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Ethnizität und ethnische Konflikte in Afghanistan

Peripherie und globalisierter Kapitalismus


04/2005
 

Afghanistan: Gelungene Analyse

Conrad Schetter:
Ethnizität und ethnische Konflikte in Afghanistan.
Berlin, Dietrich Reimer 2003,
641 Seiten, 82,00 Euro, ISBN 3-496-02750-9

Der Zusammenbruch des Ostblocks hat neuartige Konflikte hervorbrechen lassen. Als sei es jahrzehntelang im Eisblock der bipolaren Welt erstarrt und gefangen gewesen, sprudelt das Ethnische aus allen Ritzen dieses tauenden Eisblocks hervor, um die Globalisierung – je nach Standpunkt – wie eine gespenstige Seuche zu bedrohen oder wie ein heilendes Serum zu bekämpfen, aufzuschieben und zu verhindern. Conrad Schetter verfolgt mit seinem Buch kein geringeres Ziel, als dieses Phänomen am Beispiel Afghanistans auf einem sehr theoretischen Niveau und einer ausgesprochen breiten Quellenbasis zu erklären. Mit Afghanistan hat sich Schetter das (neben dem Balkan) wohl augenfälligste Exempel der Ethnisierung unserer jüngeren Geschichte herausgegriffen.

Schetter versteht Ethnizität als eine „rezente, mit der Bildung moderner Nationalstaaten verknüpfte Erscheinung, die im krassen Gegensatz zu der historischen Kontinuität steht, die sie glauben machen will“. Er definiert sie als „Handlungen verschiedener Individuen im Namen einer ethnischen Gruppe“ oder „Handlungen der Mitglieder einer ethnischen Gruppe“, „die diese mit Berufung auf bestimmte Traditionen legitimieren“. Die Tautologie dieses Ansatzes beginnt sich aufzulösen, wenn man in die Tiefen der Arbeit eindringt.

Die Unterscheidung zwischen „ethnischer Kategorie“ und „ethnischer Gruppe“ erweist sich nämlich unter methodologischen Aspekten für die Analyse als produktiv. Dabei ist es dem Verfasser nicht in jedem Einzelfall gelungen, aus der Masse der – in Qualität, Intention der Autoren und Fundiertheit des Materials – so unterschiedlichen Quellen zweifelsfrei erscheinende Aussagen über etische (Außenansicht) und emische (Binnensicht) Konzepte gemäß der selbst verordneten Unterscheidung abzuleiten. Die auf einhundert Seiten entwickelte Ethnizitätstheorie ist dennoch ein brauchbarer Bezugsrahmen, um vergangenes Geschehen auf dem Territorium Afghanistans in einer für die Jetztzeit verwertbaren Weise zu deuten. Es entspricht dem vom Autor herausgearbeiteten historisch determinierten Bezug von Ethnizität, dass der Krieg ab 1978/79 dabei den Schwerpunkt bildet.

Die für orientalistisch nicht geschulte Leser ungewohnte Umschrift afghanischer Namen und Termini sollte eine breitere Leserschaft nicht von der Lektüre abhalten. Leider lenken manche Transkriptionsfehler den orientalistisch geschulten Leser von dem ab, was das Buch zu bieten hat: eine Analyse der Geschichte Afghanistans aus der Sicht eines ethnologisch interessierten Geographen, der Interdisziplinarität nicht nur als Fahne vor sich her trägt, sondern verstanden hat, dass die Entität des Gegenstandes eine nicht weniger ganzheitliche Betrachtung erfordert.

Lutz Rzehak