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„Die öffentliche Debatte ist unverzichtbar“

Die Kolonisierung von Afrikas Landwirtschaft

Gen-Baumwolle: Kein Ausweg aus der Sackgasse

„Die Bauern haben die Wahl“

Vermarktung von Gen-Pflanzen kommt zu früh


02/2006
 

Kein Ausweg aus der Sackgasse

In Südafrika wird fast nur noch genmanipulierte Baumwolle angebaut. Auch die meisten Kleinbauern sind umgestiegen – freiwillig und aus Überzeugung. Den Gentechnik-Kritikern bereitet das Kopfzerbrechen, die Industrie frohlockt. Doch die Bauern verdienen kaum noch Geld mit Baumwolle, weil der Weltmarktpreis sinkt. Daran ändert auch die Technik nichts.


[ Von Tillmann Elliesen ]

„Ich hab’ die Schnauze voll von Baumwolle, das kannst du mir glauben. Mein Vater hat in den 60er Jahren als Baumwollfarmer angefangen und noch richtig viel Geld verdient. Aber heute sind die Preise so niedrig, dass sich die Mühe kaum noch lohnt.“ Anfang September in Südafrika: Die letzte Baumwollernte ist eingefahren, in wenigen Wochen beginnt die nächste Aussaat. Doch die Bauern schimpfen: „Letztes Jahr haben wir noch vier Rand pro Kilo bekommen, dieses Jahr nur noch die Hälfte“, sagt Jeremiah Mabika. Dabei gehört der Mittvierziger mit seinen 60 Hektar Land noch zu den wohlhabenderen Bauern der Gegend.

Jeremiah Mabika lebt mit Frau und acht Kindern in Mboza, einer kleinen Gemeinde auf den Makhathini Flats in der Provinz KwaZulu-Natal im Osten des Landes. Die Makhathini Flats sind eine 60 Kilometer breite und 120 Kilometer lange Ebene am Fuße der Lebombo-Berge an der Grenze zu Swasiland. Rund 5000 Kleinbauern wohnen und arbeiten hier. Sie alle leben hauptsächlich von der Baumwolle. Und sie alle leiden darunter, dass der Weltmarktpreis für das weiße Gold seit Jahren sinkt. Den Baumwollbauern in Burkina Faso, Benin oder Mali geht es nicht anders. Eines aber unterscheidet die südafrikanischen Bauern von ihren Kollegen in anderen afrikanischen Ländern: Als bisher einzige auf dem Kontinent verwenden sie gentechnisch verändertes Saatgut, das die Pflanzen unempfindlich gegen Insektenschädlinge machen soll.

Fast alle Makhathini-Bauern sind im Laufe der vergangenen Jahre auf die Gen-Baumwolle des US-Saatgutkonzerns Monsanto umgestiegen. Mit dieser Entscheidung haben sie dafür gesorgt, dass die Makhathini Flats zu einem der wichtigsten ideologischen Schlachtfelder im Streit für oder gegen Gentechnik in der Landwirtschaft wurden. Die Gentechnik-Lobby sieht sich bestätigt, dass auch Kleinbauern von genmanipulierten Pflanzen profitieren können. Für Umweltschutz- und Menschenrechtsgruppen hingegen sind die Makhathini-Bauern Opfer skrupelloser Verkaufsstrategien der Industrie. Mit der Lebenswirklichkeit in KwaZulu-Natal hat diese Debatte allerdings wenig zu tun: Die Gen-Baumwolle trägt kaum zur Lösung der Probleme bei, die Jeremiah Mabika und den anderen Bauern auf den Makhathini Flats das Leben schwer machen. Andererseits schadet sie ihnen bislang auch nicht.


Entscheidung in Afrika

Südafrika ist das erste und bisher einzige Land auf dem Kontinent, das den kommerziellen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen zulässt. Außer Baumwolle wachsen zwischen Kapstadt, Durban und Johannesburg seit Ende der 90er Jahre noch genveränderte Mais- und Sojasorten, die immun gegen Schädlinge oder herbizidtolerant sind. Das große Geschäft machen Anbieter von Gen-Saatgut wie Monsanto oder Syngenta in Südafrika nicht: Gerade einmal eine halbe Million Hektar sind mit genveränderten Pflanzen bebaut; in den USA sind es fast 50 Millionen, in Argentinien über 16 Millionen Hektar.

Aber der südafrikanische Markt ist von großer symbolischer Bedeutung. Denn auf dem schwarzen Kontinent könnte die Industrie zeigen, dass die grüne Gentechnik wirklich zum Kampf gegen Hunger und Armut beitragen kann – was ihre Legitimität enorm steigern würde. „In Afrika entscheidet sich die Zukunft der grünen Gentechnik“, meint Rudolf Buntzel, Agrarexperte beim Evangelischen Entwicklungsdienst. Bei Monsanto ist man deshalb froh darüber, dass mittlerweile auf 90 Prozent der Anbaufläche auf den Makhathini Flats die genveränderte Baumwollsorte aus dem eigenen Hause wächst. „Wir wollen uns von Südafrika aus auf andere Länder des Kontinents ausdehnen. Und natürlich werben wir damit, dass unser Produkt auch bei den Kleinbauern so gut ankommt“, sagt Andrew Bennett, der in der Monsanto-Zweigstelle in Johannesburg für Marketing zuständig ist (siehe auch Seite 66).

Die Baumwolle der Sorte Bollgard enthält ein Gen des Bakteriums Bacillus thuringiensis (Bt), das ein für Insektenschädlinge tödliches Gift produziert. Die Vorteile für die Bauern: Sie sparen Insektizide, haben geringere Verluste durch Schädlingsbefall und können mit höheren Ernteerträgen rechnen. Fünf Jahre nach der Einführung der Sorte im Jahre 1998 kamen britische und südafrikanische Wissenschaftler in einer gemeinsamen Studie zu dem Ergebnis, dass der Anbau von Bollgard den Bauern auf den Makhathini Flats deutliche Gewinne bringe: In guten Jahren könnten sie damit bis zu 30 Prozent mehr verdienen als mit konventionellen Sorten. Dehnte man den Anbau von Bollgard-Baumwolle auf ganz Afrika aus, dann könnten die ärmsten Farmer der Welt ihre Einkommen zusammen um bis zu 600 Millionen Dollar steigern, frohlockten die Wissenschaftler.

Gentechnik-Kritiker taten sich lange Zeit schwer damit, diese Zahlen in Zweifel zu ziehen. Erst im April 2005 legte die südafrikanische Umweltorganisation Biowatch eine Untersuchung vor, die zeigen soll, dass die Erfolgsgeschichte der Makhathini Flats gar keine ist. Das Gen-Saatgut sei den Bauern mehr oder weniger aufgezwungen worden, heißt es darin. Nach anfänglichen Gewinnen seien die Erträge aufgrund ungünstiger Wetterbedingungen deutlich zurückgegangen – und die Schulden der Bauern wegen des teuren Saatguts drastisch gestiegen.

Vor Ort hört sich das ganz anders an. Selbst die von Biowatch zusammengetrommelten Bauern sagen, sie benutzen das manipulierte Saatgut. Und alle scheinen zufrieden damit zu sein. „Der größte Vorteil ist, dass ich viel weniger Pestizide sprühen muss als bei herkömmlichen Sorten“, sagt Jeremiah Mabika. Niemand sei gezwungen, das Gen-Saatgut zu kaufen; sie könnten aus fünf verschiedenen Sorten wählen, erzählen die Bauern: zwei genveränderten und drei konventionellen. Zwar kostet das Gen-Saatgut fast doppelt soviel. „Aber mit der Bt-Baumwolle kann ich auch viel mehr ernten: bis zu elf Ballen pro Hektar. Bei den anderen Sorten sind es nur drei bis vier Ballen“, sagt Petrus Mkanini, der über fünf Hektar Land verfügt.

Die Einführung der Gen-Baumwolle habe keinen einzigen Nachteil gebracht, sagt Jeremiah Mabika. Es stimmt zwar, dass viele der Kleinbauern auf den Makhathini Flats verschuldet sind. „Aber das hat mit der Bt-Baumwolle nichts zu tun. Die Schulden sind viel älter“, sagt Joshua Mabika, ein Bruder von Jeremiah.


Baumwollpreis im Keller

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass die Gen-Baumwolle den Bauern auch nicht dabei hilft, ihre Schulden loszuwerden – anders als es die optimistischen Hochrechnungen der Wissenschaftler und so manche Versprechung der Industrie erwarten lassen könnten. Denn mit Baumwolle – ob genverändert oder nicht – lässt sich in Südafrika seit einigen Jahren kaum noch Geld verdienen. Grund ist der Weltmarktpreis, der seit Mitte der 1990er Jahre um fast 50 Prozent gefallen ist. Dafür verantwortlich sind vor allem die Subventionen, die die USA ihren Bauern zahlen und die bewirken, dass Amerika seine Baumwolle weltweit zu Schleuderpreisen verkaufen kann. Daran ändert sich nach Ansicht von Experten auch dadurch nichts, dass Washington auf der Welthandelskonferenz im Dezember in Hongkong zugesagt hat, bis Ende des Jahres die direkten Exportsubventionen einzustellen. Denn diese machen nur ein Bruchteil der gesamten Beihilfen für die US-Baumwollbauern aus.

In Südafrika ist der Baumwollanbau wegen des Preisverfalls in den letzten zehn Jahren um drei Viertel gesunken. 1995 wuchsen am Kap noch auf 100 000 Hektar Baumwolle, sechs Jahre später waren es knapp 57 000 Hektar, in der Anbausaison 2004/2005 nur noch gut 20 000 Hektar. Kommerzielle Baumwollbauern, die auf großen Flächen Bewässerungslandbau betreiben, sind umgestiegen auf andere Pflanzen wie Mais, Soja, Weizen oder Sonnenblumen. Auch auf den Makhathini Flats würden viele Bauern gerne wechseln. Doch dazu fehlt ihnen vor allem Wasser. Jeremiah Mabika, sein Bruder Joshua sowie Petrus Mkanini betreiben alle Trockenlandwirtschaft, das heißt sie sind auf den Regen angewiesen. Und der fällt in KwaZulu-Natal seit einigen Jahren viel zu selten. Auf den knochentrockenen Böden der Makhathini Flats wächst nur eine robuste Pflanze wie die Baumwolle – wenn überhaupt.

Zudem lässt sich auf den Flats nur Baumwolle sicher verkaufen. „Bei Bohnen und Mais weiß ich nie, ob ich sie überhaupt loswerde“, sagt Joshua Mabika. Zuckerrohr bringt schlechte Erträge auf dem trockenen Boden und müsste außerdem mehr als 50 Kilometer zur Weiterverarbeitung transportiert werden – viel zu weit für die Kleinbauern. Für Baumwolle dagegen gibt es einen garantierten Abnehmer gleich in der Nähe: Makhathini Cotton Limited. Das mit südafrikanischem und dänischem Kapital geführte Unternehmen kauft den Bauern die Baumwolle ab, entkernt sie und verpackt die gereinigten Fasern für den Weitertransport in eine Baumwollspinnerei.

Auch Maria Kumete beliefert seit einem Jahr die Fabrik. In der Saison 2004/2005 ist sie mit einem Hektar in die Baumwollproduktion eingestiegen – obwohl der Preis so schlecht ist. „Was soll ich machen?“ sagt die junge Mutter einer Tochter. „Natürlich weiß ich, dass das Risiko groß ist. Aber was ich für die Baumwolle kriege ist besser als nichts. Bisher habe ich von der Fürsorge für meine Großeltern gelebt.“

Die Abhängigkeit von der Baumwolle hat eine Vorgeschichte. Anfang der 1970er Jahre nahm die südafrikanische Regierung im Süden der Makhathini Flats einen Staudamm in Betrieb, mit dessen Hilfe das Wasser des Pongola-Flusses in ein Bewässerungssystem geleitet werden sollte. Bis dahin hatten die Bauern vor allem von Subsistenzlandwirtschaft und Viehzucht, aber auch vom Fischfang gelebt. Der Staudamm und das Bewässerungssystem machten dem ein Ende, weil sie den natürlichen Wechsel von Überflutungen und Trockenzeiten durchbrachen.

Eigentlich sollten weiße Zuckerrohrbauern das bewässerte Land erhalten. Die hatten daran aber kein Interesse mehr, als es soweit war. Die Regierung änderte ihre Pläne und siedelte stattdessen schwarze Bauern an, die dort kommerziell Baumwolle und Reis anbauen sollten. Offizielles Ziel war es, das als Homeland für die Schwarzen ausgewiesene Zululand wirtschaftlich selbstständiger zu machen. Mit Hilfe der südafrikanischen Unternehmen Clark Cotton und Tongaat Cotton trieb die Regierung in den 1980er Jahren das Geschäft mit der Baumwolle voran.

Anfang der 1990er Jahre errichteten Clark und Tongaat auf den Flats eine Anlage zur Baumwollentkernung – Vunisa Cotton. Die Bauern erhielten Kredite, Saatgut und Pestizide. Im Gegenzug bekam Vunisa Cotton die gesamte Baumwollernte zur Weiterverarbeitung. Nach und nach wurden auch die Bauern außerhalb des Bewässerungssystems mit Krediten angelockt und in die Baumwollproduktion einbezogen. Finanziell war das Geschäft ein Desaster. Denn die Bauern häuften Schulden an und die Regierung pumpte immer mehr Geld in die Region. Teilweise konnten die Bauern nicht zahlen, weil die Ernteerträge nicht ausreichten, um die Schulden zu tilgen, teilweise weigerten sie sich schlichtweg.


Grüne Gentechnik ist keine Lösung

Das Gen-Saatgut, das der von Monsanto lizenzierte Saatguthersteller Delta & Pine Land 1998 auf den Makhathini Flats einführte, hat an dieser Lage nichts geändert. Die Technologie hat das Schuldenproblem weder gelöst noch verschärft. Die Bauern auf den Makhathini Flats leiden unter der Monokultur, die die Apartheidregierung in den 1970er Jahren durchgesetzt hat, und dem niedrigen Weltmarktpreis für Baumwolle. Grüne Gentechnik bietet da keinen Ausweg.

Harald Witt befürchtet sogar das Gegenteil. „Die Gen-Baumwolle macht den kommerziellen Bewässerungsanbau lukrativer. Sie verstärkt damit die einseitige Fixierung auf Baumwolle auf den Makhathini Flats“, sagt der deutschstämmige Wirtschaftshistoriker, der an der Universität von Durban seit Jahren über die Flats forscht. Auch Monsanto räumt das ein: „An dem Argument, dass der Erfolg unserer Baumwolle und die Debatte darüber den Blick auf Alternativen vernebeln, ist was dran“, sagt Andrew Bennett von Monsanto Südafrika.

Zwar startet die Regierung immer mal wieder Versuche, den Anbau anderer Produkte zu fördern, schreckt aber vor den dafür nötigen Investitionen zurück – zum Beispiel um die Bewässerung auszubauen. „Der Staat will damit eigentlich nichts mehr zu tun haben und wartet auf private Investoren“, sagt Harald Witt. Im vergangenen Jahr gab es seit längerer Zeit mal wieder eine Geldspritze für die Makhathini Flats: gut zwei Millionen Euro von der Provinzregierung KwaZulu-Natal. Doch davon ist mehr als ein Drittel für die Förderung des Baumwollanbaus reserviert.

Den dänischen und südafrikanischen Investoren von Makhathini Cotton kommt das durchaus gelegen. Das Unternehmen schreibt am vorerst letzten Kapitel der Geschichte des Baumwollanbaus auf den Flats. Vor vier Jahren nahm es seine Entkernungsanlage in Betrieb und durchbrach damit das Monopol von Vunisa Cotton, der bis dahin einzigen Fabrik. Innerhalb eines Jahres kollabierte die bisherige Produktionsweise auf den Flats. Denn Makhathini Cotton bot den Bauern höhere Preise und kaufte große Teile der Ernte 2002. Vunisa Cotton machte erhebliche Verluste und zog sich ein Jahr später von den Makhathini Flats zurück. Auch die Regierung stellte die Kreditvergabe an die Bauern ein.

Jetzt hat Makhathini Cotton das Monopol. Aber anders als Vunisa versorgt es die Bauern nicht mit Krediten und Saatgut, sondern bietet ihnen an, ihr Land zu mieten und sie selbst gegen Lohn auf den Feldern zu beschäftigen. Derzeit baut das Unternehmen auf rund 1000 Hektar bewässertem Staatsland Baumwolle an, dazu kommen einige hundert Hektar Land von Bauern, die das Angebot bereits angenommen haben. Makhathini Cotton hat ehrgeizige Pläne und will den bewässerten Baumwollanbau auf den Flats deutlich ausweiten. Und dabei spekuliert es auch auf die guten Ergebnisse der Gen-Baumwolle. „Die können es kaum erwarten, dass die Regierung endlich unsere neue Sorte zulässt, die gleichzeitig insektenresistent und herbizidtolerant ist“, erzählt Monsanto-Mitarbeiter Shadrack Mabuza.

Makhathini Cotton sieht seine Strategie als eine Art Entwicklungsprojekt: Man wolle für eine befristete Zeit das Land übernehmen, in Bewässerung und andere Ausstattung investieren, selbst ein paar Jahre gutes Geld mit der Baumwolle verdienen und dann den Bauern das Land wieder zurückgeben. „Warum nicht?“ meint Marnus Gouse, Agrarökonom an der Universität Pretoria. „Sie wollen die Region fördern, und das ist eine großartige Sache.“

Doch viele der Bauern sind skeptisch. Moses Kumete, einer von ihnen, möchte seine 26 Hektar jedenfalls lieber selbst bewirtschaften. Er befürchtet, dass die von Makhathini Cotton geplante Intensivierung des Baumwollanbaus die Böden zugrunde richtet. „Ich würde doch auch nicht dabei zusehen, wie jemand meine Kuh mästet, sie schlachtet und auffrisst – und mir dann die Reste hinwirft.“ Die Bauern auf den Makhathini Flats blicken in eine ungewisse Zukunft – mit oder ohne Gen-Baumwolle.