Beiträge aus der Rubrik
Analysen und Berichte


Gentechnik und öffentliche Agrarforschung

UN-Personal: Stühlerücken

Schuldenmoratorium für Tsunami-Länder


03/2005
 

[ Grüne Gentechnik ]

Öffentliche Agrarforschung auf dem Prüfstand

In der Debatte um Gentechnik in der Landwirtschaft geht es meistens nur um die Produkte großer multinationaler Konzerne wie Monsanto oder Syngenta. Die Entwicklung genmanipulierter Nutzpflanzen diene nur dem Profitinteresse der Unternehmen, argumentieren Kritiker. Den Bauern, vor allem den vielen Kleinbauern in armen Ländern, bringe sie dagegen keinen Nutzen. Es gibt jedoch in einigen Entwicklungsländern auch öffentlich finanzierte Forschungsinstitute, die genveränderte Pflanzen herstellen. Und diese Institute orientieren sich durchaus am Bedarf der Bauern, behauptet eine Studie des Washingtoner International Food Policy Research Institute (IFPRI), deren Ergebnisse im Januar in der Zeitschrift Nature Biotechnology vorgestellt wurden. Das Papier bestätigt jene Agrarökonomen, die der grünen Gentechnik ein hohes Potenzial zuschreiben und zugleich mehr öffentliche, an den Bedürfnissen der Kleinbauern orientierte Forschung fordern. Gentechnik-Kritiker dagegen überzeugt die Studie nicht.

Die IFPRI-Autoren werten die Forschung in 15 Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas aus. In den untersuchten Instituten wurden an 45 Nutzpflanzen, vor allem Reis, Kartoffeln und Mais, insgesamt 201 genetische Veränderungen vorgenommen. In den meisten Fällen ging es darum, die Resistenz gegen Viren und Insekten zu erhöhen. Mehr als die Hälfte der in der Studie berücksichtigten Produkte wurde in Asien entwickelt, gut ein Viertel in Afrika, etwas weniger in Lateinamerika.

Bei 41 der 45 veränderten Pflanzen handelt es sich nach Angaben von IFPRI um frei zugängliche öffentliche Sorten, die die lokalen Bauern seit langem verwenden. „Anders als bei privaten Gütern entfallen auf diese genetischen Ressourcen keine Ansprüche auf geistiges Eigentum. Deshalb ist die Verwendung dieser lokalen Sorten so wichtig“, heißt es in der Studie. Die besten Ergebnisse seien bei der Entwicklung von Pflanzen mit Virus- und Insektenresistenz sowie Herbizidtoleranz erzielt worden. Hier seien die Verfahren mittlerweile so weit fortgeschritten, dass die Produkte im Grunde serienreif seien.

Doch nur wenige Pflanzen gelangen auch in die Hände der Bauern. Die meisten verbleiben im Gewächshaus, einige schaffen es in Freilandversuche, wo sie jahrelang getestet werden, um dann am Ende doch nicht auf den Markt zu kommen. Nur sieben der insgesamt 201 untersuchten Produkte sind zum Verkauf zugelassen worden. Laut IFPRI liegt das nicht an Fehlern der genmanipulierten Pflanzen, sondern an einem Mangel an Ressourcen und Kapazitäten bei den Forschungsinstituten. Bei Investitionen in gentechnische Forschung werde häufig vergessen, dass nicht nur die Entwicklung eines Produkts, sondern auch das aufwendige Zulassungsverfahren viel Geld koste.

Zudem mangele es öffentlichen Forschungseinrichtungen in Entwicklungsländern häufig an Kenntnissen über die erforderlichen Tests. Verschärft werde das Problem dadurch, dass es in vielen Ländern gar keine geregelten Zulassungsverfahren gebe. Die Studie spricht von einem Paradox: Die Pflanzen der öffentlicher Forscher seien viel nützlicher als die der großen Konzerne, weil sie auf die lokalen Bedürfnisse zugeschnitten seien. Genau aus diesem Grund sei aber auch die Zulassung viel komplizierter, weil es für sie noch keine Erfahrungswerte gebe, während die Produkte der Multis in vielen Industrieländern längst auf dem Markt seien.

Auch bei der Vermarktung gibt es oft Probleme. Fast die Hälfte der befragten Forschungsinstitute gab an, es gebe in ihren Ländern keine geeigneten Mechanismen, neu entwickeltes Saatgut unter den Bauern zu verbreiten. Das Fazit der IFPRI-Autoren lautet: Die öffentliche Forschung zu grüner Gentechnik in Entwicklungsländern hat ein großes Potenzial. Ihre praktische Wirkung ist jedoch gering, weil die Bauern die Produkte kaum nutzen können.

Um mehr Wirkung zu erzielen, müssen nach Ansicht von IFPRI die Forscher in den Entwicklungsländern stärker zusammenarbeiten – nicht nur in der Entwicklung, sondern auch bei der Zulassung, zum Beispiel durch den Austausch von Testdaten. Die Autoren machen zudem keinen Hehl daraus, dass sie die Zulassungshürden oft für übertrieben hoch halten. „Die Folgen sind verspätete Wirkung und fortdauernde Unsicherheit über die Technologie – beides spielt den Gegnern der Biotechnologie auf nationaler und internationaler Ebene in die Hände.“

Für Gentechnik-Kritiker ist das IFPRI-Papier kein Anlass, ihre Position zu ändern. Agrarexperte Rudolf Buntzel-Cano von der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung sieht seine Skepsis sogar bestätigt: „Das Papier ist der beste Beleg dafür, dass auch die öffentlich finanzierte grüne Gentechnik bislang nur große Versprechungen macht.“ Dass es nur so wenige Pflanzen von den Labors auf die Felder schaffen, ist für Buntzel-Cano Ausdruck des zentralen Problems der Technik: „Sie ist zu aufwendig, zu teuer und viel zu weit weg von den alltäglichen Problemen und Bedürfnissen der Kleinbauern. Grüne Gentechnik, ob öffentlich oder privat, bringt den Armen nichts.“

Buntzel-Cano wirft den IFPRI-Autoren vor, sie täten so, als seien die 15 untersuchten Länder nur eine Auswahl. „Aber viel mehr Entwicklungsländer, in denen ernsthaft gentechnische Forschung betrieben wird, gibt es gar nicht. Die untersuchten Länder sind die Spitzenreiter. Und selbst hier kommt nicht viel dabei heraus.“ Mit Blick auf solche Pflanzeneigenschaften, die für Entwicklungsländer wirklich nützlich sein könnten – Dürre- oder Salztoleranz zum Beispiel –, habe auch die öffentliche Forschung keine brauchbaren Ergebnisse erzielt. Die Studie räume das offen ein. Buntzel-Cano hält deshalb nichts davon, der öffentlichen Gentechnik-Forschung versuchsweise mehr Mittel zu geben, damit sie ihr behauptetes Potenzial erfüllen könne. Die Kluft zwischen Versprechungen und erwartbarem Ertrag sei einfach zu groß. Das Geld könne sinnvoller verwendet werden.

Ulrike Brendel von Greenpeace ist der gleichen Ansicht und nennt als Beispiel die Versuche am Kenianischen Agrarforschungsinstitut (KARI) zur Herstellung einer virusresistenten Süßkartoffel – ein Beispiel, das auch in der IFPRI-Studie auftaucht. Laut der in Nairobi erscheinenden Zeitung The Nation hat KARI die Versuche Ende 2003 mangels Erfolg eingestellt. Brendel bezweifelt zudem, dass die Produkte öffentlicher Forschung völlig frei von Patentansprüchen privater Unternehmen seien, wie die Studie suggeriere. Denn Patente gebe es nicht nur auf genetische Ressourcen und manipulierte Pflanzen, sondern auch auf die Verfahren zu ihrer Herstellung.

Für den indischen Agrarexperten Devinder Sharma beweist die Studie einmal mehr, dass IFPRI „schon immer die kommerziellen Interessen der Nahrungsmittelindustrie befördert hat“. Früher habe das Institut für mehr Nahrungsmittellieferungen nach Afrika plädiert, heute werbe es für die Gentechnik. Gegenüber E+Z/D+C sagte Sharma: „IFPRI ist kein öffentliches Forschungsinstitut. Ich würde es eher als Industrial Food Policy Research Institute bezeichnen.“

Tillmann Elliesen




Im Internet:
http://www.ifpri.org/pubs/articles/2005/naturebiotech.pdf
http://www.ifpri.org/divs/eptd/dp/eptdp116.htm