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Beiträge aus dem Schwerpunkt
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 05/2005
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Ghanaische Misswirtschaft
Politisch gilt Ghana seit einigen Jahren als afrikanisches Musterland, wirtschaftlich kommt es dagegen nicht richtig in Gang. Die Regierung will den Privatsektor fördern, doch ihre Anreize gehen oft an den Bedürfnissen der Unternehmer vorbei. Viele Kleinunternehmen leiden zusätzlich unter hausgemachten Problemen und brauchen professionelle Beratung.
[ Von Tillmann Elliesen ]
Die Arbeitsbedingungen in dem verglasten Büroturm im Geschäftszentrum von Accra sind hart. 500 Frauen sitzen dicht gedrängt vor ihren Computerbildschirmen und übertragen für amerikanische Krankenversicherungen Arztrechnungen in spezielle Eingabemasken. Die fertigen Datensätze gehen per Satellit umgehend wieder zurück an die Kunden in den USA. Wieselflink huschen die Finger über die Tastaturen, und doch fliegt jede zehnte der Frauen wieder raus, weil sie das vorgeschriebene Soll nicht erfüllt. Als der US-Dienstleister ACS vor vier Jahren sein neues Datenverarbeitungszentrum in der ghanaischen Hauptstadt einrichtete, interessierten ihn zwar hauptsächlich die niedrigen Löhne. Dennoch werten viele die Investition als Beleg dafür, dass Ghana zum westafrikanischen High-Tech-Zentrum aufsteigen könnte. Warum nicht? sagt ACS-Manager Steve Tippetts. Das Land bewegt sich in die richtige Richtung.
Verlässt man die Hauptstadt und fährt aufs Land, wo die Mehrheit der Ghanaer lebt und arbeitet, lösen sich solche Phantasien schnell in Luft auf. Ghanas Wirtschaft lebt vor allem vom Kakao- und Goldexport. Diese beiden Produkte bringen die Hälfte der Exporteinnahmen. Das macht das Land abhängig von der Preisentwicklung auf den internationalen Rohstoffmärkten. Die Landwirtschaft trägt gut ein Drittel zum Bruttosozialprodukt bei, doch sie bietet nicht genug Arbeitsplätze für die wachsende Bevölkerung. Migration in die Städte und eine gegen den landesweiten Trend wieder wachsende Armut in den ländlichen Regionen sind die Folgen.
Die Regierung von Präsident John Kufuor, die bei Wahlen im vergangenen Dezember im Amt bestätigt wurde, will deshalb das produzierende Gewerbe fördern. Vor allem durch die Verarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten sollen die Güterpalette für Exporte erweitert und Arbeitsplätze geschaffen werden. Ziel der Regierung ist es, Ghana bis zum Jahr 2010 zu einer agrar-industriellen Volkswirtschaft zu entwickeln, heißt es im ghanaischen Strategiepapier zur Armutsbekämpfung.
Nüsse knacken statt Daten verarbeiten
Zum Beispiel in der Kleinstadt Mim, etwa 400 Kilometer nordwestlich von Accra. Die Fabrik, die Cashewnüsse für den Export weiterverarbeitet, liegt außerhalb der Ortschaft mitten im Busch. Auf den ersten Blick sieht es aus wie beim Datenverarbeiter in Accra: Fast nur Frauen, die in langen Reihen Seite an Seite an Tischen stehen und sitzen. Allerdings hacken sie nicht auf Computertastaturen ein, sondern knacken mit einfachen Werkzeugen in 9-Stunden-Schichten Cashewnüsse. Dafür bekommen sie bis zu 25 000 Cedi am Tag, umgerechnet etwa zweieinhalb Euro, je nachdem wie viele Nüsse sie schaffen. Das ist gut das Doppelte des gesetzlichen Mindestlohnes. Die Hitze kommt von dem Ofen, in dem die Nüsse getrocknet werden, bevor sie in einem weiteren Arbeitsgang einzeln geschält und verlesen werden. Drei der wenigen Männer unter den insgesamt 160 Beschäftigten verpacken die weißen Kerne am Ende luftdicht für die Verschiffung nach Europa. Im Moment schaffen wir 500 Tonnen im Jahr, sagt Hermann Bähni, der Direktor des mit Kapital aus Ghana, Italien und der Schweiz geführten Unternehmens. Unser Ziel ist das Doppelte. Ab dieser Menge werden wir interessant für die großen europäischen Fruchtimporteure.
Aber Hermann Bähni hat Sorgen. Er braucht Geld, umgerechnet 300 000 Dollar. Damit will er bei der nächsten Ernte den Bauern rund um Mim ihre Nüsse abkaufen. Die Fabrik arbeitet erst seit gut einem Jahr wieder; Bähnis Vorgänger hatte den Betrieb eingestellt. Ohne die Finanzspritze droht dem Unternehmen dieses Schicksal erneut.
Kapitalmangel gehört zu den größten Problemen für die ghanaische Privatwirtschaft. Bis vor kurzem investierten die ghanaischen Banken praktisch nur in Staatsanleihen, um die saftigen Zinsen von bis zu 50 Prozent zu kassieren. Mit dem deutlichen Zinsrückgang im vergangenen Jahr hat sich die Situation zwar etwas entspannt, aber noch immer kommen Unternehmer nur schwer an Investitionskapital. Einen kommerziellen Kredit könne er sich nicht leisten, klagt Bähni.
Ärger über die Regierung
Dem Privatsektor in Ghana mangelt es jedoch nicht nur an Geld. Die Regierung will das Land ins Goldene Zeitalter des Unternehmertums (Golden Age of Business) führen, doch auf dem Weg dahin liegen noch andere Hindernisse. Für die größten Hürden ist in vielen Fällen die Regierung selbst verantwortlich: Sie macht durch eine falsche Politik den ghanaischen Unternehmern das Leben zusätzlich schwer.
Ruthven-David Adzogble ist gestresst wie es sich für den Manager eines Großbetriebs gehört. Immerhin beschäftigt seine Firma Aluworks in Tema, dem Industriegebiet außerhalb von Accra, über 400 Arbeiter und verarbeitet bis zu 22 000 Tonnen Aluminium im Jahr wenn es gut läuft. Der Mann macht nicht den Eindruck, als habe er viel Zeit für den Besucher aus Deutschland. Bis die Frage nach der Regierung kommt. Adzogble winkt ab. Die redet doch nur und hat keine Ahnung, was die Wirtschaft braucht, schimpft er. Wir machen Bleche, die andere Unternehmen dann weiterverarbeiten, zum Beispiel zu Haushaltswaren. Leider sind die Unternehmenssteuern in Ghana so gestaltet, dass sich der Export mehr lohnt als der Verkauf an ghanaische Unternehmen. Nicht gerade förderlich für eine einheimische Weiterverarbeitung.
Ein ausländischer Berater, der eng mit der ghanaischen Behörde zur Förderung von Investitionen (Ghana Investment Promotion Center) zusammenarbeitet, sagt, der Regierung fehle ein vernünftiges Konzept zur Entwicklung des Privatsektors. Stattdessen träume der Handelsminister davon, Ghana könne ein zweites Malaysia werden. Dabei zielt die Strategie der Regierung Kufuor durchaus in die richtige Richtung: Abbau von Bürokratie, Regulierung und anderen Investitionshemmnissen und gleichzeitig gezielte Förderung ausgewählter Industrien. Doch die Anreize der Regierung zielen häufig ins Leere; im schlimmsten Fall lenken sie knappes Kapital in nicht zukunftsfähige Geschäfte.
So sollen zum Beispiel alle 110 Distrikte in Ghana jeweils drei Unternehmen neu aufbauen, um so die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte voranzubringen. Die Auswahl der Unternehmer, die eine Extra-Förderung bekommen, bleibt den Distriktverwaltungen überlassen ein Verfahren, das Klientelismus und lokaler Korruption Tür und Tor öffnet. Warum prüft die Regierung nicht erst einmal, was es an unternehmerischer Initiative schon gibt? klagt Cashew-Verarbeiter Hermann Bähni. Die meisten der ghanaischen Cashewnüsse gehen unverarbeitet nach Indien, dem Weltmarktführer, wo die Regierung ihre schützende Hand über die Betriebe hält. Etwas mehr Unterstützung könnte auch uns nicht schaden, sagt Bähni.
Fragwürdige Exportförderung
Paradestück der Regierung sind die so genannten Presidential Special Initiatives, die den Export ausgewählter Produkte fördern sollen, darunter Textilien und Kassava. Im Sommer 2001 hatte Präsident Kufuor das neue Programm verkündet und die Bauern dazu aufgerufen, mehr Kassava anzupflanzen. Bald darauf baute die Regierung im Süden des Landes eine große Fabrik zur Herstellung von Kassavastärke für Industriezwecke. Das Problem: Thailand verkauft sein Stärkemehl weiterhin viel billiger auf dem Weltmarkt. So stark kann Ghana den Kassavaexport gar nicht fördern, dass es die thailändischen Preise unterbieten könnte. Die Leidtragenden sind die ghanaischen Bauern, die auf ihren Maniokwurzeln sitzen bleiben, weil es keinen Markt dafür gibt. Ein Beispiel dafür, wie Exportförderung besser nicht aussehen sollte, sagt ein ausländischer Regierungsberater.
Zweifel bestehen auch am Plan, Ghana zum Zentrum für Textilverarbeitung auszubauen nachdem Anfang 2005 das Multifaserabkommen ausgelaufen ist und asiatische Billiganbieter, vor allem China, mit Macht auf den Weltmarkt drängen. Zwar eröffnen im Großraum Accra dauernd neue Textilfabriken, seit die Regierung den Sektor fördert. Ob das jedoch immer profitable Investitionen sind, ist damit noch nicht gesagt. Wir haben 250 Angestellte und produzieren 100 000 T-Shirts im Monat, sagt Richard Abeku Dadson. Der forsche Direktor einer neuen Fabrik im Westen Accras sieht eine glorreiche Zukunft für sein mit Geld aus Mauritius errichtetes Unternehmen. Unser Ziel sind eine halbe Milion T-Shirts im Monat; 700 Arbeitsplätze sind drin. Dadson spekuliert auf die Exportquoten, die die US-Regierung im Rahmen des Africa Growth and Opportunity Act (AGOA) Bekleidungsherstellern aus Ghana einräumt. Tatsächlich aber sitzen in der leeren Fabrikhalle höchstens 30 Männer und Frauen an ihren Nähmaschinen. Und sie nähen keine Kleidungsstücke, sondern verknüpfen lange Stoffbahnen zu Parteifahnen für die bevorstehenden Präsidentenwahlen in Ghana. Wir erwarten jeden Tag eine größere Bestellung an Hemden, erklärt der Assistent des Direktors beschwichtigend und bittet den Besucher keine Fotos zu machen.
Die Presidential Special Initiatives folgen dem Modell, dass die beiden Ökonomen Måns Söderbom und Francis Teal (2004) afrikanischen Regierungen empfehlen: möglichst große exportorientierte Unternehmen mit möglichst arbeitsintensiver Produktion zu schaffen. Söderbom und Teal sagen leider nicht, wie man das macht und vor allem, wie man verhindert, Geld in nicht konkurrenzfähige Branchen zu pumpen.
Für Oliver Bär liegt das Problem darin, dass die Regierung unbedingt etwas Neues schaffen will. Sie achtet zu wenig darauf, wie sie bereits bestehenden Industrien helfen könnte, sagt der Leiter der französischen Kabelfabrik Nexans in Tema. Die Einfuhrzölle auf die Vorprodukte, die wir für die Produktion brauchen, sind genauso hoch wie die Zölle auf fertige Kabel. Das macht es uns natürlich nicht gerade leicht. Zwar gibt es über 70 staatliche Behörden, die sich um die Belange der Unternehmer kümmern sollen. Doch die Regierung selbst räumt ein, dass sie dabei nicht sehr effektiv sind, ihre Zahl verkleinert und ihre Arbeitsweise überholt werden muss. Bei öffentlich Bediensteten müsse sich eine Pro-Privatsektor-Mentalität durchsetzen, heißt es im Aktionsplan zur Unternehmensförderung, den das zuständige Ministerium vor einem Jahr vorgelegt hat.
Es gibt außerdem eine Reihe von Unternehmerverbänden, teilweise mit bilateralem Hintergrund wie die Ghanaian-German Economic Association (GGEA). Der größte Verband ist die Association of Ghana Industries (AGI), die für ihre rund 500 Mitglieder Lobbyarbeit betreibt und Dienstleistungen erbringt, zum Beispiel Hilfestellung bei Messeteilnahmen leistet. Über den Einfluss der AGI und die Qualität ihrer Arbeit gibt es unterschiedliche Ansichten. Godfred Frempong (2004) vom Science and Technology Policy Research Institute in Accra bescheinigt dem Verband, er sei ein starker Anwalt seiner Mitglieder. Tony Mensah sieht das anders. Die Leute an der Spitze von AGI sind zu weit weg von unseren Problemen, sagt der Geschäftsführer des Fruchtsaftherstellers Athena Foods. Sie geben bestimmt ihr Bestes, es fehlt ihnen aber der Hintergrund.
Unter schlechter Politik und der Schwäche der Wirtschaftsverbände leiden vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen obwohl sie es sind, die im Mittelpunkt der Privatsektorförderung stehen sollen. Die in Accra erscheinende Wirtschaftszeitung Business & Financial Times kommentierte, es sei entmutigend, dass es praktisch kein Konzept dafür gibt, wie kleinen und mittleren Unternehmen in diesem Land geholfen werden könnte, über das Niveau der Subsistenzproduktion hinauszugehen. Es sei höchste Zeit, so der Kommentar, den Kleinunternehmern mehr Gehör zu geben. Große Investoren aus dem Ausland haben es da ohnehin leichter: ACS-Manager Steve Tippetts macht kein Geheimnis daraus, dass die guten Beziehungen zu Präsident Kufuor kein Nachteil für das Unternehmen seien.
Mängel in der Betriebsführung
Heimische Betriebe scheitern allerdings oft auch an hausgemachten Problemen. Viele kleine Unternehmer verkaufen ihre Produkte zum Beispiel viel zu billig, weil sie keinen Überblick über ihre Produktionskosten haben. Dann wundern sie sich, dass sie trotz guter Verkaufszahlen pleite gehen, weiß A. D. Somuah, der Leiter des Small Business Services Network in Accra, zu berichten. Das Netzwerk vereint Berater, die für Privatunternehmer Marktanalysen, Geschäfts- und Finanzierungspläne erstellen.
Philip Boahem ist einer von ihnen. Die GTZ hat den jungen Agrarökonomen im Rahmen eines Projekts in der westlichen Region Brong Ahafo zum Unternehmensberater fortgebildet. In Wenchi, einer Kleinstadt 150 Kilometer nördlich von Kumasi, diskutiert er mit einem Kunden, dem Fruchtsafthersteller Nuamah Twum. Twum kocht im Ein-Mann-Betrieb mit einfachsten Geräten Saft aus der Prekessefrucht, füllt ihn in Plastikflaschen und bringt ihn zu zwei Verkaufsstellen in der Region. Das Geschäft läuft gut, die Ghanaer halten die Frucht, die der des Affenbrotbaumes ähnelt, für gesund. Twum ist in eine Marktlücke gestoßen, sagt Philip Boahem. Etwas mehr Werbung und er könnte noch mehr verkaufen, vielleicht sogar ein paar Leute beschäftigen. Nuamah Twum ist offen für die Beratung, die Boahem ihm anbietet. Das ist nicht immer so. Gerade Kleinunternehmer sehen oft nicht ein, dass ein ordentliches Konzept Voraussetzung für geschäftlichen Erfolg ist und dass es sich rentiert, dafür Geld auszugeben. Viele lassen sich allenfalls dann helfen, wenn sie Aussicht auf einen Bankkredit haben.
Ein anderes Problem ist die Unzuverlässigkeit vieler Unternehmen: Produkte erfüllen Standards nicht, Zulieferer halten Termine nicht ein, Handelspartner liefern weniger als vereinbart. Es sind nicht zuletzt Mängel wie diese, die langfristig stabilen Handelsbeziehungen mit Industrieländern im Wege stehen, sagt Marcus Casel, der die AGI in Fragen der Unternehmensförderung berät.
Auf ghanaischer Seite sieht man das ebenso. Wir müssen zunächst unsere lokalen Märkte entwickeln. Unsere Unternehmer müssen lernen, Standards einzuhalten und gleich bleibende Qualität zu liefern, sagt Augustine A. Otoo vom Ghana Investment Promotion Centre (GIPC). Dann erst können wir Exportmärkte erschließen. Dabei sollten wir uns zunächst auf Westafrika konzentrieren. Ghana-Kenner sind sich einig, dass auf den Märkten der reichen Länder nur solche ghanaische Unternehmen mithalten können, an denen ausländisches Kapital und Know-how beteiligt sind. Ausländische Investoren nach Ghana zu locken ist deshalb ein wichtiges Ziel des GIPC. Dabei dürfen die eigenen Unternehmer aber nicht vergessen werden, mahnt Otoo. Wenn die Ghanaer Vertrauen zeigen und mehr investieren, dann kommen die Unternehmer aus dem Ausland von ganz allein.
Literatur:
Frempong, Godfred, 2004: Institutional framework for entrepreneurial development within small-scale enterprises of Ghana, in: Wohlmuth, Karl, et al (Hg.): African Entrepreneurship and Private Sector Development. Münster: Lit (African Development Perspectives Yearbook, Vol. IX)
Teal, Francis und Måns Söderbom, 2004: How can policy towards manufacturing in Africa reduce poverty?, in: ebenda
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