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Bücher und Medien


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Mensch und nachhaltige Solidarität

Reformen bei Sicherheitskräften

Armut und Menschenrechtsverletzungen


03/2005
 

Solidarität:
Nüchterne Einschätzung

Johannes Müller, Michael Reder (Hrsg.):
Der Mensch vor der Herausforderung nachhaltiger Solidarität.
Stuttgart, Kohlhammer 2003,
189 Seiten, 29,00 Euro,
ISBN 3-17-018135-1

Nachhaltige Entwicklung verlangt einen globalen und Generationen übergreifenden Ausgleich von Lebenschancen. Schließlich mutet sie Menschen die Übernahme von Verantwortung für geographisch oder zeitlich weit entfernte Mitmenschen zu. Sind Menschen aufgrund ihrer Natur zu solcher „Makrosolidarität“ überhaupt fähig? Und: Kann die Politik Prozesse organisieren, die diese Solidarität unterstützen? Die vorliegende Veröffentlichung dokumentiert ein interdisziplinäres Symposium der Rottendorf-Stiftung an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München. Es stellt sich den soziobiologischen, sozialpsychologischen und ethischen Fragen nachhaltiger Solidarität.

Eine ernüchternde Betrachtung von Formen altruistischen Verhaltens aus soziobiologischer Perspektive eröffnet den Diskurs. Handeln zum Wohlergehen anderer erweise sich, so der Anthropologe Volker Sommer, bei näherer Untersuchung meist als Vorteil für den Geber. Echter Altruismus sei selten. Er beeinträchtige die Fitness und werde im evolutionären Selektionsprozess bestraft. Nicht Appelle an Heroismus, sondern die Suche nach Belohnung versprechenden Varianten des Altruismus scheinen solidarisches Handeln zu stärken.

Belohnung kann auch in der Steigerung des Selbstwertes liegen, die aus der Übereinstimmung von Handeln und persönlichen sozialen Normen gezogen wird. Prosoziales Verhalten sei ein komplexes Phänomen, für das der Sozialpsychologie, wie Bernhard Grom ausführt, bislang ein schlüssiges theoretisches Modell fehlt. Erst in Anfängen vorhandene empirische Befunde zur Entwicklungs- und Umweltsolidarität erschwerten darüber hinaus die Prognose für Makrosolidarität. Moralisch verpflichtende „persönliche Normen“, Spaß am Tun und Sensibilität für soziale Ungleichheit scheinen jedoch für Entwicklungssolidarität bestimmend. Dagegen sei die Übernahme ökologischer Verantwortung offenbar stärker abhängig von der Bestätigung durch das soziale Umfeld. Klärungsbedürftig bleibe, ob Anreize durch staatliche Sanktionen die Entwicklung persönlicher ökologischer Verantwortung fördern können.

Befinden sich die Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts in der „Mesokosmos-Falle“? Sind sie kognitiv und sozial überfordert mit der Übernahme von Verantwortung, weil die Selektion einer genetischen Struktur „uneingeschränkten Altruismus“ noch aussteht? Die evolutionstheoretische Annahme des „abgestuften Wohlwollens“ gegenüber Artgenossen unterzieht die Bioethikerin Eve-Marie Engels einer kritischen Prüfung aus wissenschaftstheoretischer Sicht. Ihr Ergebnis: Die kognitive und psychische Plastizität des Menschen als Produkt biogenetischer sowie sprachlicher und imitativer (memetisch-kultureller) Informationssysteme spricht gegen das Gefangensein in der „Mesokosmos-Falle“. In dieser Plastizität liege die Chance für Makrosolidarität. Sie müsse aber der menschlichen Neigungsstruktur abgetrotzt werden.

Die Politik könne dafür nur begrenzt in die Pflicht genommen werden, so der skeptische Einwand des Sozialethikers Markus Vogt. Wer globale Verantwortungsübernahme von der Politik erwarte, verkenne deren begrenzte Steuerungsfähigkeit. Seine Analyse der ethischen Grundpositionen „nachhaltiger Entwicklung“ belegt erheblichen Diskussionsbedarf bei der Frage der tragfähigen Maßstäbe. Diese Diskussion könne nicht an die Politik delegiert werden, sondern sei von den Akteuren der Zivilgesellschaft zu leisten – und zwar im Prozess der Beteiligung.

Wer eine anregende Einführung zu den sozialpsychologischen, soziobiologischen und ethischen Implikationen einer Praxis nachhaltiger Solidarität sucht, dem sei dieses Buch empfohlen. Das Buch ist gut editiert und mit einem Personenregister versehen. Seine diskursive Anlage – die vier Beiträge werden durch eine Einführung von Müller und die Dokumentation der sich anschließenden Teilnehmerdiskussion verknüpft – spiegelt den kontroversen Diskussionsstand wider und unterstützt eine nüchterne Einschätzung der Möglichkeiten von Pädagogik und Politik zur Förderung von nachhaltiger Solidarität.

Monika Treber