Editorial


03/2006
 

Wasser – Entwicklung der Entwicklungspolitik

Was nötig ist, um an einem Ort alle Menschen mit Wasser zu versorgen, ist bekannt. Gebraucht wird ein System, das den lokalen Gegebenheiten entspricht. Es muss natürliche Ressourcen effizient nutzen, der gesamten Bevölkerung Zugang gestatten und zuverlässig funktionieren. Dafür wiederum ist eine solide Organisation unabdingbar, was unter staatlicher, aber auch privatwirtschaftlicher Hoheit möglich ist. Jedenfalls kommt kein Versorgungssystem ohne belastbare finanzielle Basis aus, da permanente Verluste die Nachhaltigkeit unterhöhlen. Nur wo der politische und soziale Kontext stimmt, sind aufwendige Infrastrukturen nützlich. Letztere können erstere aber nicht ersetzen. Wo die Rahmenbedingungen nicht stimmen, versagen große Dämme und komplexe Leitungssysteme.

Infrastrukturprojekte – Wasser eingeschlossen – sind seit der Erfindung der Entwicklungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg ein zentrales Anliegen. Dennoch steht fast zwei Generationen später sicheres Trinkwasser zu Recht auf der UN-Agenda der Millenniumsentwicklungsziele. Das zeugt vom Scheitern früherer Bemühungen. Ein Grund zur Resignation ist das nicht. Es gibt Erfolge. Sie beruhen auf Konzepten, die Lehren aus vergangenem Versagen gezogen haben. Es kommt eben nicht nur auf Meisterleistungen von Ingenieuren an, wie Modernisierung in den ersten Dekaden der Entwicklungspolitik verstanden wurde. Es reicht auch nicht, auf die Wunderwirkungen des marktwirtschaftlichen Wechselspiels von Angebot und Nachfrage zu setzen. Dass simplistische Privatisierungskonzepte, wie sie in der Hochzeit des Washington Consensus propagiert wurden, scheitern, sollte eigentlich niemanden überraschen. Märkte reagieren bekanntlich auf kaufkräftige Nachfrage, aber nicht auf menschliche Not.

Der soziopolitische Kontext ist wesentlich. Es kommt auf solide Regierungsführung an, auf die örtliche Bereitschaft zu verantwortlichem Handeln und auf substanzielle Partizipation der Bevölkerung. Stimmige Konzepte sehen folglich unter unterschiedlichen Bedingungen auch unterschiedlich aus. An der peruanischen Pazifikküste ist es, wie im InWEnt-Forum unserer Februarausgabe beschrieben, richtig, den Anspruch aufzugeben, alle Haushalte rund um die Uhr zu versorgen. Angesichts der gegebenen Engpässe ist es ökonomisch klüger sicherzustellen, dass möglichst viele Bürger regelmäßig ihre Vorräte auffüllen, mit denen sie durch den Alltag kommen. Im tansanischen Tanga, einer Stadt mit weniger eklatantem Wassermangel, ist die 24-Stunden-Versorgung mit sicherem Trinkwasser dagegen machbar.

Der Wassersektor zeigt beispielhaft, wie sehr sich die Entwicklungspolitik selbst weiterentwickelt hat. Heute stehen zu Recht Themen im Vordergrund, die die Weltbank seit knapp einem Jahrzehnt betont: Good governance, local ownership, participation und dergleichen mehr. Dass diese Dimensionen heute zunehmend berücksichtigt werden, zeugt davon, dass Modernisierungsstrategien selbst modernisiert wurden. Einfache Rezepte sind das freilich nicht, Geber können den Erfolg nicht erzwingen.

Sicherlich wäre die Weltgemeinschaft auf dem Weg in Richtung Millenniumsziel Wasserversorgung schon weiter, wenn die genannten Prinzipien die Alltagspraxis aller Staaten bestimmen würden. Die Geber können sie multilateral am besten fördern, indem sie in allen Politikfeldern so kooperativ und konsensorientiert auftreten, wie es ihre Entwicklungspolitiker gerne beschwören. Damit würden sie auch den Rahmen dafür schaffen, internationale Verhandlungssysteme zu stärken, um begrenzte Naturressourcen fair unter den Staaten zu verteilen.



Dr. Hans Dembowski
Chefredakteur E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit/
D+C Development and Cooperation
euz.editor@fsd.de