Beiträge aus dem
Schwerpunkt


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Mit Direktinvestitionen die Armut bekämpfen

Einbindung in Wertschöpfungsketten führt zum Erfolg


05/2005
 

„Als Technologiepartner spielen wir
eine wichtige Rolle“


Die Afghanen lieben Zucker. Früher haben sie ihn im eigenen Land hergestellt, doch im Krieg kam die Produktion zum Erliegen. Seit gut einem Jahr rehabilitieren private Investoren mit Unterstützung der afghanischen und der deutschen Regierung die Zuckerfabrik in Baghlan, etwa 250 Kilometer nördlich von Kabul. Mit dabei ist der deutsche Saatguthersteller KWS SAAT AG. E+Z/D+C sprach mit dem KWS-Projektleiter Alois Kühn über die Perspektiven dieser öffentlich-privaten Partnerschaft.


[ Interview mit Alois Kühn, KWS SAAT AG ]

Herr Kühn, welche Rahmenbedingungen müssen erfüllt sein, wenn Ihr Unternehmen im Ausland investiert?
Wir erwarten vor allem ein aktives Interesse des Gastlandes an ausländischen Investoren, das sich zum Beispiel in Investitionsschutzabkommen manifestiert und in der Bereitschaft, ausländische Investoren aktiv zu unterstützen.

Die afghanische Regierung will ein wirtschaftsfreundliches Klima schaffen, die internationalen Geber unterstützen sie dabei. Sind Sie zufrieden mit den bisherigen Reformen?
Viele Schritte gehen zweifellos in die richtige Richtung. Ein Beispiel ist die Gründung der Afghan Investment Support Agency (AISA), die private Investoren bei der Registrierung neuer Firmen unterstützt. Allerdings hilft die AISA erst dann, wenn ein Unternehmen den mühsamen und zeitraubenden Prozess bis zur Firmengründung bereits hinter sich hat. Die afghanische Administration müsste private Investoren auf diesem steinigen Weg in Zukunft noch wesentlich wirkungsvoller unterstützen.

Wie steht es um die Sicherheit?
Natürlich gibt es noch immer ein gewisses Sicherheitsrisiko. Aber man muss und kann dieses Risiko akzeptieren, wenn man sich auf dem rasch wachsenden afghanischen Markt positionieren will.

Was hat Sie bewogen, in Afghanistan zu investieren?
Wir hatten mit der Baghlan Sugar Company, die bis 1991 gearbeitet hat, sehr gute technische und kommerzielle Beziehungen, die bis in die 1950er Jahre zurückreichen. Auch nach 1991 haben wir das Land immer im Auge behalten und uns vorgenommen, eines Tages die Zuckerindustrie wieder mit aufzubauen – natürlich auch, um den Markt für uns wiederzugewinnen.

Wie groß ist das Marktpotenzial für Zucker in Afghanistan?
Afghanistan hat eine Bevölkerung von etwa 25 Millionen Menschen, die jährlich 400 000 Tonnen Weißzucker konsumieren. Dafür muss das Land eine Importrechnung von ungefähr 140 Millionen Dollar begleichen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die gesamte Zuckermenge in vier Fabriken in Afghanistan selbst produziert werden kann. Das ist die Perspektive, von der wir ausgehen.

An der Fabrik in Baghlan sind noch andere beteiligt...
Zum einen noch vier private afghanische Investoren, zum anderen das Landwirtschaftsministerium, das die Altanlage als Sachkapital in die neue Gesellschaft einbringt, die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) und wir. Wir betrachten unsere Beteiligung in Höhe von knapp 10 Prozent am Kapital der Gesellschaft als eine Art Anschubfinanzierung, um die Fabrik zu rehabilitieren, den kommerziellen Rübenanbau wieder einzuführen und mittelfristig mit Hilfe internationaler Finanzierungsinstitutionen weitere Zuckerfabriken zu bauen. Im Westen Afghanistans, im Gebiet von Herat, sind über viele Jahre Zuckerrüben erfolgreich angebaut und in Iran weiterverarbeitet worden. Es gibt also ein Potenzial für weitere Fabriken.

Wäre der Betrieb auch ohne das Geld von KWS möglich?
Theoretisch ja, praktisch sind jedoch zwei Aspekte wichtig. Je stärker sich zum einen ausländische private und öffentliche Investoren an dem Projekt beteiligen, desto leichter fällt es privaten lokalen Geldgebern, in die Fabrik zu investieren. Die ausländische Beteiligung ist eine Art Schutzschirm gegen mögliche Behördenwillkür, die man offenbar immer noch fürchtet. Der zweite Aspekt ist, dass die Zuckerrübe heute in Afghanistan weitgehend eine vergessene Kulturpflanze ist, die erst wieder neu eingeführt werden muss. Dafür braucht das Land einen kompetenten Partner mit der nötigen landwirtschaftlichen Expertise. Unsere Rolle als Technologiepartner ist daher wahrscheinlich noch wichtiger als unsere Rolle als Geldgeber.

Wie wichtig war für Ihre Investitionsentscheidung die öffentliche Förderung des Projekts?
Die afghanische Regierung ist wichtig, weil wir ihre Unterstützung benötigen. Nicht weniger wichtig freilich ist das Geld, das die Bundesregierung dankenswerterweise zu diesem entwicklungspolitisch bedeutsamen Vorhaben beisteuert.

Wären Sie ohne die öffentliche Beteiligung in das Projekt eingestiegen?
Sehr wahrscheinlich nicht.

Wann nimmt die Fabrik voraussichtlich ihren Betrieb auf?
Im Herbst dieses Jahres. Allerdings werden wir zunächst eine kleine Testkampagne fahren. Bei einer Fabrik, die 15 Jahre außer Betrieb war, wissen Sie nie, welche Probleme auftreten können. Wir leben praktisch mit zwei Risiken: Das eine besteht darin, dass wir im Herbst eine betriebsbereite Fabrik haben, aber keinen Rohstoff. Das weitaus größere Risiko ist jedoch, dass wir den Rohstoff bekommen, die Fabrik aber nicht betriebsbereit ist. Das wäre eine wirtschaftliche Katastrophe sowohl für die Fabrik als auch für die Landwirte. Deshalb werden wir dieses Jahr zunächst auf einer relativ kleinen Fläche den kommerziellen Rübenanbau wieder einführen und mit den geernteten Rüben die Anlage testen. Mit der Ernte 2006 wollen wir die Fabrik dann voll in Betrieb nehmen.

Wie viele Arbeitsplätze wird die Fabrik unter Vollbetrieb bieten?
Die Fabrik selbst wird etwa 125 Mitarbeiter beschäftigen. Dazu kommen noch mehrere tausend Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, im Transportsektor und im Dienstleistungsbereich, zum Beispiel im Handwerk.

Wie ist die Resonanz bei den Bauern?
Es besteht grundsätzlich großes Interesse an der Wiedereinführung des kommerziellen Rübenanbaus. Die Zuckerfabrik bietet den Landwirten die Möglichkeit, im Vertragsanbau eine neue Marktfrucht zu erzeugen zu Preisen und Konditionen, die bereits vor der Aussaat feststehen. Dabei sind die Preise für die Rüben so kalkuliert, dass die Landwirte ein im Vergleich mit anderen Kulturpflanzen attraktives Einkommen erzielen können, wenn sie die von uns empfohlenen modernen Anbautechniken anwenden. Eine Alternative zum Schlafmohnanbau wird die Zuckerrübe jedoch nicht bieten. Mit dem Schlafmohn kann ein Landwirt zwölfmal so viel verdienen wie mit Weizen; keine andere Kulturart kann damit konkurrieren.

Wie wollen Sie die Bauern dann zum Zuckerrübenanbau bewegen?
Wir werden in diesem Jahr im Projektgebiet zahlreiche Demonstrationsfelder anlegen, damit die Landwirte sich selbst einen Eindruck von den Ertragsperspektiven verschaffen können. Viele ältere Landwirte kennen keine modernen Anbautechniken und können sich deshalb nicht vorstellen, wie sie die von uns als möglich genannten Erträge erzielen sollen. Außerdem bieten wir den Landwirten auf Kredit Produktionsmittel wie Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel sowie Dienstleistungen wie die Saatbettvorbereitung, Aussaat und Rodung der Zuckerrüben sowie Beratung in allen anbautechnischen Fragen. Wir haben es mit einem Lernprozess zu tun; ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass wir die Anbauflächen bekommen werden, die wir für die Rohstoffversorgung der Fabrik benötigen.

Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.



Dr. Alois Kühn
ist langjähriger Mitarbeiter der KWS SAAT AG und
für das KWS-Engagement in Afghanistan federführend verantwortlich.
a.kuehn@kws.de