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Handelspolitik

Kultur und Tradition: Kein Hemmnis, sondern ein Faktor für Entwicklung

Von der vergeblichen Suche nach der Projektwirklichkeit

Eine Lanze für die soziale Sicherung


03/2003
 

Guter Überblick mit einigen Lücken

Kultur und Tradition: Kein Hemmnis, sondern ein Faktor für Entwicklung

Gerald Faschingeder: Kultur und Entwicklung. Zur Relevanz soziokultureller Faktoren in hundert Jahren Entwicklungstheorie. Frankfurt a.M., Wien, Brandes & Apsel, Südwind 2001, 158 S., 12,80 E, ISBN 3-86099-214-7


Um es vorwegzunehmen: Dies ist ein gutes und praxisnahes Buch. Auch wenn der Untertitel trockene Theorie suggeriert, der Autor schafft es, in klarer Sprache die Relevanz der soziokulturellen Dimension in einhundert Jahren Entwicklungstheorie auch für Uneingeweihte gut nachvollziehbar darzustellen und zu erklären.


Bemerkenswert ist, wie Faschingeder den Eurozentrismus und vor allem die Kulturblindheit aller großen Theorien herausarbeitet. Selbst die Vertreter einer autozentrierten Entwicklung des Südens thematisieren Kultur in erster Linie als Herrschaftsinstrument oder Kampfarena, in der Schlachten um die Konstruktion von Identitäten ausgetragen werden. Auch die meisten Dependenztheoretiker hinderte der "sozialistische Fernblick", wie es Faschingeder nennt, daran, in Kultur und Tradition mehr als nur ein Entwicklungshemmnis hin zur klassenlosen Gesellschaft zu sehen. Darin ähneln sie auf frappante Weise den von ihnen bekämpften Modernisierungstheoretikern, allen voran Samuel Huntington, der schon in den 70er Jahren nicht nur den entwicklungshemmenden Einfluss der Kultur analysierte, sondern auch einen autoritären Regierungsstil für Entwicklungsgesellschaften propagierte. Auch nach der Auflösung der Lagergrenzen blieben etliche Autoren dem eurozentrischen Weltbild verhaftet, wie der programmatische Titel von Dieter Senghaas' Buch "Von Europa lernen" von 1982 zeigt.

Ziel eines neuen Entwicklungsparadigmas könnte nach Faschingeder sein, weg von einem eindimensionalen Entwicklungsziel zu einer kultursensiblen Annäherung an die Wirklichkeit zu kommen. Dabei müsste der Norden lernen, den Kult der "Entwicklung" als einen Aspekt der Kultur des Westens zu begreifen, und die Partner im Süden sollten stärker ihre Erfahrungen in den Diskurs einbringen. Doch wie könnte dieser Dialog der Kulturen in der Praxis aussehen, wie die von Faschingeder geforderte Integration soziokultureller Reflexionen in die entwicklungspolitischen Theorien gelingen?

Hier gerät des Autors Gelehrsamkeit an ihr Ende, und hier beginnt die Kritik an diesem Buch. Faschingeder betont das Fremde im Anderen, aber er nutzt nicht die Erkenntnisse der Alteritätsdebatte in den Sozial- und Kulturwissenschaften, in der unter anderem vor der Gefahr des "Othering" gewarnt wurde, vor der Überbetonung des Fremden - einer Gefahr, der Faschingeder selbst erliegt. Und obwohl sieBücher mit teilweise fast gleich lautendem Titel („Kultur und Entwicklung“) veröffentlicht haben, erwähnt Faschingeder die Protagonisten der in den 80er Jahren äußerst kontrovers geführten Soziokulturelle-Faktoren-Debatte im BMZ (zum Beispiel Frank Bliss, Hans-Peter Müller, Uwe Simson) mit keinem Wort. Unverständlich bleibt auch, dass er zwar das ganze Buch hindurch den ethnologischen Kulturbegriff hoch hält, aber kaum ethnologische Literatur verarbeitet. Nicht zuletzt wurde in E+Z zwischen 1995 und 1999 eine Reihe von Artikeln zu neuen Ansätzen in der Entwicklungstheorie veröffentlicht, die Faschingeders Ausblick beträchtlich erweitert hätten.

Fazit: Faschingeder gibt einen guten Überblick, sein Buch eignet sich für den Einstieg ins Thema Entwicklungstheorien ebenso wie für die Debatte über Kultur und Entwicklung. Wer sich allerdings weitergehend informieren will, muss sich um vertiefende Lektüre bemühen.

Michael Schönhuth