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 03/2005
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Mit zweierlei Maß
In Bangladesch nutzen islamistische Organisationen Gerüchte über den lockeren Lebensstil im Ausland, um Migrantinnen pauschal zu verurteilen. Den betroffenen Frauen ist es bislang nicht gelungen, sich zu organisieren und ihre Interessen in der Öffentlichkeit zu vertreten. Dennoch erschüttert allein ihr Streben nach neuen Möglichkeiten die traditionellen Vorstellungen über das Geschlechterverhältnis. Männliche Migranten fühlen sich durch die wirtschaftlichen Erfolge der Frauen bedroht.
[ Von Petra Dannecker ]
Weibliche Migration ist ein noch junges, aber bereits weit verbreitetes Phänomen in Asien. Laut Schätzungen sind heute fast 50 Prozent der Migranten auf dem Kontinent Frauen (Shape, 2001). Die Ursache für diese Feminisierung der Migration (Piper, 2003, Ehrenreich und Hochschild, 2003) liegt in der gestiegenen Nachfrage nach billigen Arbeitskräften in den exportorientierten Industrien und Dienstleistungssektoren in Ländern wie Südkorea, Singapur oder Malaysia. Frauen werden eingestellt, weil sie billiger als einheimische Arbeiter oder ihre Landsmänner sind. Die Folgen sind neue Migrationsmuster und Arbeitsmärkte mit neuer Geschlechterzusammensetzung sowie Debatten über das Geschlechterverhältnis.
Dieser Artikel handelt von Migrantinnen aus Bangladesch, die in Malaysia arbeiten oder gearbeitet haben. Die Mehrheit der Frauen, die ich interviewt habe, war mit der Arbeit und ihrer Lebenssituation im Ausland zufrieden. Ihren Aufenthalt bezeichneten die meisten von ihnen als erfolgreich, obwohl Arbeitsbedingungen und Einkommen kaum nationalen oder internationalen Standards entsprachen.
In Bangladesch wurden Frauen bis 1980 nur selten außerhalb des Haushalts beschäftigt. Mit der exportorientierten Industrialisierung änderte sich das. Die formelle Beschäftigung von Frauen setzte sich zuerst in der Textilindustrie durch (Kabeer, 2000, Dannecker, 2002). In den 1990er Jahren wurde zudem die Fernmigration üblich. Zwar waren kulturelle Normen schon immer gegen die formelle Beschäftigung und Migration von Frauen gerichtet, doch steigende männliche Arbeitslosigkeit, erhöhte Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften und das Wachstum einer transnationalen Immigrationsindustrie förderten die weibliche Mobilität und stärkten bei Frauen den Wunsch nach Veränderungen.
Malaysia wurde in den 1990er Jahren zum wichtigsten Zielgebiet für Migranten aus Bangladesch, insbesondere für Frauen. Als Hausangestellte dürfen sie dort nicht arbeiten, weil ihnen wegen ihrer nationalen Herkunft die nötige Kompetenz fehle, lautet die nur schwer nachvollziehbare Begründung der malaysischen Regierung. Doch gerade dieses Verbot ist der Grund dafür, dass Malaysia bei Migrantinnen aus Bangladesch besonders beliebt ist: Sie gehen davon aus, dass die Beschäftigung im formellen Sektor ohnehin sicherer ist und ein höheres Einkommen bietet.
Sehr wahrscheinlich übersteigt die Zahl der männlichen Migranten aus Bangladesch derzeit noch die der Frauen sowohl in Malaysia als auch in anderen Ländern. (Es gibt keine verlässlichen Statistiken, weil die malaysische Regierung keine Migrationsdaten veröffentlicht.) Doch politische Reaktionen und öffentliche Debatten in Bangladesch zeigen, dass die Migration von Frauen bereits kulturelle und soziale Veränderungen ausgelöst hat und zur Infragestellung islamischer Normen, Werte und Praktiken führt.
Schon 1981 gab es in Bangladesch eine Anordnung des Präsidenten, nach der nur ausgebildete Frauen migrieren durften. Die Regierung hatte sich offenbar von einer Migrantenorganisation aus Kuwait und einer islamistischen Einrichtung aus Bangladesch davon überzeugen lassen, Frauen an der Migration zu hindern (Siddiqui, 2001). Die Organisationen argumentierten, die Ehre der Frauen könne nur geschützt werden, wenn es ihnen verboten sei, ihre Familien, Gemeinden und ihr Zuhause zu verlassen. Die Anordnung wurde 1988 wieder aufgehoben, woraufhin die Migration von weiblichen Arbeitskräften schnell anstieg. Doch 1997 gab es ein neues, noch strengeres Verbot, das sogar Frauen mit Ausbildung betraf: Autonome weibliche Migration also ohne männliche Beschützer wurde vollständig untersagt.
Männliche Migrantenorganisationen und Islamisten waren vermutlich erneut die Hauptbefürworter. Die Regierung rechtfertigte ihre Entscheidung als vorbeugende Maßnahme und verwies auf Studien über die Gefahren, die Frauen im Ausland erwarten. Diese Studien, die interessanterweise von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen erstellt worden waren, beschäftigten sich freilich hauptsächlich mit dem Frauenhandel für die Sexindustrien der Nachbarländer zweifellos ein wichtiges Thema, das jedoch nur wenig mit der Beschäftigung von Frauen im formellen Sektor zu tun hat. Frauen- und Menschenrechtsgruppen lehnten das Migrationsverbot denn auch ab: Es diskriminiere Frauen und sei verfassungswidrig. Proteste aus der Zivilgesellschaft und die Lobbyarbeit von Rekrutierungsbüros führten schließlich zur Abschaffung des Verbots. Die Ausreiseverfahren für Frauen sind jedoch nach wie vor kompliziert, während die Regierung die Migration von Männern aktiv fördert. Schließlich gehören die Überweisungen von Migranten zu den wichtigsten ökonomischen Ressourcen des Landes.
Die politischen Entscheidungen und öffentlichen Auseinandersetzungen in Bangladesch sind eingebettet in Vorstellungen darüber, welches Verhalten für Frauen angemessen ist und wie korrekte Geschlechterbeziehungen auszusehen haben. Männliche Migrantenorganisationen und islamistische Kräfte führen an, dass Frauen im Ausland die Normen und Werte der Purdah wörtlich Vorhang verletzen. Die Purdah schreibt Männern und Frauen ihre jeweiligen sozialen und physischen Räume im Alltag zu ein machtvolles Instrument zur Kontrolle von Frauen. Nach Ansicht von konservativen Islamisten und vielen männlichen Migranten dringen Frauen, die ins Ausland gehen, in Räume ein, die nicht für sie gedacht sind. Dadurch vermitteln sie einen schlechten Eindruck von Frauen aus Bangladesch. Derartige Ansichten wurden in meinen Interviews oft geäußert: Männer argumentierten typischerweise, dass Migrantinnen Männerkontakte pflegten, sich nicht korrekt kleideten und ihr Geld verprassten, anstatt es nach Hause zu schicken. Den Frauen wird darüber hinaus vorgeworfen, sie gäben sich sexuellen Ausschweifungen hin. Ein absurder Vorwurf, beschränkt sich der Lebensraum von Migrantinnen in Malaysia doch meistens auf ihren Arbeitsplatz und ihre Wohnquartiere.
Über ihre Netzwerke übermitteln männliche Migranten nicht nur Geld, Informationen und Konsumgüter, sondern auch ein Bild von Migrantinnen, die im Ausland einen moralisch fragwürdigen und unislamischen Lebensstil genießen. Dieses Bild beeinträchtigt in Bangladesch sogar diejenigen, die zu Hause geblieben sind: Während Haushalte von im Ausland lebenden Männern die Erfolge ihres Familienmitglieds stolz präsentieren, verheimlichen Familien von Migrantinnen lieber, dass nahe Verwandte in einem anderen Land leben und arbeiten.
Die Haltung männlicher Migranten muss im nationalen und internationalen Kontext gesehen werden. Männer aus Bangladesch finden seit Jahrzehnten im Nahen Osten und in Südostasien Arbeit. Die wachsende globale und lokale Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften verringert jedoch ihre Möglichkeiten. Das wiederum beeinträchtigt in der Heimat den Ruf und den Status der Männer. Weil Malaysia ein vornehmlich muslimisches Land ist, glauben viele an eine besondere muslimische Bruderschaft zwischen der malaysischen Gastgesellschaft und Bangladesch. Migranten, Rekrutierungsbüros und selbst die Regierung von Bangladesch haben diese Vorstellung genährt. Nach Malaysia zu gehen, ist deshalb mit hohen Erwartungen verbunden. In Wirklichkeit werden jedoch die meisten Migranten von ihren malaysischen Brüdern ausgebeutet und diskriminiert.
Die Migranten machen jedoch nicht die malaysischen Behörden oder die Malaysier für ihre Probleme und ihren schlechten Ruf verantwortlich, sondern die Migrantinnen aus Bangladesch (und die malaysischen Inder, die um dieselben Jobs wie die Männer konkurrieren). Forderungen, die Purdah einzuführen und die Möglichkeiten für Frauen zur Grenzüberquerung einzuschränken, sollten deshalb als Strategie interpretiert werden, die Chancen der Männer in einer sich verändernden Weltwirtschaft zu schützen.
In Bangladesch dient die frauenfeindliche Propaganda allerdings noch einem anderen Ziel und das durchaus mit Erfolg. Denn zeitweise hat die Regierung ja die Mobilität von Frauen drastisch eingeschränkt. Und angesichts der ambivalenten Politik Bangladeschs wird auch Malaysia immer zurückhaltender, den Frauen die Einwanderung zu erlauben. Der schlechte Ruf, den Migrantinnen in Bangladesch haben, geht auf islamistische Organisationen zurück, die die Anekdoten männlicher Migranten ausschlachten.
Islamisierungsbemühungen sind mit der Suche nach nationaler Identität und der Wiederbelebung lokaler Kultur verwoben. Wie überall nutzen auch in Bangladesch verschiedene Akteure die Konzepte Geschlecht und Sexualität zur Konstruktion von kultureller Authentizität. Die Abhängigkeit Bangladeschs von internationaler Hilfe und die Aufmerksamkeit, die nationale und internationale Organisationen der Entwicklung von Frauen widmen, rufen Unmut hervor. Islamistische Parteien und Organisationen beklagen eine Verwestlichung und konstruieren soziale und symbolische Grenzen gegenüber so genannten westlichen Entwicklungsmodellen. Projekte mit dem Ziel, Frauen neue soziale, politische und wirtschaftliche Räume zu erschließen, werden als unislamisch und unvereinbar mit der lokalen Kultur gebrandmarkt. Konservative verweigern Frauen bisweilen sogar den Zutritt zur Öffentlichkeit. In ländlichen Gebieten wird solche Politik von der männlich dominierten Öffentlichkeit unterstützt, weil sich viele Männer von Entwicklungsprojekten und -programmen ausgeschlossen fühlen.
Auch die formelle Beschäftigung von Frauen in der exportorientierten Textilindustrie hat zu einer neuen Betonung islamischer Normen und Werte geführt. Junge Frauen, die Arbeit suchen, werden als Bedrohung der Geschlechterbeziehungen, der Familienwerte und der islamischen nationalen Identität diffamiert. Und so bietet eben auch die internationale Migration von Frauen die Möglichkeit, reaktionäre Interpretationen von Islam und kultureller Identität voranzutreiben. Das weltweite Phänomen der Feminisierung von Migration wird so für politische Zwecke auf lokaler Ebene instrumentalisiert. Dieser Vorgang zeigt, dass es nötig ist, die Aufmerksamkeit über nationale Grenzen hinaus zu lenken sowie translokale Entwicklungen und Akteure stärker zu beachten, wenn man die Dynamik lokaler Ereignisse verstehen will (Lachenmann, 2004).
Die Migrantinnen selbst freilich werden kaum gehört, obwohl sie im Zentrum der Auseinandersetzung stehen. Bislang waren sie nicht in der Lage, sich zu organisieren oder mit nichtstaatlichen Einrichtungen erfolgreich zusammenzuarbeiten. Und doch bedeutet die bloße Tatsache, dass Frauen neue Möglichkeiten erkunden, eine Herausforderung bestehender Geschlechter- und Machtverhältnisse. Bilder vom Leben und von den Chancen im Ausland erreichen immer mehr Frauen, obgleich im ländlichen Bangladesch die Verbreitung globaler Informationen durch Zeitungen, Fernsehen und Filme noch im Anfangsstadium steckt. Darüber hinaus bieten Erzählungen von zurückgekehrten Migrantinnen Anhaltspunkte für eigene Vorstellungen, wie das Leben im Ausland aussehen könnte.
Die steigende Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften korrespondiert mit dem Streben der Frauen nach Veränderung. Doch der schlechte Ruf, den weibliche Migration hat, macht es Frauen sehr schwer, zu reisen. Während sich männliche Migranten auf die Unterstützung ihrer Familie oder auf transnationale Netzwerke verlassen können, müssen sich Frauen an Mittelsmänner wenden, die sie oftmals betrügen. So kann es vorkommen, dass sie Geld von den Frauen kassieren, aber nie die versprochenen Dokumente liefern.
In manchen Regionen haben sich neue frauengestützte Kreditsysteme entwickelt parallel zu bereits existierenden Institutionen, die Frauen oft nicht offen stehen. Bei zurückgekehrten Migrantinnen setzt sich die Ansicht durch, dass sie ihr Geld am einträglichsten anlegen, wenn sie anderen Frauen mit Migrationsplänen einen Kredit gewähren. Zusätzlich befördert wird diese Praxis dadurch, dass es Frauen in ländlichen Gegenden noch immer nicht ohne weiteres möglich ist, in ein Unternehmen oder in Land zu investieren. So entstehen kleine frauengestützte Netzwerke, die die globale Mobilität erleichtern. Bislang sind diese Netzwerke allerdings kaum in transnationale Netze eingebunden und pflegen keine besonders starken Verbindungen zu nichtstaatlichen oder anderen etablierten Akteuren. Ein schlechter Ruf und gesellschaftliche Ausgrenzung setzen weiblicher Solidarität Grenzen. Viele Migrantinnen betonen, dass sie nicht wie die anderen sind, die im Ausland angeblich alle Zügel fahren lassen. Während männliche Migranten eine von Organisationen und Netzwerken unterstützte gemeinsame Identität und allgemeine Solidarität entwickelt haben, stehen Frauen damit noch am Anfang.
Nichtsdestotrotz verändern Migrationserfahrungen die Auffassung von Frauen über ihre Heimat und die Geschlechterbeziehungen in Bangladesch. Ihre Ansichten mögen die öffentliche Diskussion noch nicht prägen, doch zumindest versuchen zurückgekehrte Migrantinnen, ihren Bewegungsspielraum zu erweitern und das Autonomiegefühl zu erhalten, das sie in Malaysia erfahren haben. Viele berichten, dass sie jetzt an die Gleichheit von Männern und Frauen glauben, weil sie sich im Ausland respektiert fühlten. Die Tatsache, dass Malaysia als Vorbild für eine erfolgreiche islamische Nation gilt, erlaubt es den Frauen sogar, religiös zu argumentieren. So wird die Normalität der Beschäftigung von Frauen in einem erfolgreichen islamischen Land der Situation in Bangladesch entgegengesetzt, wo die Beschäftigung außerhalb des Hauses noch oft als Verletzung der Geschlechterordnung gilt.
Migrantinnen aus Bangladesch sind praktisch unsichtbar sowohl in Malaysia, wo ihnen nur selten erlaubt wird, ihre Arbeitsplätze und Wohnquartiere zu verlassen, als auch in ihrer Heimat. Und doch fordern sie lokale Praktiken und die Konventionen der Purdah heraus. Trotz der Schwierigkeiten, mit denen Migrantinnen konfrontiert sind, weil sie die herrschenden Ansichten über angemessenes weibliches Verhalten und über Geschlechterbeziehungen herausfordern: die empirischen Daten zeigen, dass Frauen weiter migrieren werden egal, was Politik und öffentliche Meinung in Bangladesch dazu sagen.
Dr. Petra Dannecker
ist Soziologin und arbeitet als Dozentin an der Universität Bielefeld. Ihr Beitrag basiert auf Interviews, die sie in Bangladesch und Malaysia mit männlichen und weiblichen Migranten, Vermittlern in Rekrutierungsbüros und Regierungsvertretern geführt hat. Die empirischen Daten wurden für ein Forschungsprojekt über transnationale Migration erhoben.
Petra.dannecker@uni-bielefeld.de
Literatur:
Dannecker, Petra, 2002:
Between Conformity and Resistance. Women Garmentworkers in Bangladesh. Dhaka: University Press
Ehrenreich, Barbara, und Hochschild, Arlie (Hrsg.), 2003:
Global Women. Nannies, Maids and Sex Workers in the New Economy. London: Ganta Books
Kabeer, Naila, 2000:
The Power to Choose. Bangladeshi Women and Labour Market Decisions in London and Dhaka. London: Verso
Lachenmann, Gudrun, 2004:
Weibliche Räume in muslimischen Gesellschaften in Westafrika, in: Peripherie 24 (95), S. 322341
Piper, Nicola, 2003:
Bridging Gender, Migration and Governance: Theoretical Possibilities in the Asian Context, in: Asian and Pacific Migration Journal 12 (12), S. 21-18
Shape, Pamela, 2001:
Introduction: Gender and the experience of migration, in Shape, Pamela (Hrsg.): Women, Gender and Labour Migration. Historical and global perspectives, S.114. London: Routledge
Siddiqui, Tasneem, 2001:
Transcending Boundaries. Labour Migration of Women from Bangladesh. Dhaka: University Press
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