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Beiträge aus der Rubrik Neues von InWent
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Armutsbekämpfung: Anreize für die Privatwirtschaft
 05/2005
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[ Armutsbekämpfung ]
Anreize für die Unternehmen
Nur wenn die Privatwirtschaft sich engagiert, wird die Weltgemeinschaft die Millenniumsziele (MDGs) der Vereinten Nationen erreichen. Unternehmen bestimmen als zentrale Akteure längst internationale Spielregeln und Strukturen mit. Schon aus ökonomischen Gründen sollten sie gesellschaftspolitisch verantwortlich handeln.
[ Von Jochen Weikert ]
Die Beziehungen auf dem Weltmarkt haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten völlig gewandelt. Staatliche Akteure wie Regierungen und Parlamente zogen sich aus den Domänen Finanzen, Handel und Industriepolitik graduell zurück. Supranationale Regime wie die WTO konnten oder wollten die entstandene Lücke nur teilweise füllen. Gleichzeitig wuchs die Gestaltungsmacht der Privatunternehmen. Sie lenken globale Investitionsströme und prägen internationale Strukturen. Die entscheidende Frage ist, wo und wie sie sich im Rahmen einer Global Governance einordnen.
Wie eng Entwicklung mit dem Weltmarkt zusammenhängt, zeigen die Fortschritte in Südost- und Ostasien. Die Privatwirtschaft hat diese in hohem Maße angestoßen. Auf dieser Einsicht fußen der von UN-Generalsekretär Kofi Annan 1999 initiierte Global Compact als auch die im Jahre darauf auf sein Drängen den Regierungen abgerungene Millenniumserklärung. Sie verspricht, bis 2015 quantitative Ziele bei der Bekämpfung des Hungers, der Sicherung des Rechts auf Bildung, Gesundheit, Geschlechtergerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und ökonomischer Chancengleichheit zu erreichen.
Der Leiter des UN-Millenniumprojekts, Jeffrey Sachs, unterteilt die MDGs in solche mit direktem Bezug zu Einkommensbildung (income MDGs) und solche ohne diesen (non-income MDGs). Welches Interesse sollten Unternehmen daran haben, Einkommen in den weniger entwickelten Regionen der Erde zu schaffen? Aber auch: Wie können sie in Pro-Poor-Growth-Strategien eingebunden werden?
Hier hilft der Blick zurück in den Kontext industrialisierter Gesellschaften. Für die national verfassten Märkte der Vergangenheit galt: Produzenten von Konsumgütern haben ein Interesse daran, dass eine Massenkaufkraft entsteht, damit sie ihre Produkte absetzen können. Diese fordistische Interessenkonstellation gilt, wenn Produktion und Absatz innerhalb eines Marktes stattfinden. Die Unternehmen brauchen dann ausreichend große Märkte und berücksichtigen dieses Eigeninteresse in Lohnverhandlungen.
Mittlerweile werden als Ergebnis von Auslagerungsprozessen viele Konsumgüter in Ländern mit hoher Armutsinzidenz hergestellt. Ein wachsender Anteil der Massengüter findet Käufer eher in den emerging markets als in den gesättigten (und teils schrumpfenden) Märkten der Industrieländer. Die Mehrheit der Konsumenten der Zukunft lebt in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Dennoch reichen Markterschließungsstrategien kaum als Motivation für unternehmerisches MDG-Engagement aus.
Spätestens seit der Rio-Konferenz 1992 ist klar, dass die Globalisierung der Konsummuster der reichen Welt ökologisch unverträglich wäre. Schon die Folgen für das Klima setzen dem Pro-Poor-Growth Grenzen. Hinzu kommt eine weitere Einschränkung: Sachs weist in E+Z/D+C (2005: 4, 166/167) darauf hin, dass die Erreichung der non-income MDGs Voraussetzung für Investitionen der Privatwirtschaft sind. Solche öffentlichen Güter (Gesundheit, Bildung) erbringen private Akteure nicht. Aber auch die öffentlichen Sektoren der Entwicklungsländer können sie alleine nicht erreichen, argumentiert Sachs. Realisieren ließen sie sich nur, wenn die Geberländer ihre Finanzzusagen einhielten.
Verantwortung der Privatwirtschaft
Ob diese Erwartung realistisch ist, muss sich zeigen. Die bisherige Erfahrung lässt es als eher unwahrscheinlich erscheinen. Umso wichtiger ist, dass sich Unternehmen für die angestrebten Non-income-Ziele einsetzen, auch wenn diese keinen unmittelbaren Bezug zu ihren wirtschaftlichen Aktivitäten aufweisen. Im Kern geht es hier um die Frage der sozialen Verantwortung von Unternehmen. Dürfen, sollen oder müssen Unternehmen die Ressourcen ihrer Anteilseigner in Aktivitäten fließen lassen, die ihren Profit kurzfristig nicht erhöhen?
Als der Economist Anfang des Jahres die Frage mit Nein beantwortete (The good Company, 22. Januar), rief das verständnislose Leserbriefe hervor. Während der Economist mit Adam Smith argumentierte, demzufolge Bäcker, Metzger und Brauer automatisch den Wohlstand der gesamten Gesellschaft erhöhen, wenn sie ihren Profit mehren, bezweifelten die Briefeschreiber, dass die Bedingungen des Wirtschaftslebens im 18. Jahrhundert den komplexen heutigen Verhältnissen gerecht würden.
Georg Kell, der Leiter des Global Compact-Büros, gibt zu bedenken, dass ehemals weiche Themen wie sie Corporate Social Responsibility (CSR) thematisiert in der globalisierten Wirtschaft längst Bestandteile eines soliden Risikomanagements geworden sind. Gestützt wird Kells Argument durch den Stellenwert, den große Markenproduzenten dem Thema Sozialstandards in globalen Wertschöpfungsketten einräumen. Unter dem Druck einer sensibilisierten Öffentlichkeit setzen sie sich Verhaltenskodizes und versuchen, diesen Glaubwürdigkeit zu verleihen und sie branchenweit zu verallgemeinern. Das erfordert erhebliche personelle, finanzielle und organisatorische Ressourcen, ohne dass dadurch unmittelbar Profit generiert würde. Unterblieben jedoch solche Aktivitäten, können Skandale den Wert einer mit großem Aufwand etablierten Marke über Nacht dezimieren.
Unternehmen engagieren sich bei der Bereitstellung öffentlicher Güter in einem strategisch wichtigen Wirtschaftsraum
weil sie für ihr Handeln auf öffentliche Güter wie Rechtsinstitutionen, Märkte, Infrastruktur angewiesen sind,
wenn sie der öffentliche Sektor nicht bereitstellt,
wenn sie nach Abzug der Kosten für ihr Engagement noch Profite erwirtschaften,
und/oder die Kosten im Falle der Verringerung des Markenwerts und der Glaubwürdigkeit in den Finanzmärkten, oder bei Verlust der Präsenz in den Märkten noch höher sind.
Dass es für Unternehmen sinnvoll ist, sich für non-income MDGs zu engagieren, zeigen viele Beispiele aus dem Alltag. Erst ein Mindestmaß an Bildung macht aus Menschen ansprechbare Kunden. Werbung muss gelesen werden. Auch können Firmen nur Angestellte rekrutieren, die gewisse Fähigkeiten beherrschen. Umgekehrt werden Menschen erst durch die Entwicklung und Inwertsetzung ihrer Fähigkeiten zu kaufkräftigen potenziellen Kunden.
Ähnliches gilt für gesundheitspolitische Aufgaben. Ein Unternehmen, das Schulmilchprogramme finanziert, trägt dazu bei, Mangelernährung im Kindesalter zu bekämpfen. Firmen, die Moskitonetze gratis oder zum Selbstkostenpreis abgeben, dämmen Krankheiten ein. Derlei beseitigt Hindernisse für die ökonomische Entwicklung und es entstehen Märkte, die eben denjenigen Unternehmen als erstes Umsätze bescheren, welche schon präsent sind.
Solche privatwirtschaftlichen Aktivitäten können zudem ein weiteres Millenniumsziel fördern: die Gleichberechtigung der Geschlechter. Gesellschaften, die die Produktivität von Frauen durch systematische Benachteiligung in Bildung und Gesundheitsversorgung unterminieren, lassen die Hälfte ihres Arbeitskräftepotenzials ungenutzt. Gesellschaftspolitisches Engagement hilft zudem, Marken bekannt zu machen und Unternehmen positiv zu profilieren. Der beginnende Massenkonsum in großen Ankerländern deutet auf die Vorteile hin, die das Unternehmen bringt (siehe VW in Brasilien und China).
Andererseits sind die Risiken nicht zu übersehen, die sich aus diesem Engagement ergeben. Die Unternehmen selbst sehen sich der Möglichkeit ausgesetzt, dass Anteilseigner Strategien nicht mit tragen, weil diese in der Finanzwelt immer noch als weiche Themen angesehen werden. Ob privatwirtschaftlich motivierte Maßnahmen nachhaltig sind, steht oft in Frage.
Rücksicht auf einheimische Unternehmen
Auch darf nicht ausgeblendet werden, dass das Engagement auswärtiger Unternehmen nicht im luftleeren ökonomischen Raum stattfindet. Stets muss sichergestellt werden, dass lokale kleine und mittelständische Unternehmen (häufig informeller Natur) in die globalen Wertschöpfungsketten einbezogen werden. Es ist aber nicht auszuschließen, dass transnationale Konzerne durch effizientere und kostengünstigere Produktion genau die für die Schaffung von Einkommen zentralen einheimischen KMUs vom Markt drängen. Und schließlich dürfen öffentlich legitimierte Strukturen gerade bei der Bereitstellung von Grunddiensten wie Bildung oder Gesundheit nicht durch Aktivitäten der Privatwirtschaft, die von Partikularinteresse geleitet werden, verdrängt werden.
Langfristig kann die Bereitstellung öffentlicher Güter nur durch ein demokratisch legitimiertes, am Gemeininteresse orientiertes Regime geschehen. Da sowohl Produktion als auch Konsum global geworden sind, lässt sich dieses folgerichtig nur noch als ein globales vorstellen. Ansätze dafür gibt es, zum Beispiel im Klimaschutz oder im Welthandel. Für die Übergangsphase bis dahin gilt es, dem privatwirtschaftlichen Engagement genügend Raum und Anreize zu geben.
Jochen Weikert
arbeitet in der Abteilung Wirtschaftsförderung und Infrastruktur von InWEnt. Mit den hier aufgeworfenen Fragen wird sich das 10. Internationale Wirtschaftsforum von InWEnt Business and the Millennium Development Goals: An Active Role for Globally Responsible Companies in New York im Umfeld des UN Millennium+5 Gipfels im September befassen.
jochen.weikert@inwent.org
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