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DynCorp und die Privatisierung des Krieges
 04/2004
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DynCorp und die Privatisierung des Krieges
Die US-Regierung setzt in Krisenregionen und Bürgerkriegsländern private Militärdienstleister ein. Derartiges Outsourcing dosiert die Berichterstattung über Eingriffe im Ausland, umgeht die parlamentarische Kontrolle und vertuscht die Kriegsführung. Andrerseits liegen die politischen Vorteile für die amerikanische Regierung auf der Hand. Wenn statt der Firma DynCorp reguläre Truppen in den kolumbianischen Bürgerkrieg eingreifen würden, wäre das ein Gegenstand der öffentlichen Diskussion.
[ Von Sheila Mysorekar ]
Das Gerücht ist in Kolumbien verbreitet aber genaue Informationen gibt es kaum. Bewaffnete Gringos, weiße Ausländer, seien im Land unterwegs, heißt es. Doch die Bauern in der südlichen Provinz Putumayo schweigen, denn sie sind ständigen Terror gewohnt: Seit vierzig Jahren schwelt hier ein verdeckter Krieg. Zwei linke Guerrillagruppen mit insgesamt etwa 30 000 Kämpfern, von Großgrundbesitzern bezahlte Paramilitärs, die Drogenmafia und das Militär ringen um die Vorherrschaft.
Santa Ana ist ein Örtchen mit staubiger Hauptstraße, an der entlang sich ein paar Kneipen und Gemischtwarenläden ziehen. Die örtliche Militärbasis ist größer als das Dorf. An den Ecken der Basis stehen Wachtürme; aus den Schießscharten ragen Gewehrläufe. Vom mehrfach gesicherten Zaun aus sieht man eine weite Wiese und die Landebahn. Manchmal kommen mehr als drei Helikopter gleichzeitig an, dann weiß man, jetzt kommen die Gringos, große, blonde Männer, berichtet ein Mann aus dem Dorf, der nicht genannt werden will. Dann sehe ich, wie sie Leichen ausladen, in Plastiksäcke gehüllt.
Er erzählt nicht von den regulären US-Truppen, die zum Schutz der Erdöl-Fördertürme in der Provinz Arauca stationiert sind. Die Rede ist von bewaffneten Zivilisten im Staatsauftrag. Der frühere US-Botschafter in Kolumbien, Myles Frechette, drückt es so aus: Es ist natürlich sehr praktisch, hier Leute zu haben, die nicht zu den US-Streitkräften gehören. Wenn jemand getötet wird, kann man sagen, dass es nicht ein amerikanischer Soldat war.
In Kolumbien agieren Angestellte privater Militärunternehmen. Die Söldner des 21. Jahrhunderts heißen offiziell Sicherheitsdienstleister. Sie arbeiten für Firmen, deren Sitz meist in den USA oder Britannien liegt. Die Manager von private military companies (PMC) nennen ihr Arbeitsfeld auch militärisches Consultingoder Security-Technologie. Ihre Mitarbeiter sind zum großen Teil Ex-Militärs. Regierungen, Unternehmen oder Privatpersonen bestellen bei solchen Firmen Sicherheitspersonal, Techniker oder auch Soldaten.
Die Branche boomt. Private Militärunternehmen seien in über 100 Ländern tätig und machten rund 100 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr, schätzte die Londoner Financial Times im August 2003. Tendenz: steigend. Die Firmen bieten Rundumservice vom schlichten Werksschutz über Munitionsversorgung, Radaraufklärung bis zur kompletten Kriegslogistik. Als Marktführer gilt die US-amerikanische Firma DynCorp. Der weltweit agierende Sicherheitsdienstleister erwirtschaftete 2002 mit 26 000 Angestellten rund 2,3 Milliarden Dollar Umsatz. Im März 2003 wurde DynCorp von der Firma Computer Sciences Corporation, CSC, aufgekauft. Laut Website der Muttergesellschaft stammt die Hälfte des DynCorp-Umsatzes aus Pentagon-Aufträgen. Peter W. Singer (2003) zählt auf: Bewaffnete DynCorp-Angestellte bilden den Kern der bosnischen Polizei, schützen den afghanischen Präsidenten und trainieren Polizisten im Irak.
Seit 1991 arbeitet die Firma auch im Auftrag des Drogenbüros des US-Innenministeriums. Im Rahmen des Plan Colombia werden DynCorp-Piloten zur Bekämpfung der Drogenproduktion nach Kolumbien geschickt, um von Flugzeugen aus illegale Cocafelder mit starken Pestiziden zu besprühen. Es ist den DynCorp-Leuten eigentlich laut Vertrag verboten, in Kolumbien Waffen zu tragen. Laut Menschenrechtsorganisationen wie Ruta Pacífica werden jedoch häufig Maschinengewehrsalven aus den Sprühflugzeugen gefeuert.
Indirekt gibt das auch DynCorp-Pressesprecher Charles Wilkins zu. Zwar ist er bei Anrufen derart zurückhaltend, dass man sich fragt, warum die Firma überhaupt einen Pressesprecher beschäftigt. Aber auf hartnäckige Fragen antwortet er denn doch. DynCorp-Piloten seien in Kolumbien bewaffnet, je nachdem, wie es in der Gegend üblich ist. Üblich ist mancherorts allerdings das Maschinengewehr. Als der Pressesprecher gedrängt wird, präziser zu antworten, sagt er: Sie haben Handfeuerwaffen dabei, zu ihrem eigenen Schutz. Falls sie über dem Dschungel abgeschossen werden und dann wilden Tieren gegenüberstehen. Aber es ist in Kolumbien wahrscheinlicher, auf einen Guerrillero zu treffen. Würden DynCorp-Leute in diesem Falle ihre Waffen ziehen? Wilkins lacht: Also, wenn ich beschossen werde, dann schieße ich zurück. Was würden Sie tun?
Operation Giftregen
Nach Israel und Ägypten ist Kolumbien der drittgrößte Empfänger US-amerikanischer Militärhilfe. Seit Beginn des sogenannten Plan Colombia vor rund fünf Jahren überwiesen die USA rund 2,7 Milliarden US-Dollar an Kolumbien, ursprünglich zur Drogenbekämpfung deklariert. Hinzu kommen weitere Millionen für den Schutz von Ölpipelines, für Radarstationen, für militärische Spähposten.
Noch von Präsident Bill Clinton beschlossen, gilt der Plan Colombia in Washington und Bogotá als Strategie zur Bekämpfung des Cocaanbaus und damit der Kokainproduktion. Dies sei kein Plan zur Vernichtung der Drogen, sagen dagegen Kritiker wie Sanho Tree vom Institute for Policy Studies. Die eigentliche Aufgabe der US-Söldner sei Aufstandsbekämpfung. Immerhin ist Kolumbien ein wichtiger Öl-Lieferant; die Kapazitäten wären ausbaufähig. Unerschlossene Ressourcen werden aber vor allem in Gebieten vermutet, die bislang die Guerrilla kontrolliert.
Bei den amerikanischen Abgeordneten findet sich jedoch keine Mehrheit für die Entsendung von Truppen nach Kolumbien. Um nicht in ein neues Vietnam hineingezogen zu werden, hat der Kongress eine klare Obergrenze gezogen: Demnach dürfen sich gleichzeitig nur 400 US-Militärs und 400 US-finanzierte Zivilisten in diesem Staat befinden. Doch die Zahl der privaten Sicherheitsdienstleister wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit klammheimlich aufgestockt. Für die privaten Militärunternehmen gibt es keine klaren Kontrollmechanismen, beklagt der kolumbianische Abgeordnete Gustavo Petro. Die Männer würden in Herkules-Transportflugzeugen direkt in die Militärbasen geflogen, ohne Visum, ohne Einreisepapiere. Weder der kolumbianische noch der amerikanische Kongress wüssten über die Einzelheiten Bescheid. Der Miami Herald schrieb im vergangenen August, das General Accounting Office, der Bundesrechnungshof der USA, habe bekannt, dass das Pentagon außerstande sei, exakt anzugeben, wie viele Leute es von privaten Sicherheitsfirmen angeheuert habe.
Die Öffentlichkeit erfährt nur etwas von den Aktivitäten der privaten Militärunternehmen, wenn sie Fehler begehen etwa den falschen Ort bombardieren, wenn Söldner entführt werden, oder wenn versehentlich ein ziviles Flugzeug eine Rakete abbekommt. Das gilt auch für DynCorp, den Marktführer im Sicherheitsgeschäft. Dieser globale Gewaltkonzern, wie Dieter Drüssel vom Zentralamerika-Sekretariat Zürich ihn nennt, wurde 1946 von pensionierten US-Militärpiloten gegründet. Seine ersten großen Aufträge hatte er während des Koreakrieges. Anfangs waren es nur Fracht-Flüge, aber nach und nach expandiert die Firma; Elektronik, Technologie-Service und Front-Logistik kommen dazu. CSC/DynCorp bekommt einen großen Teil der Arbeiten, die die US-Regierung auslagert. Der deutsche CSC-Ableger übernimmt unter anderem von der Bundeswehr IT-Aufträge.
DynCorp ist nicht nur auf militärische Aufgaben spezialisiert, sondern übernimmt auch gemeinsam mit anderen Sicherheitsdienstleistern die Informatik von US-Regierungsbehörden. Die Firma ist zuständig für die Datenbanken des Verteidigungs-, Außen- und Justizministeriums, der Bundessteuerbehörde Internal Revenue Service, der Kontrollbehörde für das Börsenwesen, der Drogenbehörde DEA, außerdem für die Computer des FBI, schreibt Drüssel (in Azzellini und Kanzleitner, 2003). Damit hat DynCorp Zugang zu allen wichtigen und zudem höchst vertraulichen Informationen aus Politik und Militär.
Rechtliche Grauzone
Die US-Sicherheitsdienstleister werden staatlich nicht beaufsichtigt weder von der US-Regierung noch von anderen Regierungen. So häufen sich denn auch kriminelle Zwischenfälle. DynCorp-Angestellte waren zum Beispiel in Bosnien in Machenschaften mit minderjährigen Prostituierten verwickelt. Soldaten fallen unter die Militärgerichtsbarkeit, Söldner jedoch nicht. Sie arbeiten in einer legalen Grauzone. Eine öffentliche Diskussion darüber findet nicht statt. Privatisierungen gelten in den USA per se als positiv.
Outsourcing von Gewalt ist ein weltweites Phänomen. Rund 30 Milliarden Dollar, acht Prozent des US-Verteidigungshaushaltes, gingen an private Firmen, kalkuliert Herbert Wulf vom Internationalen Konversionszentrum Bonn (BICC). In den USA begann diese Entwicklung in den 90er Jahren, als die Armee von 790 000 Soldaten auf 480 000 schrumpfte und die entstehenden Lücken mit Sicherheitsdienstleistern aufgefüllt wurden.
Nicht nur der Krieg gegen die Drogen, neuerdings auch der Krieg gegen den Terror bietet Militärfirmen einen ständig wachsenden Markt. Der enorme Zuwachs in diesem Geschäft schlägt sich auch an der Börse nieder: Die Kursnotierungen solcher Unternehmen verzeichneten in den 90er Jahren einen Zuwachs, der deutlich höher war als der traditionellerer Branchen. Die Firmen sind ordnungsgemäß im Handelsregister eingetragen und bezahlen Steuern. Dies wäscht ihre Arbeit scheinbar sauber, schreibt der Harvard International Review im Januar 2002: Auch heute arbeiten Söldner für Geld, aber im Kontext des globalen Kapitalismus sind einige Gruppen moralisch weniger anfechtbar geworden. Die Organisation von Söldnern in Unternehmen, die wie Beratungsfirmen funktionieren, schafft Distanz zwischen ihnen und ihren Tätigkeiten. Das unternehmerische Auftreten der Söldnerfirmen macht es den Regierungen leicht, sie als Instrumente staatlicher Politik zu benutzen.
Neben dem Marktführer DynCorp gibt es viele weitere Sicherheitsdienstleister; die meisten sind in den USA registriert: zum Beispiel MPRI, Military Professional Resources, Inc., oder Vinell Corporation, eine Tochterfirma des Rüstungskonzerns Northrop Grumman. Ein dicker Fisch auf dem Militärmarkt ist Kellogg Brown & Root, ein Zweig des Ölgiganten Halliburton. Kellogg Brown & Root ist in den vergangenen Monaten wegen Milliardenverträgen im Irak (für Logistik und die Reparatur von Öl-Fördertechnik) und falscher Abrechnungen in mehrstelliger Millionenhöhe in die Schlagzeilen gekommen. US-Vizepräsident Dick Cheney ist ein ehemaliger Spitzenmanager von Halliburton.
Während des ersten Golfkrieges 1991 war von dem dort stationierten US-Personal unter 50 Leuten ein Angestellter einer privaten Militärfirma. Bei dem jüngsten Krieg im Irak war schon einer von zehn ein ziviler Militär. Die gefallenen US-Soldaten im Irak werden immer in den Nachrichten aufgelistet. Die getöteten Söldner erwähnt man nicht, obwohl nach Berichten des Christian Science Monitor im September 2003 private Militärunternehmen rund 10 000 Leute im Irak stationiert hatten. Sanho Tree vom Institute for Policy Studies, einem Think tank in Washington, D.C., kommentiert: Wenn diese Söldner getötet werden, dann gelten sie einfach als Zivilisten, die bei einem Arbeitsunfall umgekommen sind. Also stellt niemand unangenehme Fragen."
So sieht das auch General Néstor Ramirez, ein Ex-Kommandeur der kolumbianischen Armee: Die amerikanische Öffentlichkeit reagiert empfindlich auf die Zahl der Gefallenen. Stellen Sie sich vor, wenn hier statt Söldnern dutzende US-Soldaten zu Tode kämen. Der Plan Colombia würde sofort beendet. Nach offiziellen Angaben sind seit 1997 vierzehn US-Bürger, Angestellte von privaten Militärunternehmen, in Kolumbien getötet worden, fünf davon im Jahre 2003. Die Dunkelziffer ist jedoch hoch. Über getötete Söldner, die die Staatsangehörigkeit eines Drittlandes haben und im US-Auftrag eingesetzt werden, wird nicht einmal eine offizielle Statistik geführt.
Dubiose Totenscheine
Daniel Lora weiß über DynCorp-Tote in Kolumbien Bescheid. Er ist der Geschäftsführer des Bestattungsinstituts Cristo Rey in Bogotá. Fragen über DynCorp sind ihm sichtlich unangenehm. Mit den Aktivitäten der Firma habe er nichts zu tun, betont Daniel Lora; seine Aufgabe sei nur die Entsorgung der Toten. Das Begräbnisinstitut arbeite sauber und völlig legal. Zum Beweis zieht er einen Packen Totenscheine heraus: Hier, das sind die Toten von DynCorp jedenfalls diejenigen, die wir ausgeflogen haben. Er wirft den Packen auf den Tisch, zum Durchblättern. Die Toten haben verschiedene Nationalitäten; sie kommen aus den USA, Mittelamerika oder auch Argentinien.
Zum Beispiel Mario Alberto Alvarado, Staatsbürger von Costa Rica, DynCorp-Pilot, abgestürzt am 21.September 2003 im nordkolumbianischen Catatumbo. Nur noch Einzelteile von ihm seien aufgefunden worden, liest man im Totenschein. Alvarado saß in einem OV-10 Bronco. Der Hersteller preist den Typ als Multifunktions-Antiguerrilla-Flugzeug an. Im Vietnamkrieg wurde es erstmals eingesetzt. Solche Maschinen werden laut offiziellen Angaben für DynCorp zu Sprühflugzeugen umgebaut.
Ob DynCorp-Pilot Alvarado in seiner Maschine nun Felder besprühte oder die Guerrilla angriff allem Anschein nach wurde er von der FARC abgeschossen. Der Tote wurde am 26.September 2003 nach Costa Rica ausgeflogen und zwar auf Kosten der US-Regierung, in einem Flugzeug des State Departments. Das sei bei den DynCorp-Toten so üblich, sagt der Mann vom Bestattungsinstitut. Und dann erklärt er das Gespräch für beendet.
Websites:
Center for International Policy, Washington D.C.:
www.ciponline.org
Transnational Institute, Drugs and Democracy Programme, Amsterdam:
www.tni.org/drugs
Washington Office on Latin America, Washington D.C.:
www.wola.org
Literatur:
Dario Azzellini und Boris Kanzleitner (Hg.), 2003: Das Unternehmen Krieg, Berlin, Assoziation
Erhard Eppler, 2002: Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt? Frankfurt/M., Suhrkamp
Mary Kaldor, 2000: Neue und alte Kriege, Frankfurt/M., Suhrkamp (1998: New and old wars, Cambridge, Polity)
Peter W. Singer, 2003: Corporate Warriors, Ithaca: Cornell University Press
Sheila Mysorekar
ist freie Journalistin und lebt in Köln und Buenos Aires.
ShMysore@aol.com
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