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NRO-Image: Die Ruhe vor dem Sturm

Ghana: Schutz für Frauen und Kinder

Exogene Schocks: Wenn die Regierung ohnmächtig ist


04/2005
 

[ Ghana ]

Schutz für Frauen und Kinder

In Ghana stemmen sich zivilgesellschaftliche Gruppen gegen alltägliche und traditionelle Formen der Gewalt. Frauenrechtsorganisationen bilden die treibende Kraft dieser Bewegung. Sie wenden sich unter anderem gegen Hexereibeschuldigungen, initiieren Projekte der Gewaltprävention und unterstützen die Opfer. Jetzt hoffen sie auf die Verabschiedung eines neuen Gesetzes über häusliche Gewalt.


[ Von Gabi Waibel ]

In Ghanas Hauptstadt Accra wurden 1999 innerhalb weniger Wochen mehrere Frauen ermordet – scheinbar zusammenhanglos. Als Angst- und Ohnmachtsgefühle vieler Frauen in Wut umschlugen, riefen sie zu einem Protestmarsch auf und zogen zum Parlament. Dort warfen sie Polizei und Regierung vor, die Fälle nicht ernst zu nehmen. Sie gründeten die Sisters Keepers, ein informelles Netzwerk, und forderten die umgehende Erfassung des Mörders. Nach dessen Verhaftung hat die Initiative ihr Engagement gegen geschlechtsspezifische Gewalt ausgebaut.

Wenig später thematisierte erstmals eine national angelegte Studie (Cocker-Appiah und Cusack, 2000) häusliche Gewalt und institutionelle Sanktionsmechanismen. Sie untersuchte Gesellschaft, Staat und Tradition sowie die Handlungsspielräume der Opfer. Die Autorinnen unterschieden Gewalt im privaten und öffentlichen Raum. Anders als die Vereinten Nationen erfasste die Studie neben physischen, sexuellen und psychischen Übergriffen auch sozioökonomische und traditionelle Aspekte.

Die soziale Akzeptanz von Gewalt ist hoch, insbesondere wenn sie vom Ehemann ausgeübt wird oder der Bestrafung von Kindern gilt. Sie bildet, so das Fazit, einen zentralen Ansatzpunkt für eine Anti-Gewalt-Arbeit. Den Daten zufolge erfahren 33 Prozent der Ghanaerinnen physische Gewalt. Unter sexuellen Gewalterlebnissen litten 27 Prozent und unter psychischer Unterdrückung in der Familie ebenfalls 27 Prozent. Die Studie zeigte jedoch auch, dass Opfer nur selten über solche Erfahrungen sprechen und höchstens zehn Prozent Anzeige erstatten. Die Polizei weist solche Anliegen oft ab, häufig werden anstehende Verfahren „in gegenseitigem Einvernehmen zwischen den Familienangehörigen“ eingestellt.


Zufluchtsstätte

Dabei hatte die Regierung schon 1998 begonnen, in der Polizei Women and Juvenile Units (WAJU) einzurichten, die auf Gewalt gegen Frauen und Kinder spezialisiert sind. Ihre Handlungskompetenz und Ausstattung sind bis heute begrenzt. Dennoch sind sie für zivilgesellschaftliche Organisationen, die Gewaltopfer unterstützen, ein wichtiger strategischer Partner. Einige Initiativen bieten juristische und psycho-soziale Beratung für Betroffene an. Das dafür notwendige Fachwissen und die institutionellen Abläufe mussten mühsam aufgebaut und entwickelt werden. Besonders wichtig ist es, gefährdete Frauen und Kinder zu schützen. Nach ersten Erfahrungen mit Notunterkünften eröffnete die zivilgesellschaftliche Organisation The Ark Foundation eine Zufluchtsstätte für bedrohte Frauen und Kinder. Diese Einrichtung war die erste ihrer Art in Westafrika. Sicherheit hat höchste Priorität, alle Betroffenen dürfen so lange wie nötig bleiben. Dauerhafte Finanzierung, Professionalisierung und Reintegration sind aber in Ghana angesichts der mangelhaften institutionellen Rahmenbedingungen viel größere Herausforderungen als zum Beispiel in Europa.

The Ark Foundation steht vor großen Problemen, wenn Kinder geboren werden, die in einer Gewalttat oder einer inzestuösen Beziehung gezeugt wurden. Ein formales System für Pflegefamilien beispielsweise existiert in Ghana nicht. Deshalb ist es schwer, Familien zu finden, die ein fremdes, gar traumatisiertes Kind aufnehmen. Adoptionsverfahren sind problematisch, und die involvierten Behörden verfügen meist nicht über ausreichende Kompetenz.

Viel Energie fließt in den Aufbau der Fachkompetenz von Behörden und Medien. Unabhängige Organisationen bemühen sich, Polizisten, Justizbeamte, Journalisten, Ärzte und Krankenschwestern fortzubilden und ein Problembewusstsein für häusliche Gewalt zu schaffen. Themen sind dabei die verschiedenen Gewaltformen sowie die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und den Generationen. Ein Trainingshandbuch (The Ark Foundation/WISE 2001) klärt über die Beratung von Gewaltopfern auf.

Breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit unter dem Motto „Das Schweigen brechen“ flankiert diese Bemühungen. Die Frauenrechtsgruppen produzieren Werbematerial, Radio- und Fernsehspots und organisieren Pressekonferenzen und Veranstaltungen in Kirchen, Schulen und öffentlichen Plätzen. Auch Großdemonstrationen haben das Thema zunehmend in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Die Medien berichten inzwischen regelmäßiger über Sexualverbrechen, Gattinnenmorde oder Gewalt gegen Kinder. Ehemals tabuisierte Themen wie Inzest oder sexueller Missbrauch in- und außerhalb der Familie erregen Aufmerksamkeit.


Ländliches Engagement

Die vielseitigen Aktivitäten der Frauenrechtsorganisationen konzentrierten sich zunächst auf wenige urbane Zentren. Dabei hatte die bahnbrechende Studie von Cocker-Appiah und Cusack gerade die Isolation der Opfer im ländlichen Raum als Problem identifiziert. Deshalb setzte das Gender Studies and Human Rights Centre dort an und startete in drei Dörfern Pilotprojekte gemeindezentrierter Gewaltprävention. Es initiiert lokale Präventionsgruppen und bildet Mitglieder juristisch, psychologisch und soziologisch fort, so dass sie Gewaltopfern als Ansprechpartner dienen können. Die Präventionsgruppen arbeiten mit Chiefs, Pfarrern und Imamen sowie den Führungskräften lokaler Frauen- und Jugendorganisationen zusammen und nutzen so das Potential traditioneller Familienberatung und Konfliktschlichtung. Auch staatliche Strukturen sind in das Projekt eingebunden und dienen als Anlaufstellen. Das ist wichtig, wenn es beispielsweise um Strafverfolgung nach einer Vergewaltigung geht.

Präventions- und Sanktionsmöglichkeiten zu schaffen ist mühsam. Neue Handlungsoptionen sind nötig, entstehen aber nur langsam. Häufig verharren Frauen und Kinder in kaum erträglichen Verhältnissen, weil diese ihre Existenz sichern. Frauen, die ihren Mann verlassen, verlieren in der Regel ihre Kinder und müssen zumindest vorübergehend ins Elternhaus zurück. Dort sind sie meist nicht willkommen.

Spezifische lokale Bedingungen prägen die Projekte. Im Norden Ghanas sind zum Beispiel Hexerei-Beschuldigungen ein Ausdruck traditioneller Gewalt. Seit Jahrzehnten existieren Outcast Camps, in denen (meist ältere) Frauen und (wenige) Männer Zuflucht vor Vertreibung und Lynchjustiz suchen. Verwandte oder Nachbarn beschuldigen sie, Hexen zu sein, und machen sie für erlittenes Leid verantwortlich. Sie müssten verschwinden, heißt es, um weiteres Unglück von der Gemeinschaft abzuwenden. Deswegen werden sie in Camps gebracht und schlimmstenfalls auch getötet. Im Camp leben sie als Ausgestoßene, die keinerlei soziale Bindungen haben und einem Leben in Armut überlassen sind. Sich diesem tabuisierten Thema zu nähern ist keine leichte Aufgabe. Sie berührt tief sitzende Ängste und stellt den Glauben in Frage. Bahnbrechend war die 2002 gestartete lokal initiierte Anti Witchcraft Allegation Campaign, die die Beschuldigungen thematisierte. Die Kampagne fordert, die Menschenrechtsverletzungen, die mit dieser Praxis einhergehen, als kriminelle Taten zu behandeln (Schauber 2003). Hier zeigt sich einmal mehr das Dilemma einer weit verbreiteten Toleranz und Legitimation von Gewalt, deren Opfer die soziale, ökonomische und politische Handhabe fehlt, sich gegen das Unrecht zur Wehr zur setzen.

Für die Organisationen, die sich in Ghana gegen geschlechtsspezifische Gewalt engagieren, ist der Gesetzentwurf der Domestic Violence Bill ein wichtiger nächster Schritt. Die Reform soll Opfer besser schützen und Gewalt in der Ehe ächten. Starken Widerspruch erzeugt der Paragraph, der Vergewaltigung in der Ehe als Verbrechen definiert. Teile der Bevölkerung stellen in Frage, ob es so etwas überhaupt gibt. Um die Reform voranzubringen, wurde vor zwei Jahren ein neues Netzwerk von Organisationen und Einzelpersonen gegründet, das so erfolgreich ist wie kaum ein anderes. Die ungewöhnliche große Effektivität dieses Bündnisses liegt vermutlich daran, dass alle Partner sich über das Ziel Rechtsreform einig sind und ihre Kräfte darauf fokussieren. Die Mitglieder leisten landesweite Aufklärung und Lobbyarbeit im Parlament. Gibt es eine Pressekonferenz, dann sind sie alle da, die Sisters Keepers und all die anderen, die sich da so stark engagieren.

Und so ist die „DV Bill“ längst zum Symbol einer Bewegung von Frauen geworden, die gegen herrschende Machtstrukturen antreten. Sie hat schon einiges erreicht – und kann sich dank des Friedens und der demokratischen Rahmenbedingungen, die in Ghana herrschen, weiter entfalten.



Dr. Gabi Waibel
ist Soziologin und arbeitet beim Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung. Zuvor hat sie fünf Jahre als Fachkraft des Deutschen Entwicklungsdienstes in Ghana verbracht.
gwaibel@uni-bonn.de




Literatur:

The Ark Foundation / WISE, 20001: Working with Survivors of gender-based violence, a manual for counsellors and service providers, Accra
Dorcas Cocker-Appiah und Kathy Cusack, 2000: Violence Against Women and Children in Ghana, Gender Studies and Human Rights Documentation Centre, Accra
Schauber, Almuth, 2003: Magie als Konflikt. Hexenanschuldigungen und ihre Folgen, in: DED Brief, 1, S.44–46