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Bürger zweiter Klasse
Vom Reden zum Handeln
 04/2006
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Bürger zweiter Klasse
Der Aufstand, der im vergangenen November in Frankreichs
Vorstädten ausbrach, hat der Migrationsdiskussion neue
Dimensionen verliehen. Anfang dieses Jahres wurden zwei
Gesetzentwürfe dem Parlament vorgelegt: einer zur Zuwander-
ungspolitik, der zweite zu erhöhter Chancengleichheit. Dennoch
wirkt die Regierung hilflos. Entwicklungspolitik spielt in der
Debatte praktisch keine Rolle.
[ Von Nathalie Gillet ]
Laut französischem Innenministerium wurden während der Krawalle im November
rund 10 000 Autos, 200 öffentliche Gebäude und mehrere Läden zerstört.
130 Menschen wurden verletzt, darunter Polizisten, ärzte und Feuerwehrleute.
Symbolkraft hat die Entscheidung, mit der die Regierung das Ende des Aufstandes
einleitete: Sie wendete das alte Ausnahmerecht von 1955 an, das während des
Algerienkriegs beschlossen wurde.
Wochenlang beobachteten Frankreich und die restliche Welt, wie in desolaten
Vorstädten Horden von arabisch und afrikanisch aussehenden Jugendlichen über
die Autos ihrer Nachbarn herfielen. In den betroffenen Vierteln herrschen das
ganze Jahr über Anarchie und Gewalt. Diesmal aber mussten die Franzosen der
Realität ins Gesicht schauen: Wir sind keine brüderlich homogene Nation, die jedem
gleiche Aufstiegschancen schenkt. In einigen Teilen des Landes prägen Arbeitslosigkeit,
Schwarzmärkte und Gewalt den Alltag in kaum menschenwürdigem Wohnumfeld.
Die gesellschaftliche Kluft wird nun als Bedrohung des Zusammenhalts der Nation
empfunden. Statistiken zeigen, dass die repressive Strategie von Innenminister
Nicolas Sarkozy bisher wenig Erfolg hat.
In den 60er Jahren schufen eilige und dürftig finanzierte Wohnungsbauprogramme
zahllose gleichförmige Hochhäuser. Die französischen Mittelschichten haben in
der Regel längst schönere Wohnungen gefunden. Zuwanderer aus Nord- und
Subsahara-Afrika dominieren die tristen Cités. Wer hier wohnt, ist ausgegrenzt.
Offiziell gibt es in Frankreich 630 solcher sensiblen Viertel mit Arbeitslosenquoten
zwischen 30 und 50 Prozent. Im nationalen Schnitt sind es nur zehn Prozent.
Erwünschte und unerwünschte Ausländer
Der November bot also Gelegenheit, das Thema Zuwanderung neu aufzugreifen. Schon zuvor
hatte die konservative Regierung an Gesetzesreformen gearbeitet, die sie kürzlich vorstellte.
Ihr Kernanliegen ist, wichtige Migrationstrends umzukehren. 2005 zogen 167 600 Menschen
nach Frankreich. Das entspricht ungefähr dem Schnitt der vergangenen zehn Jahre. Der
Anteil der Arbeitsmigranten ist aber gesunken und beträgt nur noch fünf Prozent. 95
Prozent sind Familienangehörige oder Asylbewerber. Mit der seit 30 Jahren durchgeführten
Null-Immigration-Strategie für Arbeitnehmer soll jetzt Schluss sein, denn das Land braucht
Fachkräfte. Ohnehin gelang es nie, die illegale Zuwanderung zu verhindern.
Die Regierung setzt deshalb neue Parameter: öffnung der Grenzen für quotierte
Arbeitsmigrationen, Erschwerung des Familiennachzugs und Integrationspflicht
für alle, die sich dauerhaft in Frankreich niederlassen. Erstmals wird offen gesagt,
wer erwünscht ist und wer nicht. Erwünscht sind hochqualifizierte Arbeitnehmer,
Personal für stark nachgefragte Berufe und pfiffige Studenten. Unerwünscht sind
dagegen Familienangehörige einfacher Arbeitnehmer.
Wenn das Vorhaben umgesetzt wird, werden Arbeitsmigranten unterschiedliche Rechte
bekommen. Weniger qualifizierte Arbeiter für personalhungrige Wirtschaftszweige
erhielten dann eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr, die je nach Dauer des Arbeitsvertrages
verlängert werden kann. Mit dem Arbeitsvertrag ginge aber die Aufenthaltserlaubnis zu Ende.
Angehörige dürften frühestens nach 18 Monaten (statt bisher 12) nachziehen, zuvor müssten
ausreichender Wohnraum und Einkommen nachgewiesen werden. Hochqualifizierte
Arbeitnehmer sollen dagegen drei Jahre bleiben dürfen. Ihnen wird es leichter gemacht,
ihre Familien mitzubringen. Ausländer, die in Frankreich einen Hochschulabschluss machen,
dürfen ebenfalls länger bleiben und Arbeit suchen.
Außerdem sollen Migranten, die sich dauerhaft niederlassen wollen, künftig ihre
Integrationsbereitschaft nachweisen. Sie sollen einen Integrationsvertrag unterschreiben,
der sie zum Erlernen der französischen Sprache und zum Respekt vor den Werten der Republik
(inklusive säkularem Staat und Geschlechtergleichstellung) verpflichtet. Die Regierung
betrachtet auch im Ausland geschlossene Ehen von Franzosen mit Ausländern als Problem.
Derzeit erhalten jährlich 34 000 Personen auf diesem Weg ihr Aufenthaltsrecht, doppelt
so viele wie vor fünf Jahren. Familiennachzug von Migranten ist der zweithäufigste legale
Zuwanderungsfaktor (zuletzt rund 20 000 Menschen). Ehen mit französischen Partnern
sollen künftig nicht mehr automatisch zum Aufenthalt in Frankreich berechtigen. Auch
soll geprüft werden, ob die Ehen ernst gemeint sind. Sie müssen künftig drei Jahre
(bisher zwei) bestehen und werden nur in Verbindung mit dem Integrationsvertrag
zum Aufenthaltsrecht führen. Anspruch auf Einbürgerung gibt es künftig erst nach
vier Jahren gemeinsamen Lebens (bislang zwei).
Der Reformvorschlag stößt auf Kritik. Olivier Brachet vom Forum des Réfugiés
meint: Das Gesetz wird das Leben der Menschen komplizierter machen, aber
den Migrationsdruck nicht verringern. Menschenrechtsorganisationen werten
das Zusammenleben mit der Familie als Stabilisierungsfaktor. Wenn sie sich
von ihrem Partner trennen oder von ihrem Arbeitgeber entlassen werden,
verlieren Einwanderer ihr Aufenthaltsrecht, klagt Jean-Pierre Dubois von
der Französischen Liga für Menschenrechte. Das ist eine regelrechte Fabrik
für ,sans papiers‘. Mit diesem Begriff, wörtlich Papierlose, bezeichnen
Franzosen illegale Einwanderer. Kritisiert wird auch der größere Ermessensspielraum
der Verwaltung. Brachet klagt: Präfekten agieren in Sachen Aufenthalt quasi
wie Kolonialgouverneure.
Die Organisation GISTI (Groupe d’information et de soutien des immigrés) prangert
den utilitaristischen Ansatz an und spricht von Wegwerfimmigration. Sozialisten
und Kommunisten wenden sich gegen Quoten, die dazu dienten, Eliten armer Länder
auszuplündern. Allerdings schlägt die parlamentarische Opposition keine klare
Alternative zur Immigrationspolitik der konservativen Regierung vor.
Derweil macht die Regierung auch Druck auf die Herkunftsländer. Unsere Entwicklungspolitik
strebt an, unseren Migrationstrend beträchtlich zu beeinflussen, sagt Außenminister Philippe
Douste-Blazy. Wir wollen unsere Hilfe besser auf Projekte konzentrieren, die die Bevölkerung
zu Hause halten. Länder, die von Frankreich Entwicklungshilfe bekommen, sollen, wenn es nach
dem Innenministerium geht, zudem die Durchreise von potenziellen Migranten unterbinden.
Ansonsten spielen in der aktuellen Migrationsdebatte die Interessen der Herkunftsländer keine
nennenswerte Rolle.
Unterschiedliche Chancen
Nach dem Gesetz können Kinder von Migranten, die im Land geboren wurden und fünf Jahre
hier gelebt haben, ab 16 Franzosen werden. Doch wer in den heruntergekommenen
Cités aufwächst, hat es beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt schwerer als andere. Es
gibt unausgesprochene und manchmal sicherlich auch unbewusste Diskriminierungen.
Trotz ihrer Pässe werden diese Franzosen weiterhin als Ausländer betrachtet. Einige neigen
heute dazu , sich von den Franzosen abzugrenzen.
Welche Lehren hat die Regierung aus den Novemberkrawallen gezogen? In der Wohnungspolitik
ist bislang wenig zu sehen. Obwohl gesetzlich seit langem jede Gemeinde einen Anteil von
20 Prozent Sozialwohnungen erreichen muss, weigern sich die Bürgermeister oft dagegen.
Sie fürchten, die Quote werde den Wert anderer Immobilien beeinträchtigen. Außerdem
bedeutet die Quote keine Garantie für gesellschaftliche Mischung. Laut SOS-Racisme,
einem antirassistischen Verband, werden immer wieder entgegen den Vorschriften Migranten
gleicher Herkunft bewusst in dieselben Wohnblöcke gesteckt.
Bisher ist keine entschiedene Politik der Chancengleichheit eingeleitet worden, sagt
der Soziologe Olivier Nol. Das Gesetzprojekt, das neulich ins Parlament kam, trägt
aus seiner Sicht diesen Titel zu unrecht. Das Sammelsurium von Maßnahmen ergebe
keine kohärente Strategie, die der Aufgabe gerecht würde.
Vorgesehen sind unter anderem die Möglichkeit, dass 14-jährige eine Lehre antreten,
die Schaffung einer Nationalen Agentur für soziale Harmonie und Chancengleichheit und
Steuerbefreiungen für 15 weitere Problemregionen (bislang 100), damit Unternehmen
Stellen in sensiblen Vierteln schaffen. Für Migranten mit Kindern sieht das
neue Gesetz einen Vertrag über die elterliche Verantwortung mit allerlei Pflichten
vor. Wer sich darauf nicht einlässt, verliert Anspruch auf Sozialleistungen. Besonders
umstritten ist der Passus, der für alle Arbeitnehmer unter 26 Jahren eine Probezeit von
zwei Jahren (statt bisher durchnittlich drei Monaten) vorsieht. Das soll Firmen dazu ermutigen,
junge Leute zu beschäftigen. Gewerkschaften und Studenten protestieren aber, weil so die
Rechte der betroffenen Arbeitnehmer unterhöhlt würden. Politiker bereuen heute oft
die Abschaffung des Wehrdienstes, der früher eine wichtige Rolle bei der Integration
spielte. Das neue Gesetz schafft deshalb für 50 000 Jugendliche einen freiwilligen
Zivildienst mit Ausbildungsmöglichkeiten. Noch weiß aber niemand genau, woraus
dieser neue Dienst bestehen soll und ob er Jugendliche der Zielgruppe überhaupt
anspricht.
Soll das der nötige ‚Marshall Plan‘ sein?, fragt der Menschenrechtler Jean-Pierre
Dubois spöttisch und urteilt: Wir haben die nationale Krise noch vor uns. Frankreich
habe lange Gleichberechtigung gepredigt, aber nicht die dafür nötigen Mittel eingesetzt.
Dennoch wird der Anspruch, die Republik sei ein Schmelztiegel, weiterhin vehement
verteidigt. Demographen hätten gerne Daten über ethnische Minderheiten, um ein klares
Bild der Gesellschaft zu bekommen. Derlei bleibt aber im Namen der nationalen Einheit
verboten. Zwar wagt sich Innenminister Sarkozy inzwischen an das Tabu heran, wenn er
die ethnische Klassifizierung straffälliger Jugendlicher verlangt. Positive Diskriminierung
bleibt aber offiziell ausgeschlossen. Dabei wird sie mancherorts schon praktiziert. Die
Elitehochschule Sciences Politiques in Paris hat beispielsweise Aufnahmequoten für
talentierte Vorstadtgymnasiasten.
2005 verabschiedeten konservative Politiker ein Gesetz, das Lehrer verpflichtete, die
positive Rolle der Kolonisierung in den Schulen zu unterrichten. Nach heftigen Protesten
seitens der Ex-Kolonien (besonders Algeriens) und Oppositionsparteien versprach Präsident
Jacques Chirac die umstrittenen Sätze ändern zu lassen. Diese Episode zeigt einmal mehr,
dass unsere Vergangenheit noch längst nicht bewältigt ist.
Vielen Franzosen bereitet der Islam Unbehagen. Normalerweise sind in Frankreich
Religion und Staat strikt getrennt. Das ist aber gegenüber Muslimen nicht so einfach nicht nur
wegen der Kolonialvergangenheit. Die Kontroverse über die dänischen Mohammed- Karikaturen
war ein Beispiel dafür. Das französische Außenamt sprach sich sogar gegen jede Verletzung de
Individuen in ihren religiösen Glauben und überzeugungen aus. Keine Frage: Vergleichbar
verletzende Karikaturen über den Katholizismus wären nicht der Rede wert gewesen. Pressefreiheit
ebenso wie Religionsfreiheit in dem Sinn, sich einem Glauben nicht unterwerfen zu müssen, sind fest
verankerte republikanische Grundsätze. Andererseits empfanden viele französische Muslime, die ständig
unausgesprochener Diskriminierung ausgesetzt sind, die Wiederveröffentlichung der Karikaturen in
Frankreich als neue Demütigung.
Wir sind heute in unserem republikanischen Egalitarismus gefangen, meint Olivier
Brachet vom Forum des Réfugiés. Im Namen der Gleichberechtigung gelte
Diversität als selbstverständlich, aber im tiefen Inneren akzeptiere die Nation keine
Vielfalt. Ein guter Migrant in Frankreich ist É ein Franzose, sagt Olivier Brachet.
Nathalie Gillet
ist freie Journalistin in Paris. Ihr Artikel entstand, bevor der Protest von Studenten und Gewerkschaften gegen verlängerte Probezeiten Ende März eskalierte.
nat_gillet@yahoo.fr
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