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04/2006
 

[ Karl-Hans Zessin, Veterinärmediziner ]

Vogelgrippe: Von Europa lernen

Herr Zessin, Deutschland sucht mit High-Tech-Kameras aus der Luft nach toten Vögeln. Welche Möglichkeiten hat ein Land wie Nigeria, die Ausbreitung der Vogelgrippe zu verhindern?
Tote Vögel – in Nigeria ist hauptsächlich Wirtschaftsgeflügel betroffen – müssen möglichst schnell entdeckt und gemeldet werden. Als erstes müssen also die Bauern und die Dorfbevölkerung informiert und für das Problem sensibilisiert werden.

Funktioniert das in Nigeria?
Nicht zu hundert Prozent. Und dann stellt sich ja das nächste Problem, dass eine Diagnose gestellt werden muss, wenn vermehrt tote Vögel gefunden werden. Es geht also um Information und Überwachung durch die staatlichen Veterinäre und die diagnostische Bestätigung der Krankheit.

Hat Nigeria überhaupt die Laborkapazitäten, das Virus schnell und sicher nachzuweisen?
In Nigeria, aber auch in Indien, wurde zunächst eine andere Krankheit vermutet, die so genannte Newcastle-Krankheit. Das hat viel Zeit gekostet. Das nigerianische Virus wurde dann erstmals durch ein Labor in Italien nachgewiesen. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie das Virus sich weiter entwickelt. Darauf müssen alle Länder sich einstellen und entsprechende Kapazitäten vorhalten. Nigeria ist nur ein Beispiel.

Die Weltbank hat Anfang März Massenimpfungen in Nigeria in Erwägung gezogen. Was halten Sie davon?
Das setzt eine enorme Logistik voraus. Vielleicht würde es durch eine Konzentration aller Kräfte sogar gelingen, alle Tiere zu impfen. Allerdings sind Impfungen eine zwiespältige Angelegenheit. Denn dadurch maskiere ich die Krankheit lediglich, anstatt sie auszurotten.

Was muss unternommen werden, um eine grenzüberschreitende Ausbreitung in Afrika zu verhindern?
Gegen eine Übertragung durch Zugvögel kann man nichts machen. Abgesehen davon aber müsste der – legale und hŠufig auch illegale – grenzüberschreitende Transport von Geflügel unterbunden werden. Um das zu schaffen, muss potenziellen Händlern die Tragweite ihres Tuns bewusst gemacht werden – womit wir wieder bei der Aufklärung wären. Zusätzlich müssen an Grenzübergängen und Flughäfen Kontrollen durchgefeührt werden, so wie bei uns in Europa auch. Gefährdete Länder wie die Nachbarn von Nigeria sollten bei der Früherkennung und der Diagnostik eng zusammenarbeiten und Kräfte bündeln.

Die Weltbank meint, afrikanische Regierungen könnten von anderen Ländern lernen, die seit dem Ausbruch 2003 in Südostasien von der Vogelgrippe betroffen waren.
Ich halte das anfängliche Krisenmanagement in Asien für nicht besonders gut gelungen. Seit den ersten Krankheitsfällen in Vietnam und Thailand hat sich zwar vieles verbessert, aber das Problem ist noch längst nicht aus der Welt geschafft. Ich denke, alle Länder könnten von Europa lernen. Denn bei uns ist Wirtschaftsgeflügel bislang kaum betroffen.

Was ist in Asien schief gelaufen?
Früherkennung, Information, Überwachung, Labordiagnostik, Abschottung von befallenen Geflügelfarmen und die rasche Keulung infizierter Tiere ß0; all das hat anfänglich nicht optimal funktioniert, weil es nicht eingeübt war. In Europa gibt es Notfallpläne, die auch eingeübt sind. Deswegen haben wir hier kaum Probleme, bislang jedenfalls.

Haben die asiatischen Länder seit dem Ausbruch der Krankheit 2003/ 2004 ihre Kapazitäten verstärkt?
Insbesondere Thailand hat aus den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit – die Krankheit hat sich dort ja geradezu explosionsartig ausgebreitet – Konsequenzen gezogen und Ressourcen geschaffen, um künftig besser arbeiten zu können. In Vietnam wird ebenso wie in China geimpft – und das ist ein Indiz, dass man dort die Ausrottung der Krankheit nicht im Griff hat.

Wie können die Geberländer kurzfristig am besten helfen?
Die betroffenen Länder brauchen gar nicht so sehr materielle Hilfe, sondern vor allem Know-how – zum Beispiel darüber, wie man Schutz- und Beobachtungszonen einrichtet. Das müsste eigentlich mit lokalen Ressourcen zu schaffen sein.

Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.



Prof. Dr. Karl-Hans Zessin
ist Leiter der Internationalen Tiergesundheit des Fachbereichs Veterinärmedizin an der FU Berlin. Er war elf Jahre als Leiter von Veterinärprojekten der GTZ in Afrika tätig.
zessin@city.vetmed.fu-berlin.de