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Beiträge aus der Rubrik Tribüne
Weltbank braucht innovative Theorien
Präziser bewertete Risiken
 04/2004
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[ Kreditwirtschaft Basel 2 ]
Präziser bewertete Risiken
Die Eigenkapitalregeln im internationalen Geldgewerbe werden unter dem Schlagwort Basel 2 neu formuliert. Gerade in krisengeplagten Entwicklungsländern dürfte der Kodex dazu beitragen, dass Kapital knapper und teurer wird. In ökonomisch erfolgreichen Ländern können sich die Konditionen für Unternehmen dagegen verbessern. Für die Armutsbekämpfung besonders wichtige Kleinkreditprogramme sind kaum betroffen. Als bedenklich gilt jedoch die prozyklische Wirkung des neuen Konzepts.
[ Von Hans Dembowski ]
Wenn Banker von Basel 2 sprechen, spürt man, dass sie das Thema fasziniert. Die Rede ist von der bestechenden Logik, der Modernisierung des Risikomanagements und der Rationalisierung des Kreditgewerbes. Zwar sind die spröden Regeln, mit denen der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, dem Vertreter der wichtigsten Industrienationen angehören, das internationale Geldgeschäft lenken will, noch längst nicht fertig formuliert. Doch der Kern ist klar: Banken werden verpflichtet, die Gefährdung ihrer Darlehen an Unternehmen oder Regierungen exakt zu bewerten und dann entsprechend Eigenkapital zurückzulegen. Riskante Kredite würden für die Finanzinstitute dann automatisch teurer, während weniger bedenkliche Mittelvergabe billiger ausfiele.
In der ökonomischen Theorie ist die Grundidee bestechend. Langfristig, sagt Hanns Martin Hagen von der KfW, mache Basel 2 Banken stabilerund schaffe fairen Wettbewerb. Solide Schuldner kämen günstig an frisches Geld, für weniger vertrauenswürdige Anwärter würden Darlehen teurer. Obendrein wären die Banken besser abgesichert. Größere Sicherheit und höhere Effizienz sind denn auch die erklärten Ziele von Basel 2.
Vorauseilender Gehorsam
Die Praxis erweist sich aber oft als komplizierter als theoretische Modelle. So manchem Entwicklungsland dürften unangenehme Überraschungen bevorstehen. Das gilt vor allem für Volkswirtschaften, die als krisenanfällig gelten und deren Regierungen und Firmen nicht als sonderlich kreditwürdig gelten. Andererseits kann Basel 2 für Staaten mit erfolgreichen Wachstumsgeschichten auch günstigeren Kapitalzufluss bedeuten.
Die neuen Regeln stehen im Detail noch nicht fest, und es ist auch noch offen, in welchem Jahr der Verhaltenskodex formell in Kraft tritt. Dennoch wirkt Basel 2 sich heute schon auf das Geschäftsleben aus. Viele Institute in fortgeschrittenen Volkswirtschaften wenden bereits freiwillig strengere Regeln an. Die Banken sind in ihrer Methodik schon weiter als die Aufsichtsbehörden, erläutert Bernhard Speyer von Deutsche Bank Research. Der Grund des vorauseilenden Gehorsams ist zum einen, dass Märkte generell auf Erwartungen reagieren. Das, was die maßgeblichen Akteure für wahrscheinlich halten, bestimmt ihre Strategie.
Für die hyperaktive Finanzwirtschaft gilt das erst recht. Wenn sich eine Entwicklung abzeichnet, stellen sich Kreditanstalten auf sie möglichst früh ein. Und im Fall von Basel 2 gilt obendrein, dass die Risikobereitschaft vieler Finanzmanager nach dem Platzen der internationalen Börsenblase und den verschiedenen regionalen Krisen von Südostasien über Russland bis Argentinien ohnehin gesunken ist.
Streng rechtlich betrachtet soll Basel 2 nur für hoch entwickelte Industrieländer gelten in den USA vielleicht auch nur für international tätige Banken. Die Regierungen von Indien und China haben bereits angekündigt, sie würden die empfohlenen Regeln nicht verbindlich übernehmen. Dennoch werden die Kreditinstitute in Schwellen- und Entwicklungsländern nicht an Basel 2 vorbeikommen. Wenn es ein Regelwerk gibt, dann übt das Druck aus, sagt Rainer Schäfer von der Dresdner Bank. Auch das Vorgängerwerk Basel 1 sei ursprünglich nur für den Club der fortgeschrittenen Volkswirtschaften gedacht gewesen, habe sich dann aber zum weltweiten Maßstab entwickelt. Letztlich muss sich jede Bank, die international Kapital aufnimmt, an die Standards der großen Finanzmetropolen halten.
Die strengeren Eigenkapitalregeln von Basel 2 dürften die Staaten volkswirtschaftlich belasten, deren ökonomische Lage ohnehin labil ist. Ihnen Mittel zu gewähren wird für die Banken teurer. Folglich werden die Zinsen steigen. Allerdings sollte diese Wirkung nicht überbewertet werden, sagt Deutsche-Bank-Experte Speyer: Länder werden schon immer nach Risiken beurteilt.Wachstumsländer wie Costa Rica oder Thailand kommen schon seit langem leichter zu Krediten als chronische Krisenfälle wie Haiti oder Pakistan. Basel 2 verpflichtet aber Banken über die gewohnte Sorgfalt hinaus zusätzlich bei riskanten Darlehen zu höheren oder niedrigeren Kapitalrückstellungen.
Wirtschaftsliberale Rezepte
Mittelfristig dürfte ein zweites Problem hinzukommen. Denn Finanzinstitute, die sich an Basel 2 halten, müssen auch die Bonität ihres Heimatlandes bewerten, wenn sie Staatsanleihen ihrer Regierung übernehmen. Bisher galt der eigene Souverän grundsätzlich als kreditwürdig. Die Argentinienkrise hat aber bewiesen, dass das nicht unbedingt stimmt. Strengere Einschätzung von Staatsanleihen dürften in vielen armen Ländern die Eigenkapitaldecke vieler Geldinstitute erheblich belasten, da sie mit solchen Wertpapieren typischerweise einen Großteil ihres Geschäfts machen. Strengere Bewertung dieser Titel erfordert entsprechend höhere Kapitalrückstellungen, sodass ihnen weniger Mittel für andere Kunden bleiben. Zugleich wird natürlich der Regierungsspielraum für Kreditaufnahme beschränkt.
Kapital dürfte in diesen Ländern also knapper und teurer werden. Dresdner-Bank-Volkswirt Schäfer rät betroffenen Staaten deshalb, klare Übergangsphasen zu definieren, bis wann die neuen Regeln eingehalten werden sollen. Das täte der Glaubwürdigkeit des Finanzsektors gut, ohne zu sofortigen Anpassungsschocks zu führen.
Entwicklungspolitisch lässt sich kaum etwas gegen den Druck der strengeren Risikobewertung tun. Ob man Marktlogik mag oder nicht ihre Dynamik schafft Fakten. Die Fachleute aus Frankfurter Großbanken empfehlen denn auch den Regierungen ärmerer Länder, sich mit den bekannten wirtschaftsliberalen Konzepten à la Weltbank und Internationalem Währungsfonds auf Basel 2 einzustellen. Kreditwürdig werden Staaten durch solide Haushaltshalte, niedrige Inflation, good governance, Wirtschaftswachstum und dergleichen mehr.
Auch in Sachen Personal und Technik kommen auf Banken, die Kreditrisiken exakter bewerten wollen, neuer Aufwand zu. Gebraucht werden zusätzliche Daten und neue Kenntnisse, Computer und Software. Zudem muss die Bankenaufsicht professionalisiert werden. Im Prinzip müssen alle wichtigen Kreditnehmer so streng bewertet werden, wie das die Agenturen Standard & Poors und Moodys mit den großen Akteuren des Kapitalmarkts bereits tun. Basel 2 stellt es den Banken frei, sich entweder auf derartige Dienstleister zu stützen oder selbst entsprechend gründliche Analysen anzufertigen. In jedem Fall müssen ausführliche betriebliche Daten erhoben und ausgewertet werden was entsprechende Fachkompetenz erfordert und die betrieblichen Abläufe der Banken verteuert.
Für viele arme Staaten ist der Weg aber sicherlich noch weit, bis alle großen Kreditnehmer so streng geratet werden können, wie Basel 2 das grundsätzlich verlangt. Frankfurter Fachleute gehen davon aus, das zunächst abgespeckte und einfachereStandards angewandt werden. KfW-Volkswirt Hagen betont aber, dass der Modernisierungsdruck in die richtige Richtung geht. Das gelte vor allem dort, wo Kredite bislang eher nach Gutdünken des Bankpersonals als nach objektiven betriebswirtschaftlichen Kriterien vergeben wurden: Günstlingswirtschaft schafft keine bleibenden Werte. Fairer und produktiver Wettbewerb gedeihe dagegen dort, wo Unternehmer gute Ideen mit der Unterstützung von Kreditinstituten realisieren können.
Prozyklische Wirkung
Hagen warnt auch aus einem anderen Grund davor, Basel 2 zu negativ zu bewerten. Für die Armutsbekämpfung und Beschäftigungsaufbau sind kleine Unternehmen oft besonders wichtig. Solche Firmen brauchen aber für ihre Investitionen nur geringe Beträge für relativ kurze Zeit. Beide Kriterien bedeuten aber, dass diese Darlehen als vergleichsweise sicher gelten, sodass auch kein aufwendiges Rating erforderlich wird. Basel 2 dürfte diese Kredite also nicht verteuern. Ohnehin gelte der Kodex nicht für Kreditvereine und andere Institutionen, die nicht als komplette Bank verfasst sind. Jedenfalls sieht sich die KfW laut Hagen in ihren internationalen Aktivitäten zur Unterstützung des Mikrofinanzsektors nicht beeinträchtigt, sondern werde sie weiter ausbauen.
Die Hauptsorge, die das neue Regelwerk weckt, gilt indessen weltweit. Basel 2 ist auf der Ebene einzelner Unternehmen sicherlich sinnvoll, wirkt aber in der gesamten Volkswirtschaft prozyklisch. Die individuelle Risikobewertung mit standardisierten Mitteln bedeutet, dass im konjunkturellen Abschwung plötzlich viele Unternehmen gleichzeitig schlechter bewertet werden. Für sie werden die Kredite gerade dann teurer, wenn frisches Geld für das betriebliche Überleben besonders dringend gebraucht wird. Umgekehrt werden im Aufschwung plötzlich alle Firmen günstiger eingeschätzt und die Kredite, mit denen sie Investitionen finanzieren, gleichzeitig billiger. Die Gefahr, dass Überkapazitäten aufgebaut werden, steigt. Und so folgt denn erfahrungsgemäß auf übertriebene Euphorie im Aufschwung oft ein besonders schwerer Kater in der Rezession. Nach Basel 2 kommt Basel 3, meint deshalb Oliver Stönner-Venkatarama von der Commerzbank.
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