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Peripherie und globalisierter Kapitalismus


04/2005
 

Kapitalismuskritik: Notwendiger Diskurs

Olaf Gerlach u.a. (Hrsg.):
Peripherie und globalisierter Kapitalismus. Zur Kritik der Entwicklungstheorie.
Frankfurt, Brandes & Apsel 2004,
348 Seiten, 25,00 Euro, ISBN 3-86099-803-X

„Die großen Theorien sind gescheitert.“ Das von Ulrich Menzel 1992 formulierte Fazit zur veränderten geopolitischen Situation, den wachsenden Interdependenzen in allen Bereichen, hat eine Reihe wissenschaftlicher und politischer Initiativen angestoßen. Dem interdisziplinären „Arbeitskreis Entwicklungstheorie“ an der Freien Universität Berlin geht der geforderte Paradigmenwechsel nicht weit genug. Er legt seiner Kritik des „globalisierten Kapitalismus“ den Gedanken der „Peripherie“ zugrunde. Damit schließt er an jüngste Kapitalismuskritiken an, betont aber oft vernachlässigte Momente wie Dominanz, Abhängigkeit und Hegemonie.

Im ersten Teil setzt sich Gerhard Hauck mit der Geschichte der Entwicklungstheorie auseinander, beleuchtet Reinhart Kößler den Begriff „Entwicklung“, diskutiert Birgit Mahnkopf das Scheitern normativer Leitbilder an „systemischen Fragen“. Der zweite Teil stellt die „unhinterfragten Altlasten“ des entwicklungstheoretischen Mainstream auf den Prüfstand, so wenn Gabriele Zdunnek die feministische Kritik daran über die vergangenen Dekaden hinweg nachzeichnet, Daniel Kumitz dessen Ausrichtung auf die Nation kritisiert, Christian Girschner vermeintliche Wohlstandsgewinne durch den Freihandel hinterfragt oder Christoph Görg mit dem Beitrag „Von der nachholenden zur nachhaltigen Entwicklung – und wieder zurück“ wider den Stachel eines mittlerweile inflationär gebrauchten Begriffes löckt.

Der dritte Teil setzt sich mit den großen Entwürfen Modernisierung, Dependencia und Marxismus auseinander: Martha Zapata Galindo stellt kritische Fragen an das neue Paradigma der Modernisierungstheorie: die „Multiple Modernities“. Yvonne Franke klopft die Dependenztheorie auf Brauchbarkeit und Defizite hin ab. Stefan Kalmring und Andreas Nowak bereiten bisher wenig rezipiertes Material aus den Schriften von Marx für die entwicklungstheoretische Debatte auf. Mit den Finanzkrisen in der immer stärker finanzdominierten Weltwirtschaft befasst sich Dieter Boris im vierten Teil, der sich Fragen der Ungleichheit, Dominanz und Hegemonie im Weltsystem widmet. Eva Hartmann analysiert die Rolle transnationaler Wissensnetzwerke, Oliver Nachtwey / Tobias ten Brink fragen, ob die klassische Imperialismustheorie zum Verständnis der heutigen Probleme beitragen kann. Christian Zeller versucht, den Nebel um den vermeintlichen Heilsbringer „Global Governance“ zu lichten.

Der Sammelband irritiert zunächst durch die Fülle unterschiedlicher Kritikansätze und das Fehlen eines „roten Fadens“. Trotzdem ist die „Werkstatt-Arbeit“ wichtig für den notwendigen Diskurs zur Kritik der traditionellen und modernen Entwicklungstheorien. Denn es gibt keine allgemeine Theorie globaler Entwicklungsbedingungen und -strategien. Die historischen, kulturellen, gesellschafts- und globalpolitischen Verhältnisse erfordern vielfältige Strategien der Veränderung. An herrschaftskritischen Ansätzen führt dabei kein Weg vorbei!

Jos Schnurer