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Sri Lanka: Destruktiver Kitt
 04/2005
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Destruktiver Kitt
Sozialer Zusammenhalt und nachbarschaftliche Hilfsbereitschaft existieren auch in Bürgerkriegsländern. Sobald dies jedoch über die Angehörigen der eigenen Bevölkerungsgruppe hinausgeht, wird es für die Beteiligten gefährlich. Sri Lanka ist ein Beispiel für zerstörerische Politik auf der Basis kollektiver Identitäten.
[ Von Una Hombrecher ]
Ich habe viele Soldaten getötet, aber nichts dabei gefühlt. Ich tue das für unsere Freiheit, erzählt die Kämpferin mit fester Stimme. Wir sitzen in Batticaloa an der Ostküste Sri Lankas in einem Büro der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), das nach dem Waffenstillstandsabkommen im Jahre 2002 eröffnet wurde. Die Provinz wird überwiegend von Tamilen bewohnt. Hier fanden militärische Auseinandersetzungen zwischen der sinhalesischen Regierungsarmee und den Kämpfern der LTTE statt. Auf dem Schreibtisch liegt eine Zeitschrift, auf deren Titelbild eine Hand mit Gewehr aus einem Erdhügel ragt.
Kolonialisiert durch drei europäische Mächte, hat Sri Lanka im Jahre 1948 seine Unabhängigkeit erlangt. Seit 1970 erschüttern kriegerische Auseinandersetzungen und politische Aufstände die Insel. Der Konflikt hat über 60 000 Leben gefordert, eineinhalb Millionen Menschen vertrieben und wertvolle natürliche und infrastrukturelle Ressourcen zerstört.
Im entwicklungspolitischen Diskurs haben sich Theorien zu sozialem Kapital als Hoffnungsträger für die Schaffung besserer ökonomischer, sozialer und politischer Bedingungen etabliert. Das Beispiel Sri Lanka zeigt aber, dass diese weiterer Ausarbeitung bedürfen. Ansätze, wie sie zum Beispiel der Wissenschaftler Robert Putnam beschrieben hat und auch von der Weltbank propagiert werden, erweisen sich als nur bedingt hilfreich, um die Situation auf der Insel zu analysieren und Strategien für eine nachhaltige Entwicklung zu entwerfen.
Soziales Kapital
Die Weltbank definiert soziales Kapital und soziale Kohäsion auf ihrer Website gleichbedeutend als Institutionen, Beziehungen und Normen, die die Qualität und Quantität sozialer Interaktionen einer Gesellschaft prägen. Vielfältig vernetzte Beziehungen tragen demnach zur Linderung von Armut und zur nachhaltigen menschlichen und wirtschaftlichen Entwicklung bei. Die Weltbank unterscheidet zwischen einer engeren und einer weiteren Sicht von sozialem Kapital. Erste umfasst horizontal ausgerichtete soziale Netzwerke (inklusive ihrer assoziierten Normen), während die zweite sowohl horizontale als auch vertikale Verbindungen umschließt. Diese Variante ist mit gängigen Zivilgesellschaftsdefinitionen verwandt, die Brücken zu staatlichen Institutionen bei bleibender Autonomie und Freiwilligkeit betonen. Weiterhin weisen die Weltbank-Autoren darauf hin, dass soziales Kapital nicht nur die Summe von Institutionen sei, welche eine Gesellschaft stützen, sondern auch der Kitt, der sie zusammenhält.
Empirisch ist die Unterscheidung zwischen eng und weiter verstandenem sozialen Kapital in Batticaloa ausgesprochen relevant. Denn nur für ersteres gibt es viele Anzeichen von sozialem Zusammenhalt ohne dass für Frieden und ökonomischen Fortschritt gesorgt wäre. Nachbarschaftliche Hilfsnetze funktionieren in Batticaloa (wie auch in anderen Gegenden Sri Lankas) sehr gut. Es ist im Falle von Krankheit selbstverständlich, dass für alle Nachbarn ungeachtet der Tageszeit oder der Entfernung zum nächsten Hospital ärztliche Hilfe organisiert wird. Bei besonderen Ereignissen wie Überschwemmungen oder Stürmen, die zur Evakuierung von Häusern zwingen, fühlen Nachbarn sich ebenfalls zur Hilfe verpflichtet.
Bei großen Familienanlässen Todesfällen oder Hochzeiten etwa stehen Nachbarn ebenfalls zur Verfügung, um die Bewirtung von Gästen zu gewährleisten. Auch die Verwandtschaft hilft in besonderen Lebenslagen. Dabei überschneiden sich Nachbarschaft und Verwandtschaft nicht nur im ländlichen Batticaloa häufig. Alle Familien, die in diesem Stadtteil leben, sind mehr oder weniger auch meine Verwandten, ist eine typische Auskunft. Verwandtschaftliche Gruppen leben nach Kasten, ethnischer und religiöser Zugehörigkeit relativ scharf segregiert in bestimmten Stadt- oder Dorfteilen. Folglich äußern sich soziale Differenzierungen auch räumlich.
Lokale Grenzen
Viele Bewohner Batticaloas unterhalten jedoch nur sehr wenige Kontakte, die über ihre lokal begrenzten Netzwerke und ihre eigene Identitätsgruppe hinausgehen. Ich habe keine Gelegenheit mehr, Sinhalesisch zu sprechen. Es leben kaum noch Sinhalesen hier, berichtete mir eine Frau. Und wenn ich jemanden treffe, zum Beispiel an den Kontrollpunkten, dann zeige ich nicht, dass ich ihre Sprache spreche.
Die Aufnahme von vertikalen sozialen Verbindungen im erweiterten Sinne von Sozialkapital mit überbrückenden und gruppenverbindenden Beziehungen ist gefährlich geworden. Die überlappenden Machtstrukturen von Regierungsarmee und LTTE haben derlei zum Ausnahmefall gemacht. Ich hatte zwei Brüder: Der eine arbeitet in einem Regierungsbüro, der andere wurde von der LTTE erschossen, erzählte mir ein älterer Fischer. Wenn ich zur Polizei gegangen wäre, um den Mord zu melden, hätte die LTTE mich verdächtigt, mit der Regierungsarmee zu kooperieren. Ich spreche mit niemandem dort. Wir trauen niemandem. Eine Frau erzählte mir über ihre Erfahrungen mit den LTTE: Die können mit uns machen, was sie wollen. Aus diesem Dorf dringt kein Verbrechen heraus.
Der Einfluss der bewaffneten Gruppen variiert stark auf engem Raum. Es gibt cleared areas unter Regierungskontrolle, uncleared areas unter LTTE-Herrschaft und grey areas, in denen sich die beiden Machtansprüche überlagern. Sozialer Zusammenhalt funktioniert hier gruppenbezogen in Abgrenzung von den anderen. Die drohende Gewalt lässt kaum eine andere Wahl, als sich fast ausschließlich in der eigenen Gruppe zu bewegen. Doch lange bevor dominante Gruppen und lokale Machthaber ihre Vorherrschaft mit Zwang stabilisieren, greifen andere Mechanismen. Diskursive Praktiken bewegen Menschen zur Annahme von bestimmten Identifikationen, die zum Handeln befähigen, aber zugleich den Aktionsradius einschränken.
Noch vor kurzer Zeit war die vorherrschende Sicht, dass Identität aus einem festen und beständigen, dem Menschen innewohnenden Persönlichkeitskern besteht, der durch alle Lebensprozesse hindurch stabil bleibt. Heute gilt die individuelle Persönlichkeit eher als etwas ständig im Prozess Befindliches, das niemals fertig oder vollständig wird. Auch kollektive Identitäten befinden sich in einem ständigen Wandel und werden in Diskursen und sozialen Interaktionen immer wieder neu ausgehandelt.
Vielschichtige
Identitätskonstruktion
Sri Lanka blickt auf eine multikulturelle und hybride Vergangenheit zurück, in der Sinhalesen, Tamilen, Muslime, Burger, Moors, Malaien und Veddahs eine gemeinsame Heimat hatten. Heute ist das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer multikulturellen Gesellschaft zwei dominanten ethnischen Nationalismen gewichen. Fortwährend wurde mir in Batticaloa erklärt: Ich bin stolz, Tamilin zu sein. Die eigene Kultur und Sprache, der Hinduismus, die Formen des sozialen Umgangs und die heimatliche Landschaft wurden mir immer wieder als bedeutende Elemente der tamilischen Identität genannt. Oft sprachen Tamilen von ihrer Pflicht, die ererbte Kultur zu bewahren. Die LTTE propagieren ihr aggressives Weltbild mittels Straßentheatern, Gemälden, Plakaten, Denkmälern, Printmedien und Videofilmen. Bilder, wie die aus der Muttererde greifende Hand, fallen aufgrund des Gefühls der lokalen Zugehörigkeit auf fruchtbaren Boden und versprechen Schutz und Geborgenheit.
Die Konstruktion individueller Identität verläuft nicht beliebig, sie hängt von den gegebenen Optionen und Rahmenbedingungen ab. In Batticaloa löst dabei das Merkmal Bildung zunehmend das der Kastenzugehörigkeit ab. Meine Interviewpartner unterschieden auffällig häufig zwei Gruppen: die Gebildeten und die Ungebildeten. Damit definieren tamilische Gemeinschaften heute ihre Hierarchie. Eine wichtige Ursache dafür ist, dass die LTTE hinduistische Kastenunterscheidungen ablehnen und mit einigem Erfolg tabuisiert haben. Dies sollte die Einheit der Tamilen stärken und breitere Massen für den bewaffneten Kampf mobilisieren. Und dass es gelang, zeigt indessen, dass Identitätsvorstellungen sehr wohl kulturellem Wandel unterliegen.
Obendrein ist die Vorstellung einer einheitlichen Tamilen-Identität brüchig. Viele Batticaloa-Tamilen grenzen sich ausdrücklich von den Jaffna-Tamilen im Norden ab. Die fühlen sich immer als etwas Besseres und blicken auf uns herab. Wir sind nur das Kanonenfutter für die, lautet ein typisches Urteil. Sie schicken ihre Kinder nach Übersee, während unsere Kinder als Kämpfer herhalten müssen.
Jaffna galt schon zu Kolonialzeiten als Bildungshochburg mit wohlhabenden und geschäftstüchtigen Einwohnern. Im Gegensatz dazu betonen Batticaloa-Tamilen ihre liebenswürdige und gastfreundschaftliche Art, die soziale Werte hinter die ökonomischen stellt. Der daraus resultierende geringere ökonomische und infrastrukturelle Entwicklungsstand wird als unberührte Natürlichkeit glorifiziert. Diese identitären Trennungslinien sind der Gegenstand LTTE-interner Auseinandersetzungen, die in den vergangenen 16 Monaten trotz Waffenstillstandsabkommen zu einer Mordwelle unter Tamilen geführt haben.
Politische Loyalitäten können auch eine weitere identitätsstiftende Institution in Frage stellen: Verwandtschaft. Familienzusammenhalt gilt als bedeutendes Merkmal tamilischer Kultur. Jedes Mitglied ist für das Wohlergehen der Seinigen und den guten Ruf der Familie verantwortlich. Ungebrochen ist das aber nicht. Eine Frau erzählte beispielsweise: Mein Enkelsohn hat seinen Onkel, meinen Sohn, erschossen. Er hat einer anderen politischen Partei angehört, das war der Grund. Sie erklärte das sogar als Ausdruck des familiären Zusammenhalts der Enkel habe das abweichende Verhalten seines Angehörigen nicht ertragen.
Besonders gefährlich ist aber, Beziehungen über die eigene Identitätsgruppierung hinaus zu knüpfen und zu pflegen. Die Abwesenheit solcher Brücken stärkt dabei die Abhängigkeit von den jeweiligen Machthabern. Dennoch unternehmen immer wieder Menschen Anläufe, die Gräben zu überwinden. Als Beispiel dafür kann eine Gruppe von Friedensaktivistinnen dienen. Sie ist Teil eines Netzwerks mit regionalen Kontakten und Verbindungen in die Landeshauptstadt sowie nach Indien, Europa und Amerika. Uns wird die Arbeit sehr schwer gemacht. Böse Zungen behaupten, wir sind nicht gut. Wir würden uns nur herumtreiben, Zigaretten rauchen und wollen weder heiraten noch Kinder, berichtet ein Mitglied. Konservative Potentaten versuchen so sozialen Druck aufzubauen, der die Friedensaktivistinnen an ihre Identität als tamilische Frau erinnern und sie somit in ihre Grenzen weisen soll.
Zahlreichen blutige Auseinandersetzungen zwischen der LTTE und der Regierungsarmee fanden direkt vor der Haustür der Friedensaktivitistin statt. Sie forderten das Leben ihres Bruders und ihres Vaters. Die Regierungstruppen ergänzten ihre Militäraktionen regelmäßig mit Vergewaltigungsstreifzügen. Niemand hat es gewagt, darüber zu sprechen, welche Qualen die Frauen in unserm Dorf überstehen mussten. Sie hatten einfach zu große Angst, in der nächsten Nacht selbst betroffen zu sein. Nur durch unser Netzwerk war es mir möglich, dies zu melden. Nach der Beschwerde wechselte die Regierung die Kampfeinheit im Dorf aus und die Übergriffe auf die Frauen ließen merklich nach. Seit dem Waffenstillstandsabkommen kämpfen wir nun gegen die Zwangsrekrutierung von Kindern durch die LTTE. Ich habe lange nachgedacht, ob ich, das was sich hier im Dorf abspielt, dem Monitoring-Team melde. Ich habe mir schließlich ein Herz gefasst und mir gesagt, einer muss es tun. Und wenn ich dafür mit dem Leben bezahle, erzählt die mutige Frau.
Die Monitoring-Teams wurden von den norwegischen Vermittlern zur Kontrolle des Waffenstillstandes eingesetzt. Unser Problem ist es, dass sich die große Mehrzahl der Opfer nicht traut, Menschenrechtsverletzungen und Verstöße gegen das Waffenstillstandsabkommen zu melden, berichtet Pfarrer Miller vom Monitoring-Team. Zudem behindern militante Identitätspolitiker weiterhin die Arbeit der Vermittler. Eine der Netzwerkkoordinatorinnen der Frauenfriedensgruppe beklagt die Einschränkungen ihrer Arbeit: Wir müssen in unserem Umgang mit beiden Seiten sehr vorsichtig sein. Eine von der LTTE unterwanderte Vereinigung von Nichtregierungsorganisationen hat uns eingeladen, an einer Demonstration teilzunehmen. Ich weiß mittlerweile, wann eine Einladung ein Befehl ist. Das widerspricht unseren Vorstellungen. Ich muss aus Batticaloa raus.
Ausblick
Die große Popularität der Empfehlung von sozialem Kapital mag daran liegen, dass die Idee sowohl für Wirtschaftsliberale als auch für Anhänger von Partizipation und Graswurzelbewegungen attraktive Lösungswege verspricht. Ein Verdienst der Protagonisten von sozialem Kapital ist ohne Zweifel ihr Beitrag, soziale Faktoren in entwicklungspolitischen Diskursen stärker zu berücksichtigen.
Als problematisch erweist sich jedoch die implizierte Annahme, soziales Kapital und Zivilgesellschaft seien per se positiv und förderungswürdig. Das gilt auch, wenn die Schattenseiten dieser sozialen Prozesse teilweise benannt werden. Zivilgesellschaft setzt sich aus einer Vielfalt von Kräften und Organisationen zusammen und ist keinesfalls von Natur aus positiv. Es gibt eben auch einen Kitt, der Gemeinschaften zusammenhält, der Menschen bereit macht, für die eigene Gruppe zu töten und zu sterben und der durch das Setzen von Grenzen zugleich auch die Differenzierung zwischen den Gruppen bedingt. Die identitäts-politischen Konnotationen von sozialem Kapital und Zivilgesellschaft werden in der entwicklungspolitischen Debatte oft übersehen. Identitäten als verbindender Faktor werden diskursiv im sozialen Alltag produziert und für politische Zwecke instrumentalisiert.
Dabei bleibt festzuhalten, dass die eine in reiner Form vorkommende Identität nicht existiert, sondern dass verschiedene Identitätsangebote angenommen und miteinander kombiniert werden. Die vereinfachende Sichtweise einer singulären Identität hat sicherlich auch zu den Interpretationen von unversöhnlichen Konflikten geführt, die durch jahrhundertelange ethnische, nationale und religiöse Differenzen geprägt sein sollen. Dabei werden essentialistische kollektive Identitäten als historische und anthropologische Einheiten angesehen, die aufgrund ihrer Stabilität und Unveränderlichkeit Konflikte unbefriedbar machen.
Die oben ausgeführten Darstellungen einiger, oftmals widersprüchlicher Identitäten, die stetig in sozialer Interaktion neu ausgehandelt werden, lassen diese Kategorisierung ethnischer Konflikte fragwürdig erscheinen. Vielmehr zeigen sie, dass Grenzen herausgefordert und damit allmählich verschoben werden können. Gruppenverbindende Kontakte spielen dabei eine große Rolle doch in Regionen mit sich wechselseitigen überlappenden Machtstrukturen ist es kaum möglich, so verstandenes soziales Kapital zu schaffen und zu pflegen. Hier wäre wohl eher von fragmentiertem und fragmentierendem sozialen Kapital zu sprechen, das innerhalb einer Gruppe den Zusammenhalt stärkt, aber eben nicht als Kitt dient, das die ganze Gesellschaft zusammenhält.
Una Hombrecher
leitet das internationale Projekt Overcome Domestic Violence von Brot für die Welt. Als Doktorandin am Südasieninstitut in Heidelberg hat sie in Sri Lanka gelebt und geforscht.
u.hombrecher@brot-fuer-die-welt.de
Weltbank-Definition von sozialem Kapital:
http://www1.worldbank.org/prem/poverty/scapital/whatsc.htm
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