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HIV/AIDS – kein reines
Gesundheitsproblem


Angepasste und langfristige
Programme erforderlich



04/2004
 

HIV/AIDS – kein reines
Gesundheitsproblem


HIV/AIDS hat mittlerweile eine Dimension erreicht, die die Krankheit zu einem zentralen Entwicklungshemmnis für viele Entwicklungsländer macht. InWEnt begreift die Bekämpfung der Pandemie deshalb als Querschnittsaufgabe. HIV/AIDS wird sowohl in vielen Projekten und Veranstaltungen als auch in der Außenvertretung gegenüber anderen Institutionen sowie der Mitarbeit in Initiativen berücksichtigt. Beispiele aus der InWEnt-Projektarbeit illustrieren den multisektoralen Ansatz bei der Prävention und Bekämpfung von HIV/AIDS.


[ Von Barbara Kloss-Quiroga, Inge Meier-Ewert, Peter Prüfert,
Bettina Schmidt und Ulrike Wiegelmann ]



Die sozialen und ökonomischen Folgen der Epidemie sind in den vergangenen Jahren überdeutlich geworden. Sie machen viele Entwicklungsanstrengungen zunichte. In Afrika, wo 75 Prozent der Betroffenen leben, verringert sich der Anteil der produktiven Bevölkerung dramatisch. Längst sind es nicht mehr überwiegend Männer, die unter der Krankheit leiden. Heute machen Frauen das Gros der Infizierten aus. Das hat dramatische Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Immer mehr wachsen ohne Eltern und sozialen Zusammenhalt auf. Gleichzeitig sind immer mehr auch direkt von der Epidemie betroffen. So wächst mit der Krankheit auch die Armut.

HIV/AIDS ist nicht mehr nur ein Gesundheitsproblem. Seine Auswirkungen werden auch in anderen Sektoren deutlich. Arbeitsausfälle wegen der Erkrankung oder des Todes von Familienangehörigen sowie eigener Krankheit und eingeschränkte Leistungsfähigkeit führen zu erheblichen Belastungen in kleinen wie großen, öffentlichen wie privaten Betrieben. In den Schulen fehlen Lehrkräfte. Die Gesundheitsdienste sind mit der großen Zahl der Erkrankten überfordert. Angemessene Behandlung scheitert an den hohen Kosten für wirksame Medikamente, aber auch an der mangelhaften Ausstattung mit notwendigen Geräten zur Diagnose und Kontrolle der Therapie sowie dem Fehlen funktionsfähiger Managementstrukturen.

Gleichzeitig ist das Thema nach wie vor mit Tabus belegt: Ursachen werden geleugnet, eine angemessene Aufklärung findet nicht statt. Präventive Maßnahmen kommen nur zögerlich in Gang, politische Entscheidungsträger vermeiden klare öffentliche Stellungnahmen. Die folgenden Beispiele aus der Projektarbeit machen deutlich, dass an vielen Stellen gleichzeitig und konzentriert anzusetzen ist: Wissen muss vermittelt, persönliche Betroffenheit hergestellt, Tabus abgebaut, institutionelle und organisatorische Fähigkeiten gestärkt, Netzwerkbildung unterstützt und Verhandlungspositionen ausgebaut werden.

„Das Kondom wird bei uns schon seit 600 Jahren verwendet“, sagte Imam Ousmane Chérif Madani Haidara in Bamako, der Hauptstadt Malis. Sein Gebrauch stehe nicht im Widerspruch mit den Gesetzen des Islam. Im Gegenteil. Die Religion schreibe den Gläubigen vor, auf ihre Gesundheit zu achten. Das mache es jedem zur Pflicht, sich mit allen Mitteln vor der Ansteckung durch AIDS zu schützen.

Der Imam gilt als fortschrittlich und hat großen Einfluss in Mali. Für die Journalisten des zweiwöchigen Workshops zum Thema „Berichterstattung über HIV/AIDS in der Presse des frankophonen Afrika“ war die Aussage ungemein wichtig. Meist finden eher konservative Einstellungen muslimischer Geistlicher den Weg in die Medien.


Medien müssen aufklären

Die Medien können bei der Aufklärung über die Pandemie und darüber, wie sich der Einzelne schützen kann, eine wichtige Rolle spielen. Um informativer, verständlicher und wirkungsvoller berichten zu können, müssen die Journalisten aber zunächst die medizinischen Fakten kennen und eigene Vorurteile, Unsicherheiten und Ängste abbauen.

Aus diesem Grund hat das Internationale Institut für Journalismus (IIJ) von InWEnt eine Reihe von Fortbildungsangeboten gestartet, die es Journalisten ermöglichen, ihren Kenntnisstand zu verbessern. Gespräche mit dem Imam sind dabei genauso wichtig, wie Begegnungen mit Infizierten oder AIDS-Waisen sowie die sachliche und unverzerrte Aufklärung über die medizinischen Fakten. Denn allzu häufig werden in den Medien Gerüchte und Vorurteile kolportiert, die bei der Bekämpfung der Pandemie eher kontraproduktiv sind.
Das Seminar in Bamako brachte 15 Journalistinnen und Journalisten aus sieben westafrikanischen Ländern zusammen. Nach Abschluss des Programms richtete InWEnt eine Mailing-Liste ein. Dieses Netz soll künftig kontinuierlich erweitert werden.


HIV/AIDS als Thema der Lehreraus- und -fortbildung

Das Bildungswesen in Afrika ist von HIV/AIDS in mehrfacher Weise betroffen: Viele Lehrkräfte fallen durch Krankheit und frühen Tod aus, Schülerinnen und Schüler sind durch den Verlust von Eltern und nahen Verwandten traumatisiert und mit der Betreuung kleinerer Geschwister überfordert. Lehrer, Lehrerausbilder und Behörden haben sich dieser Herausforderung bislang nur zögerlich gestellt. Dabei kommt der Schule und Lehrerbildung eine gesellschaftliche Schlüsselrolle im Kampf gegen HIV/AIDS zu. Das gilt hinsichtlich der Prävention wie auch des verantwortungsbewussten und sozialen Umgangs mit HIV/ AIDS-Betroffenen.

Langjährige Bemühungen um die Entwicklung von angepassten Lifeskills-Curricula und Unterrichtsmaterialien sowie die Integration des Themas HIV/AIDS in alle Unterrichtsfächer haben nicht zu den erhofften Erfolgen geführt. InWEnt unternahm Ende 2003 einen neuen Anlauf und organisierte eine regionale Dialogveranstaltung mit 60 Fach- und Führungskräften aus Erziehungsministerien, Lehrerbildungsinstitutionen, Lehrergewerkschaften und NROs. Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Kenia, Malawi, Mosambik, Ruanda, Südafrika, Tansania und Uganda analysierten die Ursachen des unbefriedigenden Status quo in ihren Ländern und erarbeiteten Empfehlungen für eine effizientere Lehreraus- und fortbildung im Bereich HIV/AIDS.

Unter anderem plädierten die Teilnehmer für kurzfristige, umfassende und praxisorientierte HIV/AIDS-Pflichtprogramme für alle aktiven und künftigen Lehrerinnen und Lehrer. Sie sollten nicht nur fundierte Kenntnisse, organisatorische und Beratungskompetenzen vermitteln, sondern die Pädagogen auch befähigen change agents für Verhaltensänderungen zu werden und zu einem aktiven Umgang mit der Pandemie beizutragen.

Management und Lehrpersonal in der Lehrerbildung (Colleges, Universitäten, Weiterbildungszentren) müssen auf diese Aufgabe vorbereitet werden. Ihre Institutionen sollten sich zu Vorbildern für den sicheren und sensiblen Umgang mit AIDS entwickeln, der neben intensiver Aufklärung, Beratung und Betreuung auch die Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinschaften umfassen muss.

Auf der Grundlage langjähriger Erfahrungen im Bereich der Verbesserung von Unterrichtsqualität unterstützt die Abteilung Bildung von InWEnt diesen Prozess durch die Entwicklung eines adäquaten Fortbildungsprogramms für Verwaltungs- und Lehrpersonal aus der Lehrerbildung.


HIV/AIDS macht Entwicklungserfolge zunichte

Im Gesundheitsbereich legt InWEnt den Schwerpunkt auf die Umsetzung von Programmen in den Ländern Afrikas südlich der Sahara. Dort leben die meisten HIV-Infizierten. Außerdem hat die Region die höchste Rate an Neuinfektionen – in der Mehrheit Jugendliche, insbesondere junge Frauen und deren Neugeborene.

AIDS macht Afrikas bisherige Entwicklungserfolge zunichte. Die Lebenserwartung sinkt, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nimmt ab, die Produktionskosten steigen. In Südafrika dürfte das Bruttosozialprodukt im Jahr 2010 voraussichtlich 17 Prozent niedriger liegen, als es ohne HIV gewesen wäre. In keinem afrikanischen Land leben so viele HIV-Positive wie in Südafrika. Die Infektionsrate bei den 15- bis 49-Jährigen liegt bei über 20 Prozent.

In der Millenniumserklärung der Vereinten Nationen und dem Aktionsprogramm 2015 der Bundesregierung ist die Bekämpfung von HIV/AIDS ein Schwerpunkt. Dabei wird es in Zukunft unerlässlich sein, einen methodischen Zugang zur Bekämpfung von HIV und AIDS zu entwickeln, der – abgestimmt auf nationale Programme sowie jene von UNAIDS (Joint United Nations Programme on HIV/AIDS) und der Weltgesundheitsorganisation WHO – Prävention und Therapie integriert.

InWEnt hat sein Engagement zu HIV und AIDS in den vergangenen Jahren in alle Bereiche seiner Arbeit integriert:

HIV/AIDS-Onlinekurs: Er bietet im Rahmen des Ärzteprogramms ausländischen Medizinstudentinnen und -studenten in Deutschland in sieben Modulen praxisorientierte Grundlagen und medizinisches Fachwissen zur Prävention und Behandlung von HIV und AIDS an. Der Kurs liegt in deutscher Sprache vor. In Zukunft soll der Kurs auch mit anderen Organisationen – etwa dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED) – durchgeführt werden.

Reproduktive Gesundheit und HIV/ AIDS: Kurse zu Reproduktiver Gesundheit stellen neben Sexualaufklärung und der Behandlung sexuell übertragbarer Krankheiten das Thema HIV/AIDS in den Mittelpunkt des Programms. Umgesetzt werden die Kurse mit Fachpartnern in Niger, Kamerun und Ruanda.

HIV und AIDS Management: Angesprochen werden vor allem Personen im südlichen Afrika, um sie für das Management von Programmen zu HIV/AIDS-Prävention und -Behandlung zu qualifizieren. Vermittelt werden Kenntnisse zur Planung und Situationsanalyse, zur Durchführung von Interventionen und Entwicklung von Trainingsangeboten, zu Monitoring und Evaluation von HIV/AIDS-Programmen sowie der Qualitätssicherung.


HIV/AIDS am Arbeitsplatz

Unternehmen spielen eine wichtige Rolle für eine wirksame HIV/AIDS-Strategie. In Südafrika etwa arbeiten elf Millionen Menschen im formellen und informellen Sektor der Wirtschaft, die überwiegende Mehrheit in kleinen und mittleren Betrieben. Da gerade die Altersgruppen, die im Arbeitsleben stehen, unter der Seuche leiden, sind die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen auf lange Sicht verheerend. InWEnt setzt hier auf Sensibilisierungs- und Trainingsmaßnahmen, die eine breite Zielgruppe erreichen - das leisten die Programme „Unternehmensstrategien im Umgang mit HIV/AIDS für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU)“ und – gemeinsam mit dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED) – „AIDS Workplace Programs in Southern Africa (AWiSA)“.

Workplace-Programme (WPP), die Herausforderungen an mittlere Unternehmen und die Perspektiven einer nachhaltigen Implementierung solcher Programme waren das Thema eines internationalen Workshops in Durban (Südafrika). Repräsentanten aus sieben Ländern des südlichen Afrika konnten dort eine Woche lang die Gelegenheit nutzen, Erfahrungen auszutauschen und neue Strategien zur Umsetzung von WPP zu entwickeln. Eine von der South African Business Coalition on HIV/AIDS (SABCOHA) in Auftrag gegebene Studie kam zu dem Ergebnis, dass bislang nur 6,5 Prozent der kleinen und 51,7 Prozent der mittleren Unternehmen Workplace policies eingeführt haben. Hier setzt InWEnt mit einem umfassenden Instrumentarium an: Ein speziell für die Bedürfnisse von KMU entwickeltes Risk Assessment Tool macht die durch die Krankheit verursachten Kosten und die damit verbundenen Produktivitäts- und Gewinneinbußen quantifizierbar.

Berater/innen kleiner und mittlerer Unternehmen, Trainer/innen und Führungspersonal von NRO sowie aus der Privatwirtschaft werden mit eigens dafür entwickeltem Trainingsmaterial „Beyond the Balance Sheet“ in die Lage versetzt, Inhalte, die mit dem Management von HIV und AIDS in kleinen Unternehmen zu tun haben, besser an Dritte zu vermitteln.

Sinnlich erfassbar wird die Größe des Problems mit Hilfe des „Industrietheaters“ gemacht. Es lenkt im Management von mittleren Unternehmen die Aufmerksamkeit auf HIV/AIDS: In einem kurzen Theaterstück „Fire behind the mountain“ werden am Beispiel des Übergreifens eines Computervirus auf das EDV-Netz eines Unternehmens die verheerenden Folgen der HIV/ AIDS-Seuche auf die Personal- und Produktionssituation im Betrieb dargestellt. Spielerisch zeigt das Theaterstück den Verantwortlichen, dass Untätigkeit für die Betriebe zur Existenzbedrohung werden kann. Und es weckt die Bereitschaft, sich dem Tabuthema HIV/AIDS zu öffnen. Das Training „Managing for Productivity“ bereitet anschließend den Boden für die Implementierung von Workplace Programmen vor.




Dr. Barbara Kloss-Quiroga
Bereich Wirtschaft/Wirtschaftspolitik und HIV-Beauftragte von InWEnt.
barbara.kloss-quiroga@inwent.org

Inge Meier-Ewert
Abteilung Zukunftsfähige Marktwirtschaft.
inge.meier-ewert@inwent.org

Peter Prüfert
leitet das „Internationale Institut für Journalismus“.
peter.pruefert@inwent.org

Dr. Bettina Schmidt
führt die Abteilung Gesundheit bei InWEnt.
bettina.schmidt@inwent.org

Dr. Ulrike Wiegelmann
ist Projektleiterin im InWEnt-Bereich Bildung.
ulrike.wiegelmann@inwent.org