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Editorial
 03/2005
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Freiräume für Frauen
Die Iraker haben gewählt rund 60 Prozent von ihnen haben das getan. Die Quote ist beachtlich. Manche reiche Länder erreichen sie nicht, obwohl in ihrem Fall das Betreten der Wahllokale nicht mit Lebensgefahr verbunden ist. Die nach der Stimmabgabe im Irak massenhaft lila gefärbten Finger dürften als Symbol für den Wunsch nach Demokratie in Erinnerung bleiben.
Dieses Signal ist erfreulich. Es bleibt aber leider noch ein weiter Weg bis zum langfristigen Erfolg. Beunruhigend ist, dass das Wahlergebnis entlang identitätspolitisch wichtigen Trennlinien verläuft. Schiiten haben Schiiten gewählt, Kurden Kurden. Besonders beunruhigend: Sunniten haben ob aus Angst, Ressentiment oder einer Mischung aus beidem häufig gar nicht gewählt und sind folglich in der Verfassunggebenden Versammlung unterrepräsentiert.
Damit das kein Startzeichen für den Bürgerkrieg wird, müssen die Parteien die Fähigkeit beweisen, Koalitionen fraktionsübergreifend zu bilden. Sie müssen sogar Interessen einbinden, die in der Volksvertretung nicht angemessen vertreten sind. Überparteilich zu agieren gilt zwar in Berlin, Washington oder Paris als Tugend, doch Politiker mögen die Praxis nicht sonderlich. In London wird Koalitionspolitik sogar nachgerade gefürchtet, weil sie zu unklarer Verantwortlichkeit führe. Grundsätzlich taugen Kampfabstimmungen dazu, parlamentarische Entscheidungen transparent und fair zu treffen. Im Irak wäre derlei aber wenig hilfreich. Denn das paradoxe Ergebnis der ersten freien Wahlen ist eine nicht repräsentative Volksvertretung.
Tatsächlich braucht aber ein neuer Gesellschaftsvertrag breite Zustimmung. Deshalb ist der erhöhte Konsensdruck vielleicht sogar nützlich. Wichtig wird auch sein, welche Umgangsformen und Konventionen sich bei der Verfassungsformulierung durchsetzen. Unter anderem wird es darauf ankommen, welche Rollen Frauen im Irak übernehmen. Von Ibrahim Dschaafari, der Ende Februar als wahrscheinlicher neuer Ministerpräsident galt, heißt es, er könne sich auch ein weibliches Oberhaupt von Staat oder Kabinett vorstellen. Werden tatsächlich Frauen in Spitzenämter berufen, würde das sicherlich nicht nur US-Außenministerin Condoleezza Rice freuen, sondern auch ihre Geschlechtsgenossinnen in Iraks Nachbarländern.
Die Idee, Frauen könnten in einem islamisch geprägten Staat offiziell Macht ausüben, erscheint manchen abendländischen Beobachtern vielleicht absurd. Sie ist es aber nicht. Es gibt arabische Ministerinnen. In Algerien etwa nimmt die Zahl der Frauen in wichtigen Positionen in letzter Zeit zu. Allerdings zeigt dieses Beispiel auch, dass Ämter nicht der einzige Maßstab für Frauenbefreiung sind. In dem nordafrikanischen Land herrscht nämlich ein diskriminierendes Familienrecht, das Männer deutlich besser stellt (Interview mit Nadia Ait Zai, S. 112).
Dass die Lage in Algeriens Nachbarland Marokko anders aussieht, ist ein Beleg der Vielfalt der muslimischen Welt. In Marokko spielen trotz Monarchie zivilgesellschaftliche Organisationen als politische Lobby eine konstruktivere Rolle als im republikanischen Algerien, wo rechtliche Diskriminierung von Frauen es heute schwerer macht, die Gewalttraumata der 90er Jahre zu bewältigen (Martina Sabra, S. 114).
Migration ist bekanntlich ein wichtiger Faktor der Globalisierung und verändert ihrerseits Rollenvorstellungen. Kaum bemerkt von der deutschen Öffentlichkeit strebt eine wachsende Zahl von Töchtern türkischer Einwanderer Hochschulabschlüsse an häufig mit Erfolg (Canan Topçu, S. 104). Ganz andere Folgen hat dagegen die Arbeitsmigration von weiblichen Bangladeshis nach Malaysia. Zwar nutzen diese Frauen gezielt ökonomische Chancen, ihr Bewegungsspielraum in der Fremde bleibt aber eng. In der Heimat stehen sie dennoch in schlechtem Ruf ihnen wird unmoralisches Verhalten vorgeworfen. Fundamentalistische Kräfte kultivieren solche Vorurteile, um repressive Vorstellungen durchzusetzen. Diese Agitation hat weniger mit alten Traditionen bengalischer Muslime zu tun als mit Reaktionen auf bedrohlich empfundenen Modernisierungsdruck (Petra Dannecker, S. 100).
Der Wandel in muslimisch geprägten Regionen sollte jedenfalls nicht unterschätzt werden. Veränderung kann leise und unspektakulär daherkommen. In der nordnigerischen Stadt Kano etwa ist es heute selbstverständlich, dass Frauen an der Hochschule studieren. Interessanterweise berufen sich diese Musliminnen ausgerechnet auf das Vorbild der Tochter des Mannes, der im 19. Jahrhundert die Islamisierung im Hausasprachraum vorantrieb. Auch das belegt die Vielfalt vom Koran inspirierter Traditionen (Katja Werthmann, S. 108).
Die Religion Islam lässt Frauen Freiräume, die über den gelebten Alltag der häufig konservativ-agrarisch strukturierten Gesellschaften hinaus gehen. Die Verfassunggebende Versammlung im Irak sollte die Freiräume nutzen und ausweiten. Damit Demokratie wirklich Wurzeln schlägt, ist es wichtig, dass Frauen in Politik und Wirtschaft aber auch in Familie und Alltag gleichberechtigt mitmischen.
Dr. Hans Dembowski
Chefredakteur E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit/
D+C Development and Cooperation
euz.editor.@fsd.de
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