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 03/2005
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Viele Welten
Die Realität des Lebens türkischer Migrantinnen ist sehr viel facettenreicher als die Klischeevorstellungen, die Deutsche sich davon machen. Töchter aus Einwandererfamilien haben beispielsweise ein großes Interesse an Bildung und beruflichen Aufstiegschancen viele finden auch Wege, ihre Wünsche zu verwirklichen. Andererseits ist es für manche junge Frauen kein Ausdruck von Unterdrückung, wenn sie ein Kopftuch tragen. Vielmehr artikulieren sie selbst so ihr Glaubensbekenntnis. Generell gilt: Berufstätigkeit und eigenes Einkommen stärken das Selbstbewusstsein.
[ Von Canan Topçu ]
Als meine Mutter Zülal Topçu sich im Juni 1972 ins Flugzeug nach Hamburg setzte, wusste sie nicht, was sie in der fremden Stadt erwartete. Mit einem kleinen Koffer war die 33-Jährige zum Flughafen in Istanbul gekommen. Hinter sich hatte sie Ehemann und drei Kinder im Alter von sieben, neun und zwölf Jahren gelassen, weil das Beamtengehalt ihres Mannes für den Lebensunterhalt der Familie nicht ausreichte. Wir haben einfach nicht gewusst, wie wir unsere finanziellen Probleme lösen sollten, sagt sie heute.
Die Bundesrepublik Deutschland suchte damals Arbeitskräfte. Zeitungen und Radio berichteten in der Türkei darüber und sorgten für Gesprächsstoff. So kam auch meine Mutter schließlich auch auf die Idee der Migration. Mein Mann wollte das anfangs nicht und befürchtete, dass getratscht wird, erzählt die heute 65-Jährige. Dass der Ehemann seinen Beamtenberuf aufgibt, um in Deutschland zu arbeiten, erschien zu riskant. Gerede hin, Gerede her Schulden bei Bäcker, Schlachter und anderen Geschäften sowie der Wunsch, den Töchtern eine gute Ausbildung zu ermöglichen, überzeugten schließlich auch den Familienvater.
Seine Ehepartnerin wurde von einer Schokoladenfabrik angeworben. Ein türkischer Firmenmitarbeiter holte sie am Flughafen ab und brachte sie in die Werksunterkunft. Die Aussicht auf Arbeit und Einkommen hatte noch andere verheiratete Frauen und Mütter in die Fremde gelockt. Zülal Topçu teilte sich im Wohnheim mit fünf anderen türkischen Migrantinnen ein Zimmer, arbeitete hart und sparte.
Nach einem Jahr und zwei Monaten kam die Familie hinterher. Zülal Topçu wurde wieder Hausfrau, nachdem ihr Mann in seinem Beruf als Lehrer eine Stelle gefunden hatte. Inzwischen ist er pensioniert, und das Ehepaar pendelt zwischen Deutschland und der Türkei. Ihre drei Töchter meine beiden Schwestern und ich haben studiert, sind mit deutschen Männern liiert und fühlen uns hier zu Hause.
Meine Mutter war eine der Pionieremigrantinnen. In Deutschland weiß man von diesen Frauen kaum etwas, obwohl die Biographien sich ähneln. In den Augen vieler Deutscher gelten türkische Frauen als Opfer eines religiös geprägten, patriarchalischen Gesellschaftssystems. Sie werden unterdrückt, zwangsverheiratet und von Männern geschlagen. Weil die Medien solche schablonenhaften Vorurteile nähren, sind Kopftuch und Türkin in Deutschland zu Synonymen geworden, obwohl nur eine Minderheit türkischstämmiger Frauen ihr Haar verhüllt.
Normen und ihre Auslegung
Dass es in Deutschland etliche türkische Familien gibt, die an den strengen Werten und Normen der Herkunftskultur festhalten und Frauen keine andere Rolle als der traditionellen zugestehen, ist unbestritten. Es ist dabei nicht ungewöhnlich, dass Männer überkommene Regeln im Ausland sogar strenger auslegen, als das in der Heimat üblich ist. Dies kann als Reaktion auf Gefühle der Verunsicherung oder der Exklusion geschehen.
Gleichwohl ist die Lebenssituation der türkischen Frauen sehr facettenreich. Die Geschlechterrollen in der türkischen Migrantengesellschaft lassen sich nicht pauschal in traditionell oder modern aufteilen. Je nach Verstädterungsgrad und Bildung können sich unterschiedliche Orientierungen herausbilden, betont Yasemin Karakasoglu, Migrationsforscherin und Professorin an der Universität Bremen. Für Außenstehende ist das kaum zu durchschauen, zumal das nach außen präsentierte Bild nicht zwangsläufig mit den tatsächlichen Machtstrukturen in den Familien übereinstimmt.
Das ist auch Lale Akgün aufgefallen. Die SPD-Bundestagsabgeordnete betreute viele Jahre als Psychologin in einer kommunalen Beratungsstelle in Köln türkische Familien. Sie resümiert: Die Rolle der Frau in der türkischen Gesellschaft ist nicht so schwach, wie sie nach außen erscheint. Manche Ehepaare, die für deutsche Augen streng konservativ wirkten, weil die Frau auf der Straße mit gesenktem Kopf, verhüllten Haaren und langem Mantel hinter dem Mann hergeht, leben laut Lale Akgün gar nicht so rollenkonform: Sobald die Tür des Konsultationszimmer zu war, verwandelten sich diese lammhaft aussehenden Frauen in wahre Wölfe, die sich für die draußen in der Gesellschaft gespielte Rolle drinnen in der Familie an ihren Männern rächten.
Ein Blick auf die erste Phase der Migration aus der Türkei zeigt, dass das hierzulande vorherrschende Bild der Türkin korrekturbedürftig ist. Immerhin waren mehr als 20 Prozent der angeworbenen türkischen Gastarbeiter weiblich. Sie kamen allein und in der Regel aus eigenem Antrieb. Sie suchten berufliche Chancen und viele wurden darin auch von männlichen Familienmitgliedern unterstützt. Meist stammten sie aus städtischem Umfeld und hatten eine Ausbildung absolviert. Erst in der zweiten Migrationsphase ab Anfang der 70er Jahre folgten Frauen vom Land, deren männliche Familienangehörige sie zur Ausreise zwangen. In dieser Zeit heuerten deutsche Firmen verstärkt Frauen an, und die Jobaussichten waren für Männer schlechter geworden.
Die Arbeitsmigration verlief für alle türkischen Frauen nicht ohne Probleme. Ledige über 18 Jahren hatten es einfacher als jüngere Ausreisende, die eine notarielle Einverständniserklärung ihrer Eltern benötigten. Verheiratete Frauen mussten eine schriftliche Erlaubnis ihres Ehemanns vorlegen. Familie und Verwandtschaft fürchteten Tratsch und Klatsch, Männer sorgten sich um ihre Ehre. Die Frauen mussten versprechen, bei nächster Gelegenheit ihre Männer nachzuholen. Doch nicht jede Frau hielt sich daran. Denn für etliche Migrantinnen der ersten Phase bedeutete der Weg nach Deutschland auch eine Befreiung aus engen Verhältnissen. Sie nutzen die Chance, einer dysfunktionalen Ehe oder einer unerwünschten Hochzeit zu entkommen.
Hinweise, die die türkische Vermittlungsstelle den Arbeitsverträgen beilegte, forderten die Frauen zu sittsamem Verhalten im Ausland auf. In Wohnheimen sollten strenge Hausordnungen dafür sorgen, dass sie sich rollenadäquat verhielten. Nicht selten achteten türkische Hausmeister auf Disziplin in den Frauenunterkünften. Auch andere Landsmänner mischten sich ein. Kontakte zu deutschen Männern wurden als Frage der nationalen Ehre der Türkei betrachtet und gegebenenfalls wurden die Frauen bedroht. Körperverletzungen, Totschlag und sogar Morde kamen vor. Ende der 60er Jahre entstand in Bayern sogar eine gewalttätige Bande, die sich dem Schutz der Ehre und Moral der Türken verpflichtet fühlte.
Ungebildete türkische Männer sahen Frauen als zweitrangige und zu Gehorsam verpflichtete Wesen und ihre patriarchale Sicht blieb im Ausland stabil. Dagegen änderte sich das Selbstverständnis der betroffenen Frauen sehr wohl. Die Sozialwissenschaftlerin Nermin Abadan-Unat berichtet vom gestiegenen Selbstbewusstsein der Türkinnen auch all jener, die sich nicht freiwillig für die Migration entschieden hatten. Die Frauen aus ländlichen Gebieten, traditionell erzogen, in intellektueller Hinsicht völlig unvorbereitet und ohne Kenntnis vom Leben in der Stadt, von hochdisziplinierten Arbeitsbedingungen oder Produktionsnormen, hätten zwar Probleme gehabt, sich an die Lebensbedingungen im Migrationsland zu gewöhnen. Dennoch habe sich der Eintritt der Arbeitnehmerinnen in die komplexe Industriegesellschaft nicht negativ ausgewirkt. Auch wenn die Gastarbeiterinnen große Schwierigkeiten mit der Anpassung und ihrer Arbeit haben, so werden sie doch mit Fabrikarbeit, Disziplin, Bewusstsein von Zeit und Pünktlichkeit, gewerkschaftlichen Aktivitäten und mit dem Gewinn von sozialer Sicherheit vertraut, Dinge, die ihnen gänzlich unbekannt waren, bevor sie ihr Heimatland verließen. Darüber hinaus bereiten äußere Umstände wie bequemere Wohnungen, das Leben in der Großstadt und zunehmender Einfluss der Massenmedien eine gewisse Emanzipation der Frauen vor.
Anders erging es Frauen, die in der dritten Phase nach dem Anwerbestopp der frühen 70er Jahre im Rahmen des Familiennachzugs aus den Dörfern Anatoliens ihren Ehemännern folgten. Diese bildungsfernen Frauen ohne urbane Erfahrung hatten mangels Qualifikation kaum Chancen auf dem angespannten Arbeitsmarkt. Ohne Schulbildung und Deutschkenntnisse lebten und leben auch heute noch viele entwurzelt und von der deutschen Mehrheitsgesellschaft isoliert.
Diese Art von Schicksal ereilt auch viele Import-Bräute. In exemplarischer Weise schildert der 1985 entstandene Film 40 Quadratmeter Deutschland die Geschichte einer Heiratsmigrantin, die vom Ehemann eingesperrt wird und die kleine Wohnung allein nicht verlassen darf. Schicksale von Import-Bräuten schildert auch die Hamburger Soziologin Necla Sezer in ihrem jüngst erschienenen Buch Die fremde Braut. Viele junge Türkinnen stimmen den arrangierten Ehen zu, in der Hoffnung auf ein interessantes Leben und mehr Entfaltungsmöglichkeiten in Deutschland.
Die Importbräute sind dank Medien zwar nicht mehr ahnungslos, wenn sie hier ankommen, trotzdem erleben etliche einen Schock. Sie werden zu isoliertem Leben in einem äußerst beschränkten Umfeld gezwungen und haben kaum Gelegenheit, Deutsch zu lernen. Oft empfinden die Ehemänner schon die Möglichkeit, ihre Ehefrau könne sich an die hiesige Gesellschaft anpassen, als bedrohlich. Nicht ohne Grund entscheiden sie sich dafür, eine Frau aus der Türkei zu heiraten. Die hier aufgewachsenen türkischen Mädchen sind den Männern der zweiten und dritten Generation zu selbstständig.
Die Töchter der Einwanderer
Was Emanzipation für junge türkischstämmige Frauen der zweiten und dritten Generation heißt, zeigt die jüngst veröffentlichte Studie Viele Welten leben Lebenslagen von jungen Frauen mit griechischem, italienischem, jugoslawischem, türkischem und Aussiedlerhintergrund. Demnach will eine beachtliche Zahl sich emanzipieren, ohne mit der Herkunftskultur der Eltern sowie deren Werten und Normen zu brechen wie beispielsweise Aysegül G., deren Familie, die Ende der 60er Jahre aus Anatolien migrierte.
Ihre Eltern sind Analphabeten und total traditionell. Wiewohl der Vater autoritär ist, hat die junge Frau ihren Wunsch nach einem selbstständigen Leben realisiert, ohne die Eltern zu brüskieren. Sie setzte ihre Vorstellungen durch beharrlich und Schritt für Schritt. Ich hätte meiner Familie nicht verständlich machen können, dass ich ausziehen möchte. Ihre Mutter hätte es einfach nicht verstanden ob ihres sehr beschränkten Horizontes.
Aysegül schrieb sich an einer vom Wohnort entfernten Universität zum Studium ein, pendelte anfangs und bereitete ihre Eltern nach und nach auf ihren Auszug vor. Immer wieder ließ sie in Gesprächen einfließen, wie sehr sie die täglichen Anfahrten anstrengten. Dass ihre Tochter studierte, um beruflich aufzusteigen, war den Eltern so wichtig, dass sie schließlich ihrem Vorschlag, sich eine Wohnung am Studienort zu mieten, zustimmten. Die junge Frau nahm sich ein Zimmer bei einer deutschen Familie, und nach dem Studium mietete sie eine eigene Wohnung. Da hatten sich die Eltern schon daran gewöhnt, dass ihre unverheiratete Tochter ihren eigenen Weg geht, ohne wie sie es befürchtet hatten vom Weg abzukommen. Die junge Frau absolvierte ihr Sozialwissenschafts-Studium und ist berufstätig.
Auch diese Biographie ist entgegen der Wahrnehmung in der deutschen Öffentlichkeit kein Einzelfall. Viele Töchter türkischer Migrantenfamilien sind sehr bildungsorientiert. Das große Interesse an guten beruflichen Startchancen belegt die Zahl der türkischstämmigen Studentinnen an deutschen Hochschulen: Von 1980 bis 1996 stieg sie fast um den Faktor zehn, während bei männlichen Studenten ein Zuwachs um das 2,5fache verzeichnet wurde. Im Wintersemester 2002/ 03 waren an deutschen Universitäten rund 24 000 Studenten mit türkischem Pass immatrikuliert, davon etwa 9300 weiblich. Während die Zahl der Studentinnen im Vergleich zum Vorjahr um 4 Prozent anstieg, verzeichnet die Statistik bei den männlichen Studierenden lediglich eine Zunahme um 0,8 Prozent. Inzwischen ist eine Großzahl der türkischstämmigen Studierenden eingebürgert und in der Statistik nicht erfasst.
Das Bild des hilflosen türkischen Mädchens, wie es die Medien vermitteln, entspricht nicht den Ergebnissen der empirischen Forschung, betont Wissenschaftlerin Karakasoglu. Während in der westlichen Gesellschaft Familiengründung als potentielles Hindernis für die Selbstverwirklichung gesehen werde, hätten junge türkischstämmige Frauen ein anderes Selbstverständnis und mäßen die Gleichberechtigung nicht daran, ob Mann und Frau sich die Aufgaben im gleichen Verhältnis aufteilten. Sie wünschen sich, dass ihre Männer bei Kindererziehung und Haushaltsführung mit ihnen an einem Strang ziehen. Sie messen ihre Emanzipation und Gleichberechtigung aber nicht daran, ob der Partner kocht, abwäscht oder putzt. Türkischstämmige junge Frauen der zweiten und dritten Generation sehen keinen Widerspruch zwischen dem ,modernen Leben und Individualismus einerseits und ihrer intensiven Familienorientierung, der Selbstverständlichkeit einer Ehe, der Ablehnung vorehelicher sexueller Beziehungen und dem Bekenntnis zur islamischen Religiosität andererseits.
Apropos Religiosität: Irreführend sind die Bilder von Kopftuchträgerinnen, die in deutschen Medien oftmals die Berichterstattung über türkischstämmige Frauen begleiten. Die meisten türkischstämmigen Frauen verhüllen sich die Haare nicht und bleiben somit in der Öffentlichkeit unauffällig. Der Fokus wird immer wieder auf die jungen Migrantinnen gerichtet, die Religiosität sichtbar machen. Das stößt in der deutschen Gesellschaft auf Unverständnis und wird als eine unfreiwillige Entscheidung angesehen. Die bewusste Zuwendung von jungen türkischstämmigen Frauen zum Islam wird hingegen von Sozialwissenschaftlerinnen als ein Akt der Emanzipation von einer als traditionell, ritualisiert und sinnentleert wahrgenommenen Religiosität ihrer Elterngeneration interpretiert. Das Tragen des Kopftuchs sei keineswegs Symbol der Rückständigkeit, sondern der Aneignung eines individuellen Lebensentwurfs. Wenn die Töchter von Einwandererfamilien rigide Vorstellungen vom Islam entwickeln, verrät das vielleicht mehr über die häufig doch noch als feindselig empfundene deutsche Gesellschaft als über die Herkunftskultur der Familie.
Canan Topçu
ist Redakteurin der Frankfurter Rundschau und beschäftigt sich mit multikulturellen Themen.
C.Topcu@fr-aktuell.de
Literatur:
Abadan-Unat, Nermin (Hg.), 1985: Die Frau in der türkischen Gesellschaft,
Frankfurt: Dagyeli
Boos-Nünning, Ursula und Karakasoglu, Yasemin, 2004: Viele Welten leben
Lebenslagen von jungen Frauen mit griechischem, italienischem, jugoslawischem, türkischem und Aussiedlerhintergrund. Studie unter 15- bis 21-Jährigen im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Karakasoglu, Yasemin, 2003: Geschlechteridentitäten unter türkischen Migranten und Migrantinnen in der Bundesrepublik, in: Deutsch-Türkischer Dialog (Hg.): Geschlecht und Recht, Hamburg: Edition Körberstiftung
Kelek, Necla, 2005: Die fremde Braut, Köln: Kiepenheuer & Witsch
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