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„Von uns aus kein Problem...“

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04/2006
 

„Von uns aus kein Problem...“

200 Millionen Menschen arbeiten in Ländern, die nicht ihre Heimat sind. Laut Weltbank beliefen sich die überweisungen, die sie nach Hause schickten, 2005 auf rund 232 Milliarden Dollar. Davon flossen rund 170 Milliarden Dollar in Entwicklungsländer. Allerdings verdient auch die Finanzwirtschaft, die saftige Gebühren verlangt, an diesen Geldströmen. Weil reguläre Transaktionen teuer sind, nutzen viele Migranten informelle Kanäle. Der Markt ist unübersichtlich. Stärkerer Wettbewerb könnte für sinkende Kosten und höhere Sicherheit sorgen.


[ Von Andreas Becker ]

Marina Joarder ist Ende 20 und stammt aus Bangladesh. Nach einem Aufbaustudium in Deutschland hat sie hier eine befristete Arbeitser-
laubnis erhalten und einen Job gefunden. Drei Mal schon hat sie Verwandten in Dhaka Geld geschickt – jeweils 1000 Euro. Marina hat in der Sparkasse, die auch ihr Konto führt, ein Formular ausfüllt und sich bereit erklärt, sämtliche Kosten zu übernehmen. Insgesamt waren das 32 Euro, fünf Werktage später war das Geld auf dem Konto des Empfängers bei einer Filiale der HSBC Bank in Dhaka. „Das war eigentlich ziemlich unkompliziert“, sagt Marina.

Unkompliziert, aber nicht typisch. Zum einen liegt der durchschnittliche Geldtransfer von Migranten aus Entwicklungsländern nicht bei 1000 Euro, sondern nur bei 200 Euro, wie die Weltbank (2006) berichtet. Je niedriger die überwiesene Summe, desto höher fallen in Relation die Fixkosten aus, die die Banken erheben. Zum anderen hatte Marina den Vorteil, dass der Empfänger ihrer Geldsendung seinerseits ein Bankkonto hat. Auch das reduziert die Kosten.

Bei internationalen Banküberweisungen kann ein Kunde zwischen drei Modellen wählen: Er übernimmt alle anfallenden Kosten, damit der angewiesene Betrag ohne Abzüge beim Empfänger ankommt. Möglich ist auch, dass sich Absender und Empfänger die Kosten teilen oder dass sämtliche Kosten vom Empfänger getragen werden.


Bankenrundgang

Ein Test in einer Bonner Filiale der Commerzbank. Ich erkundige mich nach den Gebühren für eine überweisung nach Nigeria. „Von unserer Seite kostet das mindestens 12,50 Euro“, sagt der Bankangestellte, „dann fällt Pi mal Daumen noch einmal derselbe Betrag im Ausland an.“ Genau könne er das nicht sagen, das sei von Bank zu Bank unterschiedlich.

„Bei internationalen Banküberweisungen gibt es diverse Abrechnungsebenen“, sagt ähnlich Iris Laduch von der Postbank. „Es ist wie ein Bahnnetz mit verschiedenen Streckenabschnitten, die jeweils von einer anderen Bank, der sogenannten Korrespondenz-
bank, betrieben werden. Und dafür fallen jeweils auch Gebühren an.“

Im Prinzip könnte man die Gebühren aller beteiligten Banken erfragen, allerdings ist das eine langwierige Recherche. Einige Beispiel führt die Postbank auf ihrer Internetseite auf. Für sogenannte „beleghafte Auslandsüberweisungen“, solche also, bei denen ein Formular ausgefüllt wird, berechnet die Postbank pauschal 8,50 Euro, hinzu kommen dann zum Beispiel in Südafrika noch einmal 19,82 Euro. überweisungen nach Singapur sind mit 10,97 Euro um knapp die Hälfte günstiger, und wenn es sich um eine internationale Großbank wie die HSBC in Singapur handelt, muß der Kunde nur 1,43 Euro zusätzlich zahlen.

Die Deutsche Bank berechnet für beleghafte Aufträge in Länder außerhalb der Europäischen Union eine Mindestgebühr von 13 Euro, hinzu kommen noch 1,55 Euro für den Swift-Code, der bei internatio-
nalen Bankanweisungen benötigt wird, sowie mindestens 2,50 Euro als Provision für den An- oder Verkauf von Devisen. Entscheidet sich der Kunde für die übernahme aller anfallenden Kosten, fällt noch eine Fremdspesenpauschale von 17,50 Euro an. Alles in allem also Kosten von mindestens 34,55 Euro pro überweisung. Einige europäische Nachbarländer wie Norwegen oder die Schweiz behandelt die Deutsche Bank wie EU-Mitglieder.

Kunden der weltweit tätigen Citibank zahlen für dieselbe Dienst-
leistung mindestens 18 Euro. Hat der Empfänger sein Konto ebenfalls bei einem Citibank-Ableger, ist die Auslandsüberweisung nach Auskunft der Bank kostenlos.

Allerdings nützt es wenig, die Gebühren der verschiedenen Institute zu vergleichen, da sie nur für jene gelten, die bei der Bank ein Konto haben. In der Regel werden Auslandsüberweisungen daher bei der Hausbank in Auftrag gegeben.

Eine günstigere Alternative zu den oft hohen Gebühren verrät ein Banker, der nicht genannt werden möchte. Ein Migrant in Deutschland könnte sich zum Beispiel eine zusätzliche Kreditkarte anschaffen. Bei seinem nächsten Heimaturlaub gibt er die Karte und die PIN-Nummer an seine Familie weiter. „Die können sich dann Geld direkt aus dem Automaten holen und seine Kreditkarte belasten“, so der Banker. In so einem Fall würden nur etwa zehn Euro für die Abbuchung anfallen. Allerdings raten Banken von dieser Methode ab, die Risiken des Mißbrauchs seien zu groß.


„In Gottes Hand“

Was die Geschwindigkeit von überweisungen angeht, so sei das Geld in der Regel innerhalb von fünf Arbeitstagen auf dem Konto des Empfängers, sagen die Banken übereinstimmend. Dass das nicht immer der Realität entspricht, gibt ein Bankangestellter am Schalter unumwunden zu. „Von uns aus ist das kein Problem“, sagt der Mann, „in zwei bis drei Tagen ist das Geld bei der Kopfstelle. Was dann passiert, wer dann wie lange auf dem Geld sitzt, das kann ich Ihnen nicht sagen.“ Dann telefoniert er zur Sicherheit kurz mit dem zustän-
digen Sachbearbeiter. „Er sagt, in Ländern wie Nigeria kommt es sehr darauf an, wer da sitzt, wo das Geld eingeht. Wenn da ein, ich sage jetzt mal, ein Schweinehund dran ist, dann kann das Monate dauern, und vielleicht kommt es auch gar nicht an.“ Er macht eine kurze Pause und fügt dann hinzu. „Aber wie gesagt, von uns aus ist das Geld in zwei bis drei Tagen dort. Danach ist es – zumindest in Nigeria – in Gottes Hand.“

Sab Ekeh stammt aus Nigeria und arbeitet in Deutschland. Auch er hat schon mehrfach Geld an Verwandte zu Hause geschickt. Probleme mit Banküberweisungen hatte er nicht, allerdings zieht er im Zweifel einen Geldtransfer mit Western Union vor. „Das ist zwar teurer“, sagt er, „dafür ist das Geld aber auch in einer halben Stunde beim Empfänger.“

Western Union ist der Marktführer für weltweite Geldtransfers. Das Unternehmen hat mehr als 270 000 Vertriebsstellen in 200 Ländern weltweit, in Deutschland sind es mit den Partnern wie Postbank und Reisebank rund 5100 Vertriebsstandorte. Will ein Kunde Geld versenden, muss er sich zunächst ausweisen. Dann füllt er ein Formular aus und gibt das Geld am Schalter ab. Wenige Minuten später kann der Betrag dann am Zielort abgeholt werden. Der Empfänger braucht einen Identitätsnachweis, außerdem muss er den Namen des Absenders kennen, das Land, in dem das Geld angewiesen wurde, und die Höhe der Summe. All das teilt ihm der Absender vorher meist telefonisch mit.

Attraktiv ist Western Union für viele Migranten auch, weil weder Absender noch Empfänger ein Bankkonto haben müssen. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass in Entwicklungsländern nur etwa ein Drittel der Menschen Zugang zu einem Konto hat“, sagt Jan Hillered, der für Zentraleuropa zuständige Vizepräsident von Western Union.

Die Gebühren für den Geldtransfer mit Western Union variieren je nach Vertriebspartner etwas. Beim Partner Postbank heißt das Versenden mit Western Union „Minutenservice“ und kostet in Länder außerhalb der Eurozone fünf Prozent vom Transferbetrag, mindestens jedoch 26 Euro und höchstens 260 Euro. Bei der Reisebank sind die Gebühren gestaffelt, das Versenden von 200 Euro kostet zum Beispiel 19 Euro, für 1000 Euro muß der Absender 42,50 Euro zahlen. Dass sich die Tarife seiner Vertriebspartner unterscheiden, begründet Jan Hillered von Western Union mit der unterschiedlichen Laufzeit der Verträge. Langfristig sollen die Gebühren jedoch angeglichen werden.


Das Hawala-Netzwerk

Banküberweisungen und Geldtransfers sind nicht die einzigen Möglichkeiten des internationalen Geldversands. Jan Hillered von Western Union verweist auch auf „informelle Kanäle“. Das bekannteste System dieser Art heißt Hawala, funktioniert weltweit und ist schon mehrere hundert Jahre alt. Es ist vor allem in islamisch geprägten Staaten wie Pakistan, Afghanistan und Indonesien verbreitet, aber auch in Indien und zum Teil in China. „Hawala ist schnell und günstig, im Schnitt kostet das nur ein bis zwei Prozent der Transfersumme“, berichtet Florin Vadean, der für das Hamburger Forschungsinistut HWWA arbeitet und Hawala untersucht.

Im Prinzip funktioniert Hawala wie Western Union, auch hier gibt es ein weltweit verzweigtes Netz von Vertriebsstellen, den sogenannten Hawaladas. Allerdings ist das Hawala-System in den meisten Ländern, auch den arabischen, verboten, weil sich die Transfers jeder staatlichen Kontrolle entziehen. Manche Quellen schätzen das Volumen der jährlichen Hawala-Transfers auf 200 Milliarden US-Dollar. Florin Vadean vom HWWA weist jedoch darauf hin, dass es keine seriöse Schätzung gebe, weil dafür Daten fehlten.

Informelle Methoden sind nach Ansicht der Weltbank auch deshalb verbreitet, weil die Kosten internationaler überweisungen so hoch sind. Die Gebühren der Banken und Transferanbieter lägen bei kleineren Beträgen oft weit über den tatsächlich anfallenden Kosten, so die Weltbank. Vertreter deutscher Banken betonen, die international unterschiedlichen Standards machten die Transfers aufwändig und teuer. So hätten viele Banken keine Bankleitzahl, was überweisungen erschwere. Als Gegenbeispiel führen sie die in der Europäischen Union einheitlichen Kennziffern IBAN (International Bank Account Number) und BIC (Bank Identifier Code) an. Dies habe eine Senkung der EU-weiten überweisungskosten ermöglicht, sagen Banker. In der Tat kosten auf Euro lautende überweisungen innerhalb der EU seit Juli 2003 genauso viel wie inländische überweisungen. Dass die entsprechende EU-Verordnung damals gegen den Widerstand der Banken durchgesetzt wurde, bleibt meist unerwähnt.

Die Weltbank kommt zu dem Schluss, dass mehr Wettbewerb auf dem überweisungsmarkt nötig ist, um die Gebühren sinken zu lassen und so das verfügbare Einkommen armer Migranten zu erhöhen. Doch ob es auf dem deutschen Markt in absehbarer Zeit zu mehr Wettbe-
werb kommt, ist fraglich. „Banker in Deutschland haben mir schon mehrfach gesagt: Wir sind nicht interessiert am Geschäft mit den Migranten“, sagt Jan Hillered, Vizepräsident von Western Union. „Das hat mich wirklich überrascht. In Deutschland gibt es Millionen von Migranten. Die sind alle gekommen, weil sie sich hier eine bessere Existenz aufbauen wollen, sie arbeiten hart und sind eine interessante Zielgruppe.“

Trotzdem sieht Hillered sein Unternehmen nicht in Konkurrenz zu den Banken, sondern setzt auf verstärkte Zusammenarbeit. ähnlich wie bereits die Postbank möchte er andere Banken dazu bringen, die Dienste von Western Union in ihren Filialen anzubieten. „Bei Remittances soll Western Union für die Banken in Deutschland so etwas sein wie Intel für die PC-Hersteller“, sagte Hillered.

Das klingt nicht gerade nach mehr Wettbewerb. Doch Hillered glaubt, dass die überweisungskosten von anderen Faktoren abhängig sind. „Wir stellen in jedem Land besondere Korridore fest“, sagt er. „In Deutschland spielen zum Beispiel Geldtransfers in die Türkei ein große Rolle. Wenn die ein bestimmtes Volumen überschreiten, können wir besondere Angebote machen.“ Es sei ein wenig wie bei den Fluggesellschaften, sagt Hillered und lacht. Von Deutschland aus sei ein Flug nach Nigeria eben teurer als in die Türkei.

Sinkende überweisungskosten könnten nach Ansicht der Weltbank dazu führen, dass mehr Geld in Entwicklungsländer fließt. „Die meisten Studien bestätigen, dass das Geld dort für Konsum ausgegeben wird“, sagt Florin Vadean vom HWWA. Aber auch die Bildung der daheimgebliebenen Kinder werde oft durch die überweisungen der Migranten bezahlt. „Und das“, sagt Vadean, „ist kein Konsum, sondern eine Investition in Humankapital.“



Literatur:
Weltbank: „Global Economic Prospects 2006 – Economic Implications of Remittances and Migration“, Washington



Andreas Becker
ist Wirtschaftsredakteur im Hörfunk des Auslandssenders Deutsche Welle.
boulanger@gmx.de