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Katastrophen-Konferenz in Kobe

Tsunami: Servicestelle hilft

Bildungshaushalte verantwortlich managen


03/2005
 

[ Katastrophenrisiken ]

Unter dem Eindruck des Tsunami

Interdisziplinäre und überregionale Ansätze bei Kooperation und Vernetzung fanden auf der UN-Konferenz über Disaster Reduction im japanischen Kobe besonders aufmerksame Zuhörer. Die Vereinten Nationen plädieren für den Aufbau regionaler und internationaler Netzwerke zur Gefahrenabwehr sowie die Stärkung des Risikobewusstseins der Bevölkerung.


[ Von Christina Kamlage und Erich Süßdorf ]

Der Tsunami im Indischen Ozean hat auf tragische Weise gezeigt, dass nicht alles Menschenmögliche getan wurde, um das Risiko solcher Naturkatastrophen einzudämmen oder seine Folgen zu mildern. Die UN-Konferenz in Kobe diskutierte Ende Januar denn auch die Frage: Was ist die Menschheit bereit zu tun, um sich vor drohenden Katastrophen zu schützen?

Alle großen Konferenzen der Vereinten Nationen sind Foren, die auch die Ungleichheit der Überlebenschancen hinterfragen und nach der Verantwortung von der lokalen bis zur globalen Ebene suchen. Kobe machte da keine Ausnahme: Mehr als 90 Prozent der Opfer von Naturkatastrophen sterben in den Entwicklungsländern.

Die Vereinten Nationen verfolgen mehrere Ansätze parallel, um die Gefahren, die von Katastrophen ausgehen, einzudämmen:
– Aufwertung der Katastrophenprävention,
– Schaffung einer „Kultur der Zähigkeit und der Beweglichkeit“ („resilience“),
– Aufbau regionaler und internationaler Netzwerke zur Gefahrenabwehr und
– Stärkung des Risikobewusstseins der Bevölkerung.

Die Wucht der Tsunami-Wellen an den Stränden hatte vermittelt über die Medien eine außergewöhnliche Betroffenheit ausgelöst. Die Sichtbarkeit des menschlichen Leides rief eine spontane Hilfsbereitschaft hervor von bis dahin nicht gekannter Größe. Einen Augenblick schien die Weltgesellschaft geeint von einem nahezu globalen Mitgefühl angesichts der kaum fassbaren Naturgewalten, die an vielen asiatischen und afrikanischen Küsten Zerstörung und Tod brachten. In der Regel herrschen andere Verhältnisse: Meist bleiben Dürren, Überschwemmungen und Erdbeben in Entwicklungsländern entfernte Ereignisse, die schnell wieder von den Bildschirmen in den Industrieländern verschwinden.

Experten hatten im Vorfeld der Konferenz befürchtet, Vorsorgemaßnahmen für weniger medienwirksame Katastrophen könnten durch den Tsunami bei der Kobe-Konferenz völlig verdrängt werden. Diese Befürchtung hat sich nicht erfüllt: „Die Konferenz musste natürlich vor dem Hintergrund dieser Tsunami-Katastrophe nicht nur mit Rücksicht auf die Öffentlichkeit, sondern auch von der Sache her einen Schwerpunkt bei Seebeben setzen“, sagt Hans-Joachim Daerr vom Auswärtigen Amt (AA), der die deutsche Delegation leitete. „Ich glaube, sie hat es trotzdem ganz gut geschafft, den breiten Ansatz, der ja lange geplant war, nicht zu vernachlässigen.“

Die deutsche Delegation hatte angeboten, dass Deutschland sich konzeptionell, technologisch und finanziell am Aufbau eines Frühwarnsystems für den Indischen Ozean beteiligt. Schon bald, so ihr Vorschlag, könnte eine Folgekonferenz in Bonn tagen, um die Frühwarnpotenziale möglichst global und quer durch alle Risiken auszuschöpfen.

Aufgrund der Seebeben- und Flutkatastrophe im Indischen Ozean hatte sich in der Meinung der Weltöffentlichkeit unerwartet die Katastrophenhilfe an die Spitze der Tagesordnung gesetzt. Für die Fachleute der Katastrophenvorsorge war diese Situation außergewöhnlich. „Katastrophenvorsorge soll verhindern, dass ein Ereignis – eine Katastrophe – eintritt. Man versucht also gewissermaßen eine Nicht-Botschaft zu vermitteln“, sagt Karl-Otto Zentel, Geschäftsführer des Deutschen Komitees für Katastrophenvorsorge (DKKV). Entsprechend mühsam werde es in einer solchen Lage, Interesse für die Katastrophenvorsorge zu wecken. „Das ist sehr schwer. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das Medieninteresse an der Konferenz durch die Tsunami-Katastrophe enorm verstärkt wurde.“

Zentel bedauert, dass einige Themen durch den Tsunami an den Rand der Konferenz gedrängt wurden. So das Anliegen des DKKV, in möglichst vielen Ländern nationale Plattformen zu schaffen, die als multisektorale und interdisziplinäre Organisationen eine zivilgesellschaftliche Vertretung der Katastrophenvorsorge bilden. Kritisch merkt er an, dass in der Diskussion über Frühwarnsysteme fast ausschließlich über Technologie gesprochen wurde und sehr wenig über das ebenso notwendige Capacity Building.


Neuanfang muss geplant werden

Auffallend im Konferenzverlauf: Von den vielen Fachleuten der Katastrophenvorsorge nahm niemand für sich in Anspruch, das Risiko eines Tsunami im Indischen Ozean vorhergesehen zu haben. Alle wurden von dem Seebeben und den Flutwellen gleichermaßen überrascht.

„Die Folgen sind weit reichend, gerade weil wir das Risiko weder wissenschaftlich noch praktisch einkalkuliert hatten“, beschreibt Tantiwanit Worawoot aus Thailand die Auswirkungen des Tsunami auf seinen Arbeitsbereich. „Deshalb sind die menschlichen und materiellen Schäden so hoch. In den besonders stark betroffenen touristischen Gebieten im Süden des Landes waren die Entsorgungssysteme bisher unzulänglich. Wir sollten jetzt für den Neuanfang eine sicherheitstechnische und umweltorientierte Planung erstellen.“

Aber auch in den Regionen, die nicht von dem Tsunami betroffen waren, sehen Fachleute jetzt neue Möglichkeiten, die Katastrophenprävention zu verbessern. „Der Tsunami hat einen aufrüttelnden Effekt, der es uns erleichtern wird, auch in der Prävention neue Verfahren durchzusetzen. Neben den Risiken, die von Wirbelstürmen, Überschwemmungen, Bränden und Erdbeben ausgehen, werden wir auch das Tsunami-Risiko in El Salvador neu bewerten“, sagt Jozcabet Guerrero, die mit der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in El Salvador in der Katastrophenprävention tätig ist.


Kommunikationsbedarf sehr groß

Die Katastrophenvorsorge setzt sich aus Personen völlig unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen, hat andererseits aber auch Ansätze einer eigenen Sprache entwickelt. Nicht immer funktioniert deshalb die Kommunikation mit den Naturwissenschaften oder mit den Medien reibungslos und gelegentlich tauchen Sprachbarrieren auf.

Professor Dr. Jochen Zschau vom Geoforschungszentrum in Potsdam beschreibt den Kommunikationsbedarf folgendermaßen: „Aus Sicht der Wissenschaft haben wir einen Schwachpunkt bei der Umsetzung in die Praxis. Schwächen der Katastrophenvorsorge liegen nicht an Einzelteilen des Systems, also an der Wissenschaft, dem Disaster Management oder der Politik, sondern an fehlenden Verbindungen zwischen diesen Bestandteilen. Die Wissenschaft ist sich inzwischen darüber klar geworden und bemüht sich, die andere Seite zu verstehen, umgekehrt kommen die Fachleute aus dem Disaster Management auf die Wissenschaft zu.“

Auch Dr. Harald Mehl vom Deutschen Fernerkundungsdatenzentrum (DLR) hält es für notwendig die Kommunikation zu verbessern: „Ein wichtiger Punkt zwischen den Raumfahrtagenturen, Satellitenbetreibern und Nutzern ist es, sich gegenseitig besser zu verstehen und ein besseres Verständnis über die Handlungsabläufe der anderen Seite zu erlangen. Die Space-Community und die Disaster-Management-Community sprechen noch immer unterschiedliche Sprachen. Verständnisschwierigkeiten sind die Folge.“

Für seinen Arbeitsbereich „Erdbeobachtung/Satellitenfernerkundung“ nimmt Mehl von der Konferenz in Kobe in erster Linie mit, was die neuesten Initiativen sind, wie man mit dem Thema Disaster umgeht und welche Bedürfnisse und Ansprüche an das Medium Satellitenbild gestellt werden, um es für das Disaster Management zu nutzen. „Zum Zeitpunkt der letzten Konferenz in Yokohama 1994 hatten wir Satellitenbilder zur Verfügung mit einer räumlichen Auflösung von 15 bis 30 Meter“, berichtet Mehl. Heute mache man Aufnahmen mit einer Auflösung von etwa einem Meter. Mit Hilfe solch hoch auflösender Satellitenbilder könnten kurzfristig den Hilfsorganisationen Basiskarten zur Verfügung gestellt werden, um ihnen die Orientierung und die Bewertung der Schäden zu vereinfachen. „Das nutzt der Arbeit des Technischen Hilfswerkes (THW), des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sowie von Ärzten ohne Grenzen und anderen Hilfsorganisationen“, sagt Mehl.


Zehn Jahre nach dem Erdbeben

Die organisatorischen und logistischen Herausforderungen durch die Anwesenheit von mehr als 4000 Delegierten aus 168 Ländern meisterten die japanischen Gastgeber souverän. Kobe war als Konferenzort gewählt worden, um an das Erdbeben von 1995 und den entschlossenen Wiederaufbau der Stadt zu erinnern. Damals hatten 6400 Menschen ihr Leben verloren. Brände hatten gewütet, tausende Gebäude und die Infrastruktur der schön gelegenen Hafenstadt waren zerstört worden. Alle Konferenzteilnehmer wussten von diesem Ereignis. Videoaufnahmen, Ausstellungen und Gedenkstätten hatten darüber informiert. Dennoch blieb das Ereignis den Konferenzteilnehmern angesichts der funktionalen Perfektion des innerstädtischen Lebens fremd und schwer vorstellbar. „Der Geist von Kobe, von dem eine inspirierende Kraft ausgeht, konnte nicht so in die Konferenz aufgenommen werden, wie ich mir das gewünscht hätte“, sagte Loy Rego, Direktor des Asian Disaster Preparedness Center (ADPC) in Klong Luang, Thailand.

Auch Traudel Köhler fiel auf, dass die Konferenzteilnehmer die Bedeutung des Tagungsortes kaum wahrnahmen. Trotzdem ist die Vertreterin des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) mit der Konferenz hinsichtlich Vorbereitung und Organisation sehr zufrieden. Im Schlussdokument vermisst sie lediglich zeitliche Vorgaben und Indikatoren. „Trotz der Fortschritte, die wir in den vergangenen zehn Jahren bei der Integration der Katastrophenvorsorge in die Entwicklungszusammenarbeit gemacht haben, bleibt noch viel zu tun. Ich hoffe, dass uns das geschärfte Bewusstsein in der Öffentlichkeit diese Aufgabe erleichtert.“

Im Public Forum der Konferenz hatte InWEnt in Zusammenarbeit mit der GTZ und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) zu einem Workshop über „Capacity Building and Utilisation of Technology in Disaster Risk Management“ eingeladen. Zur Planung zukünftiger Maßnahmen merkte Dr. Rakesh Dubey (Indien) an: „Die Zusammenarbeit mit InWEnt und GTZ hat uns veranlasst, über gemeinsame Trainingsaktivitäten für afrikanisches Fachpersonal nachzudenken, weil indische Trainings- und Beratungsleistungen preisgünstiger als europäische zur Verfügung stehen.“ Maria Bilia aus Tansania betonte, dass zwei Schritte besonders dringend seien: „Informationsmanagement verbessern und das bestehende Frühwarnsystem modernisieren.“

Ein besonders positives Echo fanden unter den Konferenzteilnehmern zahlreiche Ansätze zur interdisziplinären und überregionalen Kooperation und Vernetzung. Zu diesem Thema und zu der Gesamtbewertung der Konferenz äußerte sich der Direktor der Zivilschutzorganisation Simbabwes, M. S. Pawadyira: „Bei einigen Risiken haben wir festgestellt, dass eine grenzübergreifende Betrachtung unerlässlich ist, etwa bei den Überschwemmungen, deren Ursache man nicht erst an den Unterläufen der Flüsse in Mosambik suchen sollte. Deshalb arbeiten wir jetzt als Region bei den Überflutungsrisiken zusammen.“

Besonders wichtig erschien Pawadyira, dass im Gegensatz zur Konferenz von 1994 auch kleinere Staaten am Verhandlungs- und Formulierungsprozess beteiligt sind: „Ohne aktive Partizipation ist Ownership an den Konferenzergebnissen nicht möglich. Das beeinträchtigt die anschließende Umsetzung der Empfehlungen. In Yokohama waren wir lernende Zuhörer. In Kobe sind wir aktive Teilnehmer. Das ist ein Ergebnis von Training.“




Dr. Christina Kamlage
ist Projektleiterin in der InWEnt-Abteilung „Umwelt, Energie und Wasser“ und zuständig für den Sektor Katastrophenvorsorge.
christina.kamlage@inwent.org

Erich Süßdorf
leitete von 1993 bis 1997 die Fachgruppe Umwelt- und Ressourcenschutz der Carl Duisberg Gesellschaft (CDG). Als Geschäftsführer von ETS Consultants GmbH sind seine Schwerpunkte entwicklungspolitische Studien und Projektmanagement.
erich.suessdorf@t-online.de



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