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Beiträge aus der Rubrik Tribüne
Glaubhaft geteilte Verantwortung?
Versteinerte Gesichter
Die Privatwirtschaft in die Pflicht nehmen
 04/2006
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[ Solide Amtsführung ]
Glaubhaft geteilte Verantwortung?
Afrikanische Regierungen wollen in Entwicklungs-, Sicherheits- und Friedensfragen enger zusammenarbeiten.
Das Prinzip der Nichteinmischung gilt nicht mehr. Jetzt müssen die gemeinsamen Institutionen gestärkt
werden, damit sie effektiver werden. Der African Peer Review Mechanism wird nur dann glaubwürdig sein,
wenn seine Ergebnisse veröffentlicht werden.
[ Von Henning Melber ]
Seit der Jahrtausendwende haben afrikanische Regierungen gemeinsam einige sichtbare institutionelle
Veränderungen herbeigeführt. In der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU)
waren die Prinzipien der staatlichen Souveränität und Nichteinmischung offizielle Normen.
Im Gegensatz dazu vollzog die Nachfolgeorganisation Afrikanische Union (AU) einen paradigmatischen
Wechsel hin zu kollektiver Verantwortung gegenüber Fragen menschlicher und staatlicher Sicherheit.
In Krisensituationen können die Regierungen nun kollektive Interventionen in Mitgliedstaaten
beschließen. Davon haben sie bereits in mehreren Fällen erfolgreich Gebrauch gemacht.
Afrikanische Führer haben als Vermittler zur Kontrolle, Eindämmung oder sogar Beendigung
von Konflikten beigetragen. Der gemeinsam ausgehandelte Rückzug von Charles Taylor und die
Interventionen in Togo und Darfur gehören zu den jüngsten wenn auch nicht
hundertprozentigen Erfolgsgeschichten.
Diesen neuen politischen Willen verdeutlicht auch die Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung
(NEPAD), die wie keine Initiative zuvor auf lokale Ansätze für Demokratie, Menschenrechte
und gute Regierungsführung setzt. Das sind Aspekte, die als unverzichtbar für die sozio-ökonomische
Entwicklung gelten. Zwar wurde NEPAD nur als Wirtschaftsprogramm der AU verabschiedet, doch sollte
daran festgehalten werden, dass sie viel mehr sein und werden sollte.
Externe Partner vor allem die G7/8 und die EU begrüßten die NEPAD-Perspektive
schon früh und hofften, damit afrikanische Entwicklungs- und Friedensbemühungen zu
unterstützen. Die NEPAD-Architekten genossen schon aufgrund der Kraft ihres Entwurfes einen
Vertrauensvorschuss. Interessanterweise verkauften sie den Plan zunächst im Ausland und erst
dann bei sich zu Hause. Nachdem die AU die Initiative gebilligt hatte, wurde NEPAD von den Vereinten
ationen als Afrikas offizielle Entwicklungsstrategie unterstützt.
Von Beginn an jedoch wurden die NEPAD-Versprechen an den realen Erfolgen und Versäumnissen gemessen.
Jeder NEPAD-Unterstützer, der sicht nicht von romantischem Afro-Optimismus blenden lässt, muss
zugeben, dass der Weg lang und steinig ist. Nicht alle Ergebnisse haben bisher überzeugt und in
einigen Fällen gibt es gar keine Resultate. Das Scheitern in Simbabwe, wo die Nachbarländer noch
immer davor zurückschrecken, in die katastrophalen inneren Angelegenheiten zu intervenieren, ist nur
ein herausragendes Beispiel.
Gegenseitige Kontrollen und übereinkommen
Eine interessante neue Dimension im Rahmen von NEPAD eröffnet der African Peer Review Mechanism
(APRM). Die Idee, dass afrikanische Regierungen ihre Leistungen gegenseitig beurteilen, markiert einen
Wendepunkt in der Suche nach einer gemeinsamen Grundlage für die Zusammenarbeit. Obwohl der
APRM auf Freiwilligkeit beruht, bietet er einem Land eine gute Gelegenheit, seinen internationalen Ruf zu
verbessern und Unterstützung von außen einzuwerben.
Der Peer-Review-Prozess wurde weithin begrüßt und weckte hohe Erwartungen. In der Praxis
jedoch werden seine Grenzen sichtbar. Viele Regierungen haben Mandat und Anwendung des APRM reglementiert
und den Untersuchungsgegenstand stark eingeschränkt.
Es waren mehrere Anläufe nötig, um die Regeln des APRM zu bestimmen. Die Verhandlungen
waren schwierig, viele Kompromisse waren nötig. Die afrikanischen Regierungen hatten Bedenken,
der APRM könnte zu unerwünschten Untersuchungen oder gar zur Einmischung in innere
Angelegenheiten führen. Die Verantwortung wurde deshalb von der UN-Wirtschaftskommission
für Afrika (UNECA) auf die AU übertragen. Es spricht für sich, dass der APRM
obwohl bereits praktiziert noch immer nicht in einem rechtlich verbindlichen Dokument wie einem
Protokoll fixiert ist.
Im Ergebnis bleibt die Entscheidungsmacht bei den Ländern, die überprüft werden. Das
nährt natürlich Zweifel an der Autonomie und Unabhängigkeit der jeweiligen Untersuchungsteams.
Ergebnisse werden nur mit Zustimmung der betroffenen Regierung veröffentlicht. Dieselben Behörden also,
die für sich beanspruchen, den anderen Rechenschaft abzulegen, können den APRM-Prozess in großen
Teilen selbst steuern. Die Legitimität einer derart eingeschränkten Untersuchung ist fragwürdig
erst recht, da die beteiligten Parteien unterschiedliche Meinungen haben dürften.
Bislang zeigen die afrikanischen Länder mehr Interesse am Prozess selbst als an der öffentlichen Diskussion
der Ergebnisse. Bis Anfang 2006 hatten sich knapp 30 Länder für den APRM registrieren lassen.
Unter denen, die nicht dabei sind, sind wenig überraschend viele Problemfälle.
Die ersten Ländermissionen (Ghana, Kenia, Mauritius, Ruanda) starteten 2004. Sechs weitere Missionen
(Algerien, Mali, Mosambik, Nigeria, Senegal und Südafrika) folgten seither. Allerdings gibt es nur wenige
sichtbare Ergebnisse, an die sich die betroffenen Länder halten müssten.
Der APRM ist als Instrument gedacht, das die kollektive Verantwortung der Gemeinschaft der afrikanischen
Staaten stärken soll. Der Mechanismus könnte ein Schlüsselindikator für
Regierungsführung in Afrika werden. Dazu braucht er jedoch ein Maximum an internationaler
Glaubwürdigkeit. Das wiederum erfordert klare Richtlinien hinsichtlich Transparenz und
Verantwortlichkeit; die afrikanische und die internationale öffentlichkeit müssen informiert
werden. Die Einbeziehung nichtstaatlicher Akteure würde die Glaubwürdigkeit und damit auch
die Legitimität erhöhen. Kirchen, Gewerkschaften, Universitäten, die Privatwirtschaft,
unabhängige Medien sollten an dem Prozess mitwirken können.
Die größte Herausforderung ist jedoch die Frage, wie die AU und ihre Mitglieder
jene Regierungen behandeln sollten, die sich nicht an die Prinzipien guter Regierungsführung
halten. Bislang wird der APRM vornehmlich von den Staaten kontrolliert, die begutachtet werden.
Die Länder jedoch, die kein APRM durchführen, drücken sich sogar davor, mit
den vermeintlich unabhängigen Gutachtern über akzeptable Abschlußberichte zu
verhandeln.
Aus der gegenwärtigen Lage ergeben sich folgende Fragen:
- Was sind die tatsächlichen Fortschritte (verglichen mit leeren Versprechen) in den Bereichen kollektive Verantwortung und gemeinsame Vorgehensweise?
- Inwiefern ist der APRM mehr als ein Club sich gegenseitig applaudierender Spieler, die zwar die Zeichen der Zeit lesen können, sich aber nicht wirklich an die Prinzipien guter Regierungsführung halten?
- Wie kann der African Peer Review Mechanism helfen, Pseudo-Legalität, die den Eindruck einer gesetzmäßigen Regierungsführung vermittelt, obwohl sie tatsächlich unethisch und unmoralisch ist, von ernsthaften Bemühungen zur Verbesserung amtlichen Handelns zu unterscheiden?
- Welche Rolle sollten Geberländer in dieser afrikanischen Initiative spielen?
Diese Fragen brauchen Antworten. Es wäre naiv, den aktuellen Stand zu feiern. Das wäre vermutlich
ebenso destruktiv wie die düstere Behauptung, wir erlebten lediglich den Verkauf von altem Wein in neuen
Schläuchen. Wie so oft in Zeiten sozial-politischer übergänge ist die Realität komplex
und erfordert eine differenzierte Diskussion.
In jüngster Zeit gab es bemerkenswerte Bemühungen, pensionierten afrikanischen Präsidenten
wichtige Aufgaben zu übertragen. Dadurch soll ihr Einfluss auf die Innenpolitik neutralisiert werden, damit
sie die ihnen nachfolgenden Regierungen nicht weiter behindern. Soweit möglich werden sie zu Förderern
guter Regierungsführung gemacht. Das ist eine ziemliche Herausforderung, war doch ihre eigene Herrschaft in
vielen Fällen kaum durch gute Regierungsführung geprägt. Dennoch ist es ermutigend zu erleben,
wie schnell die Zahl der friedlichen und verfassungsgemäßen Machtwechsel in Afrika wächst. Auf
der anderen Seite deuten die jüngsten Schritte einiger Führer (besonders Museveni in Uganda, Kérékou
in Benin und selbst Obasanjo in Nigeria) darauf hin, dass die Idee begrenzter Amtszeiten offenbar noch längst
nicht allgemein akzeptiert ist.
Trotz solcher Rückschritte ist es nicht zu leugnen, dass sich Regierungsführer heute öfter als
früher verfassungsgemäß verabschieden. Dieser Trend mag noch nicht stark genug sein, um die
betroffenen Länder dauerhaft zu Demokratien zu machen. Er verdeutlicht jedoch die beträchtlichen
Fortschritte seit der Generation von Despoten, die an der Spitze kleptokratischer Regime vor nicht allzu langer
Zeit Afrika beherrschten. Die AU, NEPAD und der APRM dürften unter den afrikanischen Eliten durchaus
die Idee einer gemeinsamen Verantwortung und die Beachtung demokratischer und menschenrechtlicher Prinzipien
stärken. Wir sollten uns davor hüten, jede Veränderung als bedeutungslos und lediglich symbolisch
abzutun. Prozesse sozialer Transformation waren schon immer zeitaufwendig.
Dr. Henning Melber
ist Forschungsdirektor des Nordic Africa Institute in Uppsala, Schweden. Teile dieses Artikels wurden für ein Treffen von
nordischen und afrikanischen Außenministern zu Beginn dieses Jahres verfasst.
Henning.Melber@nai.uu.se
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