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04/2005
 

[ Ehrenmorde ]

Das unterschätzte Verbrechen

Weltweit werden jedes Jahr etwa 5000 so genannte Ehrenmorde registriert. Die Dunkelziffer liegt aber weit höher, weil die meisten Fälle nicht vor Gericht kommen. Ehrenmord ist die Tötung zumeist von Frauen durch einen männlichen Verwandten wegen tatsächlicher oder vermeintlicher außerehelicher sexueller Beziehungen. Der Mord soll die Familienehre wiederherstellen. Häufig dient der Mord aber auch dazu, andere Straftaten wie die Vergewaltigung des Opfers oder Inzest zu vertuschen oder Familienprobleme, zum Beispiel Erb- und Stammesstreitigkeiten, zu „lösen“.

Die Zahl der Ehrenmorde weltweit steigt kontinuierlich, wie auf einer Tagung von Friedrich-Ebert-Stiftung, Amnesty International und Terre des Femmes Anfang März in Berlin deutlich wurde. In Jordanien machen Ehrenmorde immerhin 26 Prozent aller Morde aus. Allein in Pakistan werden jährlich etwa 1500 Ehrenmorde begangen; in Deutschland waren es zehn seit Sommer 2004. Es gibt zwischen diesen Ländern durchaus eine Reihe von Gemeinsamkeiten im Hinblick auf den Umgang mit diesem Verbrechen, zum Beispiel das fehlende Unrechtsbewusstsein bei den Tätern und in ihrem Umfeld. Häufig werden Ehrenmorde nur unzureichend geahndet – in Pakistan sehen die Gesetze sogar mildernde Umstände für die Täter vor. Ein „Verbrechen an der Ehre“ verjährt nicht – Frauen werden deshalb auch noch nach Jahren umgebracht. Ehrenmorde gelten zwar als unislamisch, doch häufig verschließen religiöse Führer ihre Augen.

Auch die deutsche Gesellschaft hat zu lange weggeschaut, findet Ute Vogt, die Parlamentarische Staatssekretärin im Innenministerium. „Wir haben aus falsch verstandener Liberalität der Multikulti-Gesellschaft gegenüber uns nicht eingemischt. Das war falsch“, sagte sie in Berlin.

Die Tagungsteilnehmer forderten, häusliche Gewalt und Ehrenmorde auf nationaler und internationaler Ebene stärker zu bekämpfen. Es müssten rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die verhindern, dass Täter straflos ausgehen. Der Schutz für bedrohte Frauen und Mädchen müsse verbessert werden; Regierungen müssten angehalten werden, betreffende internationale Abkommen umzusetzen. Zudem müssten Polizei, Justiz, aber auch medizinische Einrichtungen und Ärzte für Genderfragen und Frauenrechte sensibilisiert werden.

Die Rechtsanwältin Seyran Ates wies darauf hin, dass die Verschärfung von Gesetzen nicht ausreicht. Es müsse flankierende Maßnahmen geben, die ein Umdenken fördern, das Unrechtsbewusstsein schärfen und eine offene Diskussion mit „konservativen“ Meinungsmachern zu Gewalt gegen Frauen, Zwangsverheiratung und Ehrenmorden in Gang bringen.

Jutta Werdes