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Handelspolitik

Kultur und Tradition: Kein Hemmnis, sondern ein Faktor für Entwicklung

Von der vergeblichen Suche nach der Projektwirklichkeit

Eine Lanze für die soziale Sicherung


03/2003
 

Provozierende Einsichten

Von der vergeblichen Suche nach der Projektwirklichkeit



Richard Rottenburg: Weit hergeholte Fakten. Eine Parabel der Entwicklungshilfe. Stuttgart, Lucius & Lucius 2002, 271 S., 25,00 E, ISBN 3-8282-0213-6


Von Dieter Weiss

Die Problematik, die Rottenburg an einem fiktiven Beispiel analysiert, ist Profis der Entwicklungszusammenarbeit bestens vertraut: In dem subsaharischen Land "Ruritanien" bemüht sich die deutsche Entwicklungsbank "NEB" unter Einschaltung einer deutschen Consulting-Firma um die Rehabilitierung von drei städtischen Wasserwerken. Durch Organisationsentwicklung sollen Versickerungsverluste beseitigt und die Eintreibung der Wassergebühren gestrafft werden. Doch vom Partner zugesagte sektorpolitischen Reformen sowie andere Leistungen lassen auf sich warten.


Der Verfasser gewinnt dieser Standardsituation provozierende Einsichten aus der Perspektive der Ethnologie ab. Rottenburg interessiert, was sich im "Zwischenraum", in der Kommunikation zwischen Geber- und Nehmerakteuren abspielt. Es ist brillant, wie er die Mitspieler aus ihrer je eigenen Perspektive die Komplexität der Aushandlungsprozesse und den Einsatz von Druck- und Machtmitteln schildern lässt. So wird die Fragwürdigkeit der scheinbar objektiven, tatsächlich aber "weit hergeholten Fakten" über das Projekt transparent.

Was also ist die "Wirklichkeit" der ostafrikanischen Wasserwerke? Rottenburg zeigt, dass Geber und Nehmer sich zwingend auf organisatorische Verfahrensregeln für die scheinbar analytisch verlässliche Erfassung der Realität einigen müssen. Es muss ein gemeinsamer Code gefunden werden, der etwa besagt, dass es bei Wasserversorgungsprojekten um den Transfer scheinbar kulturneutraler Technologie geht. Aus dem Blick gerät dabei, dass möglicherweise beim afrikanischen Partner ein elementares Unverständnis für Schriftkultur und Kontenführung herrscht und stattdessen als entscheidend das persönliche Gedächtniss der Wasseruhrenableser gilt. Entwicklungsprojekte scheitern, so Rottenburg, weil sie an den Realitäten der beteiligten Akteure vorbeilaufen.

Dem Rezensenten ist keine Veröffentlichung bekannt, die ein ähnliches Unterfangen mit der gleichen Souveränität und institutionellen Detailkenntnis in Angriff genommen hätte. Der Leser sieht sich mit eigenen blinden Flecken bezüglich des entwicklungspolitischen Beziehungsgefüges konfrontiert; sein eigener Schatz von Felderfahrungen gewinnt vor dem Hintergrund der in diesem Buch vorgeführten Deutungsmuster verblüffende neue Aspekte. Rottenburg ist ein großer Wurf gelungen.