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Auslandsinvestitionen: Demokratien bevorzugt?


04/2003
 

Neues aus der Wissenschaft

Auslandsinvestitionen: Demokratien bevorzugt?

Zurzeit berät eine Arbeitsgruppe der UN-Subkommission für die Förderung und den Schutz der Menschenrechte, eines untergeordneten Gremiums der UN-Menschenrechtskommission, über einen menschenrechtlichen Verhaltenskodex für transnationale Unternehmen. Möglicherweise wird der Kodex auf der nächsten Sitzung der Sub-Kommission im kommenden August verabschiedet. Geschähe das, dann wäre gelungen, was ohne Erfolg bereits in den siebziger Jahren im Rahmen der Debatte über eine „Neue Weltwirtschaftsordnung“ versucht worden war. Folgt man freilich einer neuen Studie des Hamburger Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA), dann wäre ein solcher Verhaltenskodex damals viel wichtiger gewesen als heute. Denn laut HWWA-Ökonom Matthias Busse, dem Autor der Studie, haben transnationale Unternehmen in den siebziger Jahren tatsächlich kaum darauf geachtet, ob es sich bei einem Investitionsstandort um eine Demokratie oder eine Diktatur handelt. In den achtziger und vor allem in den neunziger Jahren dagegen seien Auslandsinvestitionen verstärkt in solche Entwicklungsländer geflossen, in denen demokratische und menschenrechtliche Standards beachtet werden. Busse: „Die häufig zitierte Annahme von Nichtregierungsorganisationen, dass niedrigere demokratische Standards in einem Land Auslandsinvestitionen anziehen, trifft nicht zu.“


Busse kommt zu seinem Ergebnis, indem er die Auslandsinvestitionen und den Zustand von Demokratie und Menschenrechten in 69 Entwicklungsländern seit 1972 miteinander vergleicht. Als Indikator für die Menschenrechtssituation in einem Land nimmt Busse das Ausmaß politischer Rechte (zum Beispiel aktives und passives Wahlrecht) und ziviler Freiheiten (zum Beispiel Meinungs-, Versammlungs- und Vereinsfreiheit). Busses Schlussfolgerung: Für die Periode 1990 bis 1999 lässt sich eine starke positive Beziehung zwischen diesen beiden Variablen und der Höhe der Auslandsinvestitionen in einem Land feststellen. „In anderen Worten, Länder, in denen politische Rechte und zivile Freiheiten stärker geachtet wurden, erhielten höhere Auslandsinvestitionen pro Kopf, als dies auf der Grundlage anderer Ländermerkmale vorhergesagt worden wäre.“ Für die siebziger Jahre dagegen sei keine derartige Korrelation festzustellen.

Busse bietet zwei Erklärungen für diesen Wandel im Investitionsverhalten. Erstens sei seit den siebziger Jahren der Anteil der Investitionen im verarbeitenden Sektor und im Dienstleistungssektor stetig gestiegen, während die Rohstoffgewinnung, der Abbau von Bodenschätzen etwa, relativ an Bedeutung verliere. Dadurch seien transnationale Unternehmen heute weniger stark als früher an bestimmte Investitionsstandorte gebunden und könnten wählerischer sein. Zweitens hat laut Busse vermutlich auch der Druck zivilgesellschaftlicher Organisationen aus aller Welt zu diesem Wandel beigetragen. Die Kampagnen internationaler Nichtregierungsorganisationen für eine stärkere Beachtung der Menschenrechte auch durch die Privatwirtschaft seien heute wesentlich effektiver als vor zwanzig oder dreißig Jahren.

Mit anderen Worten: Der UN-Verhaltenskodex für transnationale Unternehmen kommt möglicherweise insofern zu spät, als heute ohnehin schon vorwiegend in demokratischen Ländern investiert wird. Das heißt jedoch nicht, dass die zivilgesellschaftlichen watch dogs sich dem Thema nicht mehr zu widmen bräuchten. Denn ohne ihr Wirken wäre es vielleicht gar nicht dazu gekommen. (ell)



Matthias Busse: Democracy and FDI. HWWA Discussion Paper 220
Im Internet: www.hwwa.de/Publikationen/Discussion_Paper/2003/220.pdf

Byline: „Neues aus der Wissenschaft“ – unter diesem Rubrum stellen wir regelmäßig in knapper Form wichtige Forschungsergebnisse vor, die neue Aspekte in die entwicklungspolitische Diskussion einbringen. Dazu ist die Redaktion auf die Mitarbeit der Wissenschaft angewiesen: Um Anregungen für Beiträge wird gebeten. (Zuletzt erschienen: „GATT und WTO: Für den Welthandel ohne Bedeutung?“, E+Z 2003:2, 83)


Netressourcen

Auslandsinvestitionen und Demokratie: www.hwwa.de/Publikationen/Discussion_Paper/2003/220.pdf