Beiträge aus dem
Schwerpunkt


Interview mit Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul:
„Es darf keine Vermischung der Finanzen geben“


Bastian Loges und Ulrich Menzel:
Staatszerfall und humanitäre Intervention


Anne Jung:
Weder Krieg noch Frieden in Sierra Leone


Interview mit UNDP-Administrator Mark Malloch Brown:
„Hilfe muss gleichmäßig verteilt werden“


Sheila Mysorekar:
DynCorp und die Privatisierung des Krieges



04/2004
 

Weder Krieg noch
Frieden in Sierra Leone

Abwesenheit von Krieg ist keine ausreichende Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung. Das militärisch erzwungene Ende des Bürgerkriegs bedeutet zwar einen großen Fortschritt für die Bevölkerung. Aber ohne Vergangenheitsbewältigung und echte Versöhnung gibt es keine positiven Perspektiven. Derweil nehmen internationale Hilfswerke eine solch zentrale Rolle ein, dass sie einheimische Institutionen bedeutungslos machen.


[ Von Anne Jung ]

Menschen ohne Hände sind in Sierra Leone die lebenden Symbole des Krieges. Um die 20 000 Menschen wurden derart verstümmelt. Vor allem die Rebellenorganisation RUF (Revolutionary United Front) hat mit willkürlichen Amputationen die Bevölkerung terrorisiert. Aber auch reguläre Regierungstruppen haben Hände abgehackt. Zwei Jahre nach dem von den UN forcierten Friedensabkommen leben die Amputierten meist in Camps und sind so dem Sichtfeld der restlichen Bevölkerung entzogen. Der Anblick der Verstümmelten scheint äußerlich Unversehrten unerträglich zu sein, er erinnert an eigene traumatische Erlebnisse.

Juso Jaka hat beide Hände verloren. Das RUF-Opfer lebt in einem Camp für Amputierte, die ihr Leben lang im Alltag auf fremde Hilfe angewiesen bleiben werden. Um wieder etwas eigene Handlungsfähigkeit zu erlangen, gründete Jaka die Selbsthilfeorganisation War-Affected Amputees Association. Als erste Maßnahme unterband die Organisation das unerlaubte Fotografieren ohne ausdrückliche Erlaubnis im Camp. Es war allzu oft als Fotostudio für internationale Politikerreisen missbraucht worden.

Darüber hinaus hat die Organisation nicht viel erreicht. Die Bewohner des Lagers werden zwar medizinisch versorgt und erhalten eine tägliche Nahrungsmittelration, die Chance, außerhalb des Camps ihr Leben selbst zu organisieren, bleibt ihnen jedoch meist versagt. Die Amputees Association möchte öffentlich über Kriegsverbrechen sprechen, sichtbar sein und Vorurteile gegen Behinderte abbauen. Die Mitglieder haben kein Büro, keinen Computer, geschweige denn einen Internetzugang. Sie genießen auch kaum Unterstützung von internationalen Organisationen.
Ein – eigentlich selbstverständliches – Anliegen der Amputierten ist Entschädigung. „Reparationen sind ein Zeichen der Entschuldung seitens des Täters“, sagt Juso Jaka. Sie wirkten „wie Medizin, die hilft, die Schmerzen zu verringern“. Die Amputees Association fordert die Einrichtung eines Kriegsopferfonds, aus dem die Amputierten und andere Opfergruppen Entschädigungen bekommen. Ein Prozentsatz der Einkünfte des Diamantenhandels soll das finanzieren.


Die Opfer bleiben Opfer

Doch dafür stehen die Chancen schlecht. Nach wie vor sind die Täter des Bürgerkriegs in Sierra Leone besser gestellt als ihre Opfer. Das spiegelt sich in den Demobilisierungs- und Wiedereingliederungsmaßnahmen wider, die die UN und zahlreiche internationale Hilfsorganisationen durchführen. Zur Stabilisierung des Friedens müssen die Täter umgehend eine neue Beschäftigung erhalten, damit sie nicht wieder zu den Waffen greifen. Für die Unterstützung der Opfer sind dagegen kaum Strukturen geschaffen worden. Deshalb gaben sich manche Opfer sogar als Täter aus, um beispielsweise einen Ausbildungsplatz zu erhalten.

Sierra Leone befand sich elf Jahre lang im Bürgerkrieg. Mindestens 75 000 Menschen der 5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner wurden getötet. Mehr als 5000 Kinder waren aktiv an Kampfhandlungen beteiligt, mindestens 50 000 Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt oder als Sklavinnen für sexuelle Dienstleistungen entführt. Finanziert wurde der Krieg aus dem Diamantenhandel. Für das Ende der Kämpfe sorgten an die 20 000 UN-Soldaten sowie Truppen, die den Friedensvertrag aushandelten und die Demobilisierung überwachten. Die Bevölkerung war bei diesem Prozess nicht aktiv beteiligt, auch wenn es zu vereinzelten Friedensdemonstrationen kam und im Vorfeld eine Kriegsmüdigkeit festzustellen war. Daher nimmt ein Großteil der Bevölkerung die Waffenruhe und ebenso die Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen als einen von außen herbeigeführten Prozess wahr.


Kein Versöhnungsprozess

Es gibt in Sierra Leone zwei Ansätze, um die Gräuel gesellschaftlich und juristisch in den Griff zu bekommen – und beide greifen zu kurz. Zum einen tagt eine Wahrheits- und Versöhnungskommission nach südafrikanischem Vorbild, zum anderen richteten die UN einen special court mit US-Vorsitz ein, vor dem sich 15 der wichtigsten Kriegsverbrecher zu verantworten haben. Für die übrigen Täter wurde eine Generalamnestie verkündet. Die Bevölkerung fand es schwer erträglich, dass so viele Gewaltkriminelle ungeschoren davon kommen. Dies bestätigt auch Shellac Sonny-Davis, eine lokale NGO-Mitarbeiterin: „Für die Freiheit, nicht weiter vergewaltigt, vertrieben, verstümmelt und ermordet zu werden, müssen wir den Schmerz eines ungerechten Friedens ertragen.“ Die Waffenruhe sei nur „durch absolute Unterwerfung unter die Forderungen der Täter“ zustande gekommen.

Leider fiel auch die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskeitskommission nur unbefriedigend aus. Die Anhörungen in der Hauptstadt Freetown wurden von der Bevölkerung kaum zur Kenntnis genommen. Die Vorbereitungszeit der Kommission war kurz, schon drei Monate nach Kriegsende begannen die Befragungen – in Südafrika hatte die Vorbereitung mehrere Jahre in Anspruch genommen. Gespart wurde nicht zuletzt wegen Geldmangels bei der Kommunikation mit der Bevölkerung. Weder zum Geständnis noch auch nur zur Bezeugung glaubhafter Reue aufgefordert, schweigen viele beschuldigte Täter. Andere leugneten, was geschehen war. Manche fürchteten offenbar, sie würden zum special court überführt, falls sie sich selbst belasteten. Gewaltopfer wurden nicht gefragt, ob sie zur Vergebung bereit seien – oder ob sie das überhaupt wollten.

Die Anhörungen in den verschiedenen Provinzen des kleinen westafrikanischen Landes endeten mit einem Versöhnungs-Ritual. Die Täter legten sich vor der Kommission und den anwesenden traditionellen Führern auf den Boden und baten die Gemeinde um Verzeihung. Bei den besser besuchten Anhörungen in Magburaka in dem nördlichen Bezirk Tonkolili, wo sich das ehemalige Hauptquartier der RUF befand, blieben die Opfer, die über das erlittene Unrecht berichtet hatten, dem Ritual fern. Offenbar sahen die Betroffenen die Anhörungen nicht als ihren Ort an.

In Kürze wird die Kommission ihren Abschlussbericht vorlegen – auch um den Ansprüchen der Geldgeber gerecht zu werden. „Doch was macht“, fragt Yasmin Yuso-Sheriff, eine Anwältin aus Freetown, „eine Gesellschaft mit einer Analphabetenrate von 60 % mit einem schriftlichen Abschlussbericht?“ Es bedürfte finanzieller Mittel, um die Folgen der Verbrechen zu verarbeiten. Daran wurde seitens der UN nicht gedacht. Dennoch bemühen sich lokale Initiativen wie die Truth and Reconciliation Working Group weiter darum, den Versöhnungsprozess von „unten“ zu organisieren und eine Entwicklung in Gang zu bringen, die den Überlebenden und den Gemeinden hilft, ihre traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten, und Auseinandersetzungen um Versöhnung und Gerechtigkeit einleitet.

Doch für die UN und die Regierung Sierra Leones ist Versöhnung offenbar kein Prozess, sondern ein Ereignis, das möglichst schnell und kostengünstig durchgeführt werden soll. Von einer echten Entschädigung der Opfer ist ohnehin keine Rede. Die Implementierung einer ausländischen Hilfsstruktur droht unterdessen jede Form der Eigeninitiative zu ersticken. Heute werden fast alle Krankenhäuser im Land von regierungsunabhängigen Organisationen betrieben. Internationale Hilfswerke senden meist ihre eigenen Mitarbeiter, anstatt die oft beschwerliche Kooperation mit lokalen Partnern zu suchen. Die einheimischen Fachkräfte sind nämlich oft selbst traumatisiert und fügen sich nicht reibungslos in eingespielte Teams ein. Zugleich sind die internationalen Hilfswerke zur erdrückend überlegenen Konkurrenz einheimischer Institutionen geworden und werben die fittesten Arbeitskräfte ab. Die Mieten steigen durch die massenhafte Präsenz der Hilfsorganisationen. Die großen Schilder vor ihren Anwesen dienen mittlerweile selbst den Einheimischen als Wegweiser.

Der Einsatz der UN wird politisch als Erfolg bewertet. „Wir haben den Krieg beendet“ wird selbstbewusst verkündet. Und tatsächlich ist das Ende der Kampfhandlungen für die Bevölkerung Sierra Leones von unermesslichem Wert. Die Konditionen des Friedens werden jedoch weit gehend von außen bestimmt. Ausgeblendet wird in der öffentlichen Debatte die Frage nach den Ursachen des Krieges in Sierra Leone und den Nachbarländern.


Wurzeln der Gewalt

Sierra Leone erlangte erst am 27. April 1961 nach 150 Jahren kolonialer Herrschaft die offizielle Unabhängigkeit. Die kommenden 30 Jahre bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs waren politisch vor allem von Militärumstürzen, Korruption und Wahlbetrug gekennzeichnet. Die koloniale Ausbeutung führte zu der Fragmentierung gesellschaftlicher Strukturen – durch die ungleiche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, eine hohe Arbeitslosigkeit, Analphabetentum und die zunehmende Militarisierung – und so entstand ein gesellschaftliches Klima, das den Ausbruch des Krieges im Jahr 1991 stark begünstigte. Der spätere liberianische Präsident Charles Taylor war der wichtigste politische Partner und Geschäftsfreund der RUF, er kaufte den Rebellen Diamanten ab, die sich später auf den Märkten Europas wiederfanden. Taylor wurde zudem über viele Jahre von den USA finanziell alimentiert. Der Warlord-Präsident wurde erst fallen gelassen, als herauskam, dass er Diamanten auch an das Terrornetzwerk Al Qaida verkauft hatte.

Mit dem Ende des Krieges sind aus „Konfliktdiamanten“ aber noch längst keine „Friedensdiamanten“ geworden. Sierra Leone ist laut Index des UNDP das ärmste Land der Welt. Weder auf nationaler Ebene noch international besteht Interesse daran, den Reichtum des Landes gerechter zu verteilen, geschweige denn die Arbeitsbedingungen für die Minenarbeiter zu verbessern – dies würde den Profit mindern. Der Großteil des erwirtschafteten Reichtums verlässt das Land gen Europa. Es folgen keine produktiven Re-Investitionen, die Arbeitsplätze und andere Exportmöglichkeiten schaffen würden. Die Arbeitsbedingungen der rund 4000 Minenarbeiter und -arbeiterinnen sind sklavenähnlich. Auch Kinder rackern in der Diamantenförderung.

Auch darin besteht der Unterschied zwischen Befriedung und Frieden. Ohne eine nachhaltige Veränderung der Einkommensverhältnisse gibt es wenig Perspektiven für die Demokratisierung des Landes. Die postkoloniale Abhängigkeit wird fortgeschrieben und stabilisiert damit eine Weltordnung, die auf Spaltung und Ungleichheit gründet. Denis Horman bezeichnet Globalisierung als einen „ausschließenden“ Prozess. Das „humanitäre Interventionsregime“ in Sierra Leone widerlegt diese These nicht. Die Frage bleibt, ob die weltweite kapitalistische Arbeitsteilung für arme Länder wie dieses überhaupt eine Perspektive bietet. Auch Hilfswerke sollten nicht vergessen, dass failing states nicht irgendwo im Weltraum in Gewalt versinken, sondern dass sich ihre Tragödie in ständigem Kontakt zum internationalen Staatensystem und in ökonomischer Verbindung mit anderen Ländern abspielt.





Literatur
Claudia Anthony, 2003: Historical and Political Background to the Conflict in Sierra Leone. In: Kai Ambos, Mohamed Othman (Hrsg.): New Approaches in International Criminal Justice: Kosovo, East Timor, Sierra Leone and Cambodia. Freiburg.
– Denis Horman, 2000: Die Finanzmärkte „entwaffnen“. In Inprekorr Nr. 339/340.
– medico international (Hg.), 2003: Macht und Ohnmacht der Hilfe.
Eine Dokumentation über die Krise humanitären Handelns. Frankfurt.



Anne Jung
arbeitet in der Presse- und Öffentlichkeitsabteilung der Frankfurter
Hilfsorganisation medico international.
Jung@medico.de