Meinung

Interview: „Wir setzen wenig Hoffnung in die Weltbank“

Die Globalisierung der Globalisierungskritiker


03/2004
 

Kommentar

Die Globalisierung der Globalisierungskritiker

[ Von Bernard Imhasly ] Das diesjährige Weltsozialforum im Januar in Bombay war das erste, das nicht in Porto Alegre stattfand. Die vielen asiatischen und afrikanischen Teilnehmer verwandelten es in ein wahrhaft globales Ereignis. Für die indischen Veranstalter war der offene Charakter des Forums eine Herausforderung. Gleichzeitig konnten die Gastgeber ihre Erfahrung mit einer lärmigen Demokratie einbringen, die sich immer wieder zusammenraufen muss.

„Was wir hier sehen, ist die Globalisierung des Forums.“ Der Kommentar der Globalisierungskritikerin Virginia Vargas aus Peru zum Weltsozialforum (WSF) in Bombay war nicht ironisch gemeint. Die bisherigen drei Veranstaltungen in Porto Alegre seien Treffen von Bewegungen vorwiegend aus Europa und Lateinamerika gewesen, sagte sie. In Bombay waren asiatische Gruppen in großer Zahl zugegen und auch mehr afrikanische Vertreter als im Vorjahr. Das machte das diesjährige Forum zu einem globalen Ereignis.

Auch thematisch wurden neue Fenster geöffnet. Die Problematik des religiösen Fundamentalismus (und dessen manchmal erstaunliche Kohabitation mit marktwirtschaftlicher Liberalisierung) war ein neues Thema des Forums, ebenso wie das der sozialen Ausgrenzung und des Protestes dagegen durch die zahlreich angereisten Gruppen von Dalits, wie Indiens Unberührbare politisch korrekt heißen. Doch auch vertraute WSF-Themen erhielten plötzlich eine neue Perspektive. „In Lateinamerika ist das Recht auf Abtreibung ein zentrales Thema des feministischen Kampfs“, sagte Vargas. „Und nun kommen wir in ein Land, das die Abtreibung nicht nur staatlich fördert, sondern wo Frauen dieses Recht missbrauchen, indem sie den weiblichen Fötus abtreiben, weil sie männliche Nachkommen wollen.“

Bombay gab routinierten WSF-Besuchern auch Gelegenheit, die anarchische Macht ihres klassischen Gegners – der marktwirtschaftlichen Globalisierung – ins Visier zu nehmen. Porto Alegre war bereits erobertes Territorium, meinte ein brasilianischer Teilnehmer in Anspielung auf die Tatsache, dass dort Stadt und Provinz von der Arbeiterpartei regiert werden, die zu den Hauptförderern des Weltsozialforums zählt. Porto Alegre öffnet beim WSF die Tore fünf Tage lang weit und lässt sich von den Globalisierungskritikern übernehmen. Dagegen nahm die indische Wirtschaftsmetropole kaum Notiz von der Veranstaltung.

Gerade Besucher aus Lateinamerika waren überwältigt von Ausmaß und Tiefe der Armut, aber auch von der Potenz globaler Unternehmen, die in Bombay mit ihrem Versprechen von Arbeitsplätzen und der Aussicht auf Wohlstand auftrumpfen. Sehr wohl Notiz vom Forum nahmen dagegen linksradikale Gruppen, die auf der anderen Seite der Autobahn – der Verkehrsmoloch heißt ausgerechnet „Western Expressway“ – ihre Gegenveranstaltung abhielten. Unter dem Motto „Mumbai Resistance“ verteidigten sie das Recht auf bewaffneten Kampf als legitime Waffe im Krieg gegen den Imperialismus von Welthandelsorganisation, Weltwährungsfonds und den USA.

Doch auch für die mehreren tausend Gruppen und Bewegungen aus dem Gastgeberland war die Veranstaltung „eine neue und lehrreiche Erfahrung“, wie Jai Sen vom Organisationskomitee bestätigte. Die indische Zivilgesellschaft mit ihren Myriaden von Nichtregierungsorganisationen ist so sehr mit den unzähligen eigenen Problemen beschäftigt, dass sie bisher kaum Notiz nahm von der weltweiten Vernetzung ähnlich denkender Menschen im Angesicht einer unhaltbaren globalen Entwicklung.

Das eigentlich Neue und Befruchtende des Weltsozialforums in Bombay war aber für viele Inder dessen offene Struktur. Der Erfolg des Forums hat bisher nicht zu seiner Institutionalisierung geführt. Es verzichtet auf Durchschlagskraft, weil es nicht zu einem Machtfaktor – und damit zum Abbild des Gegners – werden will. Für die meist hierarchisch denkenden Inder war diese Idee einer horizontal und nicht vertikal vernetzten Opposition eine Herausforderung. Als Organisatoren sahen sie zugleich das Problem, das diese Form der Opposition mit sich bringt: eine Kakophonie Tausender von Stimmen, die einander schließlich nicht mehr hören. Im Gegenzug konnten die Gastgeber aber ihre Erfahrung mit einer lärmigen Demokratie einbringen, die sich immer wieder zusammenraufen muss. Koalitionsbildungen nach diesem Vorbild könnten dem Weltsozialforum eine gewisse Kohärenz in der Auseinandersetzung mit dem Gegner geben, ohne dass es sich dessen Machtmechanismen aneignen müsste.








Bernard Imhasly
ist der Südasien-Korrespondent von Neuer Zürcher Zeitung und taz.
b.imhasly@bluewin.ch