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 03/2005
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Das Vorbild Nana Asmau
Im muslimisch geprägten Norden Nigerias begründen Frauen ihren Anspruch auf Bildung und Berufstätigkeit mit religiösen Normen. Die Praxis der Geschlechtertrennung (Seklusion) ist dabei für viele kein unüberwindliches Hindernis. Kultureller Wandel verläuft langsam und leise und anders, als viele westliche Beobachter sich das vorstellen.
[ Von Katja Werthmann ]
Das Thema Frauen und Islam löst in westlichen Gesellschaften eine Assoziationskette mit Schlagworten wie Mittelalter, Verschleierung und Unterdrückung aus. Der Islam erscheint als eine patriarchale, autoritäre Ordnung, die von Frauen nur erduldet und nicht gestaltet wird. Die Position von Frauen in islamischen Gesellschaften wird entweder an der von Frauen in westlichen Gesellschaften oder an normativen Aussagen religiöser Schriften gemessen, was in beiden Fällen wenig Raum für die Ansichten der betroffenen Frauen lässt. Vor allem ignoriert diese Perspektive die Möglichkeit, dass muslimische Frauen sich mit ihrer Religion identifizieren und zugleich eigene Vorstellungen über ihre gesellschaftliche Position entwickeln und durchsetzen.
Dies gilt auch für islamische Gesellschaften in Afrika. Manchen eurozentrischen Vorstellungen zufolge ist der Islam dort eine aufgezwungene Religion, die entweder nur oberflächlich angenommen wurde oder zur Entwurzelung und Zerstörung authentischer Religionen und Kulturen geführt hat. Wird Frauen überhaupt eine aktive Rolle in der Religionsausübung zugesprochen, dann die Rolle von Traditionshüterinnen, die aufgrund mangelnder Bildung und konservativer Grundhaltung dazu neigen, vor- oder außerislamische Bräuche wie etwa Besessenheits- oder Beschneidungskulte zu pflegen.
In Wirklichkeit gibt es aber keinen afrikanischen Islam. Wie anderswo auch hat der Islam auf diesem Kontinent unterschiedliche lokale Ausprägungen. Selbst innerhalb eines Landes kann es große Unterschiede zwischen muslimischen Bevölkerungsgruppen oder Organisationen geben. Sozialer Status, Bildungschancen oder Aktionsräume von Frauen variieren sehr stark je nach städtischem oder ländlichem Umfeld, Herkunft, Alter, Generationszugehörigkeit, Familienstand et cetera. In der Regel haben Frauen in Städten besseren Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und politischer Partizipation, aber auch dort kann es große Unterschiede zwischen sozialen Schichten geben.
Die Geschlechtertrennung, die westlichen Menschen heute als besonderes Charakteristikum muslimischer Gesellschaften erscheint, existierte bis vor nicht allzulanger Zeit auch im christlichen Abendland. Über die Form der Geschlechtertrennung besteht keineswegs Einigkeit in islamischen Gesellschaften. Im Koran finden sich Suren, die sich auf das korrekte Verhalten der Geschlechter untereinander beziehen, über deren Auslegung historisch immer wieder debattiert wurde. Dass darüber gestritten wird, ob Verhaltens- oder Bekleidungsnormen verpflichtend oder nur empfohlen sind, zeigt, dass die Vorschriften nicht eindeutig sind.
Seklusion in Kano
Der Islam gelangte im 14. Jahrhundert in die hausasprachigen Gebiete der heutigen Staaten Nigeria und Niger, blieb aber lange Zeit die Religion städtischer Eliten. Erst eine militante Reformbewegung (dschihad) im 19. Jahrhundert und eigentümlicherweise die britische Kolonialherrschaft führten zu einer breiten Islamisierung, so dass heute die Nordhälfte Nigerias überwiegend muslimisch ist. 50 bis 60 Millionen Muslime leben in Nigeria.
Der Überlieferung zufolge führte der Herrscher Mohammed Rumfa die Seklusion für Frauen in Kano (mit rund zwei Millionen Einwohnern heute die größte Stadt der Region) im 15. Jahrhundert ein. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird von verheirateten Frauen im urbanen Milieu erwartet, dass sie das Haus ihres Ehemannes nicht beziehungsweise nur mit dessen ausdrücklicher Zustimmung verlassen. Jedoch gibt es auch hier Unterschiede, die unter anderem auf dem Bildungsniveau der jeweiligen Familien beruhen. So gibt es auf der einen Seite neureiche Händler, die ihre Frauen demonstrativ in goldenen Käfigen halten, auf der anderen Seite westlich gebildete Geschäftsleute, Angestellte und Akademiker, die ihre Frauen und Töchter zu Studium und außerhäuslicher Berufstätigkeit motivieren. Arme Bevölkerungsschichten können Seklusion kaum in strenger Form betreiben. So müssen viele Frauen auf dem Land Wasser und Holz holen oder auf dem Feld arbeiten.Die Praxis, außerhalb der Privaträume den Körper so zu verhüllen, daß nur Gesicht, Hände und Füße sichtbar sind, ist schlicht zu teuer.
Seklusion ist nicht gleichbedeutend mit einer reinen Hausfrauenexistenz. Viele Frauen betreiben mit Hilfe von Kindern oder Dienstboten Handels- oder Handwerkstätigkeiten, auf deren Profite die Männer keinen Anspruch haben. Die meisten Frauen sind in ständigem Kontakt zu Verwandten, Freundinnen, Nachbarinnen und auch zu nicht-verwandten Männern. Jüngere Verwandte, Freunde oder Klienten des Ehemannes, die als dessen Söhne oder jüngere Brüder klassifiziert werden, haben durchaus Zugang zu den Frauenbereichen von Häusern. Wie der Alltag von Frauen in Seklusion aussieht, schildert sehr schön der Film von Eliane de Latour Contes et comptes de la cour (1992) über die Ehefrauen eines Kantonschefs in Niger. Es geht jedenfalls nicht um Gefangenschaft. Auch unterliegen Geschiedene, Witwen oder Frauen nach der Menopause nicht unbedingt der Seklusion.
Seklusion bedeutet auch nicht, daß Frauen keinen Zugang zu religiöser oder säkularer Bildung hätten. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten in erster Linie Frauen aus Elite-Familien auf eine Tradition weiblicher Gelehrsamkeit zurückblicken. Das berühmteste Beispiel der vorkolonialen Zeit ist Nana Asmau, eine Tochter Usman Dan Fodios, dem geistigen Anführer des dschihad im Hausaland im 19. Jahrhundert. Usman Dan Fodio äußerte sich in seinen Schriften mehrfach über die Rechte und Pflichten von Frauen. Unter anderem schrieb er:
Die meisten unserer gebildeten Männer lassen ihre Frauen, Töchter und weiblichen Angehörigen ... vor sich dahinvegetieren wie Vieh, ohne sie zu lehren, was Allah vorgeschrieben hat zu lehren und ohne sie in den Artikeln des Rechts zu unterrichten, die sie betreffen ... Die Männer behandeln ihre Frauen wie Haushaltsgeräte, die nach langem Gebrauch zerbrechen und dann auf den Dunghaufen geworfen werden. Dies ist ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Wie können sie ihre Frauen, Töchter und weiblichen Abhängigen nur in der Gefangenschaft der Ignoranz belassen, während sie doch täglich ihr Wissen an ihre Studenten weitergeben? In Wahrheit handeln sie aus Egoismus ... Muslimische Frauen: Hört nicht auf die Reden der Fehlgeleiteten, welche die Saat des Irrtums in die Herzen der Anderen säen. Sie betrügen euch, wenn sie euch den Gehorsam gegenüber euren Männern predigen, ohne euch von dem Gehorsam zu erzählen, den ihr zunächst Allah und seinem Propheten schuldig seid. Sie suchen nur ihre eigene Befriedigung und deshalb schaffen sie euch Aufgaben an, die jedoch vom Gesetz Allahs und seines Propheten niemals nur euch alleine auferlegt wurden. Dazu gehören die Zubereitung der Nahrung, das Waschen der Kleidung und die anderen Pflichten, die sie euch befehlen, während sie sich gleichzeitig weigern, euch zu lehren, was Allah und sein Prophet euch in Wahrheit auferlegt haben (zit. nach Kleiner-Bossaller 1993: 115).
Usman Dan Fodio sagt sehr deutlich, daß der Gehorsam gegenüber Gott wichtiger ist als der Gehorsam gegenüber dem Ehemann. Die Pflichten von Ehemännern beschränken sich nicht nur auf die materielle Versorgung ihrer Familien, sondern beziehen sich auch auf die Bildung ihrer Frauen und Kinder. Kommen sie dieser Aufgabe nicht nach, haben Frauen das Recht und die Pflicht, Bildung außerhalb des Hauses zu erwerben. Entsprechend dieser Auffassung waren die Frauen in Usman Dan Fodios Familie, vor allem seine Tochter Nana Asmau, hochgebildet. Nana Asmau begründete eine Bewegung von gebildeten Frauen, die von Ort zu Ort reisten und andere Frauen unterwiesen (Boyd 1989). Auch heute gibt es weibliche Gelehrte, die als Mitglieder von Sufi-Orden andere Frauen initiieren oder Pilgerfahrten nach Mekka organisieren (Coles/Mack 1991).
Bildung und Berufstätigkeit
Zu Beginn der 1980er Jahre forschte die amerikanische Politikwissenschaftlerin Barbara Callaway in Nordnigeria. Sie interessierte sich für Emanzipationsmöglichkeiten im Kontext der konservativen, islamischen Gesellschaft (Callaway 1987: xv). Der Islam war für sie ein starres, Frauen einschränkendes Regelwerk. Westliche Bildung und politisches Engagement waren für sie zwei Bereiche, in denen sich ein Wandel abzeichnete. Nordnigerianische Akademikerinnen kritisierten Callaways Buch aber als einseitig und eurozentrisch. Meine westlich gebildeten Gesprächspartnerinnen (Werthmann 2000) äußerten differenzierte Auffassungen über ihren persönlichen Glauben und die Religion als normativem Rahmen. Ihnen war zum Beispiel klar, daß die Seklusion, wie sie in Nordnigeria praktiziert wird, nicht direkt einer Koran-Vorschrift entspricht. Dies bedeutete jedoch keineswegs, daß sie deshalb den Islam grundsätzlich in Frage stellten. Als problematisch empfanden sie jedoch die verbreitete Gleichsetzung von Islam und Hausa-Kultur, die es erschwert, zwischen Tradition und Moderne zu lavieren.
Schul- und Universitätsausbildung waren für Mädchen und Frauen im islamischen Norden Nigerias lange Zeit nicht selbstverständlich. Schon während der britischen Kolonialzeit stieß der Versuch, Mädchenschulen einzurichten, auf Widerstand, da diese mit christlicher Missionierung assoziiert wurden. Erst 1976 wurde eine sechsjährige Grundschulpflicht eingeführt und weitgehend befolgt. In den folgenden Jahren entstanden auf allen Ebenen neuen Bildungsinstitutionen. Während jedoch viele Jungen weiterführende Einrichtungen besuchten, galt für Mädchen immer noch die erste Heirat als entscheidender Schritt in den Erwachsenenstatus und hatte bald nach Abschluß der Grundschule zu erfolgen. Die Zahl der Mädchen und Frauen, die Schulen, Erwachsenenbildungsprogramme und die Universität nutzen, stieg seitdem jedoch stetig.
Heute sind weibliche muslimische Studenten an der Bayero University von Kano ein alltäglicher Anblick, wenn sie auch an Fakultäten wie Technologie oder Naturwissenschaften nur sehr vereinzelt auftauchen. Viele studieren Islamwissenschaften in Verbindung mit den Sprachen Arabisch und Hausa. Beliebte Fächer sind außerdem Englisch, Pädagogik und Bibliothekswesen. Die Anzahl westlich gebildeter, berufstätiger Frauen nimmt zu. Frauen engagieren sich auch in politischen Parteien oder Menschenrechtsorganisationen. Der Dachverband FOMWAN (The Federation of Muslim Womens Associations of Nigeria) umfasst 150 Organisationen, die unter anderem gegen Zwangsheirat, genitale Verstümmelung und jüngst gegen die Anwendung der Scharia im nordnigerianischen Strafrecht kämpfen.
Um ihre Berufstätigkeit zu legitimieren, greifen nordnigerianische Frauen auf die Lehren Usman Dan Fodios und das Vorbild seiner Tochter Nana Asmaus zurück. Akademikerinnen definieren das Streben nach Bildung als Dienst an der Gemeinschaft und nicht als Verfolgen persönlicher Interessen. Dabei dehnen Frauen Usman Dan Fodios Aussagen bezüglich der Bildungspflicht von ihrem religiösen Kern auf säkulare Bereiche aus und betonen, nur gebildete Frauen könnten gute Ehefrauen und Mütter sein. Die Aneignung westlicher Bildung bedeutet aber nicht die Übernahme westlicher Rollen- und Beziehungsmodelle. Die Frauen versuchen vielmehr, die kulturell und religiös definierten weiblichen Rollen und Handlungsspielräume innerhalb des normativ gegebenen Rahmens zu modifizieren.
Auf die Frage, ob Frauen für den eigenen Lebensunterhalt arbeiten sollten, war die Antwort westlich gebildeter Frauen ausnahmslos nein. Alle Frauen betonten, daß es die Pflicht der Ehemänner sei, sie zu versorgen. Die Frauen seien auch nicht dazu verpflichtet, ihr unabhängiges Einkommen der Familie zur Verfügung zu stellen. Genau so argumentierten auch meine Nachbarinnen in der Altstadt von Kano (Werthmann 1997), die einen deutlich niedrigeren Bildungsstand hatten. Beide Gruppen waren sich darin einig, daß Ehemänner nach islamischem Recht dafür verantwortlich sind, ihren Frauen und Kindern Nahrung, Kleidung und Wohnraum zu bieten. Eine Vernachlässigung dieser Pflicht gilt als legitimer Scheidungsgrund.
Die Debatten über die Vereinbarkeit von Bildung und Berufstätigkeit mit Ehe und Mutterschaft sind auch in westlichen Gesellschaften nicht abgeschlossen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Situation von muslimischen Frauen in Nordnigeria nicht grundsätzlich von Frauen in westlichen Gesellschaften. Doch in einer Gesellschaft, wo Religion alle Lebensbereiche durchdringt und Glaubenskonflikte immer wieder gewaltsam ausgetragen werden, müssen Frauen spezifische Strategien entwickeln, um religiöse und kulturelle Normen mit individuellen Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Nordnigerianische Frauen heben das religiös begründete Recht auf Bildung als integralen Bestandteil ihrer Familienpflichten hervor und erweitern damit ihre Handlungsspielräume.
Ganz ähnlich argumentierten übrigens die Protagonistinnen der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland im 19. Jahrhundert. Auch für sie war die Rolle von Frauen als Mütter und Erzieherinnen künftiger Generationen die Begründung für die Forderung nach Frauen- und Mädchenbildung und die Legitimation des Lehrerinnenberufs. Im Unterschied zu muslimischen Frauen im heutigen Nordnigeria verzichteten diese frühen Feministinnen aber oft auf Ehe und Mutterschaft.
PD Dr. Katja Werthmann
ist Assistentin am Institut für Ethnologie und Afrikastudien an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Sie hat Feldforschungen über muslimische Frauen in Nigeria und über Goldgräber in Burkina Faso durchgeführt.
Werthmann@uni-mainz.de
Literatur
Boyd, Jean, 1989: The Caliphs Sister. Nana Asmau, 1793-1865: Teacher,
Poet and Islamic Leader. London: Frank Cass
Callaway, Barbara, 1987: Muslim Hausa Women in Nigeria. Tradition and Change. Syracuse: University Press
Coles, Catherine und Beverly Mack (Hg.,) 1991: Hausa Women in the Twentieth
Century. Madison: University of Wisconsin Press
Kleiner-Bossaller, Anke, 1993: Zur Stellung der Frau in der Hausa-Gesellschaft:
ein brüchig gewordener Konsens. In: Jamil M. Abun-Nasr (Hg.): Muslime
in Nigeria. Religion und Gesellschaft im politischen Wandel seit den 50er Jahren. Münster/Hamburg: Lit, 83-126.
Werthmann, Katja, 1997: Nachbarinnen. Das Alltagsleben muslimischer Frauen in einer nigerianischen Großstadt. Frankfurt/Main: Brandes & Apsel.
Werthmann, Katja, 2000: Seek for Knowledge, Even if it is in China!
Muslim Women and Secular Education in Northern Nigeria. In: Thomas Salter und Kenneth King (Hg.): Africa, Islam and Development: Islam and Development in Africa African Islam, African Development. University of Edinburgh:
Centre of African Studies, 253-270.
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