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 04/2005
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[ Zivilgesellschaft ]
Die Ruhe vor dem Sturm
International aktive Nichtregierungsorganisationen machen sich darauf gefasst, dass das in sie investierte Vertrauen künftig stärker hinterfragt wird. Sie setzen auf professionelles Management wie in multinationalen Konzernen und entwickeln ein Bewusstsein für den Wert ihrer Markenzeichen.
[ Von Hugh Williamson ]
Wenn man Meinungsumfragen und internationalen Medien glaubt, steigt der Einfluss nichtstaatlicher Organisationen. Im Januar veröffentlichte die PR-Firma Edelmann aus den USA eine Umfrage. Sie zeigt, dass Bürger zivilgesellschaftlichen Institutionen eher zutrauen, das Richtige zu tun, als Regierungen und Unternehmen. Auch sei das Vertrauen von Unternehmern und Meinungsmachern in regierungsunabhängige Organisationen mit den Jahren gewachsen und übertreffe in den USA und Europa sogar das in Staaten und Firmen. In China, Brasilien und Japan erzielten zivilgesellschaftliche Organisationen etwa gleich hohe Vertrauenswerte wie Firmen. Greenpeace, Amnesty International, Oxfam und der WWF gehören zu den Nichtregierungsorganisationen, die das größte Vertrauen genießen.
Auf verschiedene Art üben zivilgesellschaftliche Organisationen Einfluss aus. Die in diesem Jahr zum Weltwirtschaftsforum in Davos eingeladenen Initiativen haben beispielsweise Vertreter aus Politik und Wirtschaft über Themen wie Klimawandel und Schuldenerlass aufgeklärt. Auch die Erfolge von regierungsunabhängigen Organisationen, Firmen zur sozialen Unternehmensverantwortung anzuhalten, werden weithin anerkannt. So schrieb der Economist kürzlich: Das Thema der sozialen Unternehmensverantwortung beherrscht die Aufmerksamkeit von Führungsetagen auf der ganzen Welt und besonders von Managern multinationaler Unternehmen. Dies stellt einen bedeutenden Sieg im Kampf der Überzeugungen dar. Nichtstaatliche Organisationen nannte der Economist unter den Kräften, die sich für die soziale Unternehmensverantwortung an erster Stelle einsetzen.
Zudem wurde nach dem Tsunami im Dezember auch die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen in puncto Nothilfe und Wiederaufbau gelobt. Sie hätten zügig und besser koordiniert reagiert als in der Vergangenheit. Diesen Eindruck belohnten Unternehmen und Privatpersonen mit einem beispiellosen Spendenaufkommen.
Hat diese positive Resonanz auf Nichtregierungsorganisationen einen Preis? Zivilgesellschaftliche Organisationen gewinnen an Einfluss gegenüber Regierungen und Unternehmen. Gleichzeitig wird gefragt, welche Verantwortung mit solcher Macht einhergeht. Diese Debatte, die manche als Revancheakt interpretieren, kreist darum, wem gegenüber regierungsunabhängige Verbände rechenschaftspflichtig sind, und generell um ihre Legitimation.
Unter den Führungskräften nichtstaatlicher Organisationen hat sich ein Gefühl düsterer Vorahnung breit gemacht. Ist dies die Ruhe vor dem Sturm? John Elkington, Leiter der Londoner Unternehmensberatung Sustainability, die auf soziale Unternehmensverantwortung und das Verhältnis von Firmen zu zivilgesellschaftlichen Organisationen spezialisiert ist, stellt es so dar: Wenn regierungsunabhängige Organisationen nicht vorsichtig sind und sich nicht auf gründlichere öffentliche Überprüfung vorbereiten, könnte sie demnächst ein Ethikskandal vom Ausmaß der Krise, die den amerikanischen Energiegiganten Enron getroffen hat, ereilen.
Sebastian Mallabys Buch The Worlds Banker aus dem vergangenen Jahr (siehe E+Z 2005:1, S. 20) dürfte das Interesse an Vorsichtsmaßnahmen erhöht haben. Vordergründig geht es um Führungszeit und -stil von Weltbankpräsident James Wolfensohn, doch das Buch kritisiert auch den starken Einfluss nichtstaatlicher Organisationen auf die Weltbank. Mallaby zufolge sollten regierungsunabhängige Institutionen aus dem Norden kein öffentliches Vertrauen genießen. Sie seien oft schlecht informiert und arbeiteten chaotisch, unverantwortlich und unnachgiebig. Dadurch schadeten sie den Entwicklungszielen, für die sie angeblich eintreten. Zwar erkennt Mallaby die Existenz einiger erwachsener Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam an. Dennoch kommt er zu dem Schluss, dass Weltbank und Politiker dem Druck von nichtstaatlichen Organisationen in Zukunft stärker widerstehen sollten.
Mallabys Buch ist nicht die einzige Neuerscheinung, die die Aufmerksamkeit eines großen Publikums auf scheinbare Unzulänglichkeiten von Nichtregierungsorganisationen lenkt. Das Buch Why Globalisation Works von Martin Wolf, dem Chefkolumnisten der Financial Times, muss für Spitzenleute nichtstaatlicher Organisationen eine schmerzhafte Lektüre sein. Globalisierungskritiker hätten zwar sehr viele Beschwerdeschriften verfasst, schreibt Wolf: Doch fast jede zeichnet sich durch die Nichtbeachtung von Fakten und professioneller Wirtschaftsanalyse aus.
Im Rampenlicht
Dies wirft die Frage auf, ob nichtstaatliche Verbände bereit sind, im Rampenlicht zu stehen. Führende Vertreter erkennen zunehmend an, dass sie dieser Kritik wirksam begegnen müssen, um das ihren Organisationen entgegengebrachte Vertrauen zu festigen. Der ehemalige Leiter der britischen Sektion von Friends of the Earth, Jonathon Porritt, bestätigt, dass Nichtregierungsorganisationen langsam erkennen, dass wir die ethischen Verhaltensmaßstäbe, die wir von Unternehmen gefordert haben, auch selbst anwenden müssen. David Nussbaum, Geschäftsführer von Transparency International, fügt hinzu, dass sich Regierungen des Südens zunehmend über Nichtregierungsorganisationen beschweren. Beamte aus Entwicklungsländern argumentieren, so Nussbaum, dass gebildete Eliten mit nichtstaatlichen Organisationen möglicherweise einer Meinung sind, aber nicht die Masse der Bevölkerung. Internationale Nichtregierungsorganisationen müssten klären: Für wen sprechen NGOs eigentlich?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Herausforderungen zu begegnen. Schon im Jahr 2003 haben 30 internationale Organisationen ein loses Netzwerk geschaffen. In einem gemeinsamen Forum, zu dem sich die Spitzenkräfte einmal im Jahr treffen, werden Themen diskutiert, die wir als gemeinsame Herausforderungen ansehen, sagt Nussbaum. Zu den Mitgliedern gehören Greenpeace, Oxfam International, Care, Médecins sans Frontièrs, Terre des Hommes, Amnesty International, der WWF und Transparancy International selbst. Aus ihrer Sicht bringt der wachsende Einfluss von Nichtregierungsorganisationen zweierlei neue Herausforderungen mit sich. Zum einen die Forderung, effektiver auf die sich schnell ändernde weltweite politische und ökonomische Umwelt zu reagieren. Und zum anderen geht es um interne Managementaufgaben wie Nachhaltigkeit, Ressourcen und Organisationsstrukturen. Die regierungsunabhängigen Organisationen hätten auch erkannt, dass sie gemeinsame Lernmöglichkeiten und strategische Denkprozesse schaffen müssen, berichtet Nussbaum.
Das Ergebnis dieser Bemühungen, so hofft Oxfam-Spitzenmanager Jeremy Hobbs, werde zivilgesellschaftliche Organisationen auch für kommende Auseinandersetzungen stärken, auf die sie sich vorbereiten müssten, um Widerstand leisten zu können. Wir akzeptieren, dass wir zunehmend Gegenwind bekommen, wenn wir unsere Kampagnen weiter ausbauen besonders bei Themen wie der sozialen Unternehmensverantwortung, sagt er. Aber wir machen uns Sorgen, dass dieser Feldzug für mehr Verantwortung auch genutzt werden kann, um unserer Arbeit Grenzen zu setzen.
Die Generalsekretärin von Amnesty International, Irene Khan, nennt eine weitere Möglichkeit, wie regierungsunabhängige Organisationen ihr Leistungsvermögen stärken können. Sie setzt auf Management- und Strategieseminare für Führungskräfte an der Harvard Business School. Den letzten Kurs besuchten 65 Teilnehmer aus einem guten Dutzend nichtstaatlicher Organisationen. Khan lernte dort, dass sich zivilgesellschaftliche Organisationen und Unternehmen in vielerlei Hinsicht ähneln. Sie arbeiten mit den gleichen Computersystemen, haben die gleichen finanziellen Rechenschaftspflichten und gehen mit Ressourcen um. Sie meint, Nichtregierungsorganisationen und Firmen sollten die gleiche Hardware, aber unterschiedliche Software nutzen.
Robert Napier, der die britische Abteilung des WWF leitet, stimmt zu. Er hat nicht nur regelmäßig mit Vertretern aus der Geschäftswelt zu tun, als ehemaliger Vorstandsvorsitzender einer großen Baufirma stammt er selbst aus dieser Kultur. Er bestätigt, dass sich Nichtregierungsorganisationen heute Geschäftsangelegenheiten zuwenden, die sie früher zurückwiesen oder bestenfalls ignoriert haben. Das WWF-Symbol, der Panda, ist eigentlich eine weltweite Marke. Deswegen müssen sich die 30 WWF-Abteilungen auf der Welt, die es nutzen, stärker aufeinander abstimmen, um diese Marke zu schützen. Ein Problem etwa eine dubiose Geldquelle einer Mitgliedsgruppe könne sich leicht auf den internationalen Verband auswirken. Meine Legitimität ist nur so stark wie der schwächste Teil meines Netzwerks, kommentiert er.
Hugh Williamson
hat für Nichtregierungsorganisationen in Britannien, der Bundesrepublik Deutschland und in Hongkong gearbeitet. Zur Zeit ist er Berlin-Korrespondent der Londoner Financial Times.
hugh.williamson@t-online.de
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