstaatliche Organisationen neigen dazu, uns völlig unterschiedlich zu bewerten: Die einen halten uns für zu tolerant, die anderen für nicht tolerant genug. Aus diesem Grund hat der GEF-Rat eine Studie in Auftrag gegeben, die die von GEF finanzierte Arbeit von UNEP, UN-Entwicklungsprogramm und Weltbank zum Kapazitätsaufbau im Bereich Biosicherheit evaluiert. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass unsere Arbeit ein hohes professionelles Niveau hat, im Einklang mit dem Cartagena-Protokoll steht und neutral ist.

Die Meinungsverschiedenheiten entstehen durch die Interpretation des Cartagena-Protokolls – etwas, das wir tunlichst zu vermeiden suchen. Denn nicht wir von UNEP, sondern die Mitglieder sollen das Protokoll interpretieren. Industrie, Wissenschaft und NROs denken alle, ihre Interpretation sei die richtige. Tatsächlich aber ist jede Interpretation wiederum offen für weitere Interpretationen. Jeder hat das Recht auf eine abweichende Meinung, aber die Mehrheit der Länder, mit denen wir zu tun haben, ist sehr froh, dass wir einen neutralen Standpunkt einnehmen. Dass wir sowohl von der Industrie als auch von den NROs attackiert werden, werten sie als Zeichen unserer Neutralität.

Stört die Vielzahl verschiedener Interessen die Suche nach angemessenen Regelungen?
Chris Briggs: Das ist der Alltag für diese Länder. Und deshalb bitten sie uns, ihnen verstehen zu helfen, was sie tun müssen und was nicht. Dann können sie ihre eigenen Entscheidungen treffen. Wir sagen nicht, was richtig ist. Dazu müssen sie die öffentliche Meinung einholen, sie müssen die Industrie anhören, ihre Traditionen berücksichtigen und den öffentlichen Sektor einbeziehen – sie müssen herausfinden, welchen Weg sie gehen wollen. Aber es stimmt: Natürlich macht es die Sache schwieriger, dass es ein unglaublich großes Interesse an der Frage gibt. Die Angelegenheit lässt sich nicht einfach unter den Teppich kehren. Das ist nicht verwunderlich, denn es ist ein wichtiges Thema. Es ist ein sehr umstrittenes Thema und wird es auch bleiben. Grüne Gentechnik fordert die Menschheit heraus, weil sie infrage stellt, wie wir in der Vergangenheit Landwirtschaft betrieben haben.

Sie würden also sagen, letzten Endes lohnt es sich, dass sich so viele an der Debatte über Gen-Pflanzen beteiligen?
Chris Briggs: Das ist unverzichtbar. Das Cartagena-Protokoll sieht vor, dass jeder die Möglichkeit haben sollte, seine Meinung zu äußern, dass es Diskussionen und Konsultationen geben und die Öffentlichkeit in die Entscheidungsfindung eingebunden werden sollte.


Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.

Das Cartagena-Protokoll zur biologischen Sicherheit

1995 beschlossen die Vertragsstaaten der UN-Konvention über biologische Vielfalt, ein Zusatzabkommen auszuarbeiten, das speziell den Umgang und Handel mit genmanipulierten Organismen regelt. Fünf Jahre später verabschiedeten sie im kolumbianischen Cartagena das Protokoll zur biologischen Sicherheit, das im September 2003 in Kraft trat. Das Cartagena-Protokoll spricht sich nicht für oder gegen Gentechnik in der Landwirtschaft aus. Sein Ziel ist es, zu einem sicheren Umgang mit genmanipulierten Pflanzen beizutragen und Risiken für Umwelt und menschliche Gesundheit zu minimieren.

Grundlage des Protokolls ist das Vorsorgeprinzip, also der Ansatz, möglichen Schäden durch umfassende Regulierung vorzubeugen. Für die Ausfuhr von genmanipulierten Organismen, die zur Freisetzung bestimmt sind (wie Saatgut), bedarf es der ausdrücklichen Genehmigung des Importlandes. Für den Handel mit genmanipulierten Nahrungs- oder Tierfuttermitteln gilt ein weniger strenges Notifizierungsverfahren. Generell darf nach dem Cartagena-Protokoll jedes Land nach eigenem Ermessen über die Einfuhr genmanipulierter Organismen entscheiden. Bei der Risikobewertung dürfen auch kulturelle und sozio-ökonomische Aspekte berücksichtigt werden. Vorgaben wie diese sind der Grund dafür, dass einige Befürworter der Gentechnik wie die USA das Protokoll bislang nicht ratifiziert haben. Gentechnik-Kritiker hingegen werten das Abkommen als Schritt in die richtige Richtung, monieren aber, es greife an vielen Stellen zu kurz.

Das Protokoll ruft dazu auf, Entwicklungsländer beim Aufbau von personellen und institutionellen Kapazitäten für die Entscheidungsfindung und für den Umgang mit genmanipulierten Organismen zu unterstützen. Das geschieht unter anderem im Rahmen des UNEP/GEF-Projekts. Das Cartagena-Protokoll hat gegenwärtig 130 Mitglieder. (ell)


Im Internet:
http://www.biodiv.org/biosafety



Fee Chon Low
arbeitet in der UNEP/GEF Biosafety Unit in Genf und leitet das Team für Demonstrationsprojekte zur Implementierung nationaler Biosicherheitssysteme.
feechon.low@unep.ch

Chris Briggs
arbeitet in der UNEP/GEF Biosafety Unit in Genf und leitet das Team für Beratung bei der Ausarbeitung nationaler Biosicherheitssysteme.
chris.briggs@unep.ch