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Hilfe für kriegstraumatisierte Frauen


03/2005
 

Hilfe für kriegstraumatisierte Frauen

Montag früh um acht: Mitarbeiter der algerischen Gesellschaft für psychologische Forschung (SARP) nehmen mich mit nach Sidi Musa, einer Kleinstadt südwestlich von Algier. Dort betreibt die Organisation ein psychosoziales Beratungszentrum. Es betreut psychologisch, medizinisch und sozial 150 Frauen sowie 50 Kinder und Männer kontinuierlich – unter anderem mit Hilfe der EU.

Der Minibus rumpelt über die schmale Landstraße; von weitem wirkt die fruchtbare Landschaft bestechend friedlich. Erst aus der Nähe sieht man Kriegsspuren. Rußgeschwärzte Bäume, von Gewehrschüssen durchsiebte Häuserwände, verlassene Gehöfte und halbverkohlte Fabrikhallen zeugen von den Kämpfen der 90er Jahre. Straßenschilder weisen nach Bentalha und Rais – einst beschauliche kleine Dörfer, deren Namen nach grauenvollen Massakern mit Hunderten Toten sich nicht nur in das algerische Gedächtnis eingebrannt haben.

„Hier begann damals die &Mac226;befreite’ islamische Zone“, sagt mein Sitznachbar sarkastisch. Solche Gebiete gibt es längst nicht mehr. Der Bürgerkrieg gilt seit dem Gesetz über die Nationale Eintracht von 1999 und danach verfügten Amnestien für islamistische Kämpfer offiziell als beendet. Doch nach wie vor kommen in Algerien jährlich schätzungsweise 1000 Menschen durch den Terror bewaffneter Gruppen ums Leben – vor allem in entlegenen Regionen. Der Bürgerkrieg, der 1992 begann, als das Militär die Parlamentswahlen unterbrach, kostete rund 150.000 Menschen das Leben.

Die Traumata wirken nach. Vor allem die zahlreichen Frauen wurden allein gelassen, die in den 90er Jahren überfallen, vergewaltigt und manchmal monatelang in Islamistenlager verschleppt wurden. „Was noch schlimmer ist: die Regierung verweigert ihnen auch finanzielle Hilfen, weil sie Frauen sind“, sagt SARP-Mitgründerin Cherifa Bouatta. Während der Staat manchen männlichen Terroropfern Entschädigungszahlungen leistet und reumütigen Islamisten bei der Existenzgründung hilft, werden weibliche Vergewaltigungsopfer explizit ausgenommen, da staatliche Unterstützung die Betroffenen „stigmatisieren und zu Prostituierten stempeln“ könnte.

Amtlicher Zynismus, weit verbreitete Frauenfeindlichkeit und das diskriminierende Familienrecht vervielfachen das Leiden der kriegstraumatisierten Frauen. Die 45jährige Yamina (Name geändert), die seit einigen Monaten regelmäßig das SARP-Zentrum in Sidi Musa aufsucht, kann davon erzählen. Ihr Mann, ein Taxifahrer, ist seit 1999 „verschwunden“. Seitdem muss sie die sechsköpfige Familie zwar allein mit der schmalen staatlichen Unterstützung von 8000 Dinar (rund 100 Euro) über die Runden bringen, doch auf den Behörden wird sie behandelt wie eine Minderjährige. Ob Einschulung, Arztbesuch oder soziale Hilfen – überall braucht Yamina eigentlich die Unterschrift ihres Mannes, denn nur er hat laut Gesetz die Entscheidungsbefugnis in Angelegenheiten der Kinder, solange er nicht offiziell für tot erklärt ist oder nachgewiesen wird, daß er die Familie mutwillig verlassen hat. Yamina muss isch durchmogeln.Alle Nachforschungen über seinen Verbleib blieben bisher ohne Ergebnis – und Yamina scheut davor zurück, ihn offiziell für verschwunden erklären zu lassen, weil sie Polizei und Behörden nicht traut.

Mit gutem Grund. In den vergangenen Jahren kam es in Algerien mehrmals zu Pogromen gegen allein lebende Frauen und ihre Kinder, ohne dass die Sicherheitskräfte rechtzeitig einschritten. Am 16.Juli 2001 randalierten beispielsweise 300 Männer stundenlang in Hassi Messaoud, vergewaltigten und verletzten Frauen und zündeten ihre Wohnungen an. „Die rechtliche Diskriminierung von Frauen in Algerien begünstigt physische Gewaltakte und legitimiert die systematische Benachteiligung von Frauen auf allen Ebenen“, konstatierte im November 2004 die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Eine SARP-Mitarbeiterin sieht das ähnlich: „Wir können hier Medikamente gegen Depressionen verteilen und psychologische Hilfe anbieten. Aber die Wirkung aller Therapien bleibt begrenzt, solange die Frauen nicht mehr Rechte bekommen.“

Martina Sabra