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04/2003 |
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Interview mit Stephan Kinnemann
In Afghanistan wird außer Luxusartikel alles gebraucht
Nach über zwanzig Jahren Krieg und Bürgerkrieg liegt die Wirtschaft in Afghanistan am Boden. Das Land braucht Investitionen aus dem Ausland und Unterstützung beim Aufbau einer einheimischen verarbeitenden Industrie, sagt Stephan Kinnemann, früher Geschäftsführer der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG), der seit Juli 2002 im Auftrag der Bundesregierung die afghanische Regierung bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen berät.
Herr Kinnemann, womit kann ein Investor aus dem Ausland derzeit in Afghanistan Geld verdienen?
Mit einer großen Bandbreite von Aktivitäten, wenn er nicht gerade Luxusartikel verkaufen will. Zur Diskussion stehen ja nicht nur Investitionen, sondern auch der Handel mit Afghanistan.
Das heißt, Sie kümmern sich nicht nur um Investitionen ...
... sondern auch um den Export nach Afghanistan und, fast noch wichtiger, um Importe aus Afghanistan letzteres mit dem Ziel, die afghanische Wirtschaft wiederzubeleben.
In welchen Bereichen gibt es Potenziale für eine afghanische Exportindustrie?
Kurzfristig muss man auf traditionelle Exportprodukte setzen: Teppiche, Häute, Edelsteine sowie Mamor und Trockenfrüchte in ausgezeichneter Qualität. Mittelfristig könnte der Export von Frischobst und Frischgemüse, aber auch von Rohstoffen wie Gas, Öl, Kohl und Erze eine Perspektive bieten.
In welchen Bereichen wären aus entwicklungspolitischer Sicht Investitionen ausländischer Unternehmen wünschenswert?
In der Produktion von Grundbedarfsartikeln, die derzeit zu über 90 Prozent importiert werden. Wir sind beispielsweise im Gespräch mit einer Firma, die eine Mineralwasserabfüllanlage in Kabul aufbauen will. Darüber hinaus wünsche ich mir Investitionen in der Landwirtschaft, zum Beispiel für die Verarbeitung von Obst und Gemüse zu exportfähigen Konserven oder zu Marmelade. Wichtig sind natürlich auch der Bau-, Baustoff- und Infrastrukturbereich.
Wie kann die Regierung Investitionen anlocken?
Meine erste Empfehlung war, das im Sommer 2002 erlassene, strikt planwirtschaftlich orientierte Investitionsgesetz komplett zu überarbeiten und investitionsfreundlicher zu gestalten. Das ist auch geschehen und zeigt die Bereitschaft der Regierung, auf Rat einzugehen. In einem zweiten wichtigen Schritt wollen wir bis Mitte des Jahres eine Investitionsagentur, die Afghan Investment Support Agency, aufbauen, die heimischen und ausländischen Investoren die gesamte bürokratische Arbeit abnehmen soll, die mit Investitionen verbunden sind. Die Bundesregierung hat sich dazu bereit erklärt die Einrichtung der Agentur zu finanzieren und sich in den ersten fünf Jahren an den Personalkosten zu beteiligen.
Können Sie angesichts der Sicherheitslage überhaupt mit gutem Gewissen Investoren dazu ermuntern, nach Afghanistan zu kommen?
Ja, das kann ich. Die Sicherheitslage in Kabul und in weiten Teilen des Landes ist relativ stabil. Andere Regionen im Grenzgebiet zu Pakistan sind dagegen unsicher, weshalb wir dort von Investitionen abraten.
Wie beurteilen Sie die internationale Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan? Es gibt den Vorwurf, die internationale Hilfe konzentriere sich zu sehr auf kurzfristige Projekte und vernachlässige langfristige Investitionen.
Das ist eine Kritik, die ich uneingeschränkt teile. Insbesondere die großen multilateralen Institutionen wie die Weltbank und die Asiatische Entwicklungsbank fangen jetzt erst an, über den Privatsektor nachzudenken. Die deutsche Seite hat da schneller eine Wendung vollzogen.
Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.
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