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Meinung
Von verwirrend bis gut lesbar
Weltsozialforum am Scheideweg

03/2003 |
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Weltsozialforum am Scheideweg
Von Ann Kathrin Schneider
Zum dritten Mal fand Ende Januar das Weltsozialforum in Porto Alegre statt. Noch nie nahmen so viele Menschen daran teil wie dieses Jahr, noch nie wurde es so stark von der Weltöffentlichkeit beachtet. Doch hinter diesem Erfolg verbirgt sich zugleich ein Problem: Beim Weltsozialforum dominiert mehr und mehr die Show, die Knochenarbeit an politischen und wirtschaftlichen Alternativen gerät in den Hintergrund.
Das diesjährige Weltsozialforum vom 23. bis 27. Januar in Porto Alegre hat alle bisherigen Veranstaltungen der globalisierungskritischen Bewegung übertroffen: 100 000 Teilnehmer, fast doppelt so viele wie letztes Jahr, haben sich, ihre Idole und Ideen fünf Tage lang ausgiebig gefeiert und sich gegenseitig in ihrer Opposition zum amerikanischen Imperialismus bestätigt. Doch indem der venezolanische Präsident Hugo Chávez unter Hinweis auf die Wahlsiege in Brasilien und Ecuador, Fidel Castros Festhalten an der Macht in Kuba und nicht zuletzt seine eigene Politik die Wiedergeburt der lateinamerikanischen Linken beschwor, machte er unfreiwillig auf ein zentrales Problem des Forums aufmerksam: Man mag es als Wiedergeburt der Linken oder als Zeichen einer erstarkenden globalisierungskritischen Bewegung feiern je größer das Weltsozialforum wird, je stärker es auch außerhalb der Bewegung beachtet wird, desto oberflächlicher droht es zu werden und desto leichter kann es von populistischen Trittbrettfahrern missbraucht werden.
Porto Alegre 2003 mit seinen Massenveranstaltungen und dem Fokus auf große Namen und polarisierende Aussagen hatte einen eher manifestativen als kreativen Charakter. Die Ansprache von Lula, Großdemonstrationen gegen ein gesamtamerikanisches Freihandelsabkommen und die Vorträge von Stars der Szene wie Noam Chomsky und Arundhati Roy vor 15000 Menschen prägten das diesjährige Weltsozialforum. Im Vergleich zu diesen, bunten und lauten Großveranstaltungen trat die leise, unspektakuläre Form der konzeptionellen politischen Arbeit in den Hintergrund.
Dabei wurde hinter den Kulissen auch dieses Jahr in Porto Alegre durchaus eifrig an politischen und wirtschaftlichen Alternativen gearbeitet. So trafen sich Entschuldungsinitiativen aus der ganzen Welt und berieten darüber, wie ein umfassender Schuldenerlass umgesetzt und der Druck auf die Gläubiger erhöht werden könnte; es wurde über praktische Möglichkeiten der Eindämmung von Steuerflucht und über Strategien im Kampf gegen die Strukturanpassungspolitik der internationalen Finanzinstitutionen diskutiert; Frauen aus aller Welt trafen sich, um darüber zu beraten, wie der Gender-Ansatz in die Globalisierungskritik integriert werden könnte. Auch viel radikalere Ansätze wurden diskutiert, etwa zu alternativen Wirtschafts- und Lebensformen. Und die Entwicklungsländer wurden dazu aufgefordert, ganz mit dem IWF zu brechen.
Porto Alegre war ein Treffpunkt, an dem Individuen zusammenkamen und sich in der gemeinsamen Opposition zu Krieg, Fremdherrschaft und der Dominanz des Marktes solidarisch und stark fühlen konnten. Die emotionalen Massenveranstaltungen haben stark zu diesem Gefühl beigetragen, sie haben insofern auch eine wichtige Funktion. Und doch könnte es sich als Schritt in die richtige Richtung erweisen, dass das Weltsozialforum im kommenden Jahr im indischen Hyderabad stattfindet und voraussichtlich wieder eine Nummer kleiner ausfällt.
Ann Kathrin Schneider ist Projektreferentin für Internationale Finanzinstitutionen bei der Organisation Weltwirtschaft Ökologie und Entwicklung (WEED).
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