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03/2006
 

[ Internationale Zivilgesellschaft ]

„Guter Zugang zu Medien und Regierung“

Organisationen wie Greenpeace, Social Watch oder Friends of the Earth nutzen globale Netzwerke, um für ihre Sache zu kämpfen. Die Ausdehnung in Entwicklungsländer ist für sie ein „logischer Schritt“. Manche Regierungen dort beschweren sich darüber. Zudem sind nicht alle lokalen NROs glücklich über die Einmischung.


[ Von Hugh Williamson ]

Der Hauptsitz von Greenpeace auf den Philippinen unterscheidet sich kaum von den nahe gelegenen Büros anderer nichtstaatlicher Organisationen. Die Umweltorganisation sitzt in einem ehemaligen Wohnhaus in einer ruhigen Ecke von Quezon City, einem Viertel in der Hauptstadt Manila, das als Brutstätte vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen bekannt ist.

Der Unterschied zwischen Greenpeace und lokalen Organisationen wird jedoch deutlich, wenn Mitarbeiter Red Constantino erklärt, wie Greenpeace die Umweltprobleme auf den Philippinen anpacken will. „Für uns ist Amsterdam die wichtigste Koordinationsstelle“, sagt er und meint damit den Hauptsitz von Greenpeace International. „Ohne die würden wir eher schlecht funktionieren.“ Constantino macht bei der Kampagne gegen die Unterstützung Manilas für Kohlekraftwerke mit: „Die internationale Dynamik unserer Kampagnen ist sehr wichtig – nichts treibt so sehr das Adrenalin in die Höhe.“

Diese Energieschübe haben Geschichte. Constantino verdankt seinen Job einer Entscheidung, die vor einigen Jahren in Amsterdam getroffen wurde. Anders als die meisten anderen Umweltorganisationen auf den Philippinen wurzelt Greenpeace nicht in lokalen Umweltkonflikten mit Unternehmen oder Regierungsbehörden. Vielmehr traf das Strategieteam der internationalen Organisation im Jahr 2000 die Entscheidung, nach Südostasien zu expandieren. Seitdem gibt es mit Amsterdam und anderen internationalen Büros koordinierte Kampagnen, beispielsweise für erneuerbare Energien und gegen Giftmüll.
Als zweites regionales Zentrum wählte Greenpeace Bangkok. Beide Städte besitzen etablierte NRO-Gemeinschaften. Greenpeace engagiert sich nicht in Malaysia oder Vietnam, obwohl die Umweltprobleme dort nicht weniger ernst sind, wie die Organisation einräumt.

Andere internationale Umweltorganisationen haben keine derart zentralisierte Entscheidungsfindung wie Greenpeace. Die weltweiten Netzwerke von WWF und Friends of the Earth beispielsweise fahren internationale Kampagnen, aber ihre nationalen Ableger sind normalerweise weitgehend autonome Gruppen mit tiefer gehenden lokalen Wurzeln.

Der scharfe Gegensatz zwischen Greenpeace und seinen Nachbarn in Quezon City veranschaulicht ein Problem, das in der gegenwärtigen lebhaften Debatte über die Macht der internationalen Zivilgesellschaft an Aufmerksamkeit gewinnt: die Rolle, die Advocacy-Organisationen aus reichen Ländern in armen Ländern spielen. Die Beziehungen zwischen NROs aus fortgeschrittenen Ländern einerseits und Entwicklungsländern andererseits sind aufgrund unterschiedlicher Ansichten zu Kampagnenprioritäten, Strategien und sogar taktischen Fragen nicht selten von Reibungen geprägt. Dieser Trend hat sich in den letzten Jahren durch den Globalisierungsdruck und die Zunahme von weltweit koordinierten NRO-Aktionen – wie zur Schuldenfrage und den UN-Millenniumszielen – noch verstärkt. Unterschiede in Stil und Inhalt sind sichtbar geworden.

Die Philippinen sind ein besonders interessanter Fall. Die Zivilgesellschaft ist hoch entwickelt, die Bedeutung von NROs für soziale Veränderungen wurde 1987 sogar in die Verfassung aufgenommen. Wirtschaft und Gesellschaft sind zudem relativ stark globalisiert. Die acht Millionen philippinischen Arbeitsmigranten sind nur ein Beispiel dafür.

Internationale Advocacy-Organisationen verursachen regelmäßig Kontroversen – an Beispielen dafür herrscht kein Mangel. In der Greenpeace-Zentrale in Manila sagt Daniel Ocampo, der gegen genveränderte Lebensmittel kämpft, viele Filipinos fänden die Organisation „zu radikal“ – wegen ihrer konfrontativen Aktionen und ihrer politischen Positionen, die sich auf internationale Standards beziehen, die manche in einem Entwickland wie den Philippinen für irrelevant halten. Im Gegensatz dazu, so Ocampo, „kritisieren uns viele linke NROs und militante Bauerngruppen dafür, dass wir europäische Lösungen importieren und bereit sind, mit der Regierung zu reden“. Die Realität liege irgendwo dazwischen, sagt er, wobei sich viele Unterstützer – einschließlich der Akademiker, die gewöhnlich nicht viel von NROs halten – durch den internationalen Namen und die modernen Kampagnen zu Greenpeace hingezogen fühlen.

Es sind jedoch nicht unbedingt andere Nichtregierungsorganisationen, die sich gestört fühlen. Caesar Belangel, stellvertretender Leiter von Code-NGO, einem philippinischen Zusammenschluss von Entwicklungsorganisationen, erzählt, das Umweltministerium habe im letzten Jahr sogar gedroht, internationale Interessengruppen der Anti-Minen-Kampagne auszuweisen. „Internationale NROs können der Mobilisierung mehr Gewicht verleihen – und die Regierung findet das nicht gut.“

Leonor Briones sieht die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven. Die frühere Finanzministerin leitet die philippinische Abteilung von Social Watch, einem weltweiten Netzwerk für soziale Rechte. „Internationale NROs haben ohne Zweifel Einfluss“, sagt sie. „Oxfam hat vor kurzem ein Buch zur Verschuldung der Philippinen finanziert und die Weltbank-Leute haben es zweifelsohne gelesen.“ Doch die Regierung ärgere sich über eine ihrer Ansicht nach selektive Wahrnehmung. Briones: „Die Regierung sagt: &Mac226;Warum auf Smokey Mountain (eines von Manilas ärmsten Slumgebieten) herumreiten, wenn man ebenso gut Makati (das reiche Geschäftsviertel der Stadt) anschauen könnte?’“


Stolz auf Professionalität

Lorenzo Tan, Leiter des WWF in den Philippinen, betont den professionellen Ansatz seiner Organisation. Sein internationaler Status habe dem WWF in Manila Türen zu Politikern geöffnet. Seine Gruppe, so Tan, habe die Regierung bei mehreren Meeresschutzprojekten beraten. „Wir haben das Privileg einer globalen Perspektive; wir können einschätzen, wie schlimm die Dinge im Vergleich zu anderen Orten stehen. Aber wir arbeiten auch hart daran, Unterstützung durch lokale Interessengruppen zu gewinnen.“

Anders als viele lokale NRO-Chefs, die früher Aktivisten waren, ist Tan ein wohlhabender ehemaliger Geschäftsmann. Zum WWF kam er über seine Liebe zur Wildtierfotografie. Er sei wegen seiner Fachkenntnisse eingestellt worden, sagt Tan und ergänzt, das anspruchsvolle Verfahren seiner Gruppe zur Projektevaluierung würde „viele nördliche NROs beschämen“.

Tan betont außerdem die Vermittlungsrolle von internationalen Nichtregierungsorganisationen in Entwicklungsländern: Seiner Ansicht nach helfen sie Geberorganisationen, das Land besser zu verstehen. „Manche Geber sind nicht flexibel genug.“ Ihnen sei nicht bewusst, wie schnell sich die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in einem Land wie den Philippinen ändern können – und „sich über Nacht die Parameter für ein Projekt wandeln“, sagt Tan.

Wie sehen internationale NROs aus reichen Ländern die Rolle ihrer Zweigstellen an Orten wie den Philippinen? Leiter von Greenpeace und Friends of the Earth (FoE) sagen, sie seien entscheidend angesichts der zunehmend globalen Ausrichtung von Umweltkampagnen. Gerd Leipold, Geschäftsführer von Greenpeace International, sagt, seine Organisation habe sich in die Philippinen und nach Thailand ausgedehnt, als klar wurde, dass sie ihre Aktivitäten dort verankern muss, wo die Umweltbedrohungen am größten sind. „In diesem Sinne war die Erweiterung ein logischer Schritt.“

Meena Raman, malaysische Umweltschützerin und Präsidentin des internationalen FoE-Netzwerks, verweist auf die Komplexität der Beziehungen zwischen den verschiedenen Partnerorganisationen. „Unsere Büros in Malaysia und anderen Orten im Süden werden regelmäßig von den Regierungen beschuldigt, sie würden vom Ausland aufgehetzt. Deshalb stellen wir unsere Verbindungen mit nördlichen NROs nicht in den Vordergrund. Wir wollen zeigen, dass sich auch die Menschen im Süden um die Umwelt sorgen.“ Im Gegensatz dazu könnten Gruppen im Norden durch Verbindungen mit NROs armer Länder an Legitimität gewinnen, sagt Raman. Deshalb tendieren sie dazu, solche Verbindungen öffentlich zu machen. Zu PR-Zwecken seien die nördlichen FoE-Büros auf die südlichen mehr angewiesen als umgekehrt.

Zurück in den Philippinen: Elisea Gozun, eine frühere Umweltministerin, sagt, Organisationen wie Greenpeace hätten – manchmal frustrierenden – Einfluss. Zwar hat sie selbst einen NRO-Hintergrund, die radikale Haltung von Greenpeace zu Kohlekraftwerken sieht sie dennoch kritisch, weil sie ihrer Meinung nach den umfassenderen Vorstoß der Regierung hin zu erneuerbaren Energien vernachlässigt. „Greenpeace hat Einfluss: Wenn sie einmal ihren Standpunkt eingenommen haben, wird er von lokalen NROs übernommen.“

Caesar Belangel von Code-NGO stimmt zu, dass die Aktivitäten internationaler Organisationen manchmal zu Verzerrungen führen, beispielsweise durch die selektive Bewilligung von Fördergeldern oder die Abwanderung von qualifizierten Mitarbeitern zu internationalen NROs mit höheren Gehältern. Seiner Ansicht nach aber überwiegen die vorteilhaften Einflüsse, etwa die Durchsetzung von professionellen Führungsstandards. „Internationale NROs arbeiten in der Regel auf der Makroebene und haben guten Zugang zu den Medien und der Regierung. Das kann helfen, wenn es für weniger prominente Initiativen auf lokaler Ebene nutzbar gemacht wird.“



Hugh Williamson
hat für nichtstaatliche Organisationen in Britannien, Deutschland und Hongkong gearbeitet. Er ist Korrespondent der Londoner Financial Times, derzeit in Berlin, vorher in Manila.
hugh.williamson@t-online.de