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Beiträge aus der Rubrik InWEnt-Forum
China auf neuem Weg
Ohne Arbeit ist alles andere nichts
 05/2006
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[ Stromerzeugung ]
China auf neuem Weg
Die Energieversorgung in China ist nicht ausreichend, hemmt die wirtschaftliche Entwicklung und trägt erheblich zur
Luftverschmutzung und zum weltweiten Anstieg klimaschädigender Treibhausgase bei. Der jüngste Volkskongress hat den
erneuerbaren Energien einen festen Platz zugewiesen. Ihr Anteil an der Stromerzeugung soll bis 2020 auf fünfzehn Prozent wachsen.
[ Interview mit Klaus Knecht ]
Herr Knecht, China boomt – und das mehr, als vielen im Westen lieb ist. Beispiel: die wachsende chinesische Nachfrage nach Öl auf dem Weltmarkt. Wie sieht das chinesische Energiesystem aus?
Der Verbrauch an Primärenergie war 2003 mit 59,7 Exajoule der zweithöchste weltweit. Bei Strom ist China mit 319 Gigawatt drittgrößter Produzent der Welt und mit zehn Prozent an der Welt-Stromproduktion beteiligt. Die Elektrizität wurde zu 81 Prozent in konventionellen, hauptsächlich kohlegefeuerten Kraftwerken erzeugt. Die Wasserkraft lieferte 18 Prozent, die Atomenergie war mit einem Prozent beteiligt. Sonne, Wind, Biomasse und Erdwärme liegen unter einem Prozent. China verfügt über große Reserven an Kohle (schätzungsweise 120 Milliarden Tonnen), aber wenig Gas und Öl. Über Firmenbeteiligungen im Ausland sichert sich China den Zugriff auf Erdgas-, Erdöl- und Uranvorkommen (etwa 40 Beteiligungen in Brasilien allein in 2005, dazu Beteiligungen in Libyen, Sudan, Kongo und Iran). Die Verstromung von Kohle ist unter Umweltgesichtspunkten problematisch. Obwohl China die Vorräte bedingungslos ausbeutet, kann es nicht so viel Energie bereitstellen wie benötigt wird. Das liegt auch an den niedrigen Wirkungsgraden chinesischer Kohlekraftwerke (23 bis 28 Prozent gegenüber 38 bis 45 Prozent in Deutschland). Die Folge ist eine chronische Unterversorgung.
Vor welche Herausforderungen steht China in den kommenden Jahren?
Das Wirtschaftswachstum wird den Energiebedarf in China weiter klettern lassen. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) schätzt, dass im Jahr 2030 ein Fünftel des gesamten Weltenergiebedarfs auf China entfällt. Chinesische Experten gehen davon aus, dass sich das Angebot an Primärenergie bis 2020 verdreifachen muss, um die 1,3 Milliarden Menschen mit Energie zu versorgen. Diesen Energiehunger kann die Führung des Landes so schnell nicht befriedigen. Stromengpässe beispielsweise werden sich deshalb selbst mit neuen Kraftwerken vermutlich noch drei bis vier Jahre bemerkbar machen. Im ersten Quartal 2005 hatten nur fünf der 31 Provinzen, Regionen und unabhängigen Metropolen keinen Stromausfall. Um mit der wirtschaftlichen Entwicklung Schritt halten zu können, wären zusätzliche 30 Gigawatt pro Jahr notwendig. Das entspricht einem Viertel der deutschen Stromerzeugung. China wird damit zum bedeutendsten Energiemarkt der Welt. Kein anderes Land muss in nächster Zeit so viel in den Ausbau seines Energiesektors investieren. Die IEA hat ausgerechnet, das jährlich 70 Milliarden US-Dollar dafür nötig sind. Doch mit dem Ausbau der Kapazitäten wird das Kühlwasser für thermische Kraftwerke zunehmend knapp.
Was tut die chinesische Führung, um die Hemmnisse zu beseitigen?
Im Zeitraum 2000 bis 2007 sollen 343 Kohlekraftwerke entstehen. Bis 2020 plant Peking 18 Atomkraftwerke und 20 Erdgaskraftwerke. Der Anteil der Kohle soll abnehmen. Nach dem Willen der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) wird sie aber mit 55 Prozent wichtigster Bestandteil des langfristigen Energiemixes bleiben. Saubere Clean-Coal-Technology soll die Auswirkungen auf die Umwelt in Grenzen halten. Der Anteil so genannter sauberer Energieträger, zu denen die Chinesen neben Wasser auch Erdgas und Kernenergie zählen, soll auf 20 Prozent steigen. Es reicht aber nicht, die Basis zu erweitern. Energie muss nicht nur effizienter umgewandelt, sondern auch effizienter genutzt werden. Der Preis darf nicht zur Verschwendung anregen. Der jüngste Parteitag hat verlangt, hier umzusteuern und auch die chinesische Elite verlangt einen effizienteren Umgang mit Energie. Bei der Tagung des 10. Volkskongresses stellte Ministerpräsident Wen Jiabao selbstkritisch fest, dass der Energieverbrauch in Bezug zum erwirtschafteten Bruttoinlandsprodukt in China viermal so hoch ist, wie in den USA.
Wo stehen die erneuerbaren Energien?
Im Bereich der Windenergie hat China im Jahre 2005 zusätzlich 496 Megawatt installiert – ein Wachstum von 64,9 Prozent. Insgesamt waren Ende 2005 1260 Megawatt installiert (in Deutschland waren es 18 427 Ende 2005). Das Land liegt damit bei der installierten Leistung auf Platz 8. China produziert auch selbst Windkraftanlagen. Die Branche könnte in naher Zukunft ähnlich erfolgreich sein wie die Hersteller solarthermischer Anlagen. 2004 waren 64,3 Millionen Quadratmeter installiert, das entspricht der Leistung von 45 GWth (Gigawatt thermisch). In Europa waren zur selben Zeit 14 Millionen Quadratmeter Kollektorfläche mit einer Leistung von 9,8 GWth installiert. Solarthermische Kollektoren verzeichnen in China jährliche Zuwachsraten von bis zu 30 Prozent. China produziert 75 Prozent des Weltbedarfs. Es ist daher wahrscheinlich, dass es die bei der renewables 2004 gemachten Zusagen einhält: Der Anteil erneuerbarer Energien soll bis 2020 auf 15 Prozent steigen. 30 Gigawatt Windleistung sollen dann installiert sein, dazu 20 Gigawatt Bioenergie und vier Gigawatt in Solarenergie. Zusammen mit einem weiteren Ausbau der Wasserkraft könnten im Jahr 2020 mehr als 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen.
Welche Bedeutung hat Energie aus Biomasse?
Das Potenzial für Biogas wird auf 145 Milliarden Kubikmeter pro Jahr geschätzt – genug, um die gesamte Landbevölkerung mit Energie für Kochen und Licht zu versorgen. Um das Potenzial zu nutzen wären 200 Millionen Biogasanlagen nötig. China ist mit derzeit fünf Millionen Anlagen Spitzenreiter vor Indien, Ägypten und Peru. Würde es nur 50 Prozent seiner Industrieabwässer behandeln, entspräche die gewonnene Menge Biogas der gegenwärtigen Erdgasförderung. Die großen Fabriken der Zuckerindustrie gewinnen aus ihren Abfällen Strom für den Eigenbedarf. Über 800 Megawatt stehen allein in den Zuckerprovinzen Guangdong und Guangxi. Bislang speist der expandierende Wirtschaftszweig seine überschüssige Energie aber nicht ins Netz ein. Auf dem Land, wo 900 Millionen Chinesen wohnen, wird Biogas zunehmend populär. Das Ministerium für Landwirtschaft will bis 2010 etwa 50 Millionen Haushalte mit der Technik ausstatten. Schuldverschreibungen im Wert von 120 Millionen Dollar sollen neue Methangasanlagen in 6000 Dörfern in 24 Provinzen finanzieren. Das Parteiblatt Xinhua errechnete, dass in der Südwestprovinz Yunnan, wo bereits eine Million bäuerliche Haushalte solche Anlagen betreiben, jährlich 2,4 Millionen Tonnen Feuerholz gespart und die Energiekosten um 60 Dollar pro Jahr und Haushalt gesenkt werden.
Seit 2005 hat China ein Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien ...
Der Nationale Volkskongress hat 2005 dem Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien zugestimmt. Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hat die Politiker bei der Formulierung des Gesetzes beraten. Die Erfahrungen mit dem deutschen Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) flossen so ein. Das neue Gesetz sieht keine feste Einspeisevergütung vor. Die Energieprojekte werden ausgeschrieben. Mit den sich daraus ergebenden Preisen können chinesische Hersteller gut leben. Ausländische Hersteller von Windkraftanlagen sind vermutlich nicht konkurrenzfähig. Dass vornehmlich chinesische Hersteller zum Zuge kommen sollen, ist offensichtlich. Die gegenwärtigen Regeln sollten aber internationale Kooperationen wie Joint Ventures und Lizenzabkommen möglichst nicht behindern. Die Windenergienutzung darf keine Rückschläge durch technische Mängel erleiden. Das würde die umwelt- und klimaverträgliche Technik diskreditieren. Um die gesteckten Ziele zu erreichen, benötigt China dringend qualifiziertes Personal für die Produktion und Weiterentwicklung von Windkraftanlagen sowie die Entwicklung und den Betrieb von Windparks.
Und was macht InWEnt?
InWEnt bildet zusammen mit der Northwestern Polytechnical University (NWPU) in Xi’an, deutschen Forschungsinstituten und der deutschen Industrie Führungskräfte, Experten für die Planung von Windparks, Trainer für Fortbildungsinstitute sowie Berater für politische Entscheidungsträger und Unternehmen der Energiebranche fort. Kooperationen mit deutschen Firmen sollen sicherstellen, dass die Wind- kraftanlagen internationalen Standards entsprechen. Bei der Fortbildung arbeiten InWEnt und NWPU künftig verstärkt mit dem Chinese Wind Power Center in Peking (dessen Aufbau die GTZ unterstützt) und dem Asia Wind Energy Training Center (vom Weltwindverband gefördert) zusammen.
InWEnt hat mit seinen Projektpartnern in Brasilien und im südlichen Afrika einen Ansatz zur geschäftlichen Nutzung erneuerbarer Energien entwickelt. Lässt er sich dieses Modell auch in China nutzen?
Unser Ziel ist es, dass die Kosten der Installation von erneuerbaren Energiesystemen aus den Verkaufserlösen von marktfähigen Gütern und Dienstleistungen finanziert werden. Einfache Markt- und Feasibility-Studien liefern potentiellen Produzenten die notwendigen Parameter, die diese benötigen um darüber zu entscheiden, was sie produzieren können. Wichtig für den Erfolg des Ansatzes ist, dass am Anfang stets untersucht wird, was angesichts der Energiekosten zu marktfähigen Preisen produzierbar ist. In China wollen GTZ und InWent diesen nachfrageorientierten Ansatz gemeinsam umsetzen.
Die Fragen stellte Norbert Glaser.
Klaus Knecht
ist Projektleiter und Themenmanager Energie und Klimaschutz bei InWEnt.
klaus.knecht@inwent.org
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