Beiträge aus der Rubrik
Fakten + Tendenzen


Afrikanische Kirchen tun sich mit AIDS-Prävention schwer

Somalias Hoffnung auf Frieden

BMZ: An Dynamik in Afrika anknüpfen

Internationale Entwicklungshilfe steigt

„Der Gebrauchtgüterhandel muss Regeln haben“

Austrian Development Agency gegründet

Fachgespräch: Armutsbekämpfung forcieren

Fortbildung für Evaluatoren

40. Ausbildungskurs des DIE


03/2004
 

[ Eberhard Jochem, Rat für Nachhaltige Entwicklung ]

„Der Gebrauchtgüterhandel muss Regeln haben“

Zum zehnten Mal findet Ende April in Karlsruhe die „Resale“ statt, die weltgrößte Messe für Gebrauchtmaschinen. Der internationale Handel mit gebrauchten Kapitalgütern und Fahrzeugen – vom Gabelstapler bis zum Kohlekraftwerk – hat zweistellige Wachstumsraten und derzeit ein Volumen von rund 150 Milliarden US-Dollar jährlich; die Käufer kommen meist aus Entwicklungsländern. In einer Studie aus dem vergangenen Jahr weist der Rat für Nachhaltige Entwicklung darauf hin, dass Gebrauchtgüter den Empfängern nicht nur Vorteile bringen. Ratsmitglied Professor Eberhard Jochem, Senior Executive am Fraunhofer Institut Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe, benennt die Risiken.


Herr Professor Jochem, wie wichtig sind Gebrauchtgüter für die Entwicklungsländer?
Sie haben große ökonomische Bedeutung, weil es in den meisten Entwicklungsländern an Kapital für neue Anlagen oder Fahrzeuge mangelt. Ein extremes Beispiel ist Indien, wo der Anteil der Gebrauchtgüter an den gesamten Kapitalgüterimporten bei etwa 75 Prozent liegt.

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung warnt, Gebrauchtgüter könnten Entwicklung auch gefährden. Wie das?
Das gilt für solche Güter, die relativ umweltintensiv oder sicherheitssensibel sind. Wir haben zum Beispiel in Mexiko eine chemische Reinigung aus den USA entdeckt, die aus den 50er Jahren stammt und mit Schwerbenzin im offenen Verfahren arbeitet – und von rauchenden Arbeitern bedient wurde. Viele Gebrauchtgüter der Grundstoffindustrie sind bedenklich, weil sie die Umwelt stark belasten. Bei Investitionsgütern und Fahrzeugen geht es auch um die Sicherheit und die Gesundheit der Arbeiter.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie argumentiert, Gebrauchtgüter aus Industrieländern seien unbedenklich, weil sie in der Regel die Umwelt- und Sicherheitsstandards in armen Ländern überträfen.
Das ist einerseits richtig, andererseits stellt sich die grundsätzliche Frage, wie technologischer Fortschritt in den Entwicklungsländern vonstatten gehen soll. Für einen inkrementalistischen Ansatz sind Gebrauchtgüter möglicherweise die richtige Wahl. Sollen aber größere Entwicklungsschritte unternommen werden, also veraltete Technologien durch möglichst effiziente und saubere Anlagen ersetzt werden, dann sind vor allem sehr alte Gebrauchtgüter in bestimmten Bereichen eher schädlich für eine nachhaltige Entwicklung.

Aber für moderne Technologie fehlt doch das Kapital. Wer soll den Austausch der bedenklichen Gebrauchtgüter bezahlen?
Das ist eine Aufgabe, der sich zum Beispiel die Weltbank und regionale Entwicklungsbanken stärker widmen sollten. Außerdem sollte das Anliegen, in den Entwicklungsländern veraltete Technologien zu ersetzen, bei der Vergabe von Kreditbürgschaften eine größere Rolle spielen.

Wie wichtig ist der Gebrauchtgüterhandel für die exportierenden Unternehmen?
Mit dem Verkauf von Anlagen, die abgeschrieben sind, lassen sich noch gute Einnahmen erzielen. Zudem ist der Export häufig mit einem Serviceauftrag gekoppelt. Und sollte der Käufer reinvestieren wollen, kann das exportierende Unternehmen an die Geschäftsbeziehung anknüpfen und eine neue Anlage anbieten.

Welche Maßnahmen könnten zu einem entwicklungs- und umweltfreundlicheren Gebrauchtgüterhandel beitragen?
Wichtig sind zum einen umfassende Informationen der Exporteure über die technischen Merkmale von Altanlagen wie Energiebedarf und Emissionen. Zum anderen muss es in den Empfängerländern gut ausgebildete Personen geben, die diese Informationen auswerten und richtig interpretieren können. Gut wäre, wenn exportierende Unternehmen sich auf bestimmte Standards verpflichten würden, zum Beispiel bestimmte Anlagen aus dem Verkehr zu ziehen oder nachzurüsten. Die Entwicklungsländer ihrerseits sollten sich Kriterien überlegen, die den Import von Gebrauchtgütern steuern. In eine Reihe von Ländern dürfen zum Beispiel Kraftfahrzeuge, die ein gewisses Alter überschritten haben, nicht mehr eingeführt werden.
Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.





Weitere Informationen: Rat für Nachhaltige Entwicklung (Hg.): Gebrauchtgüterexporte und Technologietransfer – Ein Hindernis für nachhaltige Entwicklung in Entwicklungs- und Schwellenländern? Berlin, 2003. Im Internet: www.nachhaltigkeitsrat.de/dokumente/studien/index.html