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Zusammenstöße in Zivilisationen
 03/2006
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Kommentar
Zusammenstöße in Zivilisationen
Überall auf der Welt betont Identitätspolitik Differenzen, um Sündenböcke zu definieren und aggressive Wir-Gefühle zu schüren. Das dient meist innenpolitischen Zwecken. Im Konflikt um die dänischen Mohammed-Karikaturen ist das nicht anders: Protest gegen die Bilder flammte erst auf, als sie außerhalb Dänemarks identitätspolitisch instrumentalisiert wurden. Doch aus den vielerorts gewalttätigen Unruhen zu schließen, der Islam sei mit Demokratie und Pressefreiheit nicht vereinbar, ist falsch.
[ Von Hans Dembowski ]
Es ist möglich, die Kontroverse um geschmacklose Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung als Kampf der Kulturen zu interpretieren. Wer allerdings solche Ideen in Europa oder Nordamerika publiziert, spielt mit dem Feuer. Die These vom Kampf der Kulturen ist tendenziell selbsterfüllend, sie heizt die Krise an, die zu diagnostizieren sie vorgibt.
Die Inkompatibilität einer Kultur mit diesem und jenem ist schnell proklamiert. Allerdings sind solche Urteile oft auch schnell historisch überholt. In den siebziger Jahren wurde ernsthaft behauptet, Demokratie tauge nicht für katholische Nationen. Spanien, Portugal, Staaten Lateinamerikas oder auch die Philippinen galten als Belege. Ein Jahrzehnt später wurden dann Papst Johannes Paul II. oder die Kardinäle Glemp und Sin als Förderer von Demokratisierungsprozessen gefeiert.
Auch das friedliche Zusammenleben von Katholiken und Protestanten war lange nicht selbstverständlich. In Nordirland ist es das leider heute noch nicht. Bis John F. Kennedy 1960 die Wahl gewann, schien unvorstellbar, dass ein Katholik US-Präsident werden könnte. Heute registriert die interessierte Öffentlichkeit dagegen nur noch beiläufig, dass die Konfession zunächst ungeliebter Einwanderer (aus Irland, Polen, Italien und inzwischen Mittelamerika oder den Philippinen) erstmals die Richtermehrheit am Supreme Court in Washington stellt.
Als die USA gegründet wurden, speiste sich der politische Säkularismus der Gründungsväter nicht aus der Geringschätzung religiöser Bindungen sondern aus dem Respekt vor ihnen. Sie entschieden sich für die Trennung von Kirche und Staat, weil sie die blutigen Glaubenskonflikte der englischen Geschichte vor Augen hatten. Ende des 18. Jahrhunderts wäre es absurd gewesen, von einer irgendwie als homogen verstandenen judeo-christlichen Kultur zu sprechen, wie das allmählich üblich wird.
Wer heute den Clash von Christentum und Islam für das Drama der Epoche hält, übersieht, dass im Namen einer anderen Differenz öfter Blut fließt der von Sunniten und Schiiten. Gewalt flammt nicht nur im Irak auf, sondern auch in Afghanistan, Pakistan oder Saudi-Arabien.
Identitätspolitiker betonen regelmäßig Differenzen, um aggressive Wir-Gefühle zu schaffen und auf Sündenböcke zu richten. Sie haben meist innenpolitische Motive. So heizen etwa ägyptische Fundamentalisten Empörung an, um Stärke zu demonstrieren. Dann schließt sich die verhasste Regierung dem Aufruhr an, um der Opposition keinen Boden zu überlassen.
An der Affäre um Jyllands-Posten fallen drei Aspekte auf. Erstens: Die Karikaturen erreichten ihr Ziel. Die Urheber verletzten absichtlich religiöse Gefühle. Zweitens: Verständlicher muslimischer Ärger fiel mancherorts maßlos aus. Keine Weltreligion artikuliert Glauben durch Brandstiftung, Totschlag oder gar Mord. Drittens: Der internationale Protest entflammte Monate nach der Erstveröffentlichung. Die Bilder mussten identitätspolitisch erst außerhalb Dänemarks instrumentalisiert werden. Neben den bereits genannten Ländern verdienen hier besonders Syrien und Iran Erwähnung. Auch der Wahlkampf in Palästina, den die islamistische Hamas gewann, spielte sicherlich eine Rolle. Um ordentlich Stimmung zu machen, verbreiteten die Fundamentalisten denn auch ein paar besonders bösartige Zeichnungen, die Jyllands-Posten nie veröffentlicht hatte.
Zurück nach Dänemark. Die Karikaturen erschienen in einer Zeitung, die den harten Regierungskurs gegenüber Migranten stützt. Innenpolitische Stimmungsmache wog mindestens so schwer wie die Verteidigung der Pressefreiheit. Letzteres Bedürfnis hätte sich mit subtileren, witzigeren Mitteln ausdrücken lassen. Es musste bestimmt nicht gleich eine ganze Karikatur-Seite mit Beiträgen recht unterschiedlicher Qualität sein. Einige hatten wirklich nur das Niveau, auf dem das Nazi-Blatt Stürmer seinerzeit gegen Juden hetzte. Die Redaktion in Aarhus hätte sich auf die demokratische Tugend der intelligenten Selbstbeschränkung besinnen sollen. Nicht alles, was gesagt werden darf, muss auch gesagt werden. Dass das Blatt nicht staatlich zensiert werden darf, versteht sich dagegen von selbst.
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