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Das Donor Business

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04/2003
 

Über Partizipation und Leistung in der EZ

Das Donor Business

Von Heinecke Werner

Dass die deutsche EZ nur ein Beitrag zu den Projekten des Partners sei, ist die offizielle Sprachregelung. Bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass es sich dennoch durchweg um „deutsche“ Projekte handelt, und dass Partnerschaft nur der Name eines Rollenspiels ist. Wenn Entwicklung auf Leistung beruht, so fragt Heinecke Werner, sollten wir dann nicht diese Leistung von den Partnern auch wirklich einfordern?


Partizipation gilt als der neue Schlüsselbegriff der Entwicklungspolitik. Die GTZ, der wichtigste deutsche Partner in der Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern, hat in dieser Hinsicht in den letzten Jahren erheblich dazugelernt. Anfang der 90er Jahre dämpften Zweifel die Euphorie über die Methode der „Zielorientierten Projektplanung“ (ZOPP). Das Verfahren mit der unerbittlichen Planungslogik wurde als zu rigide empfunden. Stattdessen führte man Mitte der 90er Jahre das „Project Cycle Management“ (PCM) ein. Tempo und teilweise auch Verfahren der Projektplanung werden jetzt wesentlich durch den Partner bestimmt, auch die Zielgruppen werden in erstaunlichem Umfang in die Verfahren einbezogen. Mit dem „Participatory Rapid Appraisal“ (PRA), einem vielseitigen methodischen Baukasten zur Ermittlung von Problemen und Visionen an der Basis, sind es jetzt die Betroffenen selbst, die sich darstellen und Lösungsmöglichkeiten formulieren, nach denen die Projekte konzipiert werden können. PRA erlaubt es, selbst Analphabeten in die Projektplanung einzubeziehen. Das Verfahren ist aufwendig, aber um Wahrhaftigkeit bemüht. Ähnliche partizipatorische Verfahren wurden von anderen Geberorganisationen eingeführt, z. B. von der Weltbank.

In die gleiche Richtung zielt der Prozess der Dezentralisierung, der bei der GTZ und anderen Organisationen eingeleitet worden ist. Entscheidungen sind dorthin verlagert worden, wo Entwicklung stattfinden soll. Auf jede Projektsituation soll der deutsche Ansprechpartner rasch und angemessen reagieren können. Das gesamte Instrumentarium der EZ soll den Verhältnissen in der Dritten Welt angepasst werden, und die Frage nach der eigenen deutschen oder europäischen Identität wird nicht mehr gestellt. Es gilt heute als unfein, zu sagen, man habe einen eigenständigen Standpunkt, der nicht mit den Vorstellungen unserer Partner im Entwicklungsland übereinstimmt. Alle Macht der Peripherie und ihren flexiblen Anpassungsprozessen.

Inzwischen aber zeigen Untersuchungen in Pilotländern, dass diese Veränderungen nicht nur zu positiven Ergebnissen führen, sondern dass die Aufforderung an unsere Partner in den Entwicklungsländern, selbst die Ziele und Verfahren zu bestimmen, auch zu Irritation führen. Sie sind darauf nicht vorbereitet, und wir sind es auch nicht.

Reinhard Stockmann, ein Spezialist für Evaluierungen1, schreibt: „… laufende Projekte stellen immer eine künstliche Situation dar. Dazu trägt nicht nur der materielle Ressourcenfluß bei, sondern – vor allem bei Projekten der Technischen Zusammenarbeit – die Anwesenheit von Beratern und Experten. Diese verfügen …, allein auf Grund ihrer Position als Vertreter des Mittelgebers, über eine außerordentliche Verhandlungs- und Interventionsmacht. Diese nimmt zum Förderende hin ab und fällt schließlich ganz weg. Es entsteht eine vollkommen neue Situation, die aus Evaluierungen laufender Projekte nicht vorausgesehen werden kann. Untersuchungen zeigen, dass manchmal nach Förderende Energien des Partners freigesetzt werden, die sich vorher nicht entfalten konnten. Oft werden Projekte erst nach Abreise der Experten vom Partner so angepasst, dass sie den Umfeld- und Rahmenbedingungen entsprechen“

Stockmann hat recht. Wir werden trotz aller Anstrengungen nicht verhindern können, dass wir mit unseren Mitteln, unserem Auftreten, mit unseren Projekten in den Entwicklungsländern dominieren und die Marschroute bestimmen. Unsere Projekte? Sind es nicht die Projekte unserer Partner, zu denen die deutsche EZ nur einen Beitrag leistet, wie es EZ-amtlich heißt und häufig beschwört wird? Angesichts der Realität der aktuellen TZ bleibt diese Formel leer, sie stimmt einfach nicht. Man braucht nur auf die Autos, Briefköpfe und Türschilder der TZ-Vorhaben zu schauen. Das GTZ-Emblem ist weltweit nicht zu übersehen. Das Logo der Partner sucht man meist vergebens. Es ist Selbstbetrug oder Etikettenschwindel, wenn behauptet wird, wir würden nur einen Beitrag zu den Projekten unserer Partner in den Entwicklungsländern leisten.

Also lauschen wir auf die Wirksamkeit unseres Tuns in den Entwicklungsländern. Die Evaluierungsforschung hat in den letzten Jahren große Anstrengungen gemacht, herauszufinden, was tatsächlich im Dunstkreis unserer Projekte geschieht und welchen Nutzen sie stiften. Martina Vahlhaus und Thomas Kuby2 haben dabei eine Zuordnungslücke identifiziert, die zwischen dem unmittelbaren Nutzen und den indirekten, den Fernwirkungen eines Projekts besteht. Manchmal kann man sich über diese Unterschiede freuen, häufiger sind wir darüber verzweifelt.

„We are in the donor business“ sagen jene Glücklichen in den Entwicklungsländern, die von diesem Prozess, auf die Menschen in der Dritten Welt einzugehen, profitieren. Sie haben ein gutes Gespür dafür entwickelt, worauf sich die Europäer einlassen, und das ist viel. So wird das große Theater der EZ gemeinsam inszeniert. Wir Europäer meinen, durch unsere Anpassung zunehmend an authentischer Entwicklung beteiligt zu sein. Unsere Partner haben sich ihrerseits im donor business so komfortabel wie möglich eingerichtet und genießen ihre Rollen. Wieso Rollen?

Dass die Menschen im Umgang miteinander Rollen spielen, haben die Soziologen schon seit langem erkannt und beschrieben3. Die eigentlichen Ziele und Interessen der Beteiligten werden selten klar geäußert. „Darsteller“ wie „Zuschauer“ haben ein Interesse am Status quo der wohl verteilten Rollen. Wir handeln vor allem, um anderen etwas zu demonstrieren, nicht um der Sache selbst willen. Um wieviel mehr muss dieses Rollenspiel vor der komplexen Kulisse der interkulturellen Zusammenarbeit gelten. Projekte und Programme der EZ bilden eine geradezu klassische Schauspielbühne, auf der jeder die Rolle spielt, die ihm selbst den meisten Nutzen bringt. Weder wollen die Akteure des Nordens sich überflüssig machen, noch wollen die privilegierten und meist sehr begabten Darsteller des Südens es ohne die Bretter der EZ versuchen.

Ist eine andere Art von internationaler Zusammenarbeit denkbar? „Fordern statt verwöhnen“ heißt ein Bestseller des deutschen Bildungsforschers Felix von Cube4. Er geht davon aus, dass wir Menschen in unserer übersättigten Gesellschaft verwöhnt sind, dass aber Erziehung und Führung die Aufgabe haben, den verhaltensökologisch bewussten, eigenverantwortlichen Menschen zu fördern. Der Mensch ist einerseits, so Cube, mit seinen Trieben, Instinkten und Verhaltensweisen in der Natur verankert, andererseits ist er zur Selbstreflexion und zum kognitiven Handeln fähig. Wer durch Anstrengung und Leistung zu verdientem Erfolg kommt, bezieht auch daraus einen Lustgewinn. Wir haben dann ein Flow-Erlebnis.

Können wir dieses Verhaltensmodell auf die Entwicklungszusammenarbeit anwenden? Können wir von unseren Partnern oder von den Zielgruppen Leistung fordern? Können wir es als Gutachter, Berater, Trainer aus Europa tun, oder müssen wir diese Aufgabe nicht vielmehr den Erziehern und Führern der Gesellschaften der Entwicklungsländer selbst überlassen? Ich denke, wir sollten allenfalls Anregungen geben und Fragen stellen. Den Prozess der Entwicklung hin zu einer Leistungsgesellschaft, die sich an den eigenen Erfolgen freut, können wir mit Projekten, mögen sie noch so groß und vernetzt sein, nicht erreichen. „Nothing succeeds but success“ sagen die Amerikaner und meinen damit jene Erfolgsstory vom Tellerwäscher, der ganz allein seinem eigenen Ehrgeiz und seiner Eigenleistung vertraut hat. Irgendwelche Hilfe, oder gar „Entwicklungshilfe“, wäre tödlich oder zumindest lähmend für diese Karriere gewesen.

„Fordern statt verwöhnen“ ist eine typisches Postulat unserer Leistungsgesellschaft. Sind die Gesellschaften Afrikas, Lateinamerikas und Asiens keine Leistungsgesellschaften oder wollen sie selbst sich nicht zu solchen entwickeln? Um einer Antwort auf diese schwierige Frage näher zu kommen, müssen wir die Erkenntnisse der Wissenssoziologie nutzen. Bei Peter Berger und Thomas Luckmann („Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“) können wir lernen, dass unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit durch unser Wissen über sie determiniert wird. In unterschiedlichen Gesellschaften dieser Welt wird die Wirklichkeit unterschiedlich wahrgenommen. Trinkwasser bedeutet etwas anderes für die Bewohner eines Slums in Afrika als für eine Akademikerfamilie in Köln, Freiheit wird anders empfunden von einem Nomaden der Sahelzone als von einen bürgerlichen Wähler in einer deutschen Kleinstadt. Mit unserer Herkunft, unseren Erfahrungen und unserer Sprache konstruieren wir unsere je eigene Wirklichkeit. Jedes Individuum hat sein eigenes persönliches Wissen um die Dinge, wird aber auch von der ihn umgebenden Gesellschaft geprägt und gesteuert.

In den Entwicklungsländern treffen wir auf andere Gesellschaften mit anderem Wissen. Es ist ein Irrtum zu glauben, das Wissen aller Beteiligten über die Projekte der EZ und ihr Wirken sei einheitlich. Längst ist dieses Wissen über Entwicklung auf beiden Seiten zu voneinander getrenntem, institutionalisiertem Wissen mit je eigenen Normen und Ritualen geworden. Das Wissen der einheimischen Projektträger, unserer Partner und der Zielgruppen über die Projekte ist kaum mit unserem Wissen vergleichbar. Eine Übereinstimmung dabei ist wahrscheinlich gar nicht möglich, vielleicht nicht einmal wünschenswert. Allenfalls kann das gegenseitige Rollenspielen – siehe oben – durch unsere neueren Instrumentarien der EZ perfektioniert werden.

Wenn in einer globalisierten Welt Entwicklung ohne Eigenleistung nicht denkbar ist, wenn andererseits das Wissen darüber, wie dies zu erreichen sei, aber nicht von uns auf die Gesellschaften des Südens übertragbar ist, muss man diese selbst machen lassen. Wir sollten uns nicht einmischen. Zumindest sollten wir aufgeben, zu glauben, wir könnten durch TZ im klassischen Sinn einen wirkungsvollen Beitrag leisten.

Soll also die große neue Welle der Gemeinsamkeiten auslaufen? Sollen wir PCM, PRA, CDF abschaffen? Die Antwort lautet mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit „ja“. Es ist schwer, sich zu dieser Antwort zu bekennen. Nach fast 40 Jahren gemeinsamer Arbeit finden wir heraus, dass es gemeinsam nicht geht. Sie müssen es selbst schaffen. Wir können nur gute Rahmenbedingungen, stimulierende Voraussetzungen und günstige Konditionen bieten. Wir sollten dies mit Abstand tun, die Interventionstiefe der Zusammenarbeit flach halten. Wir müssen es uns gefallen lassen, unser Geberverhalten einer laufenden Evaluierung mit ganz neuen, soziologischen und politischen Kategorien zu unterziehen, um die „Tödliche Hilfe“ unserer EZ zu vermeiden, wie Brigitte Erler6 sie beschrieben hat.

Wir, die Fachleute der deutschen EZ, sollten uns auf unsere eigenen Positionen im donor business besinnen und diese klar vertreten. Wir sollten offen bekennen, dass es deutsche Projekte sind und dass dies gut so ist. Wir sollten deutlich machen, was wir von unseren Projekten erwarten, welche Wirkungen wir erhoffen, ja verlangen, bevor wir mit Geld und Know-how klotzen. Projektziel und dazu gehörende Indikatoren sollten in aller Sachlichkeit gemeinsam gefunden und festgelegt werden. BMZ und GTZ-Zentrale sollten ihren Anteil an dieser Fixierung der Outcome-Orientierung der Projektpläne haben. Ihre entwicklungspolitischen Zielsetzungen und ihre projektübergreifenden Perspektiven sollten als klare Interessenbekundungen in die Verhandlungen über die Projektdefinition einfließen.

Eine renommierte amerikanische Zeitschrift erfragt jährlich in einer international beachteten Umfrage die Zufriedenheit ihrer Kunden mit ihren Autos. Die besten Ergebnisse erzielte im Jahr 2002 der in Südafrika produzierte BMW. Etwa 50 Europäer und 5 000 Afrikaner produzieren also in Afrika das beste Auto der Welt. Ziele und Vorgaben hierfür kommen uneingeschränkt von einem global operierenden Konzern deutschen Ursprungs. Neben den Autos, die in Rosslyn bei Pretoria gebaut werden, entwickeln sich dort auch Menschen – wir nennen das „Human Ressources“ – die einmal die eigentlichen Träger einer eigenständigen Entwicklung sein werden.


1) Reinhard Stockmann: Die Wirksamkeit der Entwicklungshilfe. Opladen, Westdeutscher Verlag 1996, S.31

2) Martina Vahlhaus, Thomas Kuby: Orientierungsrahmen für das Wirkungsmonitoring in Projekten ... Eschborn, GTZ 04/2000

3) Erving Goffmann: Wir spielen alle Theater. München, Piper 1969

4) Felix von Cube: Fordern statt Verwöhnen. München, Piper 1999

5) Peter Berger, Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt, Fischer 1995

6) Brigitte Erler: Tödliche Hilfe. Bericht von meiner letzten Dienstreise in Sachen Entwicklungshilfe. Freiburg, Dreisam 1985






Dr. Heinecke Werner, Volkswirt, ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft entwicklungspolitischer Gutachter (AGEG) in Kirchheim/Teck. h.werner@ageg.de