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Washington Consensus: Plädoyer für neue Wege
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Demokratiereport Medien
 04/2006
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Washington Consensus: Plädoyer für neue Wege
Jan Priewe, Hansjörg Herr:
The Macroeconomics of Development and Poverty Reduction.
Strategies Beyond the Washington Consensus.
Baden-Baden, Nomos 2005, 311 Seiten, 49,00 Euro,
ISBN 3-8329-1278-9
Langfristiges Wachstum ist nötig, damit die Entwicklungsländer aus der Armutsfalle herauskommen. Das ist
unstrittig. Umso heftiger wogt der Streit, wie sie ein stabiles Wachstum erreichen können. Die Berliner ökonomen
Jan Priewe und Hansjörg Herr vertreten die Meinung, dass orthodoxe Markt-reformen nicht weiterhelfen. Die im
Rahmen des Washington Consensus in den 1980er und 90er Jahren in Lateinamerika und Afrika durchgeführten
Reformen seien nicht erfolgreich gewesen, argumentieren sie. Die Wachstumsraten seien auch danach niedrig geblieben.
Makropolitik setzt nach Ansicht orthodoxer ökonomen den Rahmen für wirtschaftliche Stabilität. Liberalisierung
und Deregulierung zum Beispiel bewirken danach eine effizientere Verteilung von Ressourcen und fördern Wachstum.
Eine aktive wirtschaftspolitische Rolle des Staates hingegen lehnen diese ökonomen ab. Stattdessen plädieren sie für
die Liberalisierung des Finanzsektors und des Kapitalverkehrs. Die Finanzkrisen der 90er Jahre haben deutlich gemacht,
dass diese Strategie erhebliche Risiken nach sich zieht: Die öffnung für kurzfristige Portfolioinvestitionen zum Beispiel
birgt die Gefahr, dass Kapital schnell wieder abgezogen wird. Außerdem würgte die restriktive Geldpolitik mit ihren
hohen Zinsen in vielen Ländern private Investitionen ab und dämpfte das Wachstum.
Innerhalb des Washington Consensus gibt es unterschiedliche Ansichten zur Wechselkurspolitik. Während John Williamson
einen anpassungsfähigen Wechselkurs vorschlug, plädieren andere ökonomen für die so genannte Two Corner Solution
mit entweder festen oder flexiblen Wechselkursen, wobei orthodoxe Monetaristen letztere bevorzugen.
Im Gegensatz dazu erzeugten Reformen, die nicht diesem Modell entsprechen, in asiatischen Ländern wie China, Vietnam
und Indien in den 80er und 90er Jahren hohe Wachstumsraten. Priewe und Herr plädieren dafür, zunächst die monetären Instabilitäten zu beseitigen.
Denn eine Währung muss stabil sein, um Vertrauen zu erzeugen und den Abzug von Kapital und eine Flucht in den Dollar
zu verhindern. Priewe und Herr plädieren für feste Wechselkurse Ð es sei denn, dies führt zur Aufwertung und gefährdet
die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes und verursacht hohe Leistungsbilanzdefizite. In diesem Fall sei ein anpassungsfähiger
Wechselkurs besser. Kontrollen des Kapitalverkehrs sind nach Ansicht von Priewe und Herr taugliche Instrumente einer
entwicklungsfreundlichen Wechselkurspolitik.
Der Washington Consensus berücksichtige nicht ausreichend die Aufgabe des Finanzsektors, genügend Liquidität für die
Finanzierung von Investitionen bereitzustellen, kritisieren die Berliner Wissenschaftler. Das aber sei eine notwendige
Voraussetzung für ökonomische Entwicklung. Die Kapitalbildung im Inland zu stärken sei wichtiger als die vermeintlich
perfekte Allokation von Ressourcen durch die Liberalisierung der Finanzmärkte.
Insgesamt ein lesenswertes Buch. Es stellt die Kritiken am Washington Consensus gut dar und untermauert die eigenen
Thesen am Beispiel von Ländern, die mit unorthodoxen Wirtschaftskonzepten erfolgreich waren. Fraglich bleibt jedoch,
ob China und Indien geeignete Vorbilder für kleine und mittelgroße Schwellen- und Entwicklungsländer sein können. Große
Länder sind gegen Kapitalflucht viel besser geschützt. China verfügt beispielsweise über beträchtliche Währungsreserven.
Damit kann es Wechselkursspekulationen wirkungsvoll entgegenwirken.
Zudem haben auch die kleinen baltischen Staaten mit ihrer Mischung aus orthodoxen Reformen und fixierten Wechselkursen
nicht nur hohe Wachstumsraten und Geldstabilität erzielt, sondern auch beträchtliche ausländische Direktinvestitionen angezogen.
Die Liberalisierung vieler ökonomischer Bereiche prägt ihre Wirtschaftspolitik seit der Transformationsphase Anfang der 90er
Jahre. Allerdings sind die Leistungsbilanzdefizite dieser Länder sehr hoch. Letztlich müssen Weltmarktintegration und Makropolitik
stets als Gesamtpaket und länderspezifisch betrachtet werden. Wichtig ist dabei, dass makro- und mikroökonomische Maßnahmen
sich ergänzen.
Kathrin Berensmann
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