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„Technologie“ als Schlüsselfaktor

Bildungsauftrag „Globales Lernen


03/2004
 

[ Lesenswerte Übersicht ]

„Technologie“ als Schlüsselfaktor

Die Vorlage eines Lehrbuchs verlangt immer nach einer besonderen Begründung. Das gilt besonders dann, wenn es sich um einen weiteren Beitrag zu relativ gut abgedeckten Bereichen wie „Wachstum“ und „Entwicklung“ handelt. Ros hat ein überzeugendes Argument für sein Buch: Er versucht sich an der bislang weitgehend fehlenden Integration früherer Ansätze zur Entwicklungstheorie mit jüngsten Beiträgen zur Wachstumstheorie. Beide Theorielinien stellen auf Marktunvollkommenheiten wie unvollständigen Wettbewerb, steigende Skalenerträge und systemische Arbeitslosigkeit ab und stehen somit im Gegensatz zum traditionellen neoklassischen Ansatz, der Marktergebnisse in der Regel als effizient betrachtet.

Leser mit solider volkswirtschaftlicher Grundbildung und ausreichenden Mathematikkenntnissen werden es zu schätzen wissen, dass Ros zumindest ansatzweise auch die empirische Relevanz der verschiedenen theoretischen Ansätze berücksichtigt, die er behandelt. Seine empirisch motivierte Kritik des traditionellen neoklassischen Wachstumsmodells kann indes nicht vollständig überzeugen, da sie an einem sehr restriktiven Konzept des Faktors „Technologie“ festgemacht wird. Mit anderen Worten: Es kommt für die empirische Bewertung alternativer theoretischer Ansätze schon darauf an, was man eigentlich unter dem Schlagwort „Technologie“ versteht.

Geht es bei „Technologie“ beispielsweise nur um eine Art von Blaupause, mit deren Hilfe sich die aggregierten Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital in das Sozialprodukt eines Landes verwandeln lassen, dann ist nicht einzusehen, wieso einzelne Länder keinen Zugang zu einer solchen Blaupause haben sollten: Selbst ein extrem armes Land wie Nordkorea ist offenbar im Besitz der Blaupause für den Atombombenbau. Berücksichtigen wir unter „Technologie“ auch die Qualität der jeweiligen institutionellen Rahmenbedingungen eines Landes, dann wird unmittelbar klar, weshalb es keine massiven Kapitalströme in die ärmsten Länder gibt. Ebenso ließen sich unter dem Begriff „Technologie“ die klimatischen und geographischen Bedingungen eines Landes einordnen. Sie stellen unter Umständen ein schwerwiegendes Entwicklungshemmnis dar.

Neueren empirischen Arbeiten zufolge liefert das neoklassische Wachstumsmodell durchaus brauchbare Hypothesen zur Erklärung der internationalen Einkommensunterschiede, wenn der Begriff „Technologie“ nicht in einem unnötig engen Sinne interpretiert wird. Unabhängig von der empirischen Bewertung alternativer Entwicklungstheorien liefert Ros mit seinem Lehrbuch eine sehr lesenswerte Übersicht über den Stand der aktuellen theoretischen Forschung. Sie könnte helfen, das Thema „Entwicklung“ vom Rand wieder mehr in den Mittelpunkt der ökonomischen Diskussion zu rücken. Erich Gundlach




Corinna Hauswedell, Christoph Weller, Ulrich Ratsch, et al. (Ed.): Friedensgutachten 2003. Münster, Lit 2003, 317 pp., 12.90 Euro, ISBN 3-8258-6760-9