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04/2006
 

[ Drogenbekämpfung ]

„Alternative Entwicklung“ greift häufig zu kurz


Der Internationale Drogenkontrollrat (International Narcotics Control Board, INCB) kritisiert in seinem neuen Jahresbericht die bisherige Bekämpfung des Drogenanbaus in Entwicklungsländern. Der Ansatz der „alternativen Entwicklung“ ziele in die richtige Richtung, greife in der Praxis aber häufig zu kurz. Die Ungeduld der Regierungen von Drogenanbauländern und von Gebern erschwert nach Ansicht des INCB einen langfristig erfolgreichen Kampf gegen Drogen wie Opium oder Koka. Der INCB überwacht die verschiedenen internationalen Konventionen zur Drogenkontrolle.

Der Ansatz der „alternativen Entwicklung“ zielt darauf, Bauern, die Drogen pflanzen, zum Anbau legaler Pflanzen zu ermutigen. Er basiert auf der Einsicht, dass Repression allein keinen Erfolg bringt. Der Ansatz habe in einigen Ländern zu einem teilweise deutlichen Rückgang des Drogenanbaus beigetragen. In Thailand zum Beispiel wird heute nur noch auf wenigen hundert Hektar Opium angebaut, in den 1960er Jahren waren es nach Angaben des INCB noch über 17.000 Hektar (siehe auch E+Z/ D+C 7/2005, S. 294). In Laos ist die Drogenanbaufläche seit 1998 um drei Viertel geschrumpft, in Kolumbien seit 2000 um ungefähr die Hälfte. (Allerdings kam eine US-Untersuchung letztes Jahr zu dem Ergebnis, dass sich das Angebot von kolumbianischem Kokain in den letzten fünf Jahren praktisch nicht verändert hat, siehe E+Z/D+C 6/2005, S. 227).

Doch in der Praxis reduzierten Regierungen, internationale Organisationen und Hilfsorganisationen „alternative Entwicklung“ zu oft auf den Austausch der anzubauenden Pflanzen. Echte alternative Entwicklung hingegen, so der Bericht, würde bedeuten, den Zugang der betroffenen Bauern zu Infrastruktur wie Straßen und Transportmitteln sowie zu Bildung und Gesundheitsdiensten zu verbessern – kurz: für integrierte ländliche Entwicklung zu sorgen. Allzuoft wechseln Bauern wieder zurück zum Drogenanbau, wenn sie zum Beispiel feststellen, dass es für ihre Alternativprodukte gar keinen Markt gibt.

Ein weiterer Mangel in der Praxis alternativer Entwicklung besteht nach Ansicht des INCB darin, dass sie sich auf einzelne Landwirtschaftsprojekte auf lokaler Ebene beschränkt. Drogenbekämpfung könne aber nur dann wirksam sein, wenn der gesamte Zusammenhang von der lokalen Produktion bis zum internationalen Handel in den Blick genommen werde. FŸr die INCB-Experten hei§t das zum einen, dass stärker als bisher versucht werden muss, auch den Verbrauch von Drogen zu reduzieren. Die Geberländer sollten dabei nicht nur an ihre eigene Bevölkerung denken, sondern auch an den rapide ansteigenden Konsum in vielen Entwicklungsländern.

Zum anderen müssten Projekte der „alternativen Entwicklung“ sich stärker als bisher um Fragen des internationalen Handels kümmern. Bei der Wahl alternativer Nutzpflanzen müssten auch die Marktchancen geprüft werden. An die reichen Länder appelliert der INCB, sie sollten solchen alternativen Produkten bevorzugten Marktzugang gewähren. Allerdings steht eine solche Vorzugsbehandlung im Konflikt mit den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO): Die Europäische Union hatte Ländern, die gegen den Drogenanbau vorgehen, jahrelang Zollpräferenzen eingeräumt, musste sie Ende 2005 aber streichen, nachdem ein WTO-Panel sie zwei Jahre zuvor als Verstoß gegen internationales Handelsrecht verworfen hatte (siehe E+Z/D+C 2/2005, S. 82).

Einen Grund fŸr die Kurzsichtigkeit vieler Projekte der „alternativen Entwicklung“ sieht der INCB in der Ungeduld der Regierungen der Anbauländer und der Geber. Beide wollten im Kampf gegen Drogen schnelle Ergebnisse sehen und setzten daher auf kurzfristige Maßnahmen wie den Austausch von Pflanzen, ohne auf die Faktoren zu achten, die für einen langfristigen Erfolg ma§geblich seien.

(ell)



Im Internet:
www.incb.org