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Beiträge aus dem Schwerpunkt
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 03/2006
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Der Irrglaube vom Wasser im Überfluss
Gewaltige Infrastrukturprojekte mit Staudämmen und Fernleitungen können Indiens Wasserprobleme nicht lösen. Eine umsichtige Politik muss lokal denken und unter anderem Abwasser wiederaufbereiten.
[ Von Sunita Narain ]
Unsere führenden Politiker neigen dazu, Angelegenheiten sehr kurzsichtig zu betrachten. Sie verlassen sich auf Bürokraten, die ihnen sagen, dass sie alles im Griff haben. Was Wasser angeht, überzeugen erfahrene Beamte Minister ob auf Landes- oder Bundesebene leicht davon,
dass Probleme verstreichen sie erledigen sich mit dem nächsten Regen,
dass Probleme politisch sind die Opposition macht Ärger; und
dass Probleme nur lokaler Natur sind.
Unsinn. Die indische Bevölkerung wächst, die Industrie wächst, und die landwirtschaftliche Produktion wächst. Die Nachfrage nach Wasser wächst logischerweise mit auf dem Land und in den Städten. Was wahrscheinlich nicht steigt, sind die natürlichen Wasservorräte. Im Gegenteil: Der Klimawandel bedeutet künftig eher weniger Wasser. Es ist also höchste Zeit für eine stimmige Politik.
Offizielle Programme haben bislang wenig gebracht. Ein Grund dafür ist, dass unsere Technokraten offenbar so weitsichtig sind wie unsere Politiker kurzsichtig. Sie versichern der Regierung, sie hätten seit Jahren einen grandiosen Plan, der nur wiederbelebt werden müsste. Das kostet Zeit und Geld. Der Plan besteht darin, mit einer neuen Leitung von noch weiter her, wo es keinen Mangel gebe, Wasser zu holen. Leider ergänzen sich die Sehschwächen. Die langfristige Perspektive dient einem kurzfristigen Ziel. Wahlen rücken näher. Das Großprojekt klingt gut. Politiker versprechen ein Paradies mit sauberem Wasser im Überfluss. Vertrauen Sie uns die Regierung weiß, was sie tut.
Regierungen kommen und gehen, die Wasserprobleme verschärfen sich. Die Großprojekte bringen nur einen Bruchteil des Versprochenen, aber sie verursachen neuen Ärger. Bauern sind wütend, weil die teure Infrastruktur ihre Bedürfnisse nicht befriedigt. Zu viel des kostbaren Nass wird für Städte reserviert. Es kommt zu Protesten und Gewalt. Letzten Sommer feuerte die Polizei auf eine Bauerndemonstration in Rajasthan einem der trockensten Bundesstaaten. Es gab Tote.
Man versteht nicht, dass die Nation mit dem Wasser auskommen muss, das sie hat. Man ignoriert die örtlichen Verhältnisse, die wichtiger sind als jegliches Planungsdokument. Man unterschätzt das Abwasser, eine Ressource, die nicht vergeudet werden darf.
Werfen wir einen Blick auf Delhi. Mindestens 40 Prozent der Bevölkerung leben illegal hier, in Elendsvierteln und ungenehmigten Siedlungen. Offizielle Pläne ignorieren diese Menschen einfach. Andererseits wurden Slumbewohner von den sukzessiven Regierungen beschuldigt, den großen Fluss Yamuna zu verschmutzen. Sicherlich sehen die Hütten schmutzig aus. Aber intelligente Menschen sollten verstehen, dass die Armen nicht die Hauptverschmutzer des Wassers sind. Es wird von denen verdreckt, die es benutzen. Und die Armen bekommen in Delhi nur einen winzigen Anteil.
Die Stadt stellt ihren Menschen täglich offiziell 3600 Millionen Liter Wasser zur Verfügung. Ungefähr die Hälfte davon erreicht die Haushalte. Der Rest wird amtlich unter Verteilungsverlusten verbucht. Die Versorgung erzeugt Ungleichheit und Verschwendung. Siebzig Prozent der Einwohner erhalten weniger als fünf Prozent des Wassers, während Wohnviertel, in denen Beamte und Reiche residieren, saftige 400 bis 500 Liter pro Kopf und Tag bekommen.
Es ist nicht bekannt, wie viel Grundwasser Privathaushalte und Firmen abpumpen. Aber die Menge lässt sich am anfallenden Abwasser abschätzen. Normalerweise passiert das aber nicht, weil unsere inkompetenten Planer Wasserver- und -entsorgung nicht als Einheit betrachten. Dabei wird das meiste bereit gestellte Wasser zu Abwasser. Delhi produziert über 3900 Millionen Liter Abwasser täglich (mlt). Also nutzt die Stadt wahrscheinlich einige 4400 mlt Wasser. Mit anderen Worten: Sie verbraucht pro Kopf und Tag 317 Liter. Singapur kommt mit 165 Litern pro Kopf und Tag aus. Wer behauptet da, Delhi sei arm an Wasser? Im Gegensatz zu Delhi bereitet Singapur natürlich Abwasser auf und macht es wieder trinkbar. Delhi könnte das auch. Aber massive Investitionen in Klärwerke haben wenig gebracht. Grandiose Pläne haben mal wieder über die örtliche Realität triumphiert.
Was schief gelaufen ist? Eine Menge. So entstanden Kläranlagen nicht, wo sie gebraucht werden. Sie wurden gebaut, wo Bauland brach lag. Also muss Abwasser nun weit transportiert werden. Im Falle der größten Anlage kostet dieser Transport mehr als der Klärprozess selbst. Außerdem gingen Investitionen in Kläranlagen nicht mit angemessenen Mitteln für Abwasserleitungen einher. Da überrascht es nicht, dass ein Bericht des Central Pollution Control Board 2004 zu dem Schluss kam, 73 Prozent der Kläranlagen in Delhi arbeiteten unter Kapazität, während sieben Prozent gar nicht funktionierten.
Weltbankideologie
Angesichts der behördlichen Schwächen könnte man auf externen Rat hoffen. Pläne für Delhi, die kürzlich zusammen mit der Weltbank gemacht wurden, mussten jedoch wieder ad acta gelegt werden. Statt den echten Bedarf zu analysieren, setzte die Bank schlicht auf Privatisierung. Irgendwie würde alles besser laufen, sobald eine Privatfirma am Ruder wäre. Die Wasserversorgung würde verlässlich laufen sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag.
Der angeblich rationale, ökonomische Ansatz war in Wirklichkeit wieder nur ein verkapptes grandioses Projekt. Dass die Ideologie diesmal die Kräfte des freien Marktes statt der behördlich-technokratischen Kompetenz betonte, ergab keinen Unterschied. Wieder wurde Abwasser nicht in Betracht gezogen. Noch wurde seriös abgeschätzt, wie viel zusätzliches Wasser ein 24-stündiger Service erfordern würde. Der Plan konstatierte nur, dass das Privatunternehmen die Verteilungsverluste von 50 Prozent reduzieren würde, um Versorgungslücken zu füllen.
Die Verluste wurden nicht begriffen. Glaubte die Weltbank wirklich, es reiche aus, armen Menschen vermeintlich gestohlenes Wasser in Rechnung zu stellen? Nach dem wenigen, was wir wissen, gehen die Wasserverluste wohl vor allem auf unterirdische Lecks zurück. Welches Unternehmen, so effizient es auch sei, könnte alle Untergrundleitungen nachrüsten? Der Plan wäre darauf hinausgelaufen, armen Leuten mehr zu berechnen, um reiche Leute besser zu versorgen. Welch absurder Ansatz für Delhis Probleme! Es käme natürlich darauf an, für alle eine gerechte Versorgung sicher zu stellen. Also sollte der Verbrauch der Reichen gemessen, die gesamten Kosten von ihnen wieder hereingeholt und mit diesem Geld das Abwassersystem modernisiert werden.
Im Prinzip braucht jede Stadt eine Strategie, die auf lokalen Reserven, lokaler Versorgung und lokaler Abwasserreinigung basiert. Städte müssen ihr Grundwasser sorgsam beurteilen und solche Reserven effizient nutzen. Externes Wasser sollten sie erst holen, wenn sie ihre eigenen Quellen optimiert haben. Außerdem wäre es sinnvoll, Abwasser aus Haushalten von denen der Industrie zu trennen. Dann kann relativ ungiftiges Brauchwasser gereinigt und wieder verwendet werden. Israel tut das. Außerdem könnten wir den Wasserverbrauch in Wohnhäusern und Fabriken senken. Das reiche Australien hat ein Gesetz, das Wassereffizienz für Haushaltsgeräte vorschreibt. Aber in Indien erfordern Toilettenspülungen immer noch mehr Wasser als irgendwo sonst auf der Welt.
Damit sich Indien in die richtige Richtung bewegt, müssen wir grundsätzlich umdenken. Das Traurigste ist, dass wir Sparsamkeit als Eingeständnis der Armut ansehen. Jeder Politiker, der für den Umweltschutz eintritt, wird zum Verkünder von Rationierung und Mangel. Deshalb geben sie sich kühn und versprechen grandiose Projekte. Es ist, so sagen sie, was das Land will.
Sunita Narain
leitet das regierungsunabhängige Zentrum für Wissenschaft und Umwelt in Delhi und ist Herausgeberin des zweiwöchentlichen Magazins Down to Earth.
sunita@cseindia.org
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