Editorial


05/2003
 

Partizipation oder Selbstentwicklung?

Im französischen Entwicklungsjargon gibt es das Wort Autodéveloppement – Selbstentwicklung. Wir haben das Wort nie ins Deutsche übernommen, und soviel ich weiß, wird es auch im Englischen nicht benutzt. Obwohl es eigentlich einen anderen Akzent setzt, wird es im Französischen etwa da verwendet, wo wir von Partizipation sprechen. Ist das Gleiche gemeint? Der Begriff Autodéveloppement erinnert an die bekannte Forderung, man solle doch alle Entwicklungshilfe einstellen, dann werde sich Afrika schon von selbst entwickeln, auf der Basis seiner eigenen Konzepte und Werte. Aber so will der Begriff nicht verstanden werden. Auch wer von Autodéveloppement spricht, geht davon aus, dass es Hilfe von außen gibt, vor allem Finanzierung, aber auch Beratung. Vielleicht sollte man sagen, dass Partizipation der ehrlichere Begriff ist, weil er die Vorstellung enthält, dass Verantwortung und Initiative zwischen zwei Partnern geteilt werden.

Entwicklung findet da statt, wo auf eine Herausforderung eine Antwort erfolgt. Das ist die Theorie von challenge and response des britischen Historikers Arnold Toynbee. Die Herausforderung kann auch in der Begegnung mit einer anderen Kultur, einem anderen Wertesystem bestehen. Das nachrömische Europa war eine zivilisatorische Wüste, bis es durch die Begegnung mit dem Islam zu neuem Aufschwung herausgefordert wurde – so die berühmt gewordene Erkenntnis des französischen Islamisten Jacques Pirenne. Das Ergebnis dieser Befruchtung war die karolingische Renaissance. Japan entwickelte sich, weil es von Europa und den USA bedrängt wurde und sich dann zu seinem traditionellen konfuzianistisch-buddhistisch-shintoistischen Wertesystem das europäische technische Know-how holte – die Meiji-Reformation. Japan wollte damals, Mitte des 19. Jahrhunderts, nicht zurück zu den Wurzeln, sondern vorwärts in die Moderne, hat dieser allerdings seine eigene Prägung gegeben. Dass Afrika sich zurückträumt, hat bisher seine Entwicklung verhindert. Erst jetzt fängt Afrika an aufzuwachen und die Herausforderung der Moderne anzunehmen. Die letzte Afrika-Konferenz in Loccum, über die Rolle der Intellektuellen in der Entwicklung, machte dies überaus deutlich.

Entwicklung braucht also die Anregung von außen, die zur Amalgamierung mit Eigenem führt. Entwicklungshilfe war aber, über Jahrzehnte hinweg, etwas ganz Anderes: Sie war die Übertragung fertiger Rezepte. Bis wir entdeckten, dass auf diese Weise Entwicklung nicht stattfand. Es gab eine Handvoll Länder, die einen tatsächlichen wirtschaftlichen Aufschwung zu verzeichnen hatten (die „neu industrialisierten Länder“ sagte man damals, heute heißen sie Schwellenländer, und sie hatten Erfolg, weil sie, nach dem Beispiel Japans, diesen Verschmelzungsprozess förderten), aber die große Mehrzahl der Länder stagnierte in Armut. Warum? Gerald Braun hat das in diesem Heft sehr plastisch beschrieben: „Die Vorhaben waren unter souveräner Missachtung der Lebenswirklichkeit der Betroffenen top-down geplant und exekutiert worden. Die Folge: Die Zielgruppen kooperierten nur zögerlich, demonstrierten bisweilen ein hohes Maß an Apathie und wiesen eine erstaunliche ‘Projektresistenz’ auf.“ Nun reicht es zwar auch nicht, wie Brauns Zitat eines indischen Bauern vermuten lassen könnte, die Leute an der Basis zu befragen, die zweifellos ihre eigenen Probleme kennen, aber nicht unbedingt auch die Lösung. Richtig ist aber, dass die Lösungsstrategien mit ihnen zusammen entwickelt werden müssen. Das Beispiel, dass Braun beschreibt, eine intensive Zusammenarbeit zwischen den gesellschaftlichen Gruppen vor Ort und den Fachleuten aus dem Ministerium, mit zurückhaltender Förderung aus Deutschland, zeigt den richtigen Weg.

Lange Zeit war, wenn über Partizipation diskutiert wurde, nur von Basisprojekten die Rede, und da war sie schwierig genug und zumeist nur ein Etikett. Inzwischen gibt es Fortschritte, und einer der interessantesten Versuche ist sicherlich der von terre des hommes. Ein Gesamtprogramm, das sich vor allem aus Basisprojekten zusammensetzt, wird gemeinsam mit den Partnern konzipiert. Das eröffnet die Möglichkeit, projektübergreifende Lernprozesse auf beiden Seiten in Gang zu setzen, bei den Deutschen wie bei den Partnern. Allerdings wissen wir heute, dass Veränderungen an der Basis nicht genügen, sondern dass Entwicklung auch und vor allem eine Reform der gesamtgesellschaftlichen Strukturen zur Voraussetzung hat. Die Frage, ob und wie Partizipation auch auf dieser, der strukturellen und institutionellen Ebene, möglich ist, wird durch die Erfahrungen mit der Reform des jemenitischen Erziehungswesens positiv beantwortet. Dabei zeigt sich: Es genügt nicht, dass deutsche Regierungsberater mit den einheimischen Ministerialen zusammenarbeiten; das ist natürlich unverzichtbar; aber hinzukommen muss eine partizipative Zusammenarbeit zwischen der Regierung und ihrer Bevölkerung. So führt Partizipation nicht nur zu weniger Bevormundung durch den Norden, sondern auch zu mehr Demokratie im Lande selbst. Es wird aber auch deutlich: Ohne einen Anstoß durch die deutschen Berater und ihre Projektbegleitung wäre der ganze Prozess nicht in Gang gekommen – keine Selbstentwicklung, sondern Partizipation. Initiativen wie die in diesem Artikel beschriebene sind bisher noch höchst selten, sie zeigen, wie weit Partizipation gehen kann und gehen sollte.

Wie schwierig es ist, für partizipative Prozesse die richtigen Partner zu finden, zeigt schließlich der Artikel von Frank Bliss. Die Entwicklungsorganisationen – die nichtstaatlichen nicht ausgenommen – haben sich im Laufe der Jahre ein Umfeld von Partnern herangezogen oder selbst aufgebaut, das eine Schein-Partizipation ermöglicht, die schwer von einer echten zu unterscheiden ist. So besteht die Gefahr, dass das Konzept der Partizipation sich in seiner Umsetzung selbst wieder aushöhlt.


Von Reinold E. Thiel