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02/2006
 

„Die Bauern haben die Wahl“

Gentechnik ist kein Wundermittel. Sie kann nicht alle Probleme lösen, mit denen Bauern in Entwicklungsländern konfrontiert sind. Aber sie kann ihnen das Leben erleichtern, argumentiert Andrew Bennett vom weltweit führenden Biotechnologiekonzern und Saatguthersteller Monsanto. Seiner Ansicht nach ist es Unsinn zu behaupten, Monsanto wolle den internationalen Saatgutmarkt kontrollieren.


[ Interview mit Andrew Bennett ]

Herr Bennett, helfen gentechnisch veränderte Pflanzen gegen Hunger und Armut?
Es wäre falsch zu behaupten, dass sie die vollständige Antwort darauf sind. Sie reduzieren aber die Risiken von Bauern, zum Beispiel mit Blick auf das Wetter, Schädlingsbefall oder Unkraut. Genveränderte Pflanzen geben dem Bauern mehr Gewissheit, wie seine Ernte ausfallen wird.

Bauern in Entwicklungsländern leiden vor allem unter Problemen wie Kapitalmangel, fehlendem Marktzugang und schlechter Infrastruktur. Was kann Technik hier bewirken?
Es wäre unfair, von der Gentechnik zu erwarten, dass sie solche Probleme löst. Technologie ist keine Wunderwaffe. Sie ermöglicht es aber, Saatgut mit Eigenschaften zu versehen, die Bauern die Arbeit erleichtern. Ein Bauer, der konventionelles Saatgut verwendet, stellt zum Beispiel nach ein paar Wochen fest, dass er Pestizide braucht und in die Stadt muss, um sie zu kaufen. Zu diesem Zeitpunkt sind die Schäden an seinen Pflanzen möglicherweise schon ziemlich groß. Außerdem braucht er Wasser für den Pestizideinsatz. Kleinbauern, die oft nur schwer Zugang zu Wasser haben, kann es sehr viel Zeit kosten, die 300 bis 400 Liter zu beschaffen, die sie pro Anwendung brauchen. Unsere schädlingsresistenten Bt-Pflanzen senken den Wasserbedarf deutlich. Je mehr Eigenschaften wir in das Saatgut einbauen, desto geringer sind die Risiken in der Pflanzenproduktion. Die Bauern würden unsere Produkte bestimmt nicht kaufen, wenn sie keine Vorteile davon hätten.

Welche Produkte, an denen zurzeit geforscht wird, versprechen den größten Nutzen für Kleinbauern in armen Ländern?
Es gibt eine Menge, aber es ist schwierig zu sagen, welche Produkte letztlich auf den Markt kommen. Außer schon erhältlichen Produkten wie Mais und Baumwolle mit Schädlingsresistenz sind dürretolerante Pflanzen am vielversprechendsten. Die meisten Bauern in Afrika betreiben Regenfeldbau und haben keinen Zugang zu Bewässerung. Dürreperioden sind ein großes Hindernis für die Nahrungsmittelsicherheit. Die dürretoleranten Pflanzen, an denen derzeit geforscht wird, werden Perioden mit sehr heißem und trockenem Wetter überstehen können. Pflanzen, die mit dieser Technologie ausgerüstet sind, werden in der Lage sein, ihre lebenswichtigen Systeme bis zum nächsten Regen zu schließen. Dann werden sie weiterwachsen und normale Erträge bringen. In Südafrika haben wir eine sehr interessante Pflanze, die wir Auferstehungsbusch (resurrection bush) nennen. Wenn Sie ein kleines Stück davon, das wie ein verbrannter Zweig aussieht, in ein Glas Wasser legen, dann bekommt es innerhalb von etwa drei Stunden Blätter und wird dunkelgrün. Es gibt in der Natur eine Menge dürretoleranter genetischer Eigenschaften. Man muss sie nur isolieren und herausfinden, wie sie für Kulturpflanzen genutzt werden können.

Kritiker sagen, die Forschung zu genveränderten Pflanzen sei viel zu teuer und habe bislang nur dürftige Ergebnisse gebracht.
Richtig, die Forschung verschlingt viel Geld. Vor allem die vielen Tests mit neu entwickelten Pflanzen ziehen sich über Jahre hin und kosten bis zu 30 Millionen Dollar. Aber auf der anderen Seite steht der große Nutzen der Pflanzen für Millionen von Bauern in der ganzen Welt. Rund acht Millionen Bauern in 18 Ländern bauen derzeit auf 81 Millionen Hektar genveränderte Pflanzen an.

Sind die vorgeschriebenen Tests, die eine neue genveränderte Pflanze durchlaufen muss, zu streng?
Ich denke, insgesamt sind sie angemessen. Sie erscheinen ziemlich streng und manchmal entsteht der Eindruck, dass genmanipulierte Pflanzen strenger geprüft werden als konventionelle, was etwas unfair wirkt. In der konventionellen Züchtung wird eine Vielzahl von Genen gemischt und es wird kaum geprüft, was dabei herauskommt. Wenn wir dagegen nur ein Gen einer Pflanze hinzufügen, wird das sehr streng kontrolliert. Aber wie gesagt, ich denke, das ist angemessen, weil wir sicher sein müssen, wie sich eine neue Pflanze verhält. Als Unternehmen haben wir kein Interesse daran, ein Produkt auf den Markt zu bringen, das uns eine Reihe von Rechtsstreits einbringt. Man könnte die Regulierung aber stärker harmonisieren. Wenn zum Beispiel Südafrika eine bestimmte Pflanze zulässt, dann sollten Nachbarländer die Testinformationen nutzen, anstatt den gesamten Zulassungsprozess zu wiederholen.

Die erste grüne Revolution in Asien in den 1960er und 1970er Jahren hatte zur Folge, dass viele Kleinbauern verdrängt wurden, die die neuen Technologien nicht nutzen konnten. Könnte das auch in der Gentechnik-Revolution passieren?
Das ist eine schwierige Frage. Nach meiner Erfahrung werden die höheren Saatgutpreise für genveränderte Pflanzen durch die höheren Erträge mehr als ausgeglichen. Wir haben also eine Win-win-Situation, in der sowohl ein kommerzielles Unternehmen als auch die Bauern von einer neuen Technologie profitieren.

Damit Bauern maximale Erträge aus genmanipulierten Pflanzen erzielen und um Umweltrisiken einzudämmen sind professionelle landwirtschaftliche Beratung und strenge Überwachung nötig. In vielen armen Ländern gibt es das nicht. Ist es unter diesen Umständen überhaupt zu verantworten, genverändertes Saatgut zu verkaufen?
Ich denke schon. Ich meine, wenn Sie Hunger haben, dann haben Sie Hunger. Und in Afrika leiden viele Menschen unter entsetzlichem Hunger. Wenn es eine Möglichkeit gibt, das zu ändern, dann müssen wir alles in unserer Macht Stehende dafür tun. In Südafrika beispielsweise kontrollieren wir alle zwei Jahre die schädlingsresistente Baumwolle. Wir überwachen die Verbreitung von Schädlingen und vergleichen die Ergebnisse mit Kontrolldaten, um zu prüfen, ob es irgendwelche Abweichungen gibt. Dadurch erhalten wir frühzeitig Hinweise darauf, ob sich Resistenzen entwickeln. Wir haben viele Außendienstmitarbeiter und die meisten Länder haben landwirtschaftliche Berater, die schnell reagieren können, falls ein Produkt versagt. Ich kann aber sagen, dass es auf den Millionen Hektar mit Bt-Pflanzen weltweit bislang keine Fälle von Resistenzen gegeben hat. Das Produkt ist heute genauso zuverlässig wie zu dem Zeitpunkt, als es neu auf den Markt kam. Von vielen Pestiziden kann man das nicht behaupten.

Kritiker sagen, arme Länder sollten keine genveränderten Pflanzen zulassen, weil sie das den Marktzugang nach Europa kosten könnte.
Ich finde, das ist kein stichhaltiges Argument, da Europa den Import der meisten genveränderten Pflanzen, die derzeit auf dem Markt sind, erlaubt. Außerdem gibt es ohnehin nur sehr wenige arme Länder, die Nahrungsmittel exportieren. Wichtig ist vor allem, dass ein Land Ernährungssicherheit erreicht. Im Vergleich zum internen Bedarf sind die Nahrungsmittelexporte von Entwicklungsländern eher klein.

Gentechnik-Gegner sagen, durch genveränderte Pflanzen geraten Bauern in die Abhängigkeit großer Saatgutunternehmen, die die Patente an diesen Pflanzen halten.
Das kann man so sehen, wenn man will. Aber letztlich haben die Bauern doch die freie Wahl, welche Pflanzen sie kaufen. Natürlich lässt Monsanto diese Technologien patentieren. Wenn das nicht möglich wäre, gäbe es keinen Anreiz, neue Produkte zu entwickeln. Wenn es keine Gegenleistung für die Entwicklungskosten gäbe, dann hätten wir diese Produkte überhaupt nicht. Monsanto hat zudem den Schritt unternommen, seine Produkte möglichst breit zu streuen, und viele andere Saatgutunternehmen für den Vertrieb lizenziert. In Südafrika haben wir drei verschiedene Saatgutfirmen lizenziert, in den USA gibt es noch viele mehr. Diese Firmen verlieren nicht die Kontrolle über sich selbst: Sie produzieren immer noch das Saatgut, das sie möchten. Sie sind nun außerdem in der Lage, den Bauern die zusätzlichen Vorteile neuer Gen-Merkmale anzubieten. Es ist absurd zu behaupten, Monsanto kontrolliere den Markt, indem es ein oder zwei große Saatgutfirmen dominiere.

Aber Monsanto hat auf der ganzen Welt viele Saatguthersteller gekauft . . .
Natürlich kaufen wir Saatgutfirmen. In den USA zum Beispiel, die wahrscheinlich einer der größten Saatgutmärkte der Welt sind, hat Monsanto einen Marktanteil von weniger als 20 Prozent. Der Rest ist unter zahlreichen anderen Firmen aufgeteilt. Natürlich sind wir daran interessiert, diesen Markt mit unseren Biotechnologieprodukten zu erobern. Aus diesem Grund kaufen wir andere Saatguthersteller. Aber zu behaupten, wir besäßen und kontrollierten alle Saatgutfirmen der Welt mit dem Ergebnis, dass die Bauern von uns abhängig sind, ist absoluter Unsinn. Weltweit liegt unser Marktanteil für Saatgut bei nicht einmal zehn Prozent.

Es ist Ihrer Ansicht nach also im Interesse sowohl der Bauern als auch der Industrie, wenn Bauern zwischen genmanipulierten und konventionellen Pflanzen frei wählen können?
Absolut. Die Bauern sind die Kunden. Sie treffen die Entscheidung, welches Saatgut sie aussäen wollen. Wenn die überwältigende Mehrheit konventionelles Saatgut will, dann werden die Saatgutunternehmen konventionelles Saatgut herstellen und verkaufen. Wenn jedoch genverändertes Saatgut nachgefragt wird, dann zeigt das den Saatgutfirmen, dass sie dieses anbieten müssen. Wir bieten die Produkte an und die Bauern entscheiden. Dabei spielen auch Verbraucherpräferenzen eine Rolle. Die Bauern werden kein genverändertes Saatgut kaufen, wenn es keinen Markt für ihre Produkte gibt.

Es gibt zahlreiche Berichte darüber, dass genveränderte Pflanzen versagt haben, beispielsweise Bt-Baumwolle im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh. Für arme Bauern ist es riskant, neue Technologien auszuprobieren. Wer sollte dafür haften, wenn genveränderte Pflanzen nicht wachsen?
Eine ziemliche Fangfrage. Aber mit Blick auf das Beispiel Andhra Pradesh: Der Grund für das Versagen der Bt-Baumwolle dort hatte nichts mit der Genmanipulation zu tun. Es war vielmehr so, dass die Sorte, die den Bauern verkauft wurde, für die Region nicht geeignet war. Aufgrund der großen Beachtung, die die Gentechnik-Kontroverse in der Öffentlichkeit findet, haben die Kritiker sich die Chance leider nicht entgehen lassen, das Versagen auf die Genveränderung zu schieben. In dieser Region wäre aber die gleiche Sorte ohne Bt-Gen ebenfalls eingegangen. Das haben Untersuchungen ergeben.

Wir stellen bestimmte Ansprüche an unsere Produkte. Wir sagen zum Beispiel, dass durch unseren schädlingsresistenten Mais die Anzahl der Pestizidanwendungen reduziert werden kann. Wenn ein Bauer in Südafrika Bt-Mais pflanzt und dennoch beträchtliche Ernteverluste durch Schädlingsbefall hat, dann werden wir ihn dafür entschädigen. Das ist gelegentlich vorgekommen, manchmal aus Gründen, über die wir uns nicht ganz klar sind, aber nach meiner Erfahrung nur sehr, sehr selten. Auf der anderen Seite ist es nicht fair, in einer Dürreperiode, in der Pflanzen vertrocknen, zu sagen: „Seht doch, diese genveränderte Pflanze produziert überhaupt keinen Mais.“ Denn in einem solchen Fall ist schlichtweg Wassermangel die Ursache. Ich wünschte mir, so mancher unberechtigte Vorwurf an die Gentechnik würde etwas kritischer kommentiert.

Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.


Andrew Bennett
ist für die Vermarktung von
Biotechnologie-Produkten
bei Monsanto Südafrika in Johannesburg verantwortlich.
andrew.bennett@monsanto.com