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04/2004
 

[ Ethik der Entwicklungspolitik ]

„Wir benötigen einen festen Standort“

Die Terroranschläge vom 11. September haben die Rahmenbedingungen für Entwicklungszusammenarbeit verändert. Eine Verknüpfung zwischen Sicherheitspolitik und Entwicklungspolitik ist zu beobachten; viele konstatieren gar eine neue Dominanz des sicherheitspolitischen Denkens. Zudem wird Entwicklungszusammenarbeit zunehmend durch Verweis auf die Sicherheitsinteressen des Nordens legitimiert. Sind wir zur Entwicklungszusammenarbeit aber nicht auch dann verpflichtet, wenn keine Eigeninteressen vorliegen? Wie könnte ein normativer Rahmen für Entwicklungspolitik dann aussehen?

Auf einer Tagung zu diesen Fragen Anfang März in der Evangelischen Akademie Bad Boll vertrat Thomas Kesselring vom Institut für Philosophie der Universität Bern die Meinung, ethische Überzeugungen allein seien nicht hinreichend als Motivation, aktuelle entwicklungspolitische Herausforderungen mit dem erforderlichen Engagement anzugehen. Ethische Reflexionen könnten aber dazu beitragen, dass diese Herausforderungen als „für alle gemeinsame“ wahrgenommen werden. Die Ethik könne „Orientierungshilfe“ bieten.

Auf die Gefahren der Globalisierung, so Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, dürfe nicht mit vorbeugenden Kriegen reagiert werden. Das Ziel müsse vielmehr „vorbeugende Gerechtigkeit“ sein: Sicherung der Existenzrechte, ökologisches leapfrogging der Entwicklungsländer, also das Überspringen der ressourcenverschwendenden Wirtschaftsweise der Industrieländer, und Suche nach einem gerechten globalen Wohlstand.

Was das in der entwicklungspolitischen Praxis bedeuten könnte, erläuterte Christoph Stückelberger vom schweizerischen Hilfswerk Brot für Alle. Sein Ausgangspunkt war eine von den Hilfswerken Brot für Alle und Fastenopfer gemeinsam durchgeführte Anzeigenkampagne, die unter anderem mit den Losungen „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, auch wenn er 8000 km weit weg ist“ und „2004 n. Chr. ist es an Ihnen, kleine Wunder zu vollbringen“ sowohl für Solidarität, als auch einen kritischen Glauben wirbt. „Wir benötigen einen festen Standort“, sagte Stückelberger, denn die internationale Entwicklungspolitik stehe vor zahlreichen Herausforderungen. Das ihr zugrunde liegende Menschenbild verschiebe sich, die sie anleitenden Grundwerte seien in Bewegung.

Zu den Herausforderungen zählte Stückelberger die Ausdehnung der US-amerikanischen Hegemonie, die multilaterale Prozesse in den Hintergrund dränge, die möglicherweise neu entstehende Gegenmacht der erstmals in Cancún wirkenden Koalition aus Brasilien, Indien und China und die im Norden zunehmende Vernachlässigung entwicklungspolitischer Fragen. In der Praxis gehe es darum, die zahlreichen Facetten von Gerechtigkeit zu berücksichtigen, darunter Leistungs- und Verteilungsgerechtigkeit, Gender- und Partizipationsgerechtigkeit, Ökologische Gerechtigkeit und Standortgerechtigkeit. Das Gleiche gelte für die Freiheit, verstanden als persönliche, wirtschaftliche oder weltanschauliche Freiheit.

Nachhaltigkeit, Solidarität, Frieden, Vertrauen und verantwortliche Machtausübung müssten in ein Wertegleichgewicht gebracht, kein Wert dürfe verabsolutiert werden, sagte Stückelberger. Das sei die große ethische Herausforderung der Entwicklungspolitik.

Günther Oldenbruch